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Inhaltsverzeichnis
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1. Einleitung 3
2. Analyse der Dramaturgie von
„Gespenster - ein Familiendrama in drei Akten“ 4
2.1 Struktur des Dramentextes und Vorgeschichte der Dramenhandlung 4
2.2 Erster Akt: „Gespenster. Das Paar im Wintergarten - es ist wieder da“ 6
2.3 Zweiter Akt: „ ich glaube fast, wir sind allesamt Gespenster“ 8
2.4 Dritter Akt: „Mutter, gib mir die Sonne“ 10
2.5 Personenkonstellation: „Spiel und Gegenspiel“ 12
2.6 Fazit der dramaturgischen Analyse: „Geschlossene
und offene Form des Dramas“ 14
3. Schlussbetrachtung 17
4. Literaturverzeichnis 18
Fischer -Lichte, Erika: Geschichte des Dramas. 2 Von der Romantik bis zur Gegenwart. Tübingen
und Basel: A. Franke Verlag. 1999. S. 98.
Zitat aus einem Brief Ibsens an seinen norwegischen Zeitgenossen Björnsen im August 1882, in
dem er die „bürgerlich-patriarchalische Form der Familie“ für „bankrott“ erklärt
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1. Einleitung
Gegen die Saat der Lüge (der edelsten wie der gemeinsten), gegen menschliche Borniertheit und Eigensüchtigkeit […] gibt es keine Mittel und wird es nie eins geben, am allerwenigsten das der Liquidation durch Zeit. 1
Henrik Ibsens drittes Gesellschaftsdrama 2 „Gespenster“ (1881), anfangs vielfach zensiert oder gar verboten, evozierte nach seiner Veröffentlichung entrüstete Ablehnung, kontrovers geführte Kritik oder begeisterten Zuspruch. Neben der Thematisierung von damalig strikten Tabus wie Inzest, Euthanasie und Syphilis, demontiert der norwegische Autor in diesem Werk, was der Strömung des europäischen Naturalismus zuge-ordnet wird, den bürgerlichen „Mythos von der Familie als Ort und Hort der Humanität, an dem sich die Persönlichkeit des einzelnen Individuums ungehindert ausbilden und frei entfalten kann“ 3 und entblößt die Lüge als Grundstein unserer gesellschaftlichen, offiziellen Moral. „Gespenster“ kann durchaus als Indignationsstück verstanden werden, das an sein Publikum appelliert, sich gegen diese allgegenwärtige Heuchelei, Unfreiheit und Scheinheiligkeit zu empören 4 .
Das erkenntnisleitende Interesse dieser Arbeit ist die präzise inhaltliche, strukturelle und dramaturgische Analyse des Dramas. Die theoretische Grundlage bildet zum einen Gustav Freytags „Die Technik des Dramas“ 5 , zum anderen Volker Klotz’ „Ge- schlosseneund offene Form im Drama“ 6 , sowie die Einbeziehung des dramaturgischen Glossars aus Aristoteles’ „Poetik“ 7 .
Neben dem Darstellen der markantesten Interpretationsansätze und der Erörterung der genau aufeinander abgestimmten Figurenkonstellation, soll so gezielt die tektonische Raffinesse des Dramenaufbaus herausgestellt werden. Durch die dramatische Ökonomie des Erzählens und subtilen Verzögerungsmomenten innerhalb des Geschehens, so ge-
1 Torberg,Friedrich: Ibsen: Gespenster. In: Mensch, Maier, sagte der Lord. Kleines kritisches Welttheater. München: DTV. 1975. S. 181.
2 Mit „Stützen der Gesellschaft“ beginnt in Henrik Ibsens (1828-1906) Schaffen die „Epoche“ seiner
3 Fischer-Lichte, Erika: Geschichte des Dramas. 2 Von der Romantik bis zur Gegenwart. Tübingen und Basel: A. Franke Verlag. 1999. S. 109.
4 Vgl.: Rühling, Lutz: Triumph des Zeichens. In: Interpretationen Ibsens Dramen. Stuttgart: Reclam. 2005. S. 95.
5 Freytag, Gustav: Die Technik des Dramas. Berlin: Autorenhaus. 2003. S. 87-114. (nur 2. Kapitel: Der Bau des Dramas; Abschnitte „Spiel und Gegenspiel“ und „Fünf Teile und drei Stellen des Dramas“).
6 Klotz, Volker: Geschlossene und offene Form im Drama. München: Hanser. 1999. S. 45-66 und S. 120-148. (Beschränkung auf die Aspekte „Raum“ und „Personen“).
7 Aristoteles: Poetik. Ditzingen: Reclam. 2006.
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nannten Retardierungen, gelingt es Ibsen, den Leser zu fesseln und die Spannung noch weit über das Ende des Dramas hinaus zu führen. 2. Analyse der Dramaturgie von „Gespenster - Ein Familiendrama in drei Akten“
2.1 Struktur des Dramentextes und Vorgeschichte der Dramenhandlung
Die in diesem Dreiakter ausgebreitete Familiengeschichte der Alvings, mit all ihren Verflechtungen, umfasst einen Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren, was in einer konventionellen Spieldauer niemals zu erreichen wäre. Um diese episch anmutende, durchaus romantaugliche Hintergrundgeschichte zu dramatisieren, wählte Ibsen die Form des analytischen Enthüllungsdramas 8 . Die Handlung entwickelt sich nicht wie in einem synthetischen Drama im Stück selbst, sondern ist nahezu abgeschlossen, noch be-vor sich der Vorhang lüftet - alle relevanten Ereignisse sind bereits Vergangenheit, es gilt lediglich diese zu erklären und ihre Tragweite bis in die Gegenwart zu beleuchten. Die erzählerische Konzentriertheit spiegelt sich vor allem in der strengsten Einhaltung der drei aristotelischen Forderungen nach der Einheit von Handlung, Zeit und Ort wider. Das Geschehen vollzieht sich an nur einem einzigen düsteren Regentag in der westnorwegischen Provinz, fast ausschließlich in einem „geräumigen Gartenzimmer“ 9 auf dem Landsitz von Frau Helene Alving. Diese symbolische Beengtheit des Raumesdie Wahl des Schauplatzes entspricht dem Ort, an dem all das retrospektiv betrachtete Übel seinen Ursprung nahm - wird durch die extreme Reduktion der dramatis personae auf nur fünf Figuren unterstrichen. Der Verzicht auf alles Nebensächliche, sowie die Wahl der „modernen“ Alltagssprache vermittelt einen Eindruck des Wahrhaftigen -Ausdruck der poetischen Methode des Dichters auch für ein Großteil seines gesamten folgenden Schaffens 10 : „Photographische Zustandsbeschreibungen von Zeit und Gesellschaft, das Aufdecken von Schwächen und Mißständen [sic] wurde von nun an das Zentrum seines dramatischen Schaffens.“ 11 Die schnell voranschreitende Handlung entlarvt ausschließlich über den Dialog die exakt konstruierten Charakterzüge der Figuren und greift die zunächst verwobene Vorgeschichte auf, um retardierend die ausweglose Katastrophe anzukündigen. Dabei muss noch einmal explizit auf das Mittel der dramatischen Ökonomie in „Gespenster“ verwiesen werden:
Das Drama enthält kein Element - keine einzige Replik, kein einziges bühnenbildnerisches Detail -, das nicht funktional mit dem Thema des Stücks zu tun hat und darauf verweist. Alles ist bedeutsam, alles trägt bei zu einem großen Gesamtzusammenhang, jede Einzelheit erweist sich als not-
8 Vgl.:Rühling, Lutz: Triumph des Zeichens. In: Interpretationen Ibsens Dramen. Stuttgart: Reclam. 2005. S. 90.
9 Ibsen, Henrik: Gespenster. Stuttgart: Reclam. 1997. S. 5.
10 Vgl.: Rühling, Lutz: Triumph des Zeichens. In: Interpretationen Ibsens Dramen. Stuttgart: Reclam. 2005.S. 88.
11 Fischer-Lichte, Erika: Geschichte des Dramas. 2 Von der Romantik bis zur Gegenwart. Tübingen und Basel: A. Franke Verlag. 1999. S. 88.
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wendiges Element einer ausgeklügelten Konstruktionsmaschinerie, die am Ende mit unerbittlicher Konsequenz den Paukenschlag des Schlusses hervorbringt. 12 Von der Familie gedrängt, heiratete Helene rund 29 Jahren vor Eintritt der Dra-menhandlung den jungen Leutnant und späteren Kammerherrn Alving, der aufgrund seines Vermögens als „gute Partie“ galt - eine typische Geldheirat ohne emotionale Grundlage. Schon ein Jahr später sehnte sich die junge Frau, diesen unverzeihlichen Fehler realisierend, zu ihrer Jugendliebe, dem armen Pastor Manders, zurück: „Ich heiratete einen gefallenen Mann. Der Preis war ein ganzes Vermögen. 13 “ Manders jedoch züchtigte Helene und schickte sie zurück in die „Ehehölle“ 14 fernab der Stadt, der Freiheit und der Selbstverwirklichung. Trotz des zügellosen Lebens ihres Ehemanns erhielt Helene die Fassade der heilen Welt aufrecht und gebar dem Weiberhelden und Alkoholiker einen Sohn, nicht ahnend, dass der kleine Osvald bereits das tödliche, syphilitische Erbe des Kammerherrn in sich trug.
Jahre später musste Helene Zeuge des Verhältnisses des Stubenmädchens Johanne mit ihrem Mann im eigenen Haus werden, aus dem das Mädchen Regine resultierte. Doch anstatt die endgültige Trennung zu vollziehen und die Chance auf ihr persönliches Lebensglück wahrzunehmen, entschied sich Helene, abermals sich den amoralischen Konventionen der Gesellschaft unterwerfend, bei ihrem Ehemann zu bleiben. Sie gab den mittlerweile siebenjährigen Sohn in Pflege und überredete Johanne zu einer überstürzten Heirat mit dem verkrüppelten Tischler Engstrand. Ibsen spiegelt so die Alvingsche „Kaufehe“ auf tieferer sozialer Ebene 15 in der arrangierten Geldheirat des Dienstmädchens und des Tischlers, die sich lediglich in ihrer finanziellen Lukrativität unterscheidet. Von diesem Zeitpunkt an wurde Helene die eiserne Regentin im Hause Alving. Sie entmachtete ihren an den Folgen der Paralyse dahinsiechenden Ehemann und vermehrte durch eigene Tatkraft das Vermögen. Um den Schein der gutbürgerlichen Ehe zu wahren, begann sie mit der Konstruktion eines Lügengewebes. Helene stellte ihren Mann sogar in den Briefen an, den mittlerweile in Paris lebenden und als Künstler arbeitenden, Osvald als tugendhaften Vater dar, wodurch dieser in Ungewissheit über den Ursprung seines ererbten Leidens leben musste. Durch die Einrichtung des Kinderasyls „Hauptmann Alvings Gedenken“ will Helene nun zehn Jahre nach dem Tod ihres lasterhaften Gatten durch eine Feierlichkeit ein für alle mal mit ihrer Vergangenheit abschließen. Ibsen nimmt diesen Anlass als Ausgangspunkt, um alle Figuren in Rosenvold zusammenkommen zu lassen: Neben Osvald ist auch Pastor Manders angereist, um
12 Rühling, Lutz: Triumph des Zeichens. In: Interpretationen Ibsens Dramen. Stuttgart: Reclam. 2005. S. 89.
13 Ibsen, Henrik: Gespenster. Stuttgart: Reclam. 1997. S. 36.
14 Fischer-Lichte, Erika: Geschichte des Dramas. 2 Von der Romantik bis zur Gegenwart. Tübingen und Basel: A. Franke Verlag. 1999. S. 109.
15 Vgl.: Keel, Aldo: Ibsen für Eilige. Berlin: Aufbau Taschenbuch. 2006. S. 78.
Arbeit zitieren:
Michael Becker, 2008, Dramaturgie der geschlossenen Form - Henrik Ibsens „Gespenster“ , München, GRIN Verlag GmbH
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