Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis I
Vorwort 2
Problemstellung und thematische Abgrenzung 4
1. Salutogenetischer Ansatz 5
1.1 Begriffsbestimmung und Entstehungshintergrund 5
1.2 Theoretische Auseinandersetzung mit der Salutogenese 6
1.2.1 Krankheit im geschichts-philosophischen Kontext. 8
1.2.2 Stressoren und Widerstandsressourcen. 11
1.2.3 Kohärenzgefühl als individuelle Norm 14
2. Salutogenese im wissenschaftlichen Kontext. 21
2.1 Kohärenzgefühl und Gesellschaft. 21
2.2 Kritik am salutogenetischen Ansatz 25
2.3 Dahlkes Konzept der Krankheit von innen 27
3. Polarität und Einheit. 33
3.1 Schneiders modernes Polaritätsmodell 41
3.2 Das pädagogische Polaritätsmodell 46
3.3 Das berufspädagogische Polaritätsmodell 47
4. Anwendung in der berufspädagogischen Praxis 51
4.1 Inhalt der Umsetzung 52
4.1.1 Input-Phase (Montag, 06.08.) 52
4.1.2 Gruppenarbeitsphase (Mittwoch, 08.08.) 53
4.1.3 Präsentation (Montag, 13.08.) 54
4.2 Methode. 56
4.3 Zielgruppe. 58
4.4 Ausblick. 59
4.5 Fazit 60
Literaturverzeichnis 62
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Bewusstseinsmodell.
Abbildung 2: Horizontale Topographie des Bewusstseins.
Abbildung 3: Vertikale Topographie des Bewusstseins.
Abbildung 4: Gesellschaftliche Polarität.
Abbildung 5: Polarität von Tradition und Innovation.
Abbildung 6: Polarisation zwischen Theorie und Praxis.
Abbildung 7: Aufspaltung des Selbst.
Tabelle 1: Links-Rechts-Variablen
Vorwort 2
Vorwort
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rief vor einigen Jahren zu einer neuen Sichtweise in der Medizin auf und verwies damit auf den Unterschied zwischen Krankheits- und Gesundheitsmedizin. Während erstere sich darauf spezialisiert hat, Krankheiten zu kurieren (Gesundheit ist hier das Nichtvorhandensein von Krankheit), sorgt sich die andere um die Gesundheit (in der Bedeutung von Lebensqualität und Interpretation des Lebens). Dieser Sichtweise liegt das Konzept der Salutogenese des Medizinsoziologen Aaron Antonovsky zu Grunde, dass er in seinen beiden Hauptwerken 1 entwickelt hat. 2 Anlass war die Kritik am vorherrschenden biomedizinischen Krankheits- und Präventionsmodell. Antonovskys Interesse gilt mehr der Frage, warum Menschen gesund bleiben und weniger der Frage nach den Ursachen von Krankheiten und sogenannten Risikofaktoren. Primär geht es ihm um die Bedingungen der Möglichkeit von Gesundheit und die Faktoren, welche sie schützen und erhalten.
Er stellt der üblichen und damit dichotomen Trennung von Gesund-Sein und Krank-Sein ein Kontinuum mit den Polen Gesundheit/körperliches Wohlbefinden und Krankheit/körperliches Missempfinden (health ease / disease continuum) gegenüber. Demzufolge seien weder völlige Gesundheit noch völlige Krankheit wirklich zu erreichen. Jeder Mensch, auch wenn er sich (überwiegend) als gesund erlebt, habe auch kranke Anteile - und solange Menschen am Leben sind, seien auch Teile von ihnen gesund. Folgt man Antonovsky weiter, steht im Vordergrund also nicht, ob jemand gesund oder krank ist, sondern wie nahe bzw. wie entfernt er sich von den jeweiligen Polen Gesundheit oder Krankheit befindet.
Ausgangspunkt für die Überlegungen Antonovskys ist die Annahme, dass der Ge-sundheits- bzw. Krankheitszustand eines Menschen wesentlich durch eine individuelle, psychologische Einflussgröße bestimmt wird, nämlich durch die Grundhaltung des Individuums gegenüber der Welt und dem eigenen Leben. Von dieser Grundhaltung hängt es seinem Verständnis nach maßgeblich ab, wie gut Menschen in der Lage sind,
1 Health, stress and coping: New perspectives on mental and physical well-being (1979) / Unraveling
the mystery of health. How people manage stress and stay well (1987).
2 Vgl. hier: www.dr-walser.ch/salutogenese.htm.
Vorwort 3
vorhandene Ressourcen zum Erhalt ihrer Gesundheit und ihres Wohlbefindens zu nutzen. Je ausgeprägter das Kohärenzgefühl einer Person ist, desto gesünder ist sie bzw. desto schneller wird sie gesund und bleibt es.
So revolutionär dieser Ansatz zu seiner Zeit war, so schnell geriet er auch wieder in Vergessenheit. Nur wenige Mediziner machten sich Antonovskys Gedanken zu eigen und praktizierten fortan nach dieser Methode. Meist waren es esoterisch denkende Menschen, die ohnehin nie nur einzelne Aspekte eines Krankheitsbildes betrachteten. Jedoch zeigt sich in den letzten Jahren ein Umdenken. Auslöser ist vor allem die größer werdende Unwirksamkeit von Medikamenten. Nicht die Krankheit als Einzelnes, sondern der Mensch als Ganzes wird nun schrittweise in den Fokus der Betrachtung gestellt. Ein später Erfolg für Antonovsky.
Problemstellung und thematische Abgrenzung 4
Problemstellung und thematische Abgrenzung
Die Frage ist nun, inwieweit lässt sich dieser Ansatz überhaupt in den berufspädagogischen Alltag übertragen. Um diese Frage zu beantworten, wurde in Abschnitt 1 zunächst der salutogenetische Ansatz ausführlich untersucht. Dazu gehören neben der Begriffsbestimmung und dem Entstehungshintergrund auch die theoretische Ausei-nandersetzung mit der Krankheit im geschichts-philosophischen Kontext, der Stresso-rentheorie und dem Kohärenzgefühl im Besonderen.
Abschnitt 2 steht im Zeichen des wissenschaftlichen Hintergrunds. Die Frage ist hier, in wie weit stehen Kohärenzgefühl und Gesellschaft zueinander. Jedoch soll auch nicht die Kritik an diesem Ansatz, die sich vor allem auf die Bewertungsmethoden beschränkt, vergessen werden. Des Weiteren wird Abschnitt 2 sich mit dem Polaritätsgedanken aus der Sicht Dahlkes befassen. Es muss vorab gesagt werden, dass die gedanklichen Ansätze hinsichtlich der Polarität des Menschen zwar in den Grundzügen mit der Schneiders in Abschnitt 3 thematisierten übereinstimmt, jedoch zieht Dahlke zur Erklärung die Kreise enger und stellt den Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung, d.h., er lässt die Gesellschaft etwas außen vor.
Abschnitt 3 wird, wie bereits erwähnt von Schneiders Polaritätsgedanken dominiert. Hier ist insbesondere das berufspädagogische Polaritätsmodell von Bedeutung, da dieses letztlich in die berufspädagogische Praxis mit überführt werden soll.
Im Abschnitt 4 wird versucht, eine Verbindung zwischen der Multiplikatoren-Methode und den salutogenetischen Ansatz herzustellen. Dieser Versuch der Verbin- dung wurde in die berufspädagogische Praxis umgesetzt.
1. Salutogenetischer Ansatz 5
1. Salutogenetischer Ansatz
1.1 Begriffsbestimmung und Entstehungshintergrund
Aaron Antonovsky wurde 1923 in Brooklyn geboren. Nach dem Besuch des Brooklyn-College begann er ein Studium der Geschichte und Wirtschaft an der Yale-Universität. Dieses musste er während des Zweiten Weltkriegs für den Dienst in der US-Armee unterbrechen. Eher zufällig kam er durch ein Referat und eine Nebenverdienstarbeit mit Hollingshead, der Medizinsoziologie und der Stressforschung in Kontakt. 1952 erwarb er in der Abteilung für Soziologie der Yale-Universität seinen M.A., 1955 einen Ph.D. Von 1955 bis 1959 unterrichtete er Abendklassen am Brooklyn-College, 1956 wurde er Leiter der Forschungsabteilung des Antidiskriminierungsausschusses des Staates New York. 1959 bis 1960 war er Fulbright Professor für Soziologie an der Universität Teheran.
1960 emigrierte er gemeinsam mit seiner Frau Helen nach Israel. In Jerusalem übernahm er zunächst eine Stelle als Medizinsoziologe am Institut für angewandte Sozial-forschung. Neben der Lehre wandte er sich hier vor allem der Stressforschung und der Erforschung latenter Funktionen der Institutionen des Gesundheitswesens zu. Thematische Schwerpunkte waren: Epidemiologie der Multiplen Sklerose; psychosoziale Risiken jüdischer Emigranten aus den USA in Bezug auf koronare Herzerkrankungen; präventives Zahnpflegeverhalten; ethnische Unterschiede in der Verarbeitung der Menopause bei in Israel lebenden Frauen. Unter diesen befanden sich auch Frauen, die in nationalsozialistischen Konzentrationslagern überlebt hatten. Dass sie es geschafft hatten, ihr Leben neu aufzubauen, empfand er als Wunder - und der Er-forschung dieses Wunders, des Wunders des Gesundbleibens, widmete er von da an seine Arbeit und sein Engagement.
Ab 1972 hatte er entscheidenden Anteil am Aufbau einer gemeindeorientierten medizinischen Fakultät an der Ben-Gurion-Universität des Negev. Er war zuständig für die verhaltenswissenschaftlichen und soziologischen Anteile des Curriculums und stand neun Jahre dem Zulassungsausschuss vor, für den er ein Auswahlverfahren ent- wickelte, in dem es mehr auf Einstellung, Engagement und Verantwortungsübernah-
1. Salutogenetischer Ansatz 6
me als auf Schulnoten und Testergebnisse ankam. Aaron Antonovsky starb am 7. Juli 1994 in Beer-Sheba (Israel). 3
1.2 Theoretische Auseinandersetzung mit der Salutogenese
Die Frage nach dem WIE und WARUM in Sachen Gesundheit stellte Antonovsky in den Mittelpunkt seiner Forschung und entwickelte das Konzept der Salutogenese. Er übt damit Kritik am pathogenetischen und dichotomen Modell, das danach fragt, was Menschen krank macht, und das Krankheit als Abwesenheit von Gesundheit begreift. Sein Anliegen lautet: Wie verarbeitet das Individuum Spannungszustände und bleibt dabei gesund? Wie lassen sich die Mechanismen einer gesunden Verarbeitung stärken? 4
Er sieht Krankheit als notwendigen Bestandteil des Lebens, in dem sich Gesundheit und Krankheit mischen. Antonovsky verwendet zwei Bilder, um den Sachverhalt zu beschreiben. „Wir alle befinden uns in verschiedenen Flüssen, deren Strömungen und Strudel oder andere Gefahrenquellen variieren; niemand befindet sich jemals am sicheren Ufer“ 5 . Gesund bleiben heißt hierbei ein guter Schwimmer zu werden. Oder auf die Metapher des Skifahrers angewendet - wie Antonovsky es ausdrückt: Wir alle fahren eine lange Skipiste hinunter. Während die pathogenetische Orientierung hauptsächlich mit denjenigen beschäftigt ist, „die an einen Felsen gefahren sind, an einen Baum, mit einem anderen Skifahrer zusammengestoßen sind oder in eine Gletscherspalte fielen“ bzw. die uns davon überzeugen will, dass es besser ist, überhaupt nicht Ski zu fahren, interessiert sich die salutogenetische Orientierung dafür, „wie die Piste ungefährlicher gemacht werden kann und wie man Menschen zu sehr guten Skifahrern machen kann“. 6
Diese Fähigkeit oder Eigenschaft nennt Antonovsky sense of coherence (SOC), was im deutschen Kohärenzgefühl genannt wird. Es ist „keine spezielle Coping-Strategie,
3 Vgl. Antonovsky 1997, S. 13.
4 Vgl. Schneider 2000, S. 21.
5 Antonovsky 1993, S. 7.
6 Ebd., S. 11
1. Salutogenetischer Ansatz 7
sondern eine generelle Lebenseinstellung“ 7 . Der Mensch bewegt sich zwischen den Zuständen von Gesund- und Kranksein. Absolute Gesundheit gibt es ebenso wenig wie völliges Kranksein; jeder Mensch, auch wenn er sich überwiegend gesund erlebt, trägt kranke Anteile in sich. Antonovsky stellt den Aspekt der körperlichen Gesundheit in den Mittelpunkt.
Das pathogenetische Modell geht von der Homöostase aus, der Vorstellung, dass der Mensch in einer inneren und äußeren Stabilität lebe. Dies sei der Normalzustand des Menschen, und die Krankheit sei lediglich an das unglückliche Zusammentreffen bestimmter Faktoren gebunden. Bei dieser Auffassung besteht die Gefahr, dass in verkürzter Weise rückgeschlossen wird, dass Gesundheit durch das Entfernen krank machender Faktoren, die man als atomistische Teile verstehen kann, sozusagen garantiert sei. 8
Das salutogenetische Modell ist dagegen der Idee der Heterostase verpflichtet, d.h., dass sich der Mensch wesentlich im Ungleichgewicht, in der fehlenden Stabilität bewegt. Stressoren, d.h. äußere Einwirkungen, spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie versetzen die Person in einen physiologischen Spannungszustand, den es körperlich und seelisch zu bewältigen gilt. Gelingt dies, dann stärkt das Erleben den sense of coherence, misslingt es, dann entsteht Stress, der aber nicht zwangsläufig krank machend sein muss. Ob Ressourcen geweckt werden, hängt von zweierlei ab, 1. ob die betreffende Person bereits über einen hohen sense of coherence verfügt und
2. ob zusätzlich zum auftretenden Stress andere schwächende Faktoren (Krankheit, äußere Nöte) vorliegen.
In diesem Zusammenhang spricht Antonovsky von „generalisierten Widerstandsressourcen“, heilsamen Faktoren (salutary factors), die einem helfen, „mit jedwedem Stressor umzugehen“. 9 Zunächst dachte er dabei an Faktoren wie soziale Unterstützung, Geld und kulturelle Stabilität, später wurde ihm klar, dass diese exogenen Res-
7 Ebd.,S. 4
8 Vgl. Schneider 2000, S. 22.
9 Antonovsky 1993, S. 11.
1. Salutogenetischer Ansatz 8
sourcen auf „endogene“, personenspezifische Ressourcen verweisen. Diesen äußeren Faktoren war gemeinsam, dass sie „die Überzeugung des Menschen stärkten, dass die Stimuli der eigenen Umwelt sinnvoll interpretierbar sind“ 10 . Er nannte diese Komponente das Gefühl der Verstehbarkeit (sense of comprehensibility). Dies allein aber genügt nicht. Zu dem Gefühl, etwas verstanden zu haben, muss ein weiterer Faktor hinzukommen: der des instrumentellen Vertrauens, das Machbarkeitsgefühl (sense of manageability). Der dritte Faktor, den Antonovsky fand, ist die Motiviertheit, das Gefühl, etwas bewältigen zu wollen. Dies nannte er das Bedeutsamkeitsgefühl (sense of meaningfulness).
1.2.1 Krankheit im geschichts-philosophischen Kontext
Die Auffassung der Antike kann im Sinne der Homöostase, des regulierten dynamischen Gleichgewichts, beschrieben werden. Platon (427-347 v. Chr.) lässt den Arzt im Meisterdialog Symposion sagen, dass Gesundheit Harmonie und vernünftige Mischung der Gegensätze sei. 11 Ähnlich wie der richtige Zustand des Kosmos eine Mischung der Elemente ist, so bildet sich die Gesundheit des einzelnen Menschen als Mischung der Gegensätze ab. Er sagt im Spätdialog: „Jeder krankhafte Zustand stimmt irgendwie mit der Natur der Lebewesen überein. Denn auch die Zusammensetzung der Lebewesen enthält die Vorbestimmung einer gewissen Lebenszeit, für sich und die ganze Gattung, und dementsprechend ist jedem Wesen ein gewisses Leben zugeordnet, abgesehen von den Unglücksfällen, die das Schicksal mit sich bringen kann. [...] Wenn man die Krankheiten vor der Zeit, die vom Schicksal bestimmt ist, mit Hilfe von Heilmitteln unterdrückt, so können leicht aus kleinen Krankheiten große und zugleich aus wenigen viele werden. Darum sollte man alles Derartige durch eine richtige Lebensweise in gute Bahnen lenken, soweit man die nötige Zeit dazu hat, und darf das Übel nicht durch die Einnahme von Arzneien so reizen, dass es bösartig wird“ 12 .
10 Ebd.
11 Platon 1974a, S. 188.
12 Platon 1974b, S. 89.
1. Salutogenetischer Ansatz 9
In Platons Dialogen spiegeln sich Gedanken über das Geschehen im Kosmos wider. Die Naturphilosophen diskutieren darüber, wie man sich denn das Ganze, die Einheit, das Unveränderliche und die Teile, Elemente, die Veränderungen denken müsse. Die Kontroverse lautet: Die Wirklichkeit kann als einheitlich und unveränderlich betrachtet werden. Und: Die Wirklichkeit lässt sich durch Veränderlichkeit und Dynamik beschreiben. Die sich daraus entwickelnde Lehre des Atomismus legte das Fundament für eine rationale Sicht der Wirklichkeit, in der die Gegensätze Unveränderlichkeit und Veränderlichkeit enthalten sind. Es geht um die zu Grunde liegende Frage: Wie lassen sich die Ordnung und das Gleichbleibende trotz der Veränderbarkeit und dem Wechsel erhalten? Diese Überlegungen waren kosmologisch begründet. 13
Diese Gedanken prägen die Diskussion über Gesundheit und Krankheit: Zum einen ist der Einzelne faktisch in den Kosmos eingebunden und seine Gesundheit ist Teil des Ganzen, das sein Leben und seinen Tod, und entsprechend auch seine Krankheit umschließt. Zum anderen aber ist der Einzelne analog zum Kosmos sozusagen sein eigener Demiurg, der in sich ruht und zugleich seine Veränderungen mitbestimmt und somit über seinen Zustand der Gesundheit oder Krankheit verfügt. 14
Diese Aspekte von Gesundheit und Krankheit gelten für die ganze Antike. Die Harmonie und die vernünftige Mischung der Gegensätze und das Eigenleben von Elementen. Auch Aristoteles, der Platons Ideen weiterentwickelte, spricht von Gesundheit als rechter Mitte und Gleichmass verschiedener Kräfte, 15 dem Höhepunkt des Wohlbefindens und der Leistungsfähigkeit. 16 Als er 384 v. Chr. geboren wurde, waren die Vorstellungen der Lehren des Arzt-Philosophen Alkmaion von Unteritalien und von Hippokrates im griechischen Kleinasien bereits zum allgemeinen Kulturgut geworden.
Die Gedanken der Antike und die Auffassungen des kosmologischen Modells wirken bis ins 16. Jahrhundert weiter. Dann wandeln sich die Begriffe Gesundheit und
13 Vgl. Schneider 2000, S. 24.
14 Vgl. Schneider 2000, S. 24.
15 Vgl. Aristoteles 1975, S. 14 ff.
16 Vgl. ebd., S. 5 ff.
1. Salutogenetischer Ansatz 10
Krankheit besonders unter dem Einfluss der zunehmenden Naturbeherrschung und der Erfahrung der geografischen Endlichkeit der Welt entscheidend. Die unscheinbar vorhandene Sicherheit gerät ins Wanken und muss mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln erhalten werden. Die symbolische Dimension der Krankheit, d.h. die Idee der Einbettung, die sich in der romantischen Naturphilosophie erhalten konnte, verkümmert immer mehr und es verfällt der Glaube an die „Welt-Gesundheit, oder besser: mit dem Zweifel, ob wir an der harmonisch geordneten Welt, bzw. der Natur noch Maß für unsere Gesundheit nehmen können, kommt der klare Gegensatz von Ge-sundheit und Krankheit ins Wanken“ 17 . In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wird in den deutschen Territorien der Mensch, seine Lebensweise und die Umwelt lediglich als ökonomischer Faktor und Objekt öffentlicher Verwaltungsaktivitäten begriffen und behandelt. Das Ende des 18. Jahrhunderts ist von der Vorstellung beherrscht, dass der gesunde Organismus den Rahmen für die Normalität abgibt. Dementsprechend werden Krankheiten pathologisiert und ausgegrenzt. 18 Auch in England und Frankreich ist der Staat unter dem Aspekt des Utilitarismus, der Ethik des zweckgerichteten Handelns im Sinne des Nutzens für die Gemeinschaft, an einer größtmöglichen Zahl gesunder und produktiver Untertanen interessiert. Die Arbeitskraft des Einzelnen stellt einen wichtigen Faktor für die Vergrößerung des nationalen Wohlstandes dar. Die Medizin spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle und orientiert sich trotz der Vielzahl medizinischer Systeme immer noch wesentlich am hippokratischen Modell der vier Körpersäfte. In die theoretischen Diskussionen fließen jedoch Gedanken der aufstrebenden Naturwissenschaften und der Philosophie ein.
Im 19. Jahrhundert schwindet der Einfluss der sanften hippokratischen Medizin endgültig. Mit der zunehmenden Technisierung können Krankheitserreger isoliert werden. Dies lässt die Vorstellung von der Krankheit als selbstständigem Wesen wieder anklingen. Die positivistische Medizin gewinnt an Boden. Virchows mikroskopische Untersuchungen zerlegen den Körper in seine kleinsten Bestandteile. Die Zellularpathologie setzt sich durch. Der Sieg über den Schmerz, die Herstellung künstlicher Blutleere und die Bakteriologie machen chirurgische Eingriffe möglich. Die Ge-
17 Holzhey1995, S. 3.
18 Vgl. Lammel 1996.
1. Salutogenetischer Ansatz 11
schichte der Bakteriologie gelangt 1882 mit Pasteur und Koch in der erfolgreichen Bekämpfung von Cholera und Tuberkulose zu ihrem Höhepunkt. Weitere Bazillen werden isoliert und damit bekämpft. Desinfektionsmaßnahmen und Hygiene gewinnen große Bedeutung. Die philosophischen Implikationen des ärztlichen Tuns treten in den Hintergrund. Der Arzt wird im schlimmsten Falle zum Techniker. 19
1.2.2 Stressoren und Widerstandsressourcen
Menschen werden im Leben immer wieder von äußeren Forderungen und Begegnungen berührt und müssen bestimmte Situationen meistern. Man spricht von psychosozialen Stressoren. Sie lösen im Menschen zunächst Gefühle von Unsicherheit aus, stören sein Gleichgewicht und erfordern zur Wiederherstellung „eine nichtautomatische und nicht unmittelbar verfügbare, energieverbrauchende Handlung“ 20 .
Dies muss allerdings im Zusammenhang mit Antonovskys Kritik am pathogenetischen Ansatz gesehen werden, nämlich seiner Kritik am Modell der Homöostase, dem er seine salutogenetische Idee und das Modell der Heterostase entgegenstellt. Es ist die Annahme der „Homöostase als Normalzustand, der Glaube, dass wenn nicht eine bestimmte Kombination bestimmter Umstände auftritt, Menschen nicht krank werden. [...] Ich dagegen gehe davon aus, dass Heterostase, Ungleichgewicht und Leid inhärente Bestandteile menschlicher Existenz sind, ebenso wie der Tod. [...] Der menschliche Organismus ist ein System und ist daher wie alle Systeme der Kraft der Entropie ausgeliefert“ 21 . Entropie im Sinne der Zunahme minderwertiger Energie, nämlich Wärme und zunehmende Unordnung, bedeutet für den Menschen Kampf im Strom des Lebens und schließlich seinen Tod. Homöostase und Heterostase könnten als die persönlichen, sicherlich meist unbewussten Auffassungen von Leben interpretiert werden. Ein Mensch, der von Ersterem ausgeht, wird mit Stressoren und Wider-standsressourcen anders umgehen als jemand, der sich innerlich der Heterostase verpflichtet weiß.
19 Vgl. Schneider 2000, S. 27.
20 Antonovsky 1979, S. 72.
21 Antonovsky, 1993, S. 6 ff.
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Frank Wiengarn, 2007, Angewandte Gesundheitsförderung in der Aus- und Weiterbildung unter Berücksichtung des salutogenetischen Ansatzes, München, GRIN Verlag GmbH
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