Inhaltsverzeichnis
1. Darstellung. 4
1.1 Zur Aufgabenstellung 4
1.1.1. Zielsetzung der Arbeit 4
1.1.2. Architektur als Bedeutungsträger und Quelle. 7
1.2. Geschichte und Stand der Forschung 10
1.3. Aufgaben und Zielsetzungen der Jesuiten 15
1.3.1. Geistliche und pädagogische Aufgaben. 15
1.3.2. Engagement auf dem Gebiet der Kunst 18
1.4. Die konfessionelle Situation auf dem Gebiet der niederrheinischen Provinz nach 1555. 22
2. Gotik, Nachgotik und Barock: Tradition oder Programmatik ? 30
2.1. Zur Verbreitung gotischer und nachgotischer Kirchen in der niederrheinischen Provinz 30
2.1.1. Gotische Kirchen in der niederrheinischen Provinz und die Theorie der Adaption. 30
2.1.2. Nachgotische Kirchen in der niederrheinischen Provinz und ihre Bauherren. 34
2.2. Zur Genese jesuitischer Kirchbauten: Auswahl, Entscheidungsprozesse und Förderer. 37
2.3. Die Kirchen der Jesuiten in der niederrheinischen Provinz. 42
2.3.1 Die Kirche St. Peter in Münster. 42
2.3.2. St. Johann in Koblenz 44
2.3.3. Molsheim und St. Mariae Himmelfahrt in Köln. 45
2.3.4. St. Michael in Aachen. 49
2.3.5 St. Andreas in Düsseldorf 51
2.3.6. Coesfeld, Paderbom und Siegen 52
2.3.7. Die Gymnasialkirche in Bad Münstereifel 54
2.3.8. Die Namen-Jesu-Kirche in Bonn. 55
2.4. Herkunft und Verlauf der jesuitischen Nachgotik 57
2.5. Zum Verhältnis von Spätgotik und Nachgotik 62
2.6. Programmatische Aspekte der frühbarocken Bauteile 67
2.6.1. Adaption an den Straßenverlauf 67
2.6.2. Die Fassade. 68
2.6.3. Die Flankentürme von Köln und Bonn. 70
2.6.4. Weiträumigkeit des Mittelschiffs 73
2.6.5. Rhythmik der Lichtführung 76
2.6.6. Die Kanzel 77
2
2.6.7. Der Chor und der Altar 77
2.6.8. Der Triumphbogen im Inneren 79
2.6.9 Der Apostel-Zyklus 80
2.6.10. Die Beichtstühle. 81
3. Bewertung und Einordnung in die Epoche der Gegenreformation 83
3.1. Kunst im Dienst der Gegenreformation. 83
3.1.1. Architektur, bildende Künste und Kunsthandwerk 83
3.1.2. Nutzen und Wirkung von Kunst in Katechese, Liturgie und Frömmigkeit. 89
3.1.3. Gegenreformatorische Kunst als Verschmelzung des Raumes und ganzheitliches
Erfassen des Menschen. 92
3.2. Ergebnisse und Ausblick 97
3.2.1. Niederrheinische Jesuitenkirchen als Spiegel einer Krisen- und Reformzeit des
Katholizismus 97
3.2.2. Zur Verbindung von Gotik und Barock: Eklektizismus, Symbiose und architektonische
Sackgasse. 99
3.2.3. Zusammenfassung und Ausblick: Die niederrheinischen Jesuitenkirchen als Synthese
von historischer Bedingtheit, Tradition und Instrumentalisierung 101
4. Quellen und Literatur. 107
4.1 Quellen. 107
4.2. Literatur 107
3
1. Darstellung
1.1 . Zur Aufgabenstellung
1.1.1. Zielsetzung der Arbeit
Die große Epoche gotischer Architektur wird in der Regel zwischen der Mitte des 12. und dem Ende des 15. Jahrhunderts angesetzt. Dennoch ist die Gotik interessanterweise in Teilen Europas noch am Ende des 16. und von Beginn bis Ende des 17. Jahrhunderts lebendig, wo sich andernorts schon lange die Renaissance oder der Barock durchgesetzt hatten. Dieses Nach- oder Wiederaufleben gotischer Architektur ist besonders für die Jesuitenkirchen in der niederrheinischen 1 Provinz, zu der ab 1626 das Rheinland, Westfalen und Niedersachsen gehörten, symptomatisch.
Ziel der Arbeit ist es nun, zu untersuchen, ob diese nachgotischen 2 Kirchbauten der Jesuiten in der niederrheinischen Ordensprovinz ihre Erscheinung aus einer programmatischen Absicht heraus erhalten haben oder aus einer noch lebendigen gotischen Bautradition. Dabei wird zum einen der nachgotische Baustil auf eine programmatische Absicht hin zu untersuchen sein, da er erstens eines der wichtigsten verbindenden Elemente der niederrheinischen Jesuiten ist und zweitens immer wieder Auslöser für Spekulationen und Untersuchungen bezüglich möglicher programmatischer Verwendung durch die Jesuiten war.
Zum anderen aber sind die niederrheinischen Jesuitenkirchen wesentlich durch neue, dem Frühbarock angehörende Bauformen gekennzeichnet. Diese stehen in engem Zusammenhang mit der internationalen Entwicklung der Architektur und der Geschichte ihrer Entstehungszeit, die als Zeitalter der Gegenreformation bekannt ist. Somit sind also auch diese Teile der Jesuitenkirchen auf eine mögliche programmatische Verwendung durch die Jesuiten zu untersuchen.
1 Es wird sich zeigen, dass sich die Verbreitung nachgotischer Architektur nicht streng an die Grenzen der
Ordensprovinzen hält, zumal diese mit dem Wachstum des Ordens im Reich selbst mehrfach neu gezogen
worden sind. So ist die niederrheinische Provinz selbst erst ein Produkt des Jahres 1626. Vergleiche Koch,
Bd. 1, Sp. 409, s.v. Deutschland. Zu dieser Zeit standen sowohl die Molsheimer Kirche als auch St. Mariae
Himmelfahrt in Köln. Der Blick darf also nicht an den Grenzen der Ordensprovinz enden. Vielmehr ist die
organische Verbreitung des Phänomens Nachgotik über alle Landes- und Ordensgrenzen hinaus zu
beobachten. Zur Klärung der Herkunft der Nachgotik muss also auch zu den nachgotischen Kirchen in
Belgien, Luxemburg und Frankreich geschaut werden.
2 Die Terminologie ist -ebenso wie die Beurteilung des Phänomens -verschieden. Sie reicht von
„spätestgotisch" über „gotisierend" und „nachgotisch" bis hin zu „Mischung von Gotik und Renaissance". Zur
Terminologie vergleiche Hipp S. 12.Im Folgenden wird der Begriff „Nachgotik" bzw. „nachgotisch" benutzt,
da er weitgehend wertfrei ist und sich nur auf den Zeitraum nach der mittelalterlichen Blüte der Gotik
bezieht. Vergleiche hierzu auch Sutthoff, S. 2.
4
Zum Zweck dieser Untersuchung muss der Blick auch auf die wichtigsten Aufgabengebiete der Jesuiten gerichtet werden, um einen eventuellen Zusammenhang zwischen ihnen und programmatischer Architektur herzustellen. Hinzu kommt, dass das Handeln und der Kirchenbau der Jesuiten erst vor dem Hintergrund der historischen und konfessionellen Situation in der niederrheinischen Provinz transparent wird, so dass auch diese historische Situation berücksichtigt werden muss.
Unter Programmatik verstehen wir die bewusste und absichtliche Verwendung von Architektur, Architekturteilen oder Kunstwerken zur Durchsetzung oder Visualisierung gegenreformatorischer Zielsetzungen, wie sie besonders von den Jesuiten vertreten worden sind. Wenn die niederrheinischen Kirchen der Jesuiten programmatisch motiviert errichtet worden sind, so stellt sich die Frage nach dem Aussagewert dieser Architektur als historischer Quelle: Kann man von einem Zusammenhang zwischen katholischer Erneuerung ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und dem (Wiederauf-)Blühen gotischer Architektur sprechen? Ist die Gotik im Sinne eines romantisierenden Historismus von den Jesuiten instrumentalisiert worden, oder bieten vielmehr gotisierende Stilelemente die Möglichkeit, neu gestärkte theologische Glaubensfundamente in der Liturgie wirksam zu unterstützen?
Als eng verbunden mit der Frage der Nachgotik als Programm ist die Frage nach Tradition oder Neubelebung der Gotik zu sehen: Wenn es einen echten Bruch der gotischen Baukontinuität gegeben hat, so könnte die Nachgotik der Jesuiten als Wiederbelebung angesehen werden, was für eine programmatische Wiederaufnahme des Stils sprechen könnte. Wenn sich dagegen eine durchgehende gotische Bautradition beobachten lässt, so könnte dies das Argument der Wiederaufnahme gotischer Bauformen als programmatischer Maßnahme schwächen.
Bei der Untersuchung soll aber nicht primär versucht werden, einzelne Elemente aus dem Gesamtkunstwerk 3 Kirche herauszunehmen und zu dekodieren, um sie für die Geschichtswissenschaft lesbar zu machen, sondern vielmehr soll Architektur im historischen Kontext der Ereignisse auf eine zielgerichtete Funktion hin untersucht
3 Der Begriff 'Gesamtkunstwerk' ist für das Wesen der barocken Kunst von B. Euler-Rolle bestritten worden,
da es nicht das erklärte Ziel der großen Künstler der Zeit war, ein solches hervorzubringen. Dennoch trifft
der Begriff m.E. zu, da die Verschmelzung der Kunstgattungen zu genau dem führen, was der Begriff meint,
auch wenn der Begriff 'Gesamtkunstwerk' erst später unter einer anderen künstlerischen Zielsetzung
aufgekommen ist. Vergleiche Euler-Rolle, B., Kritisches zum Begriff „Gesamtkunstwerk" in Theorie und
Praxis, in: Pochat / Wagner, S. 365-374
5
werden, die die Menschen bewusst lenkt, religiös stimuliert und zusammenführt, so dass Architektur selbst zu einem geschichtsmächtigen Faktor wird. Im Einzelnen verfolgt die Arbeit dabei folgende Struktur:
Der erste Teil der Arbeit soll zeigen, inwieweit Architektur, aus sich selbst heraus oder gewollt, Quellenwert besitzen kann und nennt die wichtigsten Forschungsansätze zu dieser Frage. Die Schilderung der bedeutensten Aufgabengebiete der Jesuiten und ihrer Verdienste um die Kunst dient der Einordnung der folgenden Erkenntnisse über programmatische Architektur. Schließlich soll in wenigen Zügen die konfessionelle Situation auf dem Gebiet der Provinz geschildert werden, da nur dort programmatische Architektur sinnvoll ist, wo es eine Gruppe potentieller Rezipienten solcher Architektur gibt, die es zu erreichen und für den alten Glauben zu gewinnen gilt. Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der gotischen, nachgotischen und jesuitischen Bausubstanz auf dem Gebiet der Provinz, um eine richtige Einordnung und Einschätzung der Jesuitenkirchen zu gewähren. Zu diesem Zweck werden auch die bedingenden Faktoren des jesuitischen Kirchenbaus sowie die einzelnen Kirchen auf dem Gebiet der Provinz vorgestellt und die organische Entwicklung der jesuitischen Nachgotik erläutert.
Die Darstellung des Verhältnisses der Spätgotik zur Nachgotik dient der Beantwortung der Frage, ob die Nachgotik selbst programmatisch aufzufassen ist. Welche modernen barocken Elemente programmatische Funktion besitzen, zeigt der folgende Abschnitt. Im dritten Teil der Arbeit soll die programmatische Architektur der Jesuiten in das Gesamtbild der Kunst während der Epoche der Gegenreformation eingeordnet und wesentliche Elemente der Kunst dieser Zeit in ihren historischen Bedingungen aufgezeigt werden, so dass klar wird, wie sehr die Programmatik der Jesuiten teil dieser Epoche und ihrer Kunst war. Zum Schluss werden die Jesuitenkirchen im Ansatz auf ihren Aussagewert für den Historiker ausgewertet, die kunsthistorische Bedeutung der Verbindung von Gotik und Barock gewürdigt und eine synthetisierende Darstellung der wichtigsten bedingenden Faktoren für die spezifische gestalt dieser Kirchen gegeben. Hinzu kommt ein Ausblick auf wesentliche ungeklärte Fragen der Forschung und ein kritisches Resümee der Ergebnisse. Im Anhang werden die Quellen und die Literatur genannt sowie die für die Erkenntnis der Zusammenhänge notwendigen Abbildungen abgedruckt.
6
1.1.2. Architektur als Bedeutungsträger und Quelle
Kunstwerke und Architektur als Quelle anzusehen, ist noch immer ein ungewöhnliches Verfahren für Historiker. Der geschriebene oder gedruckte Buchstabe besitzt deutliche Priorität. Wenngleich er diese nie verlieren wird, so ist es doch wertvoll zu versuchen, vermehrt auch Sachüberreste als Quellen gleichsam zu lesen. Für gewöhnlich jedoch wird „die Kunstgeschichte vom Historiker außerordentlich häufig als Hilfswissenschaft“ 4 herangezogen, oder aber der „Historiker sieht Kunstwerke als Illustration politischer Geschichte [...].“ 5
Betrachtet man allerdings Kunstwerke und Architektur unter dem Gesichtspunkt ihres Aussagewertes über historische Zustände zur Zeit ihrer Entstehung, kommt der Ikonographie eine gewichtige Bedeutung zu: „Die Ikonographie wandelt sich in dem Moment von einer Hilfswissenschaft zu einer Hauptdisziplin [...].“ 6 Mit ihrer Hilfe vermag es der Historiker, nicht schriftliche Kunstwerke zum Sprechen zu bringen, ähnlich wie es von schriftlichen Quellen her bekannt ist.
Während der Kunsthistoriker Zusammenhänge zwischen einzelnen Kunstwerken, ihre stilistischen und wegweisenden Qualitäten kunsthistorischer Natur im Blick hat kann der Historiker über die ikonologische Bedeutung der Kunstwerke Rückschlüsse ziehen auf die Ziele, Machtansprüche oder Erfolge der Auftraggeber oder Bauherren, denn „Menschen, die unter anderen religiösen, sozialen und politischen Verhältnissen lebten, haben es [sc. das Kunstwerk] geschaffen; geschichtliche Bedingungen, die wir nur rekonstruieren können, haben es hervorgerufen und bewirkt, dass es überhaupt da ist. Von allen diesen vergangenen Verhältnissen ist etwas in das Kunstwerk eingegangen und sozusagen versteinert auf uns gekommen. Insofern ist das Kunstwerk eine erstrangige Quelle für die allgemeine Geschichte, nicht nur der politischen, sondern der Menschheitsgeschichte überhaupt." 7 Die Dekodierung eines Kunstwerkes wird, wenn nicht zum Ersatz, so zumindest doch zur Ergänzung einer schriftlichen Quelle und vermag darüber hinaus Sachverhalte mitzuteilen, über die die schriftliche Quelle schweigt. Dass das Kunstwerk dabei für den Historiker niemals isoliert ohne den gleichzeitigen Blick auf die schriftlichen Quellen gesehen werden kann, bedarf dabei beinahe keiner Erwähnung. Das Kunstwerk verrät seine Bedeutung erst im Zusammenhang mit den historischen Bedingungen seiner Zeit.
4 Brandt, S. 19.
5 Bandmann, S. 468.
6 Seippel, S. 44.
7 Bandmann, S. 454.
7
Eine Kirche wie Il Gesù in Rom bleibt ohne das Wissen um die Gegenreformation unverständlich, und umgekehrt bringt sie selbst anschaulich das neu gewonnene Kunst-und Glaubensverständnis nach dem Konzil von Trient zum Ausdruck, wird selbst zum Zeugnis eines neuen Selbstbewusstseins der katholischen Kirche und zum notwendigen Ergebnis neuer politischer und theologischer Ansichten einer Epoche. So verrät ein Kunstwerk und besonders ein Gebäude häufig mehr über seine Zeit, als es ursprünglich seitens des Künstlers intendiert war.
Architektur bietet sich im Gegensatz zur Malerei oder Skulptur von vorneherein aus mehreren Gründen besonders absichtlich als Träger von Bedeutung genutzt zu werden: Zum einen ist es die Größe an sich, die in besonderem Maß Raum bietet, programmatische Konzepte umzusetzen. Zum anderen gibt die Tatsache, dass Gebäude im Regelfall ein Inneres und Äußeres aufweisen, Gelegenheit, das künstlerisch umgesetzte Programm demonstrativ nach außen, zum Beispiel durch die Fassade, wie im Inneren durch die Raumwirkung zur Schau zu stellen. Die Jesuiten haben sich beider Möglichkeiten bedient, wie unten noch zu sehen sein wird.
Bei aller Vielfalt der Möglichkeiten, in Architektur programmatische Inhalte umzusetzen, sind Historiker wie Kunsthistoriker gehalten, nicht vorschnell in jedem Detail Programmatik zu sehen. So ist das häufige Auftreten romanisierender Türme an Kirchen der Jesuiten, wie in St. Mariae Himmelfahrt in Köln und der Namen-Jesu Kirche in Bonn, sehr wahrscheinlich nicht als Visualisierung des Wunsches zur Rückkehr zu vorreformatorischen Zuständen zu erklären. 8 Insofern ist das Maß an Erkenntnis, das Architektur als Quelle bieten kann, immer begrenzt und bedarf stets einer sehr sorgfältigen Prüfung.
Ferner ist es lohnenswert, nicht nur die Ikonographie bzw. Ikonologie zu bemühen, sondern ganz besonders auch auf die Entscheidungsprozesse, Auswahlverfahren und Standorte der jeweiligen Gebäude zu achten, d.h. solche Faktoren zu beachten, die nicht unmittelbar sichtbar sind.
Erst in der Summe aller möglichen Erkenntnisquellen, der schriftlichen, kontextuellen wie künstlerischen, kann die programmatische Ausrichtung von Architektur richtig eingeschätzt werden. 9 Grundlegend für die Problematik der Architektur als
8 Vergleiche auch die Krisentheorie Kirchbaums, S. 106. Sie erscheint jedoch ein wenig konstruiert.
9 Das Verdienst, Architektur als Bedeutungsträger als erster ausreichend gewürdigt zu haben, gebührt
hauptsächlich Günther Bandmann durch seine Veröffentlichung „Mittelalterliche Architektur als
Bedeutungsträger". Fortab blieb das Thema ständige Quelle für Diskussionen und Spekulationen. Eine
Zusammenfassung der neueren Forschungstendenzen zur Architektur als Bedeutungsträger bietet R. P.
Seippels Dissertation "Architektur und Interpretation“.
8
Bedeutungsträger ist der Gedanke, dass ein Gebäude niemals nur die Bestimmung für den einen Zweck verrät, für den es errichtet wurde. Auch die primitivste Hütte, die nur die elementarsten Bedürfnisse menschlichen Lebens, wie Schutz vor Kälte und Niederschlag, erfüllen soll, lässt Rückschlüsse zum Beispiel auf handwerkliche Fähigkeiten, vorhandenes Baumaterial und Ansprüche seiner Bewohner an den Bau zu. Wir können also festhalten, dass Architektur notwendig immer über den reinen Zweck hinaus weist. In zivilisatorisch höher stehenden Epochen bekommt der Bau über die reine Zweckerfüllung hinaus absichtlich symbolische Bedeutung zugemessen oder Attribute, die dem Betrachter oder Nutzer etwas über Anspruch oder Zielsetzung des Bauherren und damit seiner Zeit sagen.
Damit kann das Gebäude zur Manifestation. eines Programms werden. Diese symbolische Bedeutung kann auf verschiedenste Weise im Bau realisiert sein, wie zum Beispiel im Grundriss (Aachener Kaiserpfalz und Grabeskirche in Jerusalem), den Dimensionen (Palastaula in Trier), den Gewölben (Dom in Speyer), dem Bauschmuck und anderen Bauteilen.
Eine solche 'Ideologisierung von Architektur' erscheint auch bei den niederrheinischen Jesuitenkirchen als denkbar. Die Nachgotik als einen möglichen Teilbereich einer solchen Ideologisierung auf ihren programmatischen Charakter zu untersuchen, wird durch verschiedene Faktoren erschwert:
Erstens ist die Zahl der bedeutenden nachgotischen Kirchen im Vergleich zu den zeitgleich entstandenen Barockbauten, sehr begrenzt. 10 Zudem zeigt die Nachgotik nicht nur ein zeitliches nebeneinander sondern auch ein Zusammengehen mit der modernen, barocken 11 Formensprache, vor allem in den Fassaden, der Raumauffassung und in der Innenausstattung. Schließlich gibt es gleich mehrere Stränge geistlicher Bauherren, die sich während der Gegenreformation des gotischen Formenapparates bedienen. Hier sind neben den Jesuiten auch der Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn 12 und weitere Orden wie Franziskaner, Prämonstratenser und andere zu nennen. Hinzu kommen eine
10 Einen Überblick über die nachgotischen Kirchen in Deutschland und Europa gibt Kirschbaum, der
überhaupt als erster alle nachgotischen Kirchen in Europa in einer Untersuchung erfasst und verglichen hat.
Braun erfassten dagegen nur die nachgotischen Jesuitenkirchen, ohne die zum Verständnis der Nachgotik
notwendige Synopse aller nachgotischen Kirchen vorzunehmen.
11 Inwieweit der Terminus "Barock" zutreffend für die hier zu besprechenden Jesuitenkirchen ist, kann hier
nicht im Einzelnen dargelegt werden. Im Folgenden soll der Begriff „Barock" in allen seinen Verwendungen
nur als Hilfsbegriff für die zeittypischen und im 17. Jahrhundert aktuellen künstlerischen Erscheinungen
benutzt werden, da ein Kunstwerk niemals eine Emanation eines Begriffes war. Das gleiche gilt für die
übrigen Begriffe zur stilistischen Kennzeichnung, wie Romanik, Gotik etc.
12 Weitere Gruppen und einzelne Gebäude, die zur Nachgotik gehören, listet Kirschbaum auf. Kirschbaum,
S. 11-74.
9
Vielzahl von Pfarrkirchen in ganz Europa, die noch im späten 16. Jahrhundert gotisch errichtet werden.
Es stellt sich also die Frage, ob Nachgotik, wo sie Verbreitung gefunden hat, überall programmatischen Charakter besitzt oder nur partiell bzw. überhaupt nicht programmatisch aufgefasst werden darf. Dazu kommt der Fragekomplex, inwieweit in den Jesuitenkirchen der Provinz Einflüsse aus Rom oder regionale programmatische Vorstellungen Eingang gefunden haben.
1.2. Geschichte und Stand der Forschung
Die Geschichte der Forschung zur Programmatik der niederrheinischen Jesuitenkirchen wird zu weiten Teilen von der polemischen Auseinandersetzung zwischen den Jesuiten ablehnend gegenüberstehenden Kreisen auf der einen Seite und apologetischen Tendenzen, die in der Hauptsache von den Jesuiten selbst vertreten werden, auf der anderen Seite beherrscht. Hierbei wird gotische Baukunst im Zuge des erwachenden Nationalgefühls häufig auch ganz bewusst der Renaissance und dem römischkatholischen Barock als angeblich traditionell deutscher Stil gegenübergestellt. Dies gilt insbesondere für die Literatur des 19. Jahrhunderts. Die Auseinandersetzung zwischen den 'Traditionalisten' und 'Programmatikern' reicht bis weit in das 20. Jahrhundert. Es gilt also für neue Untersuchungen, diese im tieferen dogmatische Auseinandersetzung zu vermeiden und einen nüchternen Blick 'sine ira et studio' bei der Betrachtung der bisherigen Forschung und der Programmatik selbst, frei von Ressentiments oder Apologie gegenüber den Jesuiten, walten zu lassen.
Die Frage nach der Programmatik stellte sich interessanterweise für die Zeitgenossen nicht. Sie erscheint erst im 19. Jahrhundert. Es ist daher durchaus möglich, dass die programmatische Nutzung des gotischen Stils im 19. Jahrhundert im Sinne einer eigentlich deutschen Architektur (wie es zum Beispiel am Kölner Dom praktiziert wurde) überhaupt erst die Möglichkeit eröffnet hat, anzunehmen, dass auch schon die Jesuiten die Nachgotik programmatisch aufgefasst haben. Dies würde das Schweigen der Zeitgenossen des 17. Jahrhunderts bezüglich einer möglichen Programmatik nachgotischer Architektur erklären, das sich bis ins frühe 19. Jahrhundert erstreckt. 13
13 Vergleiche Hipp, S. 859-871.
10
Eine systematische Untersuchung der Jesuitenkirchen und der nachgotischen Architektur der Jesuiten hat erst mit J. Braun begonnen. 14 Er hat als erster alle Kirchen der Jesuiten in Westeuropa systematisch erfasst. 15 Allerdings steht auch Braun innerhalb der polemischen Auseinandersetzung um die Instrumentalisierung der Architektur und Kunst durch die Jesuiten. Dabei hat er mit Hilfe der nachgotischen Architektur nachgewiesen, dass es den sogenannten „Jesuitenstil" in der Architektur nicht gibt. 16 Hierunter verstand man eine besonders reich geschmückte Barockarchitektur der Jesuiten, wie sie beispielhaft in Il Gesù und S. Ignazio in Rom und St. Michael in München verwirklicht wurde. Deshalb wird in der Forschung immer wieder die Vermutung geäußert, die nachgotische Architektur der Jesuiten sei Instrument für den Glauben und damit Programm:
"Eine volle Hinwendung zur Annahme einer programmatischen Verwendung der Gotik durch die Gesellschaft Jesu im Sinne des 'Jesuitenstil'-Schemas scheint aber erst parallel zur Auflösung der Gleichung Jesuitenstil=Barock möglich gewesen zu sein." 17
Braun sieht die Nachgotik sowohl in der Tradition der hochmittelalterlichen Gotik, als auch programmatisch motiviert, wenn er sie als "noch auf dem Boden der Gotik stehend" 18 beurteilt:
"Sie handelten dabei ganz im Geiste ihrer Regeln, die da wollen, dass die Mitglieder des Ordens überall, wo sie wirken, sich allen anpassen, um allen alles zu werden [...] bestrebt, in aller Weise sich selbst dem nationalen Geiste und den Gepflogenheiten der ihnen zur Wirksamkeit übergebenen Länder in weiser Klugheit anzupassen.“ 19
Die nächste bedeutende Veröffentlichung zur Nachgotik ist Kirschbaums „Die deutsche Nachgotik". Er untersucht jedoch nicht nur die Nachgotik der Jesuiten sondern alle Stränge nachgotischer Architektur von 1500-1800. Auch Kirschbaum versteht die Nachgotik als in der Tradition der Gotik stehend:
14 Für die bis dahin nur oberflächlich betriebene Forschung zu diesem Bereich der Architektur vergleiche
Hipp, S. 6-45. (Im Folgenden beziehen sich die Zitate aus Hipp immer auf Bd. 1, sofern es nicht anders
angegeben wird.)
15 Vergleiche hierzu auch: Braun, Die belgischen Jesuitenkirchen.
16 Vergleiche den Aufsatz von Braun, Jesuitenstil.
17 Hipp, S. 43.
18 Braun, Die Kirchenbauten der deutsche Jesuiten, S. 2
19 Ebd., S. 268-269.
11
"Deutsche Nachgotik nennt sich die Arbeit und nimmt damit schon im Titel ein Resultat vorweg, insofern sie sich gegen die Auffassung der gotischen Nachzügler als einer Neugotik verwahrt.“ 20
Nachdem durch die Widerlegung der Existenz eines Jesuitenstils der Weg für ein Ausgreifen der Diskussion auf nachgotischen Kirchen als programmatische Kirchen frei geworden ist, meldeten sich gleich mehrere Stimmen zu Wort, die diese Ansicht vertraten. Als prominentester Vertreter ist hier G. Dehio zu nennen. Für ihn ist bei den Jesuiten „[...] die Baukunst nur Mittel zum Zweck, und er stellt sich seiner [sc. des Ordens] politischen und pädagogischen Einsichten ein glänzendes Zeugnis aus, wie er dies Mittel nach den wechselnden Umständen zu variieren verstand. Er machte die Wahrnehmung, deren Richtigkeit wir heute aus vielen Zeichen bestätigen können, dass die Deutschen auch in dieser vorgerückten Zeit ein eigentümliches Gefühlsverhältnis zum gotischen Stil bewahrt hatten: derselbe galt ihnen noch immer als der eigentlich sakrale Stil." 21
Für Dehio liegt also die Programmatik in der Adaption der als deutsch erachteten Gotik durch die Jesuiten. Auch hier schimmert wieder der alte Gegensatz von römischkatholischem Barock und, hier als auf die Jesuiten projizierte Vorstellung, deutscher Gotik durch. Hinzu tritt die Vermutung, dass in der Bevölkerung die Gotik noch immer als der eigentlich sakrale Stil angesehen wurde. 22
Eine ähnliche Ansicht vertritt auch Elisabeth Reiff für die Bauten des Julius Echter, die der rheinischen Jesuiten und die Bauten der Bischöfe von Münster und Paderborn. 23 Die nachgotische Architektur der Jesuiten erscheint vereinzelt noch an anderen Stellen als zumindest doch eventuell programmatisch motiviert, wie etwa bei H. Vogts und F. Mühlberg. 24 Auffällig ist, dass die Ansicht, die Jesuitenkirchen seien als nachgotische Kirchen programmatischer Natur, besonders oft in Werken vertreten wird, die die einzelnen Gebäude nur oberflächlich und in einem räumlich größeren Zusammenhang betrachten. 25 Auch K. J. Schmitz folgt dem Gedanken, dass das "intensive [...] Festhalten der Jesuiten an mittelalterlichen Architekturformen und·ihre Energie, mit der sie diese immer wieder durchsetzen, [...] zweifellos ein Gegenstück zu der
20 Kirschbaum, S. 3-4.
21 Dehio, S. 250.
22 Vergleiche hierzu Hipp, S. 49-58.
23 Vergleiche Reiff, S. 25 und passim. Hierfür spricht auch, dass nur die Kirchen, nicht aber die
Kolleggebäude in nachgotischen Formen errichtet wurden.
24 Vogts, S. 260 und Mühlberg, S.376.
25 Vergleiche auch Hipp, S.105 und S.109. Hier gibt Hipp überhaupt einen Überblick über die Verbreitung
der Annahme, die Nachgotik der Jesuiten sei programmatisch motiviert.
12
architektonischen Verwirklichung eines harten gegenreformatorischen Willens in den römischen Kirchen [ist]: nämlich die Absicht, das gläubige Volk auch durch den Kirchenraum an die Idee der kirchlichen Einheit zu fesseln;[...].“ 26 Dieser programmatischen Sichtweise nachgotischer Architektur gibt H. Hipp in seiner umfangreichen dreibändigen Dissertation nur sehr eingeschränkt Raum: "Die n a c h g o t i s c h e n Jesuitenkirchen sind programmatisch und spezifisch für den Orden, insofern sie sich als nachgotisch in die landesübliche deutsche Kirchenbauweise einordnen, getragen von Patriotismus und Anpassung. [...] Jesuitisch ist die moderne Wandpfeilerkirche, und jesuitisch ist die nachgotische Kirche. Beide sind in ihrer stilistischen Beschaffenheit nicht charakteristisch für den Orden oder gar auf ihn beschränkt, aber beide werden von spezifischen Möglichkeiten des Ordens getragen. Jesuitisch ist aber letzten Endes die Wahlmöglichkeit zwischen diesen Alternativen“ 27
Damit liegt für Hipp die Programmatik nicht in einem bewussten Rückgriff auf gotische Bauformen, um damit auf eine Zeit hinzuweisen, in der der katholische Glaube noch fest in der Bevölkerung verwurzelt war. Vielmehr speist sich der programmatische Charakter allein aus der Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Baustilen. Die Nachgotik der Jesuiten als Neugotik aufzufassen schließt er aus. 28 Das Phänomen der Nachgotik wird nach Hipp im Wesentlichen von drei Faktoren getragen:
1. dem Aufkommen eines Reichspatriotismus in Verbindung mit dem erstehenden Humanismus nördlich der Alpen
2. einer zu einem gewissen Teil noch bestehenden Tradition gotischer Handwerkskunst, besonders durch die Straßburger Bauhütte
3. dem partiell verbreiteten Gedanken, dass der gotische Baustil der eigentliche Kirchenbaustil sei. Abschließend lässt sich festhalten, dass Hipp zu den „Traditionalisten" zählt und dennoch einen gewissen programmatischen Spielraum für die Nachgotik der Jesuiten lässt, insofern sie aus einem Stilreservoir auswählen konnten. Dies wurde zudem
26 Schmitz, S. 86-87.
27 Hipp, S. 883. Vergleiche auch zum Patriotismus ebd. S. 853 .
28 Vergleiche ebd., S. 921 und S. 930.
13
begünstigt durch die Tatsache, dass sie in keinerlei Bautradition standen, wie zum Beispiel die hochmittelalterlichen Bettelorden. 29
In jüngerer Zeit hat sich L. Sutthoff mit dem Phänomen des Weiterlebens der Gotik in der Epoche des Barock beschäftigt, und er kommt zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen hinsichtlich der Motivation bei der Stilwahl und stützt zu weiten Teilen die Erkenntnisse von Hipp, dass nämlich die Nachgotik von den Zeitgenossen als selbstverständlich 30 aufgefasst wird. Eine programmatische Absicht hinter der „Gotik im Barock" gesteht er nur in sehr ausgewählten Einzelfällen zu, so bei den Kirchen der Echter-Gotik in Dettelbach und Münnerstadt in Franken. 31 Grundsätzlich sieht er aber hinter der Echter-Gotik keine gegenreformatorisch-programmatischen Absichten. Für die (nieder-)rheinischen Jesuitenkirchen folgt er der Theorie der Adaption an lokale Baustile. 32 Allerdings muss man sagen, dass er insgesamt dieser Gruppe von Kirchen nicht viel Raum zugesteht und dass daher viele wesentliche Punkte außer Acht bleiben. In der Reihe „Rheinische Kunststätten" schreibt W. Hansmann über die Kölner Jesuitenkirche:
"Die eigenwillige Verschmelzung von Stilelementen der Romanik, Gotik und des Frühbarock lässt sich allein stilgeschichtlich nicht befriedigend erklären. Verständlich wird sie, wenn man hierin eine gegenreformatorische Demonstration sieht: Durch das Zitat von historischen Bauformen soll die Kontinuität der einen katholischen Kirche in Erinnerung gerufen werden. Machtvoller kommt dieser Gedanke noch im Inneren zum Ausdruck.“ 33
Ebenso hat er auch der nachgotischen Architektur der Bonner Jesuitenkirche einen „demonstrativen Charakter" und „gegenreformatorischen Gedanken" zugesprochen. 34 Ähnlich äußert sich Nußbaum, der in der Nachgotik der niederrheinischen Jesuiten einen eindeutig programmatisch-gegenreformatorischen Zug sieht: "Immerhin aber gewinnt die Gotik bei den Jesuiten einen greifbar programmatischen Charakter. Dem Orden der Gegenreformation galt sie als ein
29 Die Jesuiten waren gezwungen, neue Kirchen zu bauen, wo sie nicht andere übernehmen konnten.
Daher mussten sie sich schöpferisch mit dem Kirchbau auseinandersetzen. Vergleiche hierzu auch Schmitz,
S. 16.
30 Vergleiche Hipp, S. 810-811.
31 Vergleiche Sutthoff, S. 34.
32 Vergleiche ebd., S. 39.
33 Hansmann in: Rheinische Kunststätten, S. 11
34 Hansmann, in: Passavanti, S. 49.
14
Baustil, in dem sich die katholische Glaubenseinheit der vorreformatorischen Kirche widerspiegelte, und um dessen Pflege man sich deshalb bemühte.“ 35 In dem Abschnitt „Bildende Kunst und Architektur" der „Kulturgeschichte christlicher Orden" spricht Falkner 36 von einer „Wiederaufnahme gotischer Formen“ 37 ohne jedoch näher auf das Phänomen Nachgotik einzugehen, nähert sich damit aber der Theorie der programmatischen Verwendung der Gotik. Erstaunlich an der gesamten bisherigen Forschung ist, dass, was die Jesuitenkirchen betrifft, stets nur die Nachgotik auf eine mögliche Programmatik hin untersucht wurde, kaum aber die modernen barocken Bauelemente, 38 was durchaus auch mit dem verspäteten Interesse der Forschung am Barock zu tun hat, die sich mit Wölfflin und Riegl überhaupt erst am Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte. Die frühbarocken Bauteile sollen jedoch in dieser Arbeit ganz wesentlich mitberücksichtigt werden.
1.3. Aufgaben und Zielsetzungen der Jesuiten
1.3.1. Geistliche und pädagogische Aufgaben
Fragt man nach Programmatik von Architektur, so muss man zunächst, um eine mögliche Programmatik zu verstehen, nach der grundsätzlichen geistigen Ausrichtung des Bauherren fragen, damit sein Denkgebäude erschlossen werden kann. Man nimmt damit also an, dass das errichtete Gebäude 'steinerne Emanation' eines 'Denkgebäudes' ist. Daher sollen hier die wichtigsten Aufgaben der Jesuiten dargestellt werden. Die „Societas Jesu" ist ein Orden, der der Tradition der vita activa angehört. Daraus folgt, dass die Ordensangehörigen keine „stabilitas loci" und kein Chorgebet kennen. Vielmehr sind die Ordensprovinzen, in die die Gesellschaft Jesu gegliedert ist, überzogen mit einem Netz von Kollegien, in denen je nur 12 - 15 Jesuiten gemeinsam leben. So wird das Erreichen der Menschen in der Welt für die Jesuiten besser ermöglicht, denn
35 Nußbaum, Deutsche Kirchenbaukunst der Gotik, S. 309. Die Meinung Nussbaums wird jedoch nicht klar,
da er auf S. 311 behauptet, dass dieser Bedeutungsgehalt der Nachgotik nicht zu kam und den
Zeitgenossen das Miteinander von Gotik und Barock vertraut war. Das widerspricht eindeutig der Aussage
von S. 309.
36 Falkner, in: Dinzelbacher / Hogg, S. 219-222. Darüber hinaus gibt der Abschnitt "Jesuiten" S. 204-241
eine gute Zusammenfassung der Geschichte und kulturellen Leistungen der Jesuiten insgesamt.
37 Ebd., S. 221.
38 Ansatzweise kommt die programmatische Nutzung der neuen Raumform bei Hipp
und Schmitz zur Sprache. Sie wird jedoch nicht systematisch auf ihre Möglichkeiten und Verwendungen
untersucht.
15
„Entsprechend seiner [d.h. des Ordens] Zielsetzung geht es bei allem, was Jesuiten unternehmen, um den Menschen und dessen Heil in umfassender Weise“ 39 . Zwei wesentliche Handlungsfelder bzw. Handlungsmuster beherrschen zu diesem Zweck die Arbeit der Jesuiten: 1. die Erziehung 40 und 2. die Adaption 41 an gegebene Verhältnisse vor Ort.
Mit der Erziehung „soll [dem Menschen] die Möglichkeit eröffnet werden, in wahrer Freiheit sein Leben gemäß seinem Schöpfungsauftrag zu gestalten“ 42 . Die Erziehung ist den Jesuiten also Mittel, für das Heil der Menschen zu sorgen, und sie steht damit im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Die Bedeutung der Erziehung kommt schon zu Beginn ihrer Tätigkeit in den Gründungsdokumenten zum Ausdruck, so in der päpstlichen Bulle zur Bestätigung des Ordens „Regimini militantis Ecclesiae" aus dem Jahr 1540. In ihr ist die „prima formula instituti" fast ganz im Wortlaut erhalten, die die Zielsetzungen der Jesuiten, von ihnen selbst formuliert, nennt. Darin heißt u.a. es zur Erziehung: „[...] Quicunque in Societate nostra [...] vult sub crucis vexillo Deo militare, [...] proponat sibi in animo se partem esse Societatis, [...] ut ad profectum animarum in vita et doctrina Christiana, et ad fidei propagationem per publicas praedicationes et verbi Dei ministerium, spiritualia exercitia et charitatis opera, et nominatim per puerum ac rudium in christianismo institutionem, ac Christifidelium in confessionibus audiendis spiritualem consolationem praecipue intendat; [...]" 43 . Hieraus wird die enge Verbindung von Predigt, Erziehung, spiritueller Begleitung und Bußpraxis sichtbar, die im Wirken der Jesuiten einen gemeinsamen unauflösbaren Corpus bilden.
Religiöse Erziehung (Exerzitien) und Bildung im Glauben (Predigt) gehen bei den Jesuiten Hand in Hand. Diese Verbindung von Bildung und Seelsorge zieht sich durch das gesamte Wirken der Jesuiten, die sich unter anderem in der Nutzung von Kirchbauten für Theaterstücke und - neben der Übernahme und den Neugründungen mehrerer anderer Universitäten 44 - der Gründung eigener Universitäten u.a. auch in Rom niederschlägt. 45 Die Erziehung von Jugendlichen aber sollte „der pastoralen Zielsetzung zu- bzw. untergeordnet sein. Von hierher folgerte fast zwingend eine Abstufung der
39 Falkner, in: Dinzelbacher / Hogg, S. 217.
40 Die Erziehung war jedoch anfänglich nicht die Hauptaufgabe der Jesuiten. Jakob Lainez hat sie erst 1556
dazu erhoben. Vergleiche Hengst, Jesuiten an Universitäten und Jesuitenuniversitäten, S. 65.
41 Koch spricht in diesem Zusammenhang von Akkomodation., Sp. 24-31 s. v. Akkomodation.
42 Falkner, in: Dinzelbacher / Hogg, S. 217.
43 MHSJ, Monumenta Ignatiana, s. 3, t.I., Monumenta constitutionum praevia, S. 26.
44 Zum Begriff der Jesuitenuniversität vergleiche Hengst, Jesuiten an Universitäten und
Jesuitenuniversitäten, S. 72-79.
45 Vergleiche Andresen / Denzler, S. 284, s. v. Jesuiten
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wissenschaftlichen Disziplinen nach ihrer pastoralen Nützlichkeit.“ 46 Zu den theologischen Kernfächern des Jesuitenstudiums zählten demnach scholastische Theologie, die Lektüre der heiligen Schrift und die sogenannte positive Theologie in Auswahl 47 . Die klare Gliederung des jesuitischen Bildungsbetriebes und die Tatsache, dass Erziehung und Bildung bei den Jesuiten einen so hohen Stellenwert besaßen, kann man als Equivalent einer noch zu zeigenden Übersichtlichkeit, klaren (wenngleich nicht schriftlich fixierten) Konzeptualität und didaktischen Ausrichtung des jesuitischen Kirchbaus ansehen. Hinzu kommt die Adaption an gegebene Verhältnisse vor Ort: Sie "“st wiederholt als eine der kennzeichnenden Eigentümlichkeiten der Gesellschaft Jesu vermerkt worden“ 48 und durchzieht ebenfalls alle Bereiche des Wirkens der Jesuiten, so auch die Erziehung. Hierzu gehört auch die Förderung der Muttersprache der jeweiligen Schüler und Studenten, was als Voraussetzung für die Inkulturation des Christentums galt. 49 Hengst zählt im einzelnen die weiteren Punkte auf, die für die Adaption von Bedeutung sind nämlich der für die Kolleggründung zu wählende Ort, die Größe eines Kollegs, die Verwendung von Büchern, Umfang und Dauer des Studiums. 50 Die Instrumentalisierung der Erziehung zum Zweck der Kräftigung im Glauben und die Bedeutung der Adaption lassen deutlich den „militärischen" Charakter des Ordens hervortreten, der so von der persönlichen Laufbahn des Ignatius als ehemaligem Soldaten geprägt worden ist.
Die Neigung zur Instrumentalisierung und Adaption ist für das hier zu behandelnde Thema insofern von Interesse, als eine Instrumentalisierung von Kunst und Architektur und die Adaption auch in architektonischer Hinsicht noch von Bedeutung sein werden, wenn man Adaption in einem weiteren Sinne als Volksnähe bezeichnet. Dazu tritt eine neue Betonung der Eucharistiefrömmigkeit: Nachdem die Transsubstantiation im Zuge der Reformation stark angezweifelt bzw. für nicht existent erklärt wurde bemühten sich die Jesuiten, ihr wieder besondere Aufmerksamkeit zu schenken, was ihnen durch die Beschlüsse des Trienter Konzils zur Eucharistie intellektuell ermöglicht wurde. Diese Wiederbelebung der Bedeutung der Eucharistie zeigt
46 Hengst, Jesuiten an Universitäten und Jesuitenuniversitäten, S. 57
47 Vergleiche ebd
48 Ebd., S.59. Zur Anpassung der Jesuiten an gegebene Verhältnisse vergeiche auch Hipp, S.837f
49 Vergleiche Falkner, in: Dinzelbacher / Hogg, S. 235. Interessant wäre in diesem Zusammenhang eine
systematische Untersuchung der Adaption der Jesuiten für alle Bereiche ihres Wirkens. Solche liegen
allenfalls zu Teilbereichen vor, wie zu dem sogenannten Ritenstreit, wo diese Frage in besonderer Prägnanz
zum Ausdruck kommt, und der Auseinandersetzung zwischen Jansenisten und Jesuiten bezüglich der
Kasuistik.
50 Vergleiche Hengst. Jesuiten an Universitäten und Jesuitenuniversitäten., S. 59.
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sich - wie noch zu sehen sein wird - gerade auch im Kirchenbau, freilich nicht durch die nachgotische Bauweise.
Eins der zentralen Aufgabengebiete der Jesuiten war das Spenden des Bußsakraments: „Ihre besondere Wertschätzung des Bußsakraments hing aber damit zusammen, dass sie in ihm eine Möglichkeit sahen, ein neues Leben zu beginnen;“ 51 Die Bedeutung des Bußsakraments zeigt sich auch deutlich im Kirchenbau der Jesuiten, wie noch zu zeigen sein wird. An diesem Sakrament wird die enge Verbindung von geistlichem Handeln und kirchlichem Bauen auf besondere Weise evident.
Ferner könnte das Wiederaufblühen der Scholastik 52 bei den Jesuiten enge Berührungspunkte zum (Wieder-)aufleben der Nachgotik haben. So könnte man geneigt sein, diese beiden Erscheinungen aus ein und derselben Wurzel zu erklären nämlich aus dem Willen, wieder vorreformatorische Zustände herzustellen. Dass die Scholastik der Jesuiten aber nichts mit der Nachgotik zu tun hat, wird noch zu zeigen sein, indem die ganz eigene Entwicklung der jesuitischen Nachgotik aufgezeigt werden wird
1.3.2. Engagement auf dem Gebiet der Kunst
Um zu prüfen, ob die Architektur der Jesuiten programmatisch motiviert ist, ist es notwendig, auch auf das übrige Kunstschaffen des Ordens zu blicken, um zu sehen, ob dort ebenfalls eine gewisse Programmatik zu finden ist und ob in jeder einzelnen künstlerischen Aktivität ein Reflex der übrigen kulturellen Leistungen erkennbar ist. Daher soll hier kurz das künstlerische Engagement der Jesuiten dargestellt werden. 53 Wenngleich künstlerisches Engagement für die Jesuiten nicht im Zentrum ihrer Tätigkeit stand, so sind sie dennoch auch auf diesem Gebiet überaus tätig gewesen: Der Einfluss auf die abendländische und transatlantische Architektur, den der Orden durch seine Mutterkirche Il Gesù im Bereich der Architektur ausgeübt hat, ist bekannt 54 und wird uns im Einzelnen später noch beschäftigen. Auch auf die Leistungen auf dem Gebiet der Malerei, wo vor allem das Fresko zu nennen ist, wird einzugehen sein. Der dritte große Bereich ihres künstlerischen Engagements betrifft das Theater. Hier wurde der Orden
51 O’ Malley, S. 164.
52 Ebd., S. 285-294.
53 Zu unterscheiden ist allerdings zwischen der künstlerischen Betätigung der Mitglieder des Ordens, den
Impulsen, die der Orden durch seine Aufträge, die er vergeben hat, indirekt auf die Kunst ausgeübt hat und
den Impulsen, die er selbst empfangen und in der Folge verbreitet hat.
54 W.Buchowiecki hat diesen Einfluss m. E. zu Unrecht bestritten und begründet dies u.a. mit den
nierrheinisch-nachgotischen Jesuitenkirchen, die aber eben doch soviel römisch-barockes in sich tragen,
wie noch zu sehen sein wird. Vergleiche Buchowiecki, S. 433-435.
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ungemein fruchtbar: Die Jesuiten beschränkten sich nicht auf eine Rezeption der bekannten klassischen Tragödien der Antike, sondern sie bildeten vielmehr ein eigenes Genus aus, das Jesuitendrama. 55 Die Aufführungen von Theaterstücken entwickelten sich zunächst aus dem Alltagsleben der Kollegien heraus und gewannen schnell an internationaler Bedeutung, bis diese Entwicklung schließlich in die der europäischen Oper einmündete. 56 Als wichtige Autoren seien vor allen anderen Jakob Gretser und Jakob Bidermann erwähnt, deren Dramen bleibende Bedeutung errangen. Die Themen für die Dramen wurden aus allen Bereichen der christlichen Kultur, der heidnischen, christlichen auch zeitgenössischen Geschichte gewählt 57 und waren insgesamt von erstaunlicher Bandbreite und einer reichen Vielfalt in der szenischen Umsetzung. Kennzeichnend für die Jesuitendramen waren zum einen ihre moralisierenden, bildenden und erbaulichen Tendenzen, zum anderen die Neigung zu prunkvollen Aufführungen. So stellt J. Koch ein Schauspiel in Köln wie folgt dar: „In Köln, wo die Unsicherheit der Lage und das Fehlen eines Gönners, der die Kosten bezahlte, festlichen Aufführungen nicht günstig waren, ging die Entwicklung langsam vor sich, bis unter J. M a s e n ein führendes Theater erstand. 1561 erschien ein Dialog von 2 Schülern [...]. 1568 hat der Dialog schon große Lebendigkeit, bewegt sich jedoch ganz in polemischen Gedanken, in dem ein Teufel auftritt, um die verlorenen Seelen der Irrgläubigen (Kalvinisten und Lutheraner) zu zeigen. Ihm folgen dann selige Engel, besonders der heilige Michael, die auf das Gute in der Kirche, aber auch auf deren Leiden hinweisen u. die Jugend zum Eifer im Glauben u. zur Frömmigkeit ermahnen.“ 58 Dies sei nur als ein Beispiel unter vielen aufgeführt. Ähnliche Themen und Inszenierungen zeigen sich in vielen der Jesuitendramen. Bei aller bereits erwähnter Vielfalt der Themen und der Umsetzung bleibt auch hier der pastorale Charakter des Jesuitendramas nicht verborgen. So kommt Falkner zu dem Urteil, dass das Jesuitendrama „zur katholischen Erneuerung nicht wenig beigetragen [hat]." 59
Schließlich mündete die Entwicklung jedoch in die gesamteuropäische Barockkultur ein, von der man m. E. sagen kann, dass sie eine gewisse Tendenz zur Synästhesie besaß, die in der noch zu besprechenden Verschmelzung der Kunst und des Raums zum Ausdruck kommt. In dieser Zeit sind zum ersten Mal Inszenierungen aufgeführt worden,
55 Eine Ausgabe der wichtigsten Jesuitendramen ist von E. Szarota erstellt worden.
56 Vergleiche Falkner, in: Dinzelbacher / Hogg, S. 212.
57 Vergleiche ebd., S. 223.
58 Koch, Sp. 1735, s. v. Theater.
59 Falkner, in: Dinzelbacher / Hogg, S. 223.
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wie sie in ihrer äußeren Erscheinung vergleichbar erst wieder im 19. Jahrhundert populär werden sollten. In diesen Zusammenhang gehört auch ein Phänomen, das in den übrigen kulturellen Leistungen der Jesuiten als Diskussionsthema der apologetischen und ordenskritischen Forscher immer wieder virulent wurde: die Neigung zu prunk- und prachtvoller Inszenierung und Ausstattung aller ihrer Aktivitäten. Wie das Phänomen der Adaption durchzieht diese Auseinandersetzung bis heute die Geschichte der Forschung. Was das Jesuitentheater betrifft, so zeichnet es sich durch reiche Kostümierung und Ausstattung und aufwendige Inszenierungen aus. J. Koch schildert eine Aufführung wie folgt:
„Die Darsteller, deren Zahl nicht selten denen eines Bühnenstückes gleichkam, erschienen ihren Rollen entsprechend kostümiert, z.B. als Engel, allegorische Figuren (Religion, Glaube, Hoffnung Liebe usw.), Heilige des alten und neuen Testaments." 60
Zu verschiedenen Aufführungen von Jesuitendramen schreibt er: „Ein Ereignis in der Geschichte des Theaters war 1575 das Drama 'Konstantin', das 1000 Darsteller auf die Bühne führte, darunter 400 Reiter in altrömischer Rüstung, die den Triumphwagen des Kaisers begleiteten. Noch großartiger gestaltete sich die Aufführung der 'Esther' 1577. Die prunkvollste Darstellung des 16. Jahrh. zu München war wohl 1597 das Schauspiel 'Der Triumph des hl. Michael', wozu der Komponist G. Victorin die Musik lieferte.“ 61
Was für das Theater gilt, gilt ebenso für den Kirchenbau. Hierfür gibt allein St. Mariae Himmelfahrt in Köln ein vielsagendes Zeugnis ab. Gerade nach den Bilderstürmereien in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ist eine solch drangvolle Enge des figuralen Ausstattungsprogramms bemerkenswert. Eng verbunden mit dem Theater der Jesuiten ist die Entwicklung der Oper und der polyphonen Musik: So hatten die Jesuiten 1568 in München Orlando di Lasso als Komponisten für das Stück „Samson" engagiert. 62 Diese Entwicklung war nicht selbstverständlich, wenn man sich vor Augen hält, dass die frühen Jesuiten sich mit der Akzeptanz von Musik im Gottesdienst sehr schwer getan haben. 63 Auf dem Gebiet der jesuitischen Kulturleistungen ist überall ein besonderes Maß an Prachtentfaltung zu bemerken, das aber erst im Kontext mit der sich ausbreitenden
60 Koch, Sp. 1734, s.v.Theater.
61 Ebd., Sp. 1736, s.v. Theater
62 Vergleiche ebd., S. 222.
63 Vergleiche O'Malley, S. 188-191. Wie die Jesuiten eine Wendung zur Musik durchgemacht haben, die
schließlich der Polyphonie mit zum Durchbruch verhalf, so ist es möglich, dass auch hinsichtlich der
bildenden Künste ein solcher Prozess beschritten worden ist, der allerdings noch nicht einer Untersuchung
unterzogen wurde.
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absolutistischen Herrschaftsform gerecht beurteilt werden kann. Diese Ausbreitung der Prachtentfaltung ist gerade im höfischen Zeremoniell zu konstatieren. Vor diesem Hintergrund wird auch die jesuitische Neigung zum Prunk transparent, denn seit der Gründung des Ordens haben sie immer enge Verbindung zu den Obrigkeiten des jeweiligen Territoriums unterhalten, in dem sie aktiv waren. Mit dieser Verbindung allein kann die Prachtentfaltung der Jesuitenkirchen allerdings nicht ausreichend erklärt werden kann, und vielleicht kann der Blick auf das Bildverständnis nach dem Tridentinum hier mehr erklären. Es erscheint in diesem Zusammenhang bemerkenswert, dass die Jesuiten in ihrer „ratio aedificiorum" (zit. in Hipp) eine Selbstbeschränkung zum Maßhalten zumindest für ihre Kollegien formuliert haben:
“Modus imponatur aedificiis domorum et collegiorum, quod in nobis est, ut sint ad habitandum, et officia nostra exercenda utilia, sana et fortia; in quibus tarnen paupertatis memores esse videamur. Unde nec.sumptuosa, nec curiosa. De ecclesiis tamen, nihil dictum est.“ 64
Wenn hier über die Kirchen nichts gesagt wird, so kann einer der Leitfaden jesuitischen Handelns, und zwar das 'ad maiorem Dei gloriam' hier helfen, diesen scheinbaren Widerspruch aufzulösen: Es steht in Übereinstimmung mit der „ratio aedificiorum", wenn die Bereiche, die unmittelbar das Leben der Jesuiten betreffen, bescheiden sind, ein Kirchbau aber 'ad maiorem Dei gloriam' reich geschmückt ist. Dies ist nicht nur nicht widersprüchlich, sondern vielmehr konsequent und steht in Übereinstimmung mit den geistlichen Zielen der Jesuiten.
Abschließend kann man festhalten, dass die Jesuiten sich in vielfacher Hinsicht der Künste bedienten, freilich nie um ihrer selbst Willen. Sie waren stets nur Mittel zum Zweck, d.h. dienten 'ad maiorem Dei gloriam' oder sollten schlicht den Betrachter zutiefst beeindrucken und versuchen, ihn von der Schönheit des Glaubens zu überzeugen, also gleichsam als Spiegel des Glaubens dienen. Die protestantische Kritik an der Prachtentfaltung zeigte jedoch, dass dieses Ziel oft nicht nur nicht erreicht wurde, sondern sogar ins Gegenteil umschlagen konnte. 65
64 Moisy, Les eglises des Jesuites de l'ancienne assistance de France, Rom 1958, S. 46, zitiert in: Hipp, S.
822 . Eine Übersetzung ebd. , Bd. 2, S. 1079, Fußnote 1666.
65 Vergleiche Hipp, S. 829-831.
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1.4. Die konfessionelle Situation auf dem Gebiet der niederrheinischen Provinz nach 1555
Ganz entscheidend für eine mögliche programmatische Ausrichtung jesuitischer Architektur ist die Untersuchung der konfessionellen Situation auf dem Gebiet der niederrheinischen Provinz, denn ein bedeutender Anlass auf konfessioneller Ebene muss für die Ausbildung programmatischer Architektur vorhanden gewesen sein. Zum ersten Mal nun seit dem Aufkommen der katharischen Gemeinden im Hochmittelalter, besonders auf dem Gebiet des Rheinlandes, hat sich im alten Reich nach der Reformation eine konfessionelle Vielfalt entwickelt. Die konfessionelle Situation dieser Zeit war im Reich hinsichtlich der Verbreitung und der verschiedenen reformatorischen Gruppierungen von sehr hoher Disparität. Man kann daher mit Recht das Gebiet des alten Reiches nach Abschluss des Augsburger Religionsfriedens einen 'religiösen Flickenteppich' nennen. Auch gegen den Grundsatz des Religionfriedens 'cuius regio, eius religio' waren die Territorien der Landesfürsten, Städte und Bistümer nicht konfessionell homogen. Vielmehr lebten verschiedene Konfessionen nahe zusammen:
„[...] gab es doch deutliche Nuancen der konfessionellen Geschlossenheit in Stadt und Land. Diese Unterschiede waren ihrerseits weniger durch Unterschiede der Konfessionen bestimmt als vielmehr durch verfassungspolitische Unterschiede im Verhältnis von Fürst und Ständen oder durch außenpolitische Rücksichten auf mächtige territoriale Nachbarn, mitunter auch durch wirtschaftliche Rücksichten etwa bei der Duldung solcher andersgläubiger Untertanen, auf deren Berufe man aus wirtschaftspolitischen Gründen nicht verzichten konnte oder wollte.[...]" 66 Dies führte dazu, „dass der Grad konfessioneller Vereinheitlichung und zugleich Durchformung vorerst oder auf Dauer bescheiden blieb; das galt insbesondere für einige Territorien im Nordwesten des Reiches [...].“ 67 Dabei war das Gebiet des heutigen Rheinlandes aus verschiedenen Gründen von besonders großer religiöser Zersplitterung geprägt. Hier zeigte sich „ein verschärfter konfessioneller Antagonismus auch auf der Regional-und Ortsebene. Die Beschwerde-und Prozessakten dieser Jahrzehnte sind voll von Streitigkeiten über die Ausübung des Religionsexerzitiums in den verschiedensten Städten und Gemeinden. Bemerkenswert ist dabei für den gesamten Niederrhein die Zähigkeit, mit der sich der Protestantismus, wo er erst einmal Fuß gefasst hatte und nicht mit spanischer Härte wieder ausgelöscht wurde,
66 Rabe, S. 655-656.
67 Ebd.
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