1. Zu Thema und Aufgabenstellung der Arbeit
Kurz und bündig fasste Margot Honecker hier zusammen, was fast vierzig Jahre die schulische Bildung und Erziehung in der DDR dominierte. Diese Maxime diente dabei nicht zuletzt der Erfüllung der Aufgabe, die sich die Gründungsväter der DDR selbst auf die Fahne geschrieben hatten: die Entwicklung und Realisierung eines gesellschaftlichen Novums - „die harmonische, die konfliktfreie Gesellschaft, die ‘politisch-moralische Einheit des Volkes’.“ 2 Um diese Idee Wirklichkeit werden zu lassen, war es unumgänglich, die Individuen in den Prozess der sich neu formierenden Gesellschaftsordnung einzubinden. Folglich lag der Ursprung für die Entwicklung eines solchen Erziehungskonzepts im Ursprung der DDR selbst.
Allerdings kommt man bei den Worten Margot Honeckers nicht umhin, diese mit dem Begriff der Ideologie in Beziehung zu setzen. Schließlich war für die schulische Bildung und Erziehung offiziell die marxistisch-leninistische Ideologie wegweisend, sodass während des gesamten Bestehens der DDR wiederholt auf die von Margot Honecker formulierte Leitidee verwiesen und energisch daran festgehalten wurde; sogar dann, wenn es eigentlich an der Zeit gewesen wäre, das Erziehungs- und Bildungskonzept umfassend zu reformieren. 3 Doch an die Stelle
1 Deja-Lolhöffel, Brigitte, Erziehung nach Plan. Schule und Ausbildung in der DDR, Berlin
1988, S. 44.
2 Müller, Maria Elisabeth, Zwischen Ritual und Alltag. Der Traum von einer sozialistischen
Persönlichkeit, (= Camus Forschung, Bd. 743), Frankfurt a. M. 1997, S. 24.
3 Die Entwicklung des Erziehungskonzepts lässt sich bei Müller, Zwischen Ritual und Alltag,
S. 29-37 sowie in Anlehnung an deren Ausführung bei Kwiatkowski-Celofiga, Tina, Erzie-
hung zur „allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeit“ und deren Folgen für den
Schulalltag, in: Barkleit, Gerhard/ Kwiatkowski-Celofiga, Tina (Hrsg.) Verfolgte Schüler-gebrochene Biographien. Zum Erziehungs- und Bildungssystem der DDR, (Sächsische Lan-
deszentrale für politische Bildung), Dresden 2008, S. 12-21 nachvollziehen.
2
von Reformen trat die Verschärfung der Indoktrinierung von Schülerinnen und Schülern. Als Paradebeispiel hierfür gilt in der gegenwärtigen Forschung die Einführung des Wehrunterrichts. Bei intensiver Auseinandersetzung mit der Thematik wird unmissverständlich deutlich, dass die Einführung dieses Unterrichts die politische Entwicklung der Heranwachsenden zunehmend beeinflussen sollte. Daher kommt man nicht umhin, nach der Notwendigkeit eines solchen Unterrichts zu fragen: Welche Umstände führten diese Entscheidung der DDR-Regierung herbei? Wie konnte die Einführung vor der Öffentlichkeit legitimiert werden? Welche Idee steckt hinter dem Konzept des Wehrunterrichts?
Das Ziel der vorliegenden Arbeit wird sein, ebendiesen Hintergründen des Wehrunterrichts auf den Grund zu gehen. Da der Vorgang der Etablierung der vormilitärischen Ausbildung als Unterrichtsfach nicht Hauptanliegen der Arbeit ist, wird in Kapitel 2 die Etablierung sowie die Praxis von Wehrerziehung und Wehrunterricht komprimiert dargestellt. Nach Erläuterung der historischen Vorgänge wird in Kapitel 3 die ideologische Idee hinter dem Konzept des Wehrunterrichts diskutiert. Zunächst wird die Übernahme der marxistisch-leninistischen Lehre im Schulwesen der DDR näher erläutert, die für das Erreichen des höchsten Erziehungsideals zuvorderst postuliert wurde. Im Anschluss daran wird ebendieses Erziehungsideal der DDR-Pädagogik vorgestellt, in dessen Charakterisierung die Ausbildung einer Wehrbereitschaft typisch war. Die Erläuterung des ideologischen Inhalts des Wehrunterrichts soll das dritte Kapitel beschließen. In Kapitel 4 werden die „inoffizielle“ Bedeutung der marxistisch-leninistischen Ideologie für die SED sowie die tatsächlichen Beweggründe für die Einführung des Wehrunterrichts als Schulfach diskutiert, bevor ein kurzes Resümee (Kap. 5) die Ergebnisse der Arbeit zusammenfasst.
2. Praxis des Wehrunterrichts
2.1 Die Wehrerziehung als Wegbereiter des Wehrunter‐ richts
Seit Mai 1955 wurde die Wehrerziehung aufgrund des vermeintlichen Bedürfnisses nach einer Volksarmee etabliert 4 und bald schon zu einer Art militärischer
4 Vgl. Koch, Michael, Der Wehrunterricht in den Ländern des Warschauer Paktes. Eine Unter-suchung im historischen und schulpolitischen Kontext unter besonderer Berücksichtigung der
3
Vorerziehung ausgebaut. Mit Beginn der 1960er Jahre griff die vormilitärische Ausbildung sogar auf den Freizeitbereich der Jugend über und nur eine Dekade später mussten neben Schülerinnen und Schülern auch Auszubildende die vormilitärische Ausbildung absolvieren. 5 Jugendliche, die das arbeitsfähige Alter erreicht hatten, wurden einer „Schieß- und Geländeausbildung“ 6 unterzogen.
Nach Einführung der Polytechnischen Oberschule wurde die „paramilitärische Gesellschaft für Sport und Technik“ 7 (GST) in das neue Klassensystem integriert. Dabei kam der GST insbesondere im Sportunterricht eine Sonderfunktion zu. Hier mussten systematisch militärische „Ordnungsübungen, Geländeläufe[…], Handgranatenziel und -weitwurf, Sturmbahnläufe[…], ein[…] spezielle[s] Schwimmtraining und andere[…] Übungen“ 8 absolviert werden. Die Jugendlichen sollten so eine ausreichend physische Leistungsfähigkeit für den Militärdienst entwickeln. Prinzipiell waren alle Lehrkräfte dazu angehalten, in ihren Unterrichtsfächern zur militärischen Ausbildung beizutragen. Besonders in den Fächern Gegenwartskunde und Sportunterricht war der physische und psychische Drill enorm. Aber auch andere Schulfächer trugen zur vormilitärischen Ausbildung bei. In den Naturwissenschaften bspw. galt es, eine „Grundlage für das Verständnis militärischer Fragen“ 9 zu schaffen. Zu diesem Zweck wurden im Fach Mathematik Geschossgeschwindigkeiten, Flugbahnen oder das Volumen von Waffen berechnet, in Physik die mechanischen Vorgänge während des Abfeuerns einer Waffe behandelt und im Fach Chemie Kernwaffen und chemische Kampfstoffe thematisiert. 10
UdSSR und der DDR (= Pädagogische Studien und Kritiken (PSK), Bd. 3), Jena 2006, S.
128.
5 Sachse, Christian, (Vor)militärische Ausbildung in der DDR. Geschichte, Struktur, Funktion
und anhaltende Bedeutung des Themas für die Entwicklung von Friedensbewusstsein im
Rahmen schulischer und außerschulischer Jugendbildung, in: Ministerium für Bildung, Ju-
gend und Sport des Landes Brandenburg (Hrsg.), In Linie angetreten. Die Volksbildung der
DDR in ausgewählten Kapiteln (= Geschichte, Struktur und Funktionsweise der DDR-
Volksbildung, Bd. 2), Berlin 1996, S. 249.
6 Koch, Wehrunterricht, S. 128.
7 Die GST war eine Massenorganisation, in der es den Jugendlichen möglich war, zahlreiche
Wehrsportarten auszuüben. Siehe hierzu: Deja-Lolhöffel, Erziehung nach Plan, S. 116.
8 Koch, Wehrunterricht, S. 132.
9 Vgl. Helwig, Gisela, »Unerbitterlicher Kampf gegen die Feinde des Fortschritts«. Zur Welt-
anschaulichen Erziehung in den Schulen der DDR, in: Helwig, Gisela, Schule in der DDR,
Köln 1988, S. 102.
10 Vgl. Margedant, Udo, „Bildungs- und Erziehungssystem der DDR - Funktion, Inhalte, In-
strumentalisierung, Freiräume“, in: Deutscher Bundestag (Hrsg.), Rolle und Bedeutung der
Ideologie, integrativer Faktoren und disziplinierender Praktiken in Staat und Gesellschaft der
DDR (= Materialien der Enquete - Kommission. „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen
der SED-Diktatur in Deutschland“, Bd. III/3), Baden-Baden 1995, S. 1515.
4
Die Wehrpropaganda war offensichtlich „integraler Bestandteil“ 11 der schulischen Ausbildung geworden und zog sich durch nahezu alle Schulfächer. Allerdings wurde ein solcher Drill von jungen Erwachsenen vom Zentralkomitee der SED weit unterschätzt. Aufgrund der massiven ideologischen Anforderungen und der theoretischen Vorbereitung auf den militärischen Waffendienst waren die Lerner schlichtweg überfordert, sodass die GST rasch wieder aus dem Schulsystem ver-schwand. 12 1967 wurde ein neues Konzept ausgearbeitet, das auf eine Steigerung der „sozialistischen Wehrmoral und Verteidigungsbereitschaft bei allen Schichten der Bevölkerung“ 13 abzielte und dabei die DDR-Jugend noch wesentlich stärker fokussierte. Bereits Ende der 1960er Jahre wurde das vormilitärische Ausbildungsprogramm an den Polytechnischen Oberschulen erweitert. Bspw. mussten alle Jugendlichen, die der Organisation der Thälmannpioniere angehörten, das Manöver „Schneeflocke“ 14 absolvieren. Auch in den Erweiterten Oberschulen fand in den Klassen 11 und 12 ein fakultativer Unterricht in Wehrerziehung statt. Dort wurde vornehmlich Wissen über Waffen, Techniken und Einsätze der NVA vermittelt. 15 Daneben wurden aber auch Patenschaften zwischen NVA-Einheiten und Schulen sowie auch Grenztruppen und Schulen geschlossen. 16
Mit der Einführung des Wehrunterrichts 1978 in das Schulsystem wurde die Wehrerziehung abgelöst. Wie zu ersehen fungierte die Wehrerziehung durchaus als Wegbereiter des Wehrunterrichts, der als die nächsthöhere Stufe des Militarisierungsprozesses des Schulwesens interpretiert werden kann.
2.2 Die praktische Umsetzung des Wehrunterrichts
Die Integration der Wehrerziehung in die Schulen diente als Vorbereitung der Jugendlichen auf den Wehrunterricht. Bereits während das Modell der vormilitärischen Erziehung praktiziert wurde, war die Einführung eines Wehrunterrichts
11 Helwig, »Unerbitterlicher Kampf gegen die Feinde des Fortschritts«, S. 103.
12 Vgl. Koch, Wehrunterricht, S. 133.
13 Ebd., S. 135.
14 Das Manöver Schneeflocke fand jährlich kurz vor den Winterferien statt. Darunter sind sich
Schieß- und Geländeübungen vorzustellen, die in Form von spielerischen Wettkämpfen aus-
getragen wurden. Siehe hierzu: Koch, Wehrunterricht, S. 138.
15 Vgl. Bunke, Florian, „Wir lernen und lehren im Geiste Lenins…“, Ziele, Methoden und
Wirksamkeit der politisch-ideologischen Erziehung in den Schulen der DDR, Oldenburg
2005, S. 68.
16 Vgl. Schmitt, Karl, Politische Erziehung in der DDR. Ziele, Methoden und Ergebnisse des po-
litischen Unterrichts an den allgemeinbildenden Schulen der DDR (= Geschichte. Politik. Stu-dien zur Didaktik, Bd. 2) Paderborn 1980, S. 97.
5
beschlossene Sache. Dieser Beschluss wurde jedoch lange Zeit streng geheim gehalten, da sich die DDR-Führung über die unweigerliche Empörung über den Wehrunterricht aufseiten der Bevölkerung durchaus im Klaren war. 17 Erst kurz vor Beginn des Schuljahres 1978/1979 wurde deshalb offiziell bekannt gegeben, dass mit dessen Beginn der Wehrunterricht fester Bestandteil des Lehrplans und damit des Unterrichtsgeschehens sein würde. 18
Durchgeführt wurde der Wehrunterricht in den Klassenstufen 9 und 10 der Polytechnischen Oberschulen. Dieser war in einen praktischen und einen theoretischen Teil gegliedert. Die Teilnahme am theoretischen Wehrunterricht sowie an den Wehrausbildungslagern war verpflichtend. 19
Der „wehrpolitisch-propagandistische Teil“ 20 der theoretischen Ausbildung umfasste je vier Doppelstunden zu „Fragen der sozialistischen Landesverteidigung“ 21 . An diesem Unterricht, der bis zum Beginn der Frühjahrsferien stattge-funden haben musste, nahmen Jungen und Mädchen gemeinsam teil. Thematischer Schwerpunkt waren die „Theorien und Teilelemente des Krieges und der Militärwissenschaft“ 22 , wie sie von Lenin, Marx und Engels verstanden wurden. Dabei wurden deren Theorien stets zu aktuellen globalen, politischen und gesellschaftlichen Ereignissen in Beziehung gesetzt, wobei hier die dichotome Unterteilung in gerechte und ungerechte Kriege maßgebend war. 23
Der praxisorientierte Teil des Wehrunterrichts fand in Lagern statt. Die Jungen mussten ein vierzehntägiges Wehrausbildungslager besuchen, 24 in welchem sie bspw. militärische Gelände-, Marsch- und Schießübungen ableisteten. Alle Mädchen und die Jungen, welche aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht am Wehrausbildungslager teilnehmen konnten, absolvierten den zwölftägigen Lehrgang für Zivilverteidigung. 25 In diesem Lehrgang erhielten die Lerner neben einer Sanitäts-
17 Vgl. Geißler, Gert/ Wiegmann, Ulrich, Pädagogik und Herrschaft in der DDR. Die parteili-
chen, geheimdienstlichen und vormilitärischen Erziehungsverhältnisse, Frankfurt a. M., Ber-
lin, Bern u. a. 1996, S. 262.
18 Vgl. Koch, Michael, Die Einführung des Wehrunterrichts in der DDR, Eisenach 2000, S. 33.
19 Vgl. Direktive des Ministers für Volksbildung zur Einführung und Gestaltung des Wehrun-
terrichts an den Oberschulen der DDR vom 1. Februar 1978 (Auszüge), in: Helwig, Gisela,
Schule in der DDR, Köln 1988, S. 205.
20 Koch, Einführung Wehrunterricht, S. 37.
21 Direktive zur Einführung des Wehrunterrichts, S. 205.
22 Koch, Einführung Wehrunterricht, S. 35.
23 Vgl. Ebd., S. 35.
24 Vgl. Geißler/Wiegmann, Pädagogik, S. 263.
25 Vgl. Ebd., S. 263.
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Jennifer Koch, 2010, Indoktrination von Jugendlichen im Schulsystem der DDR, München, GRIN Verlag GmbH
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