Gliederung
1. Einleitung 3
2. Jugendsprache als Varietät 5
2.1 Jugendsprache als Gruppensprache 6
2.2 Jugendsprache als Expertensprache 8
3. Musikstilbezeichnungen als Mittel musikbezogener Kommunikation S.10
3.1 HipHop als Mittel musikbezogener Kommunikation S.11
3.1.1 Kurzgeschichte des HipHop S.11
3.1.2 HipHop als Sprachstil am Beispiel des Gangsta Rappers Bushido und dessen
Song „Endgegner“ S.13
3.1.3 Bushido als Vorbild S.17
4. Zusammenfassung S.19
Literaturverzeichnis
Anhang
2
1. Einleitung
Ich möchte den Leser bitten, sich folgende Frage zu stellen: Was verbinden Sie mit der Sendung der Tagesschau? - Sicherlich ließen sich an dieser Stelle eine Vielzahl von Assoziationen anführen: Nachrichtensendung, Öffentlich-Rechtliches Fernsehen, Jan Hofer usw. Nun stellen Sie sich vor, dieser Jan Hofer würde Sie heute Abend in Baggys und XXL-T-shirt begrüßen und reichlich salopp, um nicht zu sagen informell und umgangssprachlich, die neuesten Nachrichten anmoderieren? - Ich nehme an, Sie wären verwundert, irritiert,
vielleicht sogar geschockt. Zu Recht? - Das ist eine interessante Frage. Schließlich würden ihnen nach wie vor die aktuellen globalen Geschehnisse aufbereitet oder besser gesagt: „was grad so geht“, „was wo so richtig burnt“ und wer natürlich „ohne Ende abgelost“ hat auf der Welt, heute, mal wieder. Laufende Beiträge würde mit flotten Sprüchen wie „ey, das ist jetzt mega wichtig, das müsst ihr euch unbedingt reinziehen“ kommentiert, unter Umständen könnte auch ein „scheiße“ den Weg in Ihr Ohr finden. Im Anschluss würde Jan Hofer seinen Proletenkragen zurechtrücken und mit kessem Blick abmoderieren: „bleiben sie fresh“! Das Peacezeichen als letzten Wink in den Feierabend - na, wie fänden Sie das?!
Ich möchte den passionierten Tagesschau-Konsumenten nicht erschrecken, ich möchte ihn nur aufmerksam machen auf einen entscheidenden Aspekt: die Zielgruppe und ihre Sprache. Für welche Zielgruppe ist nun beispielsweise diese Nachrichtensendung konzipiert? Für den Teenager, den Pubertierenden, der zwischen 12 und 17 Jahre alt ist? -Wohl kaum. Der würde sich doch eher auf jene Art und Weise artikulieren, die ich Ihnen gerade skizziert habe. Sollten Sie diese Sprache benennen, von der sie glauben, ohnehin nur die Hälfte zu verstehen, dann würde Sie wahrscheinlich unisono rufen: Jugendsprache, eine verderbte Sprache, viel zu umgangssprachlich, dieser Ghetto-Slang. So verroht. Gehört verboten.
Dieser hypothetischen Wertung entnehme ich Folgendes: Zum ersten, grenzen sie die Sprache der Jugend deutlich von der ihrigen, im besten Falle der Standardsprache, ab und zum zweiten, führen sie einen Wortschatz an, der ihnen größtenteils unverständlich erscheint, dessen Gebrauch sie unterschwellig sogar verurteilen.
Jugendsprache scheint ein Phänomen mit hochexplosivem Charakter zu sein. Es ruft erklärte Sprachschützer auf den Plan, die eine öffentliche Debatte gegen diese angebliche Sprachverhunzung und Verdrängung des Deutschen als Kultursprache durch die Jugend anstreben. Sie ist folglich gefährlich, denn sie ist degeneriert. Und weil Jugendsprache
3
polarisiert, hat auch sie, allen Sprachästhetikern zum Trotz, eine Lobby. Zahlreiche Wörterbücher und Publikationen über Jugendsprache überschwemmen geradezu den literarischen Markt und liefern vorzugsweise den Alten einen alphabetisch sortierten Zugang in die Welt der „cools“, „geils“ und „hammas“. Doch ich muss alle Käufer dieser populärwissenschaftlichen Lexika desillusionieren: sie spiegeln so wenig den realen Sprachgebrauch der Jugendlichen wieder, wie es auch nur eine Jugendsprache gibt. Wer den Begriff der Jugend als homogen begreift, der irrt. Ihre Sprache ist differenziert, je nach Situation unterschiedlich und milieuspezifisch. Medien, Mode und Musik sind wesentliche Einflussgrößen auf den jugendlichen Sprechstil, deren Wirkungen sich in der Herausbildung vielfältigster Subkulturen mit jeweils eigener Sprache und Habitus manifestiert. Jede Szene hat ihren Stil, den es nach innen und außen darzustellen und abzugrenzen gilt. Besonders die Popkultur kann in ihrer exemplarischen Entwicklung die Herausbildung neuer Hybridkulturen verbuchen. Ein bestimmter Musikstil ist Ausdruck einer dezidiert gewollten Lebensform und lässt sich daher nicht isoliert betrachten. 1 Jeder spezifische Stil bedeutet eine besondere Qualität an Lebensglück, deren Kriterien sich aus der jeweiligen Gemeinschaft speisen. Das Hören derselben Musik, das Zuweisen bestimmter Merkmale und Eigenschaften schafft ein gewisses Gruppenbewusstsein und eine thematische Fokussierung auf ebenjene Musik. Es entsteht ein Kreis von Experten, die nur untereinander ihr Wissen teilen und kommunizieren. 2
Solche „musikbezogene(r) Kommunikation“, die Ausdruck einer ganz bestimmten „Musikstilbezeichnung“ 3 ist, soll Thema meiner Hausarbeit sein. Ich habe mich bewusst für die Stilrichtung HipHop entschieden, um aufzuzeigen, dass auch innerhalb einer Stilrichtung Substile mit individueller Charakteristik erkennbar sind. Gerade diese unterschiedlichen Arten von Rap offenbaren ein zum Teil sehr konträres Klientel und lassen Rückschlüsse auf die jeweiligen soziokulturellen Bedingungen zu. Es soll daher der Song „Endgegner“ 4 des Rappers Bushido auf seine sprachlichen Besonderheiten geprüft werden, um aufzuzeigen, dass jeder Stil, in diesem Falle Gangsta-Rap, seine eigenen Kommunikationsregeln undmacher hat, die wiederum einen Zusammenhang zwischen Sprache und Milieu erkennen lassen und dass dieser Stil in der Lage ist, jugendliches Sprechverhalten über die Vermittlungsinstanz der Medien zu regulieren.
1 Vgl. Androutsopoulos, Jannis K.: Mode, Medien und Musik: Jugendliche als Sprachexperten. In: Antos, Gerd (Hrg.): Fremdheit in der Muttersprache. In: Der Deutschunterricht 6, 1997, S.16.
2 Vgl. ebd., S.16.
3 Ebd., S.17.
4 Bushido: Endgegner. http://www.kingbushido.de/#bushido, Stand: 8.8.2010.
4
Einer genaueren Untersuchung von These und Songtextanalyse sei im folgenden Abschnitt die nähere Bestimmung des Begriffs Jugendsprache vorangestellt.
2. Jugendsprache als Varietät
Zerlegt man das Kompositum „Jugendsprache“ in seine Morpheme „Jugend“ und „Sprache“, so ergibt sich eine recht simple Definition von Jugendsprache als Sprache der Jugend. Zu kurz gegriffen? - Augenscheinlich. Denn welche homogene Sprache soll das sein, die eine ebenso auskonturierte Jugend spricht? Zwar ist im Allgemeinen davon auszugehen, „dass sich der Sprachgebrauch im sozialen Alter der Jugend von dem (…) anderer Altersgruppen sowie der Standardvarietät der jeweiligen Einzelsprache in der einen oder anderen Weise unterscheidet“. 5 Problematisch hingegen ist die Festlegung auf DIE eine Jugensprache und der sie kennzeichnenden sprachlichen Besonderheiten. Um den komplexen Gegenstand Jugendsprache begrifflich besser fassen zu können, ist die Annahme, dass es sich dabei um eine Varietät 6 handelt, dennoch von Vorteil. Jugendliches Sprechen charakterisiert sich durch eine bestimmte Art des Sprechens, ihr Stil differiert sowohl vom Sprachgebrauch junger Vorschüler als auch von dem älterer Damen eines Romméclubs 7 , obgleich man nicht von einem einheitlichem Sprachgestus und Stil innerhalt einer Altersgruppe sprechen kann. Der Varietätenansatz lässt sich darüberhinaus auch dadurch rechtfertigen, dass er alternative Ebenen der Beschreibung, wie die der Phonologie oder Morphosyntax, anbietet. 8 Dabei werden
„Elemente aus verschiedenen Variationsdimensionen (…) in spezifische Konfigurationen zusammengeflochten und verweisen dabei auf die verschiedenen Bezugspunkte, die im jeweiligen soziokulturellen Kontext eine jugendspezifische Identität ausmachen“ 9 .
5 Androutsopoulos, Jannis K.: Forschungsperspektiven auf Jugendsprache. Ein integrativer Überblick. In: Ders. Jugensprache. Linguistische und soziolinguistische Perspektiven. Frankfurt am Main u.a.: 1999, S.1.
6 „Die Jugendsprache ist eine vor allem in der mündlichen Rede manifeste Varietät des Deutschen. In geringerem Maße kann sie auch in schriftlichen Texten vorkommen, wenn sie authentisch zwischen Jugendlichen ausgetauscht werden.“ Dittmar, Norbert und Bahlo, Nils: Jugendsprache. In:Anderlik, Heidemarie und Kaiser, Katja (Hrsg.): Die Sprache Deutsch. Dresden: 2008, S. 264ff.
7 Ebd.: „Anders als dialektale oder soziolektale Varietäten, die langfristig und meist generationen-übergreifend an landschaftliche Räume oder soziale Schichten gebunden sind, ist die Jugendsprache (…) eine generationsspezifische Übergangsvarietät, die den biologisch bedingten Aufbruch der Jugendlichen zum Erwachsenstatus in der Suche nach individueller und sozialer Identität in der Altersspanne zwischen 10 und 30 sprachlich und kommunikativ zum Ausdruck bringt.“
8 Vgl. Androutsopoulos.: Forschungsperspektiven auf Jugendsprache, S.1.
9 Ebd., S.25.
5
Hieraus lässt sich ableiten, dass jugendliches Sprachverhalten gerade nicht auf nur eine Varietät zu begrenzen ist, sondern von einer Vielzahl anderer Faktoren abhängt. Dieser Dynamik und Situativität von Jugendsprache, die sich vordergründig in einem bestimmten, lokal begrenzten Gruppenverhalten 10 ausdrückt, soll im folgenden Abschnitt nachgegangen werden.
2.1 Jugendsprache als Gruppensprache
Ein gesteigertes Interesse an der Sprechweise Jugendlicher setzte erstmals in den 1960er Jahren ein. Im Zuge der politischen und gesellschaftlichen Wandlungen stellen die 60er Jahre eine deutliche Zäsur dar, die alle Menschen gleichsam erfasste und eine völlig neue Form von Öffentlichkeit etablierte. In ihr prägte nicht zuletzt die Musik der Beatgeneration eine avantgardistische Popkultur, deren musikalische Ausdrucksformen sich als Protest gegen ein überkommenes Normen- und Wertegefüge begreifen ließen. In kurzer Zeit entstand eine einflussreiche internationale Subkultur, die, neben Fernsehen und Werbung, gewissen Marktmechanismen genügen musste und alsbald „den Jugendlichen als potentiellen Konsumenten entdeckt(e)“ 11 . Demgegenüber erfolgen erste wissenschaftliche Untersuchungen zum besonderen Sprachgebrauch Jugendlicher deutlich zeitverzögert, sodass von einer traditionellen Jugendsprachforschung frühestens in den 1980er Jahren gesprochen werden kann. Dieser ging es „zunächst um die linguistische Kennzeichnung von sprachlichen Einzelphänomenen ... der sog. Teenager- und Twensprache“ 12 . Ziel war es, den Gebrauch einer Sonderlexik aufzudecken, markiert durch Phraseologismen, Sprüche, Wertadjektive, ungeachtet der Tatsache, dass diese Herangehensweise das Konstrukt Jugendsprache als ein eigenes Sprachsystem nährte. Mittels Fragebögen und Wörterbüchern erhoffte man sich repräsentative Informationen über natürliches jugendliches Sprachverhalten, jedoch unter grober Vernachlässigung des situativen Sprachgebrauchs. Nach Heinemann
(soll) mit dem Terminus „Jugendsprache“ das spezifische Sprachverhalten von Jugendlichen im Alter von etwa zwölf bis achtzehn Jahren gekennzeichnet werden. Sie ist damit zunächst eine
10 Dittmar und Bahlo, Jugendsprache, S.266: Die (…) Gemeinsamkeiten jugendsprachlicher Repertoire bezeichnen wir als „sekundäre Varietät (...), die in der sekundären Sozialisation erworben, in der alltäglichen informellen Kommunikation im sozialen Alter der Jugend habituell verwendet und als solche identifiziert wird. Sie wird auf der Basis einer areal und sozial verschiedenen Primärvarietät realisiert und besteht aus einer Konfiguration aus morphosyntaktischen, lexikalischen und pragmatischen Merkmalen“.
11 Heinemann, Margot: Zur Varietät „Jugendsprache“. In: Praxis Deutsch 110, S.6.
12 Ebd., S.6.
6
Arbeit zitieren:
Luisa Weist, 2011, „Guck mich an, ich bin der Endgegner“, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Germanistik - Linguistik: „Guck mich an, ich bin der Endgegner“ ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Germanistik - Linguistik: neuer Titel erschienen: „Guck mich an, ich bin der Endgegner“
Luisa Weist hat einen neuen Text hochgeladen
In der Sprache liegt die Kraft!
Klar reden, besser leben
Sabine Tiemer, Mechthild R. von Scheurl-Defersdorf
0 Kommentare