Inhalt
Einleitende Worte 3
Methodischer Aufbau 3
Was ist ein Trauma (klinisch)? 5
Trauma -Reaktivierung im Alter 7
Genese des Trauma-Begriffs 11
Die „Sequentielle Traumatisierung“ nach Hans Keilson 14
Ätiologie und gegenwärtige Konzepte der PTBS 16
Second -Generation-Problem/Transgenerationelle Weitergabe 18
„survivor syndrome“ und Überlebensschuld 26
Kollektive Extremtraumatisierung im Zuge des NS 28
Holocaust -Überlebende in Israel 32
Reaktionen der israelischen Gesellschaft zu den Überlebenden des Holocaust 33
Veränderte Motive in der psychologischen Forschung 36
Res ümierende Schlussbemerkung 39
Literatur 42
Einleitende Worte
„Naturgemäß befinden sich jene, die den Holocaust erfahren haben, heute ausnahmslos in fortgeschrittenem Alter. Dies erfordert eine Herangehensweise, die auf entsprechenden Kenntnissen über Erwachsenenentwicklung und Alter beruht.“ (Lomranz 2011: 227)
Hintergrund der vorliegenden Ausführungen ist die Veranstaltung „Entwicklung in den einzelnen Lebensabschnitten aus psychologischer Sicht“ und ein in diesem Rahmen erarbeitetes Referat zu „Ausgewählten Aspekten des Alters“. Im Anschluss an dieses entstand eine frühere Arbeit mit dem Schwerpunkt auf „Traumatisierung“ bzw. speziell dem Phänomen der „Re-Traumatisierung“ von „Kriegskindern“ im Alter. Vor allem ein Buch, Hartmut Radebolds: „Die dunklen Schatten unserer Vergangenheit. Hilfen für Kriegskinder im Alter“, (Radebold 2009) gab hierzu den Anstoß. Die dort genannten eindrucksvollen Beispiele von Reaktivierungen, d.h. des Wiederkehrens von Traumata bzw. seiner Symptome mitunter Jahrzehnte nach dem eigentlichen Erlebnis traumatischer Erfahrungen in früheren Phasen des Lebens und der Umstand, dass dieses Thema noch relativ unerforscht ist, führten zu der Entscheidung der Konkretisierung des Themas auf diese Aspekte. In der vorliegenden Arbeit wird daran angeknüpft werden, ohne den Inhalt und die Ergebnisse bezüglich der „Kriegskinder“ noch einmal genauer darlegen zu können. Was allgemeine Definitionen einer „Traumatisierung“ und der „Re-Aktivierung“ bzw. der „“Retraumatisierung“ betrifft, so werden diese dem Verständnis halber noch einmal detaillierter vorgestellt werden, weil sie auch für den vorliegenden Schwerpunkt grundlegend sind. Inhaltlich aber wird sich nun nicht mehr mit vornehmlich deutschen „Kriegskindern“ und möglichen post-traumatischen Spätfolgen im Alter befasst werden, sondern es soll der Blick auf die Opfer des Nationalsozialismus, größtenteils jüdische Überlebende des Holocaust, gerichtet werden. Hier stehen allgemein der Zusammenhang von „Holocaust und Trauma“ und speziell die ebenfalls etwaigen post-traumatischen Spätfolgen bei diesen Überlebenden, sowie möglicherweise auch bei deren Nachkommen, im Mittelpunkt.
Methodischer Aufbau
Zu diesem Zweck wird vorab versucht werden, die klinische Definition eines Traumas unter anderem anhand der anerkannten Diagnose-Kriterien in den Klassifikations-Handbüchern „ICD-10“ und „DSM-IV“ mit Blick auf den vorliegenden Schwerpunkt zu umreißen. Darauffolgend wird das Phänomen einer Re-Aktivierung von Traumata, speziell im
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fortgeschrittenen Alter, vorgestellt werden. Dabei handelt es sich um ein beobachtbares Phänomen, das eine verallgemeinernde klinische Beschreibung gestattet, weil es bei allen von (vor allem extremen) Traumatisierungen in jungen Lebensjahren betroffenen Menschen auftreten kann, unabhängig von der Spezifik der jeweils unterschiedlichen Erfahrungen und Kontexte, in denen das traumatisierende Erlebnis stattfand und somit auch bei deutschen „Kriegskindern“, wie auch bei Überlebenden von KZ-Aufenthalten oder Lagerhaft anzutreffen ist. Danach wird sich der präzisierten Fragestellung durch einen kurzen Abriss der geschichtlichen Genese des Trauma-Begriffs mit Schwerpunkt auf eventuelle Spätfolgen bei Kriegs- und Holocaustüberlebenden angenähert. Das Modell der „sequentiellen Traumatisierung“ nach Hans Keilson findet als einer der ersten und bedeutendsten Beiträge bezüglich möglicher Spätfolgen bei Schoah-Überlebenden vor einem allgemeineren Überblick gegenwärtiger Konzepte im Zusammenhang mit einer Ätiologie posttraumatischer Belastungsstörungen, Erwähnung. Um eine dem Umfang angemessene Eingrenzung des sich durch eine überaus große Anzahl an Literatur und Forschungsschwerpunkten auszeichnenden Themenkomplexes von „Holocaust und Trauma“ vorzunehmen, wird sich anschließend auf zwei ausgewählte Phänomene und empirisch/historische Untersuchungen mit Beispielcharakter eingeschränkt. Zu Beginn steht dabei als einer der zentralsten Punkte dieser Arbeit das „Second-Generation-Problem“, welches die Möglichkeit einer Weitergabe von traumatischen Inhalten an Außenstehende, vor allem an jüngere Familienangehörige, beschreibt. Im Zuge dessen, weil thematisch verkettet, schließt sich kurz eine Erwähnung des „survivor syndrome“, des Gefühls einer subjektiven „Überlebensschuld“, an. Als zweiter zentraler Punkt vorliegender Ausführungen wird den vorhergehenden, eher individualpsychologisch orientierten Ansätzen, ein Kontext mit gesellschaftlichsoziologischem Schwerpunkt gegenübergestellt, wie sich das Bewusstsein und der Umgang mit Überlebenden des Holocaust vor allem in Israel darstellt. Unterschieden wird dabei einmal zwischen Reaktionen der israelischen Gesellschaft und denen in der wissenschaftlichpsychologischen Forschung, als Vermittlerposition zwischen Gesellschaft und Trauma-Opfern. Die in diesem Spannungsfeld enthaltene Frage von Tätern und Opfern ist daher mit ergänzenden Bemerkungen zur spezifischen Extremtraumatisierung durch
nationalsozialistische Verfolgung vorangestellt. In einer kurzen, resümierenden Schlussbemerkung werden für den Gesamtzusammenhang wesentliche Ergebnisse herausgestellt und beispielhafte empirische Anwendungen skizzenhaft Erwähnung finden.
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Was ist ein Trauma (klinisch)?
„[…] [E]in Trauma, was seine Wirkung betrifft, [kann] in der Regel nur retrospektiv von seinen seelischen Folgen her definiert werden [...]. So beschreibt der Begriff Trauma ein Konzept, das ein äußeres Ereignis mit dessen spezifischen Folgen für die innere psychische Realität verknüpft.“ (Radebold 2009: 44)
Scheinen die unterschiedlichen Definitionen, beispielsweise in psychologischen Lexika 1 , auf den ersten Blick je nach Autor einigermaßen verschieden, so liegt doch allen seriösen Versuchen einer Definition mehr oder weniger die „offizielle“ klinisch-medizinische Version zu Grunde. Die beiden wichtigsten Klassifikationssysteme sind hierfür die internationale Klassifikation von Krankheiten „ICD-10“ sowie das US-amerikanische diagnostische und statistische Handbuch psychischer Krankheiten „DSM-IV-TR“. In beiden wird zwischen akuten Belastungsreaktionen („Acute Stress Disorder“) und posttraumatischen Belastungsstörungen („Posttraumatic Stress Disorder“) unterschieden. Um dem Umfang der vorliegenden Ausführungen gerecht zu werden, hier lediglich Auszüge der wichtigsten Eckpunkte der für die Fragestellung relevanten Bereiche beider Definitionen:
ICD-10:
F43.0: Akute Belastungsreaktion
- „Eine vorübergehende Störung, die sich bei einem psychisch nicht manifest gestörten Menschen als Reaktion auf eine außergewöhnliche physische oder psychische Belastung entwickelt, und die im allgemeinen innerhalb von Stunden oder Tagen abklingt. Die individuelle Vulnerabilität und die zur Verfügung stehenden Bewältigungsmechanismen (Coping-Strategien) spielen bei Auftreten und Schweregrad der akuten Belastungsreaktionen eine Rolle.“
- „Akut:
· Belastungsreaktion
· Krisenreaktion Kriegsneurose Krisenzustand Psychischer Schock“ F43.1 Posttraumatische Belastungsstörung
- „Diese entsteht als eine verzögerte oder protrahierte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. Prädisponierende Faktoren wie bestimmte, z.B. zwanghafte oder asthenische Persönlichkeitszüge oder neurotische Krankheiten in der Vorgeschichte können die Schwelle für die Entwicklung dieses Syndroms senken und seinen Verlauf erschweren, aber die letztgenannten Faktoren sind weder notwendig noch ausreichend, um das Auftreten der Störung zu erklären.“ F62.0. Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung
- „Eine andauernde, wenigstens über zwei Jahre bestehende Persönlichkeitsänderung kann einer Belastung katastrophalen Ausmaßes folgen. Die Belastung muß extrem sein, daß die Vulnerabilität der betreffenden Person
1 Zur Veranschaulichung siehe z.B. die Definitionen in Köck 1994: 728, Toman 1972: 597, oder Fischer 2005.
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als Erklärung für die tiefgreifende Auswirkung auf die Persönlichkeit nicht in Erwägung gezogen werden muß. Die Störung ist durch eine feindliche oder mißtrauische Haltung gegenüber der Welt, durch sozialen Rückzug, Gefühle der Leere oder Hoffnungslosigkeit, ein chronisches Gefühl der Anspannung wie bei ständigem Bedrohtsein und Entfremdungsgefühl, gekennzeichnet. Eine posttraumatische Belastungsstörung (F43.1) kann dieser Form der Persönlichkeitsänderung vorausgegangen sein. Persönlichkeitsänderungen nach:
· andauerndem Ausgesetztsein lebensbedrohlicher Situationen, etwa als Opfer von Terrorismus
· andauernder Gefangenschaft mit unmittelbarer Todesgefahr
· Folter
· Katastrophen
· Konzentrationslagererfahrungen“
(Zitiert nach http://www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10/htmlamtl/fr-icd.htm?gf40.htm, 25.02.2011)
DSM-IV-TR: 308.3 Acute Stress Disorder
- (identisch mit dem folgenden Zitat, bis auf Zusatz am Ende.) 309.81 Posttraumatic Stress Disorder
- „Die Person wurde mit einem traumatischen Ereignis konfrontiert, bei dem die beiden folgenden Kriterien vorhanden waren:
(1) Die Person erlebte, beobachtete oder war mit einem oder mehreren Ereignissen konfrontiert, die tatsächlichen oder drohenden Tod oder ernsthafte Verletzung oder eine Gefahr der körperlichen Unversehrtheit der eigenen Person oder anderen Personen beinhalteten.
(2) Die Reaktion der Person umfasste intensive Furcht, Hilflosigkeit oder Entsetzen. Beachte: bei Kindern kann sich dies auch auf aufgelöstes oder agitiertes Verhalten beziehen.“
(Zitiert nach http://www.krankenhausseelsorge-westfalen.de/konvent/material/Berning_Info_Trauma.pdf, 25.02.2011)
[Zu den Quellen der Originalversionen siehe Literaturverzeichnis.]
Laut der Klassifikation des ICD-10 wird zunächst eine „akute Belastungsreaktion“ festgestellt, bei der das entsprechende „Störungsbild“ bereits während oder kurz nach dem belastenden Ereignis auftritt. Es kann hierbei zu den verschiedensten Symptomen wie Gefühlslosigkeit, Amnesie, Derealisation etc. kommen. Die Dauer wird auf mindestens zwei Tage bis maximal vier Wochen eingegrenzt, wobei das Intensitätsmaximum nach etwa drei Tagen erreicht ist. Im Anschluss an diese Phase kann es nach einer nicht genau eingrenzbaren Latenzphase zur Entwicklung von Symptomen kommen, die auf die Entstehung einer posttraumatischen Belastungsstörung (im Folgenden: PTBS) hinweisen, ist es zuvor nicht gelungen, das belastende Ereignis irgendwie in die persönliche Lebensbiographie zu integrieren. Hierzu können bspw. Vermeidungsverhalten, Albträume, „Flash-Backs“, Verstimmungszustände oder die Unfähigkeit, die Ereignisse des Traumas zeitlich korrekt zu ordnen, zählen. (vgl. Friedmann 2004: 17f.)
Für die PTBS selbst sind in ICD-10 wie im DSM-IV verschiedene Risikofaktoren genannt; zu den subjektiven Faktoren zählen: Der Betroffene war in keiner Weise auf die Möglichkeit des
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Traumas vorbereitet, er erlebte durch das Trauma erstmals ein totales Ausgeliefert-Sein und die Unmöglichkeit, das Geschehen zu kontrollieren, er reagiert mit Schuldgefühlen und/oder während des Geschehens blieb Hilfe aus. Alexander Friedmann weist an diesem Punkt bereits darauf hin, „dass der zeitliche Abstand zwischen der Traumatisierung und dem Durchbrechen der Symptomatik der PTBS Jahrzehnte lang“ sein kann und das gerade das Schicksal „ehemaliger KZ-Häftlinge zeigt, dass viele posttraumatisch ein labiles Gleichgewicht aufbauen und ein - oberflächlich gesehen - einigermaßen normales Leben haben konnten, dass aber in ihrem höheren Alter ihre Abwehrkräfte zusammenbrachen und sich das Vollbild der PTBS bzw. des KZ-Syndroms in den Erlebensvordergrund schoben.“ (Friedmann 2004: 20) Dies als Vorgriff für die späteren Ausführungen, nun zur Seite der objektiven Risikofaktoren: Hier ist zunächst ein mögliches extremes Ausmaß von Dauer und Art des Traumas zu nennen, welches für niemanden ohne weiteres zu verarbeiten und psychisch kaum auszuhalten wäre. Hinzu kann u.a. die Kombination mit physischen Verletzungen, die Irreversibilität von Verlusten nahestehender Personen, ein Ausbleiben irgendwie gearteter materieller Entschädigung oder sozialer Fürsorge und/oder die ständige Erinnerung, bspw. durch einen fortgesetzten Aufenthalt im „Traumamilieu“, treten. All das kann sich unvorhersehbar potenzieren, wurden die das Trauma auslösenden Handlungen absichtlich herbeigeführt und handelt es sich nicht um Unfälle o.ä. (vgl. ebd.: 18ff.) Hartmut Radebold zu Folge zeigt sich in diesen offiziellen Definitionen das Problem der Vernachlässigung „[ä]tiologische[r] Zusammenhänge“, (Radebold 2009: 68) also der Untersuchung nicht immer diagnostisch zu fassender Krankheitsursachen, anstatt der strengen Symptomorientierung. (vgl.: ebd. ff.) Hierauf wird später, weniger bezüglich der Ursachen von Traumata (die sich im Falle von ehemaligen Lagerhäftlingen meist einfach empirisch nachweisen ließen), als vielmehr hinsichtlich der Frage, was inhaltlich bei einer möglichen Weitergabe traumatischer Erfahrungen, an z.B. Kinder, eigentlich weitergegeben wird, zurückzukommen sein.
Trauma-Reaktivierung im Alter
Eine akute traumatische Stress-Situation muss nicht zwangsläufig zur Ausbildung einer PTBS führen. Es besteht aber die Möglichkeit, dass Betroffene unter Umständen sogar Jahrzehnte nach dem eigentlichen Trauma eine sogenannte Trauma-Reaktivierung erleiden, wie nicht zuletzt die Ausführungen bzgl. der „Kriegskinder“ von Hartmut Radebold zeigen.
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Diese Reaktivierungen sind zunächst nur mit den begrifflichen und methodologischen Bezugsrahmen der PTBS zu fassen, wenn es sich auch streng genommen nicht um ein und dasselbe Phänomen handelt, so sind vor allem aus medizinisch-diagnostischer Sicht analoge Symptome zu beobachten. Zentral sind hierbei zwanghaft erlebte, eindringende Erinnerungsbilder, die durch ihren Charakter sog. „Flashbacks“ ähneln und den Eindruck erzeugen, die belastende Situation aus der Vergangenheit noch einmal zu durchleben. Daneben lassen sich diverse vegetative Erregungszustände, Vermeidungsreaktionen und Alpträume beobachten. (vgl. Heuft 1999: 227) Verallgemeinert können die unterschiedlichsten traumatischen Erfahrungen bei zuvor als „gesund“ geltenden Menschen zu einer PTBS führen, von sexuellem Missbrauch, Unfällen und Naturkatastrophen, über Erlebnisse im Kriegsdienst, politischer Verfolgung, bis zu „extremen Traumatisierungen wie KZ-Lagerhaft und Folter“. (ebd.) Der für die vorliegenden Ausführungen interessante Zusammenhang besteht darin, dass es wie bei den sogenannten „Kriegskindern“ zunächst zu einer weitestgehend Symptom-freien Phase im Leben der Betroffenen kommt und mitunter mit einem Abstand von 30 und mehr Jahren von dem traumatisierenden Ereignis eine Aktualisierung in der individuellen Psychodynamik stattfinden kann. In untenstehender Abbildung ist der Versuch einer schematischen Einteilung verschiedener Arten von Traumatisierungen und dem zeitlichen Auftreten ihrer Symptombildung unternommen worden. Des Weiteren wird in dem Schema nach Gereon Heuft eine Unterscheidung von „Retraumatisierung“ und „Trauma-Reaktivierung“ vorgenommen. In dem Buch von Hartmut Radebold wurde diese Unterscheidung nicht ausreichend differenziert. Sie soll hier noch Erwähnung finden, da sie eine evidente Plausibilität besitzt und einer differenzierteren und damit spezifischeren Betrachtung des Phänomens zuarbeitet.
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Wie die Abbildung verdeutlicht, können die zeitlichen Abstände zwischen Trauma und Symptom bei Kindheits-Traumata und Trauma-Reaktivierungen am größten sein. Beim Trauma in der Kindheit jedoch ist es auch nicht unüblich, dass entsprechende Symptome mehr oder weniger direkt auf das verstörende Ereignis folgen können. Diese können in die Persönlichkeitsstruktur des jungen Menschen integriert werden und in Folge dessen oft als „normal“ und zur späteren Persönlichkeit gehörend erachtet werden. Somit verbleiben sie in einer Art Latenz , bis eventuelle Beeinträchtigungen im späteren Lebenslauf, „z.B. schwerwiegende Beziehungsstörungen“ (ebd.) auf das verdrängte und/oder integrierte belastende Erlebnis verweisen. Es ist auch möglich, dass diese Beeinträchtigungen erstmals im jungen Erwachsenenalter, ohne entsprechende vorherige Symptome auftreten, oder sogar eine symptomfreie Gestaltung des weiteren Lebens bis ins höhere Erwachsenenalter gelingt. Die Definition der „Trauma-Reaktivierung“ erfüllt demgegenüber den Zweck, das Phänomen des Auftretens von Symptomen aufgrund einer Traumatisierung zumeist in der Jugendzeit ausschließlich nach einer sehr langen Latenzphase, mitunter erst im Pensions- und Rentenalter, begrifflich zu fassen. Der Unterschied zur „Retraumatisierung“ besteht nun darin, dass bei einer solchen ein zweites traumatisches Ereignis erlebt wird, wohingegen sich die Reaktivierung dadurch auszeichnet, z.B. durch Erinnerung, eine frühere Traumatisierung wach zu rufen und ausschließlich in der Erlebniswelt des Einzelnen zu aktualisieren. (vgl. ebd.)
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Arbeit zitieren:
Dominic Goebel, 2011, Extremtraumatisierung und ihre Folgen bei Überlebenden des Holocaust und deren Nachkommen, München, GRIN Verlag GmbH
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