Der Islam in Russland - Von der Geschichte bis zur heutigen globalen Veränderung
Felix Riefer
Felix
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis I
Abbildungsverzeichnis II
1. Einleitung 1
1.1 Aufbau 3
1.2 Technisches Vorgehen 3
2. Exposé der Religionen 4
2.1 Die Christlichen Kirchen 4
2.1.1 Wie kam es zur russischen Orthodoxie? 5
2.2 Der Islam 6
2.2.1 Wie kam der Islam nach Russland? 7
2.3 Zwischenresümee 10
2.3.1 Die Frage nach der Säkularisierung 10
3. Exposé der heutigen Entwicklung des Religiösen 12
3.1 Heutige Situation der Religionen in Russland 12
3.1.1 Russisch Orthodoxe Kirche 12
3.1.2 Situation und Organisation des Islam 14
3.2 Globale Erscheinungen 16
3.2.1 Die Wiederkehr des Religiösen? 16
3.2.2 Islamischer Terrorismus 18
4. Abschließende Beurteilung und Ausblick 20
5. Quellen- und Literaturverzeichnis 22
I
Der Islam in Russland - Von der Geschichte bis zur heutigen globalen Veränderung
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 2 „Sobor prepodobnogo Isaakija Dalmatskogo“ links, ............................................................................ 11 Abbildung 3 Organisation des Islam nach registrierten Vereinen ............................................................................ 14
Der Islam in Russland - Von der Geschichte bis zur heutigen globalen Veränderung
1. Einleitung
„Civilizations are the ultimate human tribes, and the clash of civilizations is tribal conflict on global scale. In the emerging world, states and groups from two different civilizations may form limited, ad hoc, tactical connections to advance their interests against entities from a third civilization or for other shaped purposes” (Huntington, 2002, S. 183).
Es mag zunächst nur schwer verdaulich erscheinen sich vorstellen zu müssen, dass der „ultimative menschliche Stamm“ die Zivilisation sein soll. Folgt doch diese Logik einem modifizierten Nationen-Gedanken, den man gerade versucht wieder zu relativieren. Die Europäische Union balanciert zwischen den Entscheidungsvariationen: Intergouvernemental und Supranational. Die Arabellion in der arabischen Welt, die Wirtschaftskrise, das aufstrebende und den Vorstellungen der westlichen Welt widerstrebende China, all diese Konfliktpotenziale, Bedrohungen, Krisen aber auch Möglichkeiten und Chancen lassen zumindest eine grobe Einteilung der Welt in kulturelle Zentren, Zivilisationen zu. Und es wäre ratsam einen nüchternen, distanzierten Blick auf die tatsächlichen Gemeinsamkeiten und Gegensätze dieser übernationalen kulturellen Zentren zu schauen, um Kooperationsmöglichkeiten zu finden. Es mag eventuell auch nicht überzeugen, dass die meisten Beziehungen „connec- tions“ nurvon kurzer Dauer und zum Zweck eines gemeinsamen Interesses gegen Dritte eingegangen werden, und es wäre nur wünschenswert, dass dies zukünftig obsolet sein würde. Doch der Blick in die Geschichte - „der längsten empirischen Studie“ - lässt nur wenig Zuversicht für einen solchen Standpunkt übrig. So beschreibt Leo Tolstoi in seiner Novelle „Hadschi Murat“ eine reale Begebenheit aus dem 19. Jahrhundert, der Zeit der Kaukasuseroberung, die biographisch gut recherchierte und fundierte Lebensgeschichte des adligen Awaren. Dieser kämpfte nämlich zunächst auf der Seite der Russen gegen die vom Imam Schamil angeführten Wider-standskämpfer des Nordkaukasus. Das tat er aufgrund einer Bündnisverpflichtung seines Stammes, welche eine solche Kooperation vorsah („ad hoc, tactical connections to advance their interests against entities”). Dieser wird im Laufe des Krieges von einem russischen Offizier intrigiert(„limited“), folglich als Verräter verhaftet, kann jedoch fliehen und wechselt aufgrund dieser Erfahrung tatsächlich auf die Seite
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des Schamil um nun gegen die vermeidlich zivilisierten Russen zu kämpfen. Der Rahmen dieser kurzen Erzählung des großen russischen Schriftstellers, der selbst als Fähnrich im Kaukasus gedient hatte, lässt sich - wie oben geschehen - ohne Mühe auf Huntingtons These als eine Art Mikrobeispiel transferieren, jedoch möchte ich noch eine kurze Passage aus dem Werk selbst zitieren, die eine weitere Dimension in den Vordergrund stellt. Tolstoi lässt Hadschi Murat auf die Frage des Offiziers Petrowski, was ihm in Tiflis den besonders gefallen habe, antworten:
„[...] am besten habe ihm das Theater gefallen. »Und der Ball beim Oberstkommandierenden - hat ihm der nicht gefallen?«
Hadschi Murat blickte stirnrunzelnd drein: jedes Volk, meinte er, habe seine eigenen Sitten. »Bei uns kleiden sich die Frauen nicht so wie dort«, sagte er [...]. Das hat ihm also nicht gefallen?
»Es gibt bei uns ein Sprichwort«, sagte er [...],»das lautet: der Hund bewirtet den Maulesel mit Fleisch und der Maulesel den Hund mit Heu - und so blieben beide hungrig«. Er lächelte bei diesen Worten. Jedem Volk gefällt eben seine eigene Art«(Tolstoi, 2011, S. 127).
So wenig diese Zeilen zum Erscheinungsdatum 1912 (postum), für Aufregung gesorgt haben, so brisant sind eben diese konkreten Lebensvorstellungen für die heutige Zeit. (z.B. die Debatte um das Kopftuchtragen, Integration sowohl der Türkei als Staat in die EU als auch der Muslime in die westlichen Gesellschaften und einzelnen Staaten etc.).
Für die heutige Russländische Föderation stellen sich im Gegensatz zu den Europäern zum Teil völlig andersartige, divergente Fragen zum Umgang mit „dem Islam“ 1 .
1 Es sei hier nur am Rande vermerkt, dass es so etwas wie „den Islam“ im Grunde nicht gibt. Vielmehr verstehe ich darunter das die Wahrnehmung von nicht Muslimen aller Art Muslime sowie deren Bräuche und Verhalten an sich, welches von den jeweils geltenden Normen in den jeweils nicht muslimischen Gesellschaften abweicht, von eben diesen nicht Muslimen als „Islam“ oder salopper als „den Islam“ wahrgenommen und generalisiert wird. Diese im Alltag nur zu schnell gesagte Verallgemeinerung, verkommt zur Allaussage und etabliert sich ebenso schnell in der Umgangssprache.
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1.1 Aufbau
„It is difficult to establish exactly when Islam first appeared in Russia because the lands that Islam penetrated early in its expansion were not part of Russia at the time, but were later incorporated into the expanding Russian Empire” (Hunter, 2004, S. 3).
Ausgehend von dieser für Europäische Großmächte einzigartigen Konstellation sollen die aktuellen Fragen der Religionen diskutiert werden. Es ist von großem Interesse inwieweit diese besondere historische Gegebenheit Russlands sich von den Westlichen unterscheidet. Dahingehend soll der Frage nachgegangen werden, ob es sich bei der weltweit angenommenen Wiederkehr des Religiösen tatsächlich um eine Wiederkehr handelt und inwieweit der „Globale Terrorismus“ bzw. Islamischer Fundamentalismus damit in Verbindung steht. Hierzu werden die Thesen insbesondere Olivier Roys aber auch die Sichtweise Peter Scholl-Latour berücksichtigt. So soll die Bedrohung durch den angeblichen und realexistierenden Terrorismus in den russischen Spezifika beleuchtet und anschließend in einen globalen Kontext, soweit möglich, gestellt werden. So sieht die Seminararbeit ihren Anspruch insgesamt darin, den Islam in der Russländischen Föderation zu skizzieren, seine Heterogenität sowie seine regionalen Besonderheiten herauszustellen. In diesem Zusammenhang wird die Geschichte des Christentums, insbesondere die der Ostkirche kurz resümiert werden, dem wird die Entstehungsgeschichte des Islam mit seinen Spezifika gegenübergestellt und anschließend ausgewertet werden.
1.2 Technisches Vorgehen
Für das angenehmere und flüssigere Lesen wurden die russischen Wörter bzw. Wörter aus der russischen Sprache die nach dem kyrillischen Alphabet geschrieben werden, die in der deutschen Literatur gebräuchlich sind, nach der allgemein gültigen Dudenschreibweise transkribiert, so z.B.„Hadschi Murat“. Alle anderen aus dem Russischen zitierten Wörter wurden nach den allgemein üblichen wissenschaftlichen Transliterationsregeln geschrieben z.B.„Srednjaja Azija“ („Mittelasien“). Bei Zitaten aus dem Englischen wurden diese ohne Übersetzung wörtlich übernommen. Alle Übersetzungen aus dem Russischen, wenn nicht anderes angegeben, stammen von
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mir. Die Seminararbeit wurde im für Microsoft Office üblichen APA Zitatformat geschrieben.
2. Exposé der Religionen
Um eine solide Analyse des Islam in Russland vornehmen zu können ist man auf die Komparation mit den christlichen Kirchen angewiesen. Daher soll im Folgenden eine Skizze der Entstehung, Spaltung und Verbreitung des Christentums gezeichnet werden, bevor eine weitere Skizze die Geschichte des Islam resümiert. Anschließend soll ein Zwischenfazit die Wesentlichen Elemente hervorheben.
2.1 Die Christlichen Kirchen
„Der Ur-Sprung des Christentums war die Verbreitung von Jesu Tod und seines Wirkens als Geschichte eines Lebenden“(Nowak, 2007, S. 16). In der Zeit danach, dem ersten Jahrhundert nach Christus, während sich das weltliche Imperium seiner größten Ausdehnung erfreute, spaltet sich das Sacerdotium 2 aus einer „gemeinsamen Matrix“ (Ebd. S. 17) in das rabbinische Judentum und das frühe Christentum. So sieht John Dominic Crossan darin „eine großartige Fortsetzung des Judentums aus der Vergangenheit in die Zukunft“ (Ebd.). Es kommt zunächst auf der christlichen Seite zur Unterscheidung von christusgläubigen Juden und heidnische Christen. Die zweite Gruppe wurde als bald dominanter und setzte sich durch, sodass sich die Kirche von der Synagoge löste. Die Christen wurden bis zur Annahme des Christentums zur Staatsreligion (im Römischen Imperium) durch Konstantin dem Großen ab 312 fast durchgehend im Reich verfolgt. Für die Geschichte der Ostkirche ist insbesondere die Verlegung der Kaiserstadt nach Byzanz 330 von großer Bedeutung. Mit dem Edikt des Kaisers Theodosius’ „Cunctospopulos“ von 380 wurde der Konfessionsstaat geboren und die Häretiker zur Orthodoxie juristisch angehalten. „Zum Träger der offiziellen Kultur berufen“ (Nowak, 2007, S. 28f.) wurde das Christentum schließlich im Jahr 438 durch den „Codex Theodosianus“, denn von nun an wurden alle Heiden von dem Öffentlichen Dienst ausgeschlossen.
2 Hier lediglich als Abgrenzung des Geistlichen zum Weltlichen und nicht wie heute üblich als „Priestertum“ verwendet.
Arbeit zitieren:
Felix Riefer, 2012, Der Islam in Russland, München, GRIN Verlag GmbH
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