Inhaltsverzeichnis
1. Vorbemerkungen 3
2. Zum Begriff der Wahrnehmung 4
2.1 Wahrnehmung und Wirklichkeit 5
2.2 Das aristotelische Stufenmodell der Erkenntnis 7
2.2.1 Aus Wahrnehmung entsteht Erinnerung 8
2.2.2 Aus der Bündelung von Erinnerung entsteht Erfahrung 9
2.2.3 Aus der besonderen Erfahrung entsteht allgemeines Wissen S.10
2.3 Zusammenfassung 11
3. Wahrnehmung und Wirkung in der Petitcreiuepisode S.12
3.1 Erzähler S.12
3.2 Tristan S.15
3.3 Isolde S.18
3.4 Zusammenfassung 21
3.5 Hierarchie der Sinne - Synästhesie als Imaginationsstrategie S.21
4. Zur Funktion Petitcrüs S.24
4.1 Innerhalb der Episode S.24
4.2 Für den Gesamtkontext S.26
4.2.1 Epische Notwendigkeit S.26
4.2.2 Intratextuelle Bezüge: Minnegrotte und Isolde Weißhand S.28
4.2.3 Tristan-Isolde-Minne S.32
5. Schlussbemerkungen S.36
Literaturverzeichnis
2
1. Vorbemerkungen
Wenn die Petitcreiuepisode ein inhaltliches wie formales Alleinstellungsmerkmal aufweisen kann, dann jenes der Wahrnehmung. So lassen sich die Verse auch als narrative Unterweisung in mittelhochdeutscher Perzeptionsstrategie lesen. Dass sich höfische Kommunikation in dem Spannungsfeld von sichtbaren und unsichtbaren Zeichen bewegt, um deren verlässliche Deutung sie beständig ringt, ist weder eine neue noch sonderlich ungewöhnliche Erkenntnis. 1 Angesichts des diese Gesellschaft tragenden kommunikativen Systems, das eine „Lesbarkeit der Körper“ 2 voraussetzt und höfische Repräsentation stark an audiovisuelle Performanz koppelt, kann dem Begriff der Wahrnehmung und seiner Praxis nicht genug Bedeutung zugestanden werden. In der Petitcreiuepisode des „Tristan“ legt Gottfried von Straßburg nicht nur den mittelalterlichen Wahrnehmungsmodus exemplarisch frei, darüber hinaus wird ein besonderer Zugang entfaltet, indem der Verfasser diese Wahrnehmungs- und Deutungsstrategien in hohem Maße ästhetisiert. Gerade in der individuellen sprachlichen Vermittlung der unterschiedlichen Perzeptionsstrategien liegt der Wert dieser Episode.
Leitende Arbeitshypothese hierfür ist, dass eine unterschiedliche Wahrnehmung Petitcreius durch die Protagonisten Tristan und Isolde zu einer entsprechend unterschiedlichen Wertung und Bewertung Petitcreius durch dieselben führt. Diese Interaktion von Wahrnehmung und Deutung möchte ich nachstehend erläutern. Zur Bedingung hat eine solche Arbeit freilich, einen den mittelalterlichen Vorstellungen von Wahrnehmung adäquaten Zugriff zu finden, der sich insbesondere literaturtheoretisch produktiv bearbeiten lässt. Ich stelle daher zunächst einige grundsätzliche Gedanken zum Feld der Wahrnehmung voran, werde anschließend den Weg über die moderne Erkenntnistheorie zurück in die Antike schlagen, um diese Gedanken mit dem aristotelischen Stufenweg der Erkenntnis nachvollziehbar zu stützen. Der aristotelische Ansatz dient als operationale Grundlage für den Umgang mit der Episode und deren Interpretation. Nach diesen theoretischen Vorüberlegungen widmet sich das dritte Kapitel den multiperspektivischen Wahrnehmungsstrategien der Petitcreiuepisode und stellt diese vergleichend nebeneinander. Außerdem wird versucht, die konkurrierenden Perspektiven als Teil einer spezifisch Gottfriedschen Imaginationsstrategie ästhetisch zu deuten. Daran anknüpfend hat das vierte Kapitel meiner Arbeit zum Ziel, die Petitcreiuepisode auf ihre narrative Qualität
1 WENZEL, Horst: Des menschen muot wont in den ougen. Höfische Kommunikation im Raum der wechselseitigen Wahrnehmung. In: Campe, Rüdiger und Schneider, Manfred (Hrsg.): Geschichten der Physiognomik. Text - Bild - Wissen. Freiburg i. Breisgau: Rombach Verlag (Reihe Literrae 36) 1996. S. 96ff.
2 Ebd., S. 65.
3
hin zu überprüfen. Im ersten Schritt frage ich nach ihrem funktionalen Wert innerhalb der Episode und diskutiere begleitend in knapper Form den aktuellen Forschungsstand, der sich in seiner Breite kaum abbilden lässt. Zum zweiten gilt mein Interesse der Funktion der Petitcreiuepisode im Gesamtkontext des Werkes, dessen plausible Motivierung und Anschlussfähigkeit nicht selten infrage gestellt wird. Diesbezüglich hilfreich ist der Einbezug zweier im Epos folgender Episoden - Minnegrotte und Isolde Weißhand - angesichts derer die Petitcreiuepisode auch als Präfiguration dieser Episoden gedeutet werden kann. In einem finalen Schritt ist einzuschätzen, inwieweit eine differierende Wahrnehmung und Wertung Petitcreius durch Tristan und Isolde letztlich ursächlich für das Scheitern ihrer Minne sein kann. Unter Einbezug des Prologes und dem Konzept der „edelen herzen“ möchte ich schließlich das Besondere dieser Minne hervorheben. Vornehmlich in der dialektischen Leitmotivik und deren sukzessiven Entfaltung zeigt sich der hohe ästhetische Anspruch Gottfrieds, der sich mit seinem Werk zu Recht verbindet.
2. Zum Begriff der Wahrnehmung
In der Literaturwissenschaft herrscht konsequente Uneinigkeit über einen “genaueren operationalen Begriff der Wahrnehmung“ 3 . In konsensfähiger Konkurrenz befinden sich die klassischen Herangehensweisen der mittelalterlichen Optik- und Wahrnehmungstheorien, der modernen Medientheorie und, als Versuch einer Synthese, des komparatistischen Ansatzes. Infolge dessen soll es nicht Gegenstand dieses Kapitels sein, eine Kurzgenese jener komplexen Theorien darzulegen oder sie anhand ihrer Vor- und Nachteile abzuwägen. Zielführend ist eine angemessene Problematisierung der Petitcreiuepisode auf den Wahrnehmungsaspekt hin, d. h. danach zu fragen, in welchem Kontext Wahrnehmung auftritt und welche Qualität sie besitzt, vornehmlich dann, wenn sie handelnd verarbeitet wird. Kurz, welches Konzept in diesem Zusammenhang das produktivste ist. An einem Beispiel festgemacht, bedeutet dies zu hinterfragen, weshalb Tristan das Hündchen Petitcreiu für Isolde in der Annahme erwirbt, es hätte die gleiche, in seinem Falle Leid vergessenmachende Funktion. Wie wir wissen, zerbricht Isolde das Glöckchen Petitcreius bewusst und verkehrt damit die Intention Tristans in
3 BLEUMER, Hartmut und PATZOLD, Steffen: Wahrnehmungs- und Deutungsmuster in der Kultur des europäischen Mittelalters. Berlin: Verlag de Gruyter 2004. (Das Mittelalter 8, 2003., H. 2). S. 9.
4
ihr genaues Gegenteil. Sie setzt das Hündchen inaktiv. Bezogen auf den Aspekt der Wahrnehmung in der Petitcreiuepisode gehe ich deshalb von einer grundsätzlichen Wahrnehmungsdifferenz zwischen Tristan und Isolde aus, die Wertung und Handeln motiviert und überdies mit dem Scheitern ihrer spezifischen Form der Minne in signifikanten Zusammenhang zu bringen ist. Damit ist ein relevanter Punkt angesprochen, den es hinsichtlich eines adäquaten Zugangs über das Feld der Wahrnehmung zu berücksichtigen gilt. Durch meine Einschätzung der Episode stelle ich einen Zusammenhang zwischen Wahrnehmung, Wertung dieser Wahrnehmung und Überführung dieser Wertung in Verhalten her. Es muss entsprechend von einem Konzept ausgegangen werden, das diese Korrelationen erfasst und in einen kausalen Zusammenhang stellt. Im nächsten Abschnitt möchte ich deshalb einige grundlegen- deGedanken zu „Wahrnehmung und Wirklichkeit“ 4 im Rahmen der modernen Erkenntnis-theorie darlegen, um diese dann in einem zweiten Schritt mit dem aristotelischen Stufenmodell der Erkenntnis zu fundieren. Gerade durch seine besondere Akzentuierung der Kategorie der Erfahrung ist dieses spezifische Stufenmodell für eine angemessene Interpretation der Petitcreiuepisode unverzichtbar.
2.1 Wahrnehmung und Wirklichkeit
Das Vermögen, über Wissen zu verfügen, kann auf zweierlei Art erworben werden. Wissen lässt sich über Erfahrung generieren, ist dann folglich „empirisches Wissen“, das sich begründen lässt und auf anderes Wissen rekurriert, das sich ebenfalls aus einer „empirischen Erkenntnis“ ableitet. 5 Andererseits,
„da sich aber nicht alles begründen lässt“, merkt Kutschera an, „und da sich auch bei Annahme synthetischer Erkenntnisse a priori sicher nicht alle empirischen Erkenntnisse apriorisch begründen lassen, muß es auch empirische Evidenzen geben, d.h. Sachverhalte, die uns aufgrund einer Beobachtung oder Wahrnehmung evident sind“ 6 .
Es gibt demnach eine Form von Wissen, welches sich unmittelbar durch Wahrnehmung erschließt und über diesen Sinneseindruck als unzweifelhaft wahr eingestuft werden kann. Wahrnehmung ist direkt an Raum und Zeit gebunden, sie verortet das wahrnehmende Subjekt
4 Vgl. Kapitel 3: „Wahrnehmung und Wirklichkeit“. In: KUTSCHERA, Franz von: Grundfragen der Erkenntnis-theorie. Berlin, New York: de Gruyter 1982. S. 151-160.
5 Vgl. Kutschera, S. 156.
6 Ebd.
5
mit dem wahrgenommenen Objekt in einem bestimmten Moment an einem bestimmten Ort. Wahrnehmung beschreibt eine Tätigkeit, die in der Beobachtung von dem Wahrnehmungsob- jektliegt. Insofern lässt sich das Verb „wahrnehmen“ auch auf momentane Erfahrungen anwenden“ 7 . Sinneserfahrungen können dabei einmal den Gegenstand, den ich beobachte („Die Person a beobachtet den Gegenstand b“), in den Mittelpunkt stellen oder aber den Sachverhalt („Die Person a beobachtet, daß der Sachverhalt p besteht“), den ich meiner Beobachtung ent- nehme. 8 „Beobachten“steht entsprechend synonym für „wahrnehmen“, da es sich auf „momentane Erfahrungen“ bezieht 9 . Für den weiteren Gang meiner Arbeit bedeutsam ist die Definition Kutscheras, der „Wahrnehmen“ (als) ein(e)(n) Oberbegriff für spezielle Erfahrungswei- sen,wie Sehen oder Hören“ 10 markiert. Er setzt Wahrnehmung und Wissen analog, kommt also zu dem Schluss: „Was wir beobachten ist uns evident. (…) Daraus folgt (…) - Wir sind von dem überzeugt, was wir beobachten.“ 11 Indes problematisiert er selbst die Verlässlichkeit von Beobachtungen und die Schwierigkeit von Wahrnehmungen. 12 Dem Postulat - „Wahrnehmung ist Beobachtung von Tatsachen“ 13 - ist somit ein Spannungsverhältnis zwischen Beobachtung und Wahrnehmung inhärent, das eine gewisse Empfänglichkeit für Sinnesirritationen von vornherein einschließt. Als mögliche Angriffsfläche benennt Kutschera die „Phänomene der Sinnestäuschungen“ 14 , welche durch den Widerspruch von scheinbarer Beobachtung und vernunftgeleiteter Wahrnehmung gekennzeichnet sind. Auch dieser Aspekt ist im Hinblick auf die Petitcreiuepisode, in der das Spiel mit den Sinnen, List und Täuschung dominiert, nicht unwesentlich. Denkt man den Prozess des Beobachtens und Wahrnehmens weiter, dann schließt sich daran der Schritt der Wertung oder auch Bewertung eines Sachverhaltes oder einer Situation an. Es ist folglich diese singuläre und subjektive Wertung, die mein Handeln als finalen Schritt legitimiert und auf welche ich mich berufe, wenn es sich in einer konkreten Situation zu verhalten gilt. Im nächsten Abschnitt möchte ich daher mit dem aristotelischen Stufenmodell der Erkenntnis einen antiken erkenntnistheoretischen Ansatz vorstellen, welcher Wissen als Wert im Sinne einer aktiv erworbenen Erfahrung begreift. Anders als
7 Kutschera, S. 156.
8 Vgl. ebd.
9 Vgl. ebd., S. 156.
10 Ebd., S. 157.
11 Ebd. Den Erfolgsverben 11 „wahrnehmen“ und „beobachten“ analog führt er „wissen“ und „glauben“ an. Gilbert RYLE spricht von achievement words. In: STRAWSON, Peter F.: Truth. In: Clark, Michael (Hrsg.): Analysis. Bd. 9. Oxford: Oxford University Press 1949. S. 83-97.
12 „Beobachtungen sind problemlos, aber nicht verläßlich, Wahrnehmungen dagegen verläßlich, aber nicht prob- lemlos.“ Kutschera,S. 158.
13 Ebd., S. 157.
14 Ebd., S. 158. Kutschera illustriert diese durch das Beispiel eines Stockes, der, taucht man ihn in Wasser, an dieser Stelle geknickt aussieht. Hier lässt sich kein Knick beobachten, da unsere innere Überzeugung dieser scheinbaren Beobachtung entgegensteht. Er plädiert dafür, von einem „Es erscheint der Person a, als ob (der zu beobachtende Gegenstand, eigene Anmerkung) p“ zu sprechen.
6
die moderne Erkenntnistheorie fußt der antike aristotelische Zugang zu Wissen und Wissenschaft auf einem stark hierarchisierten, noch wenig ausdifferenzierten oder durch Interdependenzen belastbaren System. Es kann als unstrittig angesehen werden, dass zumindest die mittelalterlichen Klerikalen und Gelehrten des 12. und 13. Jahrhunderts, in deren Kontext man auch Gottfried von Straßburg einordnet, genauere Kenntnis über jene antiken philosophischen Traditionen und dem davon abgeleiteten Wahrnehmungsbegriff besaßen. 15
2.2 Das aristotelische Stufenmodell der Erkenntnis
Seinen Schriften lässt sich entnehmen, dass Aristoteles als einer der ersten den Gebrauch des Begriffes „empeiria“ in einen „philosophischen Erfahrungsbegriff“ überführte. 16 „Das Wort ‚Erfahrung‘ verstehen wir dabei im ‚natürlichen‘, d.h. im nicht-normativen Sinn.“ 17 Im Gegensatz zu heutigen Assoziationen zum wissenschaftlichen Begriff der Empirie, der sich vor allem auf die „Traditionen des logischen Empirismus“ 18 stützt und sich zunehmend „auf die Ansätze (der) von Dingler zurückgehende(n) Theorie der exakten Wissenschaften“ 19 bezieht, verwendet Aristoteles den Begriff der „empeiria“ synonym für „techne“ 20 (Kunst(fertigkeit)) oder „episteme“ 21 (Wissen). Auf der semantischen Ebene setzt er also die Erfahrung mit einem Handwerk einerseits und mit theoretischem Wissen andererseits gleich. Allen Begriffen gemein ist der Verweis auf etwas Prozessurales und Personales; Erfahrung existiert nicht einfach ex nihilo, sondern muss in gewisser Weise erst entstehen oder aktiv selbst geleistet und
15 So lassen sich vielfach antike Bezüge in den Wahrnehmungsstrategien mittelalterlicher Texte ausmachen. Die Gedichte des Heinrich von Melk als Zeugnis geistiger Lehrdichtung oder Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ als Beispiel epischer Dichtung. Vgl. Wenzel 1996, S.96.
16 Vgl. Zum Begriff der Erfahrung. In: RITTER, Joachim (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 2: D-F. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1972. S. 609.
17 Kutschera, S. 151. Kutschera merkt weiterhin eine Differenzierung in innere und äußere Erfahrung an. Äußere Erfahrungen werden über Sinneswahrnehmungen gemacht, innere Erfahrungen eben über einen inneren Sinn. Problematisch an dieser Unterteilung ist zum einen die Annahme eines inneren Sinnes, weshalb sie von nicht wenigen geleugnet wurde, als auch die strikte Trennung dieser Erfahrungsbereiche. Es gibt vielfach Schnittmengen und Übergänge, was Kutschera dazu veranlasst, lediglich von Typen von Erfahrung zu sprechen. Vgl. S. 153. Insofern soll diese Begriffstrennung hier nicht berücksichtigt und von einem „einfachen“ Begriff von Erfahrung ausgegangen werden.
18 Ebd., S. 616.
19 Ebd., S. 609.
20 Charpa bezeichnet sie als „jene Kenntnisse, die uns helfen, etwas herzustellen, z. B. ein Bild zu malen - “. CHARPA, Ulrich: Aristoteles: Frankfurt, New York: Campus Verlag 1991. S. 37.
21 „Theoretisches - das Wort markiert eine Entgegensetzung zur Welt der Tat und meint ‚(bloß) betrachtendes‘ -Wissen genügt sich selbst, ist reine Erkenntnis. Es zielt weder auf besseres noch nützliches Tun, sondern allein auf Wahrheit. Eine passende Bezeichnung für die damit verbundene Aktivität bietet sich mit dem Begriff des Forschens an.“ Ebd.
7
erarbeitet, eben erfahren werden. Allein das Individuum ist zur Ausbildung von Erfahrung fähig, indem es mit seiner Umwelt interagiert und diese Interaktionen anschließend reflexiv verarbeitet. Noch heute orientiert sich unser Sprachgebrauch an diesem zeitgenössischen Vorverständnis von Erfahrung. Sprechen wir beispielsweise von „Erfahrenheit“ oder dem „Erfah- rensein“,dann zielt diese Verwendung „auf erworbene Fähigkeiten des Menschen, auf ein Geübtsein in …, ein Vertrautsein mit …“ 22 ab. Jedoch ist der aristotelische Bedeutungshorizont von Empirie erheblich weiter gefasst, als er nicht nur auf den Herstellungs- oder Produktionscharakter von Erfahrung abhebt: „Aus der Erinnerung geht bei den Menschen die Empi- riehervor; erst viele Erinnerungen nämlich ein und derselben Sache ergeben die Fähigkeit einer E(rfahrung).“ 23 Mit anderen Worten: Erfahrung lässt sich ausschließlich über Erinnerung generieren. Und Erinnerung wiederum entsteht durch Wahrnehmung. Diese drei Felder - Wahrnehmung,Erinnerung, Erfahrung - sind die zentralen Kategorien des aristotelischen Stufenmodells der Erkenntnis, das sukzessive zu einer Form vernünftigen Wissens - eben zur Erkenntnis - führt.
2.2.1 Aus Wahrnehmung entsteht Erinnerung
Ein Stufenmodell impliziert eine gewisse Taxonomie in der Abfolge von Schritten, die ich nachstehend erläutern möchte. So bildet Wahrnehmung den Ausgangspunkt dieses Modells, quasi die Grundstufe. Der Mensch nimmt jede Situation und „ihre äußeren Gegenstände“ 24 sinnlich wahr. Um diese physische Wahrnehmung in eine kognitive zu überführen, imaginiert er zu dieser konkreten Wahrnehmung ein Bild, d.h. er übersetzt die konkret-sinnliche Wahrnehmung in eine imaginativ-repräsentative Wahrnehmung und schafft sich eine Vorstellung (phantasia) 25 , die diese spezifisch-situative Wahrnehmung in seinem Gedächtnis (mneme) 26 stellvertretend besetzt oder repräsentiert. Ein solcher kognitiver Translationsprozess greift in jeder Situation und ist prinzipiell nicht steuerbar, weshalb Vorländer auch von der „unwillkürlichen Erinnerung“ spricht. Alles, was wir wahrnehmen, wird in irgendeiner Weise kognitiv verarbeitet und abgespeichert. Dieser Modus bildet die Voraussetzung dafür, die abgespeicherten Bilder flexibel einzusetzen, sie beispielsweise in eine neue konkrete Situation zurück zu überführen, sich also bewusst zu erinnern. 27 Einen solchen Vorgang bezeichnet man als Erinnerung. Das abgespeicherte Bild - als imaginierte Vorstellung einer physisch erlebten
22 Charpa, S. 609.
23 ARISTOTELES: Metaphysik 980b, S. 25ff. (Zitiert nach: Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 609.)
24 VORLÄNDER, Karl: Geschichte der Philosophie (mit Quelltexten). Band 1: Altertum. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1990. S. 106.
25 Vgl. ebd.
26 Vgl. ebd.
27 Vgl. ebd.
8
Arbeit zitieren:
Luisa Weist, 2011, „daz er mit liehten ougen / sîner ougen lougen“ - Wahrnehmung und Wirkung in der Petitcreiuepisode aus dem „Tristan“ Gottfrieds von Straßburg, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik: „daz er mit liehten ougen / sîner ougen lougen“ - Wahrnehmung und Wirkung in der Petitcreiuepisode aus dem „Tristan“ Gottfrieds von Straßburg ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik: neuer Titel erschienen: „daz er mit liehten ougen / sîner ougen lougen“ - Wahrnehmung und Wirkung in der Petitcreiuepisode aus dem „Tristan“ Gottfrieds von Straßburg
Luisa Weist hat einen neuen Text hochgeladen
Wahrnehmung und Wirkung von TV-Spots
Eine Blickregistrierungsstudie
Natalie Hofer, Viktoria Radler, Katharina Bermoser, Günter Schweiger
Gottfried Von Strassburg and the Medieval Tristan Legend: Papers from ...
Roy Wisbey, Adrian Stevens
Die Tristan-Trigonometrie des Gottfried von Strassburg
Zwei Liebende und ein Dritter
Anina Barandun
0 Kommentare