Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 1
2. Die Stellung der Poetik im Corpus Aristotelicum. 2
2.1 Der Begriff des Organons. 2
2.2 Die Poetik als asyllogistischer Teil des Organons bei Ammonios. 3
2.3. Die Poetik als Ort des Falschen. 5
2.3.1 Dichtung ist Nachahmung. 6
2.3.2 Poetische Erkenntnis im Verhältnis zu den übrigen Erkenntnisformen. 6
2.4 Die Kontexttheorie. 7
2.4.1 Der Übergang von Alexandrien nach Bagdad. 8
2.4 Das Organon bei al-Farabi. 10
2.4.1 Grundsätzliches Logik-Verständnis al-Farabis. 10
2.4.2 Die Bestandteile der Logik. 12
3. Der poetische Syllogismus. 12
4. Literaturverzeichnis 16
1. Einleitung
Die Poetik des Aristoteles kann trotz ihrer wechselvollen Überlieferungsgeschichte als einer der wirkmächtigsten Texte der Antike angesehen werden. War sie für die nachfolgenden Generationen des Aristoteles quasi unbedeutsam, ist sie seit dem Mittelalter und besonders der Renaissance eine der am intensivsten rezipierten Schriften mit einem kaum zu unterschätzenden Einfluss auf den Literaturbetrieb (cf. SCHMITT 2010). Was dabei oft vergessen oder aus Unkenntnis gar nicht beachtet wird, ist die akribische Beschäftigung der arabischen Gelehrten im Mittelalter mit der Poetik. Arbogast SCHMITT schreibt dazu in der von ihm besorgten Berliner Akadamie-Ausgabe der Poetik (SCHMITT 2008, IX-X): „Für die Rezeption der Poetik war eine der ersten Folgen die beinahe völlige Vernachlässigung, ja Missachtung der mittelalterlichen arabischen Kommentare. Diese Kommentare nehmen zum Ausgangspunkt ihrer Interpretation die systematische Einteilung der aristotelischen Philosophie, wie sie in den antiken, v.a. spätantiken Aristoteleskommentaren erläutert ist […].“
Die vorliegende Arbeit möchte wenigstens einen kleinen Beitrag zur zwar zunehmenden, aber im Vergleich zu anderen Gebieten immer noch dürftigen arabischen Aristoteles-Rezeption liefern, indem sie die im Zitat skizzierte Herangehensweise der arabischen Kommentatoren vorstellt, vor dem historischen Kontext analysiert und ihre Argumente kritisch reflektiert. Eine Arbeit dieses Umfangs kann dabei natürlich keine umfassende Gesamtdarstellung bieten, sondern muss sich mit der Bearbeitung von Teilaspekten begnügen; im Fokus wird die Stellung der Poetik im aristotelischen Corpus stehen, das von spätantiken Kommentatoren und den arabischen Gelehrten anders eingeteilt worden ist als heute üblich: Poetik (und Rhetorik) wurden damals 1 den logischen Schriften zugeordnet, die unter dem Begriff Organon zusammengefasst wurden (und seitdem werden). Diese Zuordnung hat in der westlichen Rezeptionsgeschichte viel Unverständnis und Dünkel gegenüber der orientalischen Deutung hervorgerufen, die mittlerweile und im Zuge zunehmender Untersuchungen einigermaßen rehabilitiert werden konnte 2 . Da die Frage der Poetik- Zuordnungin der arabischen Interpretation eine zentrale Stellung einnimmt, soll sie hier noch einmal zusammenhängend und prägnant vorgestellt werden.
Ihren Anfang wird die Arbeit bei der spätantiken Überlieferungsgeschichte des aristotelischen Corpus und dem Begriff des Organons nehmen, von dort ausgehend den Einfluss der spätantiken Kommentatoren auf die arabische Rezeption aufzeigen und im Hauptteil die Beschäftigung al-
1Aber eben noch nicht zurzeit der uns als ersten bekannten Aristoteles-Ausgabe durch Andronikus von Rhodos; s. folgendes Kapitel.
2 DAHIYAT (1974), SCHOELER (1983), KEMAL (1986), BLACK (1989, 1990) und weitere.
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Farabis mit der Poetik nachzuzeichnen versuchen. Hierbei wird uns im Besonderen das differenzierte Logik-Verständnis interessieren, das die Lehre des Syllogismus um den sogenannten poetischen Syllogismus erweitert hat.
2. Die Stellung der Poetik im Corpus Aristotelicum
Unabhängig von der wendungsreichen und abenteuerlichen Überlieferungsgeschichte der aristotelischen Schriften 3 sind die Details über ihre antiken Textausgaben nur noch schwierig gänzlich zu rekonstruieren. Immerhin haben wir gute Anhaltspunkte, die im Folgenden kurz vorgestellt werden sollen 4 . Obgleich die Rolle, die Andronikus von Rhodos bei der ersten Edition des aristotelischen Werks tatsächlich gespielt hat, umstritten ist 5 , kann man mit einiger Sicherheit annehmen, dass unsere heutige Einteilung des Corpus Aristotelicum bei Andronikus seinen Ursprung genommen hat. Im Zusammenhang der vorliegenden Arbeit ist zum einen die Rolle des Organons von Bedeutung, zum anderen natürlich die der Poetik.
2.1 Der Begriff des Organons
Die Bezeichnung Organon ist nach FLASHAR (2004, 236) nicht auf Aristoteles, sondern indirekt auf die Aristoteles-Ausgabe von Andronikus von Rhodos zurückzuführen, der die Schriften Categoriae, De interpretatione, Analytica priora, Analytica posteriora, Topica und Sophistici elenchi in einer Gruppe zusammengefasst und den philosophischen Schriften vorgeordnet hat. Der tatsächliche Urheber des Begriffs Organon ist nicht bekannt; im aristotelischen Sinn 6 dürfte er aber als Werkzeug für wissenschaftliches Denken gewählt worden sein. Interessant ist die Tatsache, dass der Begriff erst bei den spätantiken Kommentatoren auftaucht, die aber im Gegensatz zu Andronikus eine andere Vorstellung von den zum Organon gehörenden Schriften hatten. In dessen Ausgabe wurde die Poetik hinter den ersten Teil (das Organon mit den logischen Schriften) zusammen mit den ethischen, politischen und rhetorischen Schriften eingeordnet; heute hingegen werden Rhetorik und Poetik in einen separaten Teil ausgegliedert. Doch schon im Kommentar des
4 Grundlage hierfür bilden die Ausführungen bei FLASHAR 2004, 178-182.
5 cf. FLASHAR 2004, 181: „Die Leistung des Andronikos ist im Einzelnen schwer abzuschätzen. Die communis opinio, wonach hier die epochemachende kanonische Edition vorliege, die mit unserem Corpus Aristotelicum weitgehend identisch sei, ist als nicht verifizierbare romantische Fiktion bezeichnet worden (BARNES 1997 [*183: 21-44]).“
6 In Top. I 13-18 werden ὄργανα als Hilfsmittel zur Gewinnung von Schlüssen bezeichnet, cf. FLASHAR 2004, 236; schon BRANDIS 1835, 252: „[...] und richten unser Augenmerk auf den Inbegriff von Büchern, die sinnige Kritiker (ob Andronikus von Rhodus und die von ihm ausgehenden Peripatetiker, Aspasius, Adrastus, u. a., oder frühere Alexandriner, darüber fehlen uns leider alle bestimmten Nachrichten) unter dem Namen Organon zusammenfassten, indem sie durch diese Bezeichnung die Stellung andeuteten, die ihrer wohl begründeten Annahme zufolge der Logik im Aristotelischen Lehrgebäude gebührt.“; auch für LEE (1984, 44) ist dieser Zusammenhang offensichtlich, „[...] als bei jeder wissenschaftlichen Untersuchung die Logik als Instrument der Beweisführung dient. Es ist klar, daß der Bezeichnung der Sammlung der logischen Schriften von Aristoteles als „Organon“ diese Auffassung zugrundelag. Die Logik scheint sich also schon seit Andronikos die Stellung der Propädeutik gesichert zu haben.“.
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Ammonios Hermeiou, dessen Schriften durch die Überlieferung bedingt die frühesten spätantiken Zeugnisse der Aristoteles-Kommentierung für uns sind, findet sich eine ausgedehnte Debatte um die dem Organon zugehörigen Schriften. Dank WALZERS konziser Arbeit (1962 7 ) lassen sich die einzelnen Stationen und verschiedenen Standpunkte dieser Diskussion unter den spätantiken Auslegern sehr gut nachvollziehen und brauchen hier im Einzelnen nicht erörtert zu werden. Von großer Wichtigkeit ist jedoch die Quintessenz von Walzers Untersuchung: Dass nämlich die Zuteilung der Poetik (und Rhetorik) zum Organon bereits bei den spätantiken Kommentatoren vollzogen war, und nicht auf das vermeintliche Unverständnis der Araber zurückzuführen ist - einer der am häufigsten geäußerten „Beweise“ für das angebliche Unverständnis, das den arabischen Gelehrten oft vorgeworfen wurde 8 .
2.2 Die Poetik als asyllogistischer Teil des Organons bei Ammonios
Die Diskussionen über den systematischen Zusammenhang der Schriften des Organons beginnen für uns bei Ammonios Hermeiou. Im Kommentar zu den Ersten Analytiken nimmt er die Dreiteilung des Syllogismus (apodiktisch, dialektisch und sophistisch) zur Grundlage 9 , sieht sich dann aber mit dem Problem konfrontiert, Rhetorik und Poetik aus dem Organon verbannen zu müssen, da diesen kein Syllogismus zugeordnet ist. Um die für ihn offensichtlich bereits bindende Tradition zu wahren, interpretiert er das Organon auf neuartige Weise, indem er die asyllogistischen Formen der Logik einführt 10 :
„Wenn wir aber eine Teilung der Logik vornehmen, teilen wir folgendermaßen: zur Logik gehören zum einen das Syllogistische, zum anderen das Asyllogistische; zum Syllogistischen gehört zum einen das Apodiktische, weiter das Dialektische und das Sophistische; zum Asyllogistischen gehört zum einen das in metrischer Sprache Verfasste, zum anderen aber auch das in Prosa Verfasste, wobei sich auf das in lyrischer Sprache Verfasste die Schrift 'Über die Dichtkunst' bezieht, auf das in Prosa Verfasste die Schrift 'Über die Rhetorik'.“
Die Poetik als Teil der Logik dient also in irgendeiner Form der Erkenntnisgewinnung, aber eben nicht auf Grundlage des Syllogismus. Zumindest bei der Rhetorik war dieser Schritt keine eigenständige Erfindung des Ammonios, sondern fußt auf einigen Stellen in den aristotelischen Schriften, in denen Aristoteles selbst die rhetorischen Beweisformen -das Beispiel und besonders das Enthymem- in die Nähe des Syllogismus rückt (Zweite Analytiken, 71a1-10; Rhetorik, 1355a5-
7Das Erscheinungsjahr des Sammelbands, aus dem hier zitiert wird, darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass WALZERS Aufsatz ursprünglich 1934 in den Studi Italiani di Filologia Classica, N. S., Vol. II, S. 5-14 erschienen ist.
8 Cf. HEINRICHS 1969, z. B. 105, 115.
9 Cf. die sehr schöne Übersicht bei Johannes Philoponos, In Aristotelis Analytica priora commentaria, ed. Maximilianus WALLIES, Berlin 1905, 1,1 - 3,6; eine gute Zusammenfassung bietet HEINRICHS 1969, 150f. Gemeint sind die drei Grundformen des Syllogismus, dessen Ausgangssätze 1. aus der Vernunft, 2. aus der Meinung oder 3. aus der Vorstellung bezogen werden.
10 BUSSE 1902, CAG XII/1, S. 8, Z. 4-7; sofern nicht anders angegeben, handelt es sich um eigene Übersetzungen.
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15). Das Enthymem versucht vom einem Allgemeinen zu zeigen, dass etwas Einzelnes ebenfalls zu diesem Allgemeinen gehört und wird gemeinhin als ein verkürzter Syllogismus bezeichnet, dessen ausgelassene Prämisse in Gedanken ergänzt werden kann. Es ist hier nicht der Ort, um die rhetorischen Beweisformen erschöpfend zu behandeln; aufgrund der Ähnlichkeit und Überschneidung zur Poetik muss die Stellung und Funktionsweise der rhetorischen Schlüsse aber dennoch verdeutlicht und präzisiert werden:
„Der eigentliche Unterschied zwischen einem dialektischen und einem rhetorischen Schluss ist also nicht, dass im Enthymem eine Prämisse fehlt, sondern dass der Redner seine Prämissen nicht im Bereich des Allgemeinen für sich selbst sucht, sondern in den konkreten Formen, in denen es unmittelbar für eine einzelne Handlungsentscheidung relevant ist. Ein Enthymem stützt sich gewissermaßen immer auf das 'nächste Allgemeine'. Nimmt man den wissenschaftlichen Syllogismus der ersten Figur zum Maß, und sie allein ist nach Aristoteles ein Syllogismus im vollen Sinn, dann fehlt dem Enthymem der Qualität nach genau die 'größere Prämisse', d. h. die Prämisse, in der das dem Mittelbegriff von ihm selbst her zukommende Allgemeine benannt ist.“ (SCHMITT 2008, 596.)
Die Rhetorik hat kein Interesse daran, allgemeine (im Sinne des wissenschaftlich Allgemeinen) Erkenntnisse zu gewinnen, im Gegenteil: Rhetorische Schlüsse zielen immer auf Gemeinsamkeiten mit dem ab, worüber gerade gesprochen wird - es wird das 'nächste Allgemeine' gesucht (SCHMITT 2008, 596). Sie arbeitet also immer mit dem Konkreten, Einzelnen, worin auch die Gemeinsamkeit mit der Poetik liegt:
„Diese Art der Argumentation haben Rhetorik und Dichtung gemeinsam. Beide haben als Gegenstandsbereich das konkrete, einzelne Handeln, genauer das, was für eine Entscheidung, so oder anders zu handeln, direkt relevant ist und mit dem Mittel der Rede bewerkstelligt werden kann. Beide haben daher die Aufgabe, von den Einzelfällen, die ihr jeweiliger Gegenstand sind, ausgehend, Ähnlichkeiten, d. h. etwas, was in Verschiedenem identisch ist, zu finden und von daher aufzuzeigen, dass etwas gegen etwas anderes abgegrenzt oder genauso beurteilt werden muss.“ (SCHMITT 2008, 598.)
In Kapitel 21 und 22 äußert sich Aristoteles zu den Mitteln der Sprache, die in poetischer Ausdrucksweise verwendet werden. Besonders auf die Metapher wollen wir unser Augenmerk richten und anhand eines prominenten Beispiels das Asyllogistische an ihr aufzeigen:
„Was das Alter in Bezug auf das Leben ist, das ist der Abend in Bezug auf den Tag. Man wird also den Abend das Alter des Tages nennen, oder, wie Empedokles, das Alter den Lebensabend oder Lebensuntergang.“ (SCHMITT 2008, 30/Poetik 1457b20-25.)
Die Metapher als fertiges Konstrukt ist also nichts anderes als ein seiner zwei Prämissen beraubter Syllogismus, den das Publikum für sich erst durchschauen bzw. nachbilden muss:
1.) Das Alter ist das Ende des Lebens. 2.) Der Abend ist das Ende des Tages.
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Arbeit zitieren:
Hans Lauritz Noack, 2011, Aristoteles' Poetik in der arabischen Rezeption , München, GRIN Verlag GmbH
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