1. Einleitung
Die moderne Jugend braucht sich über nichts zu beklagen. Es gibt allerlei Hightechgeräte, mit denen sie sich die Zeit vertreiben kann, beispielsweise Playstation, IPod oder Laptops. Die Jugendarbeit ist auf einem hohen Niveau und es gibt nahezu in jeder Stadt Jugendverbände oder Jugendhäuser in denen man sich mit Freunden treffen kann und seinen Spaß hat. Es sind alle Möglichkeiten gegeben um sich und die Welt zu entdecken und zu erforschen. Die Eltern kümmern sich meist um alle Verbindlichkeiten und Gebundenheiten der Kinder. Sie geben Taschengeld und schaffen ihrem Kind die Möglichkeit zur freien Entfaltung. Es ist, trotz einiger pubertärer Streitigkeiten, ein Eltern-Kind-Verhältnis was sich im Einklang befindet. Das Einzige, worum sich ein Teenager wirklich kümmern muss, ist seine Ausbildung. Das ist die Verbindlichkeit die allein Aufgabe des Jugendlichen ist. Meistens helfen die Eltern bei der Erledigung der Hausaufgaben oder haben ein wachendes Auge darüber. Zwang, Prügel oder Tyrannei gehören kaum noch zu den Erziehungsmethoden. So wäre es zumindest in einer nahezu perfekten Welt. Nichtsdestotrotz gibt es heute Familien in denen die beschriebene Welt nicht so perfekt ist. Und dies ist nicht nur ein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Hinsichtlich des Anfangs des letzten Jahrhunderts kreiert sich nämlich ein Bild, in dem die jugendliche Generation nicht die Vorlagen und Gesetze ihrer Eltern annimmt. Sie formiert sich zu einer Opposition gegen die Eltern-Generation. Auch für literarische Motive wird dieser Konflikt benutzt. Beispielsweise expressionistische Schriftsteller nahmen sich dieser Problemstellung an. Einige Vertreter sind Walter Hasenclever, Georg Kaiser und Georg Trakl. In einer Zeit in der sich bürgerliche Ideale festfahren und die Erziehung der Kinder streng konservativ und autoritär erfolgt, bleibt kein Platz für die freie Entwicklung des Individuums und die Intensität des Fühlens.
Hauptsächlich übernimmt dabei der Vater die Rolle des Feindbildes. Als Vertreter der wilhelminisch-autoritären Generation stellt er das völlige
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Gegenteil zum Weltbild der Jugend dar. Es werden in den Werken hauptsächlich die Gegensätze von Vater und Sohn gezeigt. Vor allem aber, werden beide Weltauffassungen gegenübergestellt Der Begriff „Jugend“ war von 1900 bis 1930 zu einem suggestiven Ausdruck geworden.
Ziel dieser Arbeit ist es herauszufinden, inwiefern sich so ein Konfliktpotential zwischen zwei Generationen im Expressionismus entwickelt hat. Außerdem, durch welche Merkmale sich diese Problemstellung auszeichnet.
Ich werde zunächst eine allgemeine Betrachtung des Expressionismus voranstellen, bevor ich in die Thematik des Generationskonflikts einsteige. Damit soll der Leser für die Problematik des Vater-Sohn-Konflikts, und dessen Entstehung und Reichweite, sensibilisiert werden. Des Weiteren habe ich mich für die Untersuchung der Darstellung solch eines Konflikts in Dramen entschieden. Dafür habe ich das Werk Walter Hasenclevers „Der Sohn“ ausgesucht. Dadurch wird dem Leser anhand eines Beispiels vorgestellt, inwiefern diese Thematik literarisch verarbeitet wird.
2. Der literarische Expressionismus
2.1. Der Begriff und die Literatur
In der Forschung wird noch immer diskutiert ob es sich bei dem Begriff „Expressionismus“ um eine Stil- oder eine Epochenbezeichnung handelt. Er fungiert als ein ‚Konglomerat’ von verschiedenen Topiks, Arten, stilistischen und ideologischen Richtungen. Nicht nur in der Literatur, sondern auch in der Malerei oder im Theater, ist der Begriff bekannt und deckt einige Bereiche ab. Giese, beispielsweise, plädiert dafür, es nicht als Stilbezeichnung gelten zu lassen, sondern als „problemgeschichtliches Phänomen.“ 1 Als entsprechendere Auslegung des Terminus wurde es in der Folgezeit als eine Bewegung bezeichnet. Meistens wird der Begriff auf alle Entwicklungen nach dem Impressionismus bis hin zur Neuen Sachlichkeit verortet. Es gibt wiederum verschiedene Strömungen die
1 Zitiere Giese In: Giese, Peter Christian: Interpretationshilfen, Lyrik des Expressionismus, Stuttgart, 1993, Seite 7.
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darunter mitgezählt werden, beispielsweise der Surrealismus und der Kubismus. Da sich die literarische Entwicklung nach der Jahrhundertwende vom 18. ins 19. Jahrhundert in mehrere Richtungen entwickelte, beispielsweise Jugendstil und Symbolismus, ist es schwer den Expressionismus als Epochenbezeichnung zeitlich zu verorten beziehungsweise bestimmte Werke ausschließlich dem Expressionismus zuzuordnen.
Der literarische Expressionismus wird in Deutschland etwa zwischen 1905 und 1920 eingeordnet. Jedoch gibt es für diese Einteilung ebenfalls verschiedene Forschermeinungen, da die Lyrik und die Dramen teilweise in naturalistische oder symbolistische Dramentraditionen übergehen und somit nicht genau zugeordnet werden können. Der Tenor der Forscher setzt jedoch beim Beginn des französischen Nachimpressionismus an und schließt mit dem Ende der Revolutionen nach dem Ersten Weltkrieg (etwa 1922) ab. Der Hochexpressionismus wird daher von 1910 bis 1920 verortet. Der Begriff selbst wurde 1911 durch den Publizist Kurt Hiller öffentlich. 2
Zu Beginn des Expressionismus war die Gattung der Lyrik vorherrschend. Um etwa 1914 stand diese im Zenit. Dominierend in den Gedichten war ein steter Gebrauch von Metaphern und Symbolen. Bezeichnend waren auch Neologismen. Die Dichtung steht im starken Zusammenhang mit den geistesgeschichtlichen Entwicklungen des 20.Jahrhunderts. 3 Sie stellt laut Annalisa Viviani eine „Reaktion gegen die materielle
Wirklichkeitsnachbildung im Naturalismus und die Wiedergabe der subjektiv-sinnlicher Eindrücke im Impressionismus“ 4 dar. Jedoch kann man die Charakteristik der Lyrik als sehr vielfältig bezeichnen. So sind beispielsweise Werke von Georg Trakl meist hermetisch-chriffenhaft, während die Schriften von Gottfried Benn als nihilistisch und zynisch interpretiert werden können. 5
2 Vgl. Viviani, Annalisa, Das Drama des Expressionismus - Kommentar zu einer Epoche, München, 1970, Seite 7.
3 Vgl. ebenda, Seite 5ff.
4 Zitiere ebenda, Seite 5.
5 Vgl. Giese, Peter Christian: Interpretationshilfen, Lyrik des Expressionismus, Stuttgart, 1993, Seite 6.
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Neben der Dichtung, wurden die Dramen ab 1910 vorherrschend. Dabei gibt es verschiedene Arten, beispielsweise das Verkündigungs-, Wandlungs- und Stationendrama. In der Prosa außerdem waren auch Romane, Novellen und Erzählungen vorhanden.
Ab dem Ersten Weltkrieg fand der Expressionismus in eine zweite Phase (bis etwa 1920). Mit diesem Zeitpunkt wurde die Literatur auch als mystisch, pazifistisch oder weltanschaulich ausgelegt. 6 Die Themenskaala in den expressionistischen Werken ist sehr breit und vielfältig. Hauptsächlich werden meist ‚extreme’ Thematiken aufgegriffen. Dies kann sich aber von Untergangsszenarien bis hin zu Aufbruchsgeschichten aufgliedern. Die Erzählart liegt dabei meist zwischen Realismus und Abstraktion. 7 Der Hauptprotagonist der Werke wird zumeist einer Wandlung unterzogen. Er soll sich selbst entdecken und durch seine Selbstverwirklichung die Grundlage für eine neuere, bessere, Welt schaffen. Das was ihn daran hindert, seihen es Menschen oder Umstände, muss er überwinden. 8
In seiner Schrift „Über den dichterischen Expressionismus“ beschreibt Kasimir Edschmidt den Hauptprotagonisten folgendermaßen:
Er bleibt nicht mehr Figur. Er ist wirklich Mensch. Er ist verstrickt in den Kosmos, aber mit kosmischen Empfinden. Er klügelt sich nicht durch das Leben. Er geht hindurch. Er denkt nicht über sich, er erlebt sich. Er schleicht nicht um die Dinge, er faßt sie im Mittelpunkt an. Er ist nicht un-, nicht übermenschlich, er ist nur Mensch, feig und stark, gut und gemein und herrlich, wie ihn Gott aus der Schöpfung entließ. 9
Edschmidt will damit sagen, dass die expressionistische Hauptfigur ein Mensch von normalem Format ist. Er vergleicht ihn damit mit der Allgemeinheit. Die Hauptfigur kann jeder sein und auch jeden ausmachen.
6 Vgl. Giese, Peter Christian: Interpretationshilfen, Lyrik des Expressionismus, Stuttgart, 1993, Seite
7 Vgl. ebenda, Seite 7.
8 Vgl. Viviani, Annalisa, Das Drama des Expressionismus - Kommentar zu einer Epoche, München, 1970, Seite 16.
9 Zitiere Edschmidt aus Edschmidt, Kasimir: Über den dichterischen Expressionismus in Frühe Manifeste - Epochen des Expressionismus, Hamburg, 1957, Seite 35.
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2.2. Die Grundlage für die expressionistische Weltsicht
Die Grundlage für das Entstehen der expressionistischen Bewegung stellt die kulturell-geistige Lage der Gesellschaft um die Jahrhundertwende dar. Die Träger sind somit hauptsächlich Personen die um die Jahre von 1875 und 1895 geboren wurden. Beispielsweise Walter Hasenclever wurde im Juli 1890 geboren. Das Denken in dieser Zeit war stark von Materialismus, Kapitalismus, strengen Moral-und Wertevorstellungen und
Industrialisierung geprägt. Der individuelle Einzelne ging in dieser Weltsicht, laut expressionistischem Denken, stark unter. Es stellte sich als sehr schwer heraus in der ‚neuen’ modernen Welt seinen Platz zu finden. 10 Erläuternd kann man dafür ein Zitat von Viviani anführen:
Die so gesehene expressionistische Bewegung ist eine Befreiung vom bürgerlichen Rationalismus, von Vorurteil und verlogener Moral, nicht von gesellschaftlicher oder politischer Unterdrückung. Als Niederschlag der antirationalen Tendenzen erscheint der Kampf gegen den Bürger. 11
2.3. Das Bild der bürgerlichen Welt im Expressionismus
In der Zeit um die Jahrhundertwende, der Regierungszeit Kaiser Wilhelms II. (1888-1918), gab es viele neue Entwicklungen die das Deutsche Reich in neue Bahnen lenkten. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich, gab es eine Menge Veränderungen mit denen sich die Bevölkerung auseinander setzen musste. Die Zeit wird auch Fin de siècle genannt. Die Industrie wurde zur Massenindustrie und damit kam es zu einer schnellen technischen Weiterentwicklung. Damit entstand jedoch auch Technikfurcht und Technikfrust. Die Bevölkerung war gezwungen sich in dieser schnellen, mobil werdenden Welt zu orientieren und anzupassen. Auch der bisherige Lebensrhythmus wurde durch modernere
10 Vgl. Viviani, Annalisa, Das Drama des Expressionismus - Kommentar zu einer Epoche, München, 1970, Seite 5.
11 Zitiere Viviani aus Viviani, Annalisa, Das Drama des Expressionismus - Kommentar zu einer Epoche, München, 1970, Seite 6.
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Fortbewegungsmittel beschleunigt. Das äußere Bild dieser modernen Welt wirkte jedoch auf die Bevölkerung ein. Es entwickelte sich ein starker Fortschrittsglaube. 12
Diesen nahm sich aber die jüngere Generation nicht oder kaum an. Vielmehr kam es zu einer starken Kritik gegenüber dem Materialismus, dem aristokratisch geprägten Weltbild, der allgemeinen Verachtung des Geistigen und der Verbindung staatlicher und militärischer Macht mit dem wirtschaftlichen Interesse. 13 Der Bruch mit Staat, Gesellschaft, Familie, mit jeder Tradition schien die Grundbedingung für eine bessere Zukunft zu werden. Der offene und erbitterte Kampf gegen die Umwelt oder gar gegen den eigenen Vater als der Schöpfer und Verteidiger der veralteten Institutionen wird der erste Schritt im Plane der jugendlichen Revolte.
1. Die Expressionistische Generation
3.1. Einige Vertreter im Kontext der Vater-Sohn-Problematik
Es gibt einige expressionistische Werke in denen Vater-Sohn-Konflikte thematisiert werden. Beispielsweise in Arnolt Bronnens Drama „Vatermord“ oder Werfels „Nicht der Mörder, sondern der Ermordete ist schuldig“. 14 Bei den meisten Dramen mit dem Vater-Sohn-Konflikt als Thema steht der Vater für die Feindrolle. Hauptsächlich wird durch ihn Gewalt und Tyrannei verübt. Er steht für den typischen Bürger in der Gesellschaft und verkörpert damit die Rolle gegen die die Jugend rebellieren will. Nur indem man sich von dem Terror des Vaters lossagt oder diesen überwindet, kann man die gesellschaftliche Ordnung überwinden. Dabei unterscheidet sich die zu erkämpfende, bessere Welt jedoch bei den verschiedenen Autoren. Des Weiteren sind die Mittel der Söhne, um diese Welt zu erreichen, auch unterschiedlich.
12 Vgl. Hohendahl, Peter Uwe: Das Bild der bürgerlichen Welt im expressionistischen Drama, Heidelberg, 1967, Seite 121ff.
13 Vgl. Schulz, Georg-Michael, Nachwort „Der Sohn“ In: Hasenclever, Walter: Der Sohn, Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart, 2010, Seite 113.
14 Vgl. Hohendahl, Peter Uwe: Das Bild der bürgerlichen Welt im expressionistischen Drama, Heidelberg, 1967, Seite 177.
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Arnolt Bronnens Drama „Vatermord“ (1920) spielt zu Zeiten des Ersten Weltkriegs in Wien. Der Vater trägt dabei den symbolischen Namen „Fessel“. Während dessen Sohn Walter sich für die Agrarwirtschaft interessiert und es vorzieht Landwirt zu werden, will Fessel ihn zum Besuch des Gymnasiums nötigen. Dabei ist er selbst nur Tagelöhner. Deswegen möchte er seinen Sohn dazu bringen, das zu erreichen was er selbst nicht geschafft hat. Für die Erfüllung seiner Ernährerrolle verlangt er absolute Autorität und Gegenliebe. Wenn Walter ihm diese nicht entgegenbringt, will er diese erzwingen. Außerdem soll sein Sohn sich um jeden Preis Fessels Karrierevorstellungen beugen. Walter fühlt sich jedoch in der Entfaltung seines wahren Ichs beeinträchtigt. Es entwickelt sich für ihn nur ein Ausweg, nämlich durch die Anwendung von Gewalt. Als er Fessel umbringen möchte, erleidet dieser einen Herzinfarkt. Daraufhin sticht er jedoch noch mehrere Male mit einem Messer in den noch nicht toten Körper seines Vaters.
Die Vaterrolle wird in diesem Werk durch mehrere Faktoren beschrieben. Zum einen zeichnet er sich durch eine starke Anwendung von Zwangsgewalt aus. Der Vater zwingt seinem Sohn seinen Willen auf, auch wenn der Sohn etwas anderes möchte. Dies ist symptomatisch für die meisten Werke mit der Thematik des Vater-Sohn-Konflikts. Diese Zwänge werden vom Sohn als sinnfrei hingenommen und behindern sie in der Entfaltung ihres eigenen Ichs. Hauptsächlich bildet dies die Basis für die aufkommenden Streitigkeiten. Außerdem stößt der Leser oft auf einen brutalen Vater der seinem Sohn Gewalt antut. In dieser Problematik spielt der Vater zumeist auch die Figur die den Sohn an seiner Freiheit und Individualität hindert. Die Wandlung des Hauptprotagonisten steht damit meist unmittelbar in dem Zusammenhang den Vater zu stürzen oder zu überwinden. 15
3.2. Walter Hasenclever
Walter Hasenclever schrieb „Der Sohn“ vom Sommer bis Dezember 1913. Er wurde dabei tatkräftig von dem Verleger Kurt Wolff unterstützt. Dessen Verlag war einer der wichtigsten für die expressionistische Literatur.
15 Vgl. Krause, Frank: Der Literarische Expressionismus, Paderborn, 2008, Seite 94f.
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Arbeit zitieren:
Franziska Mielsch, 2011, Väter und Söhne im Expressionismus am Beispiel Walter Hasenclevers "Der Sohn", München, GRIN Verlag GmbH
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