Inhalt:
1.Einleitung
2.Die Polarisation der Aufmerksamkeit
2.1 Die Entdeckung Maria Montessoris
2.2 Die Beschreibung des Phänomens, Bedingungen und Folgen
3.Das Flow-Erlebnis
3.1 Die Entdeckung Mihalyi Csikszentmihalyis
3.2 Beschreibung des Flow-Erlebens, Bedingungen und Folgen
4. Die Zusammenschau
4.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Flow und Polarisation der
Aufmerksamkeit
4.2 Spielend Flow erlernen oder eine Erziehung zu Flow
Flow-Erleben bei Kindern - oder die Polarisation der Aufmerksamkeit als Erziehung zu Flow?
1. Einleitung
Beschäftigt man sich mit neueren Arbeiten des Motivationspsychologen Mihalyi Csikszentmihalyi zum Flow-Erleben , so wird man unweigerlich an das Phänomen errinnert, das die zentrale Entdeckung Maria Montessoris war - die Polarisation der Aufmerksamkeit. Montessori entdeckte Anfang dieses Jahrhunderts dieses Phänomen bei Kindern durch Beobachtung und erforschte seine Bedingungen ; dies wurde zur Basis ihrer berühmten Erziehungslehre. Csikszentmihalyi gelangte in den 60ger Jahren aus einer anderen fachlichen Richtung - der motivationspsychologischen - ebenfalls durch Beobachtung zu seiner eigenen Entdeckung - dem Flow-Erleben beim erwachsenen Menschen.
Er ging nicht, wie Montessori, der Frage der Erziehung von Kindern nach, sondern fragte nach der Motivation erwachsener Menschen Dinge mit höchster Konzentration und Ausdauer zu tun, durch die sie keine erkennbaren Vorteile erwarten konnten. So verschieden beide Ausgangsfragen sind, so ähnlich sind beide Beobachtungen und die daraus abgeleiteten Theorien der Erlebniszustände.
Im Folgenden soll zuerst jede Entdeckung für sich beschrieben werden, um danach einen Vergleich zu ermöglichen und beide zueinander in Beziehung zu setzen.
2. Die Polarisation der Aufmerksamkeit
2.1 Die Entdeckung Maria Montessoris
Maria Montessori (geb. 1870) studierte zuerst Medizin und wurde 1896 die erste Ärztin Italiens. In einer Assistentenstelle bekam sie erstmals Kontakt mit geistig behinderten Kindern und interessierte sich für die Studien der Arztpädagogen Itard und Seguin. Sie wurde Direktorin einer Geistig. Behinderten -Schule, führte dort Experimente mit sensomotorischen Materialien durch und entwickelte eine Methode zur Behandlung dieser Kinder, die grossen Erfolg hatte. 1902 begann sie ihr Zweitstudium im Fach Pädagogik und 1907 eröffnete sie das Kinderhaus (casa dei bambini) im römischen Elendsviertel San Lorenzo. Dort wandte sie ihre Prinzipien und einen Teil des von ihr entwickelten Materials auf die “normalen” Kinder an. Bei einem dieser ersten Versuche geschah folgendes: “ (...) ich beobachtete ein etwa dreijähriges Mädchen, das tief versunken war in der Beschäftigung mit einem Einsatzzylinderblock, aus dem es die kleinen Holzzylinder herauszog und wieder an ihre
Stelle steckte. Der Ausdruck des Mädchens zeugte von so intensiver Aufmerksamkeit, dass er für mich eine ausserordentliche Offenbarung war. Die Kinder hatten bisher noch nicht eine solche, auf einen Gegenstand fixierte Aufmerksamkeit gezeigt. Und da ich von der charakteristischen Unstetigkeit der Aufmerksamkeit des kleinen Kindes überzeugt war (...) wurde ich noch empfindlicher für dieses Phänomen. Zu Anfang beobachtete ich die Kleine, ohne sie zu stören, und begann zu zählen, wie oft sie die Übung wiederholte, aber dann, als ich sah, dass sie sehr lange damit fortfuhr, nahm ich das Stühlchen, auf dem sie sass, und stellte Stühlchen und Mädchen auf den Tisch; die Kleine sammelte schnell ihr Steckspiel auf (...) und fuhr mit der Arbeit fort. Da forderte ich alle Kinder auf zu singen; sie sangen, aber das Mädchen fuhr unbeirrt fort seine Übung zu wiederholen, auch nachdem das Lied beendet war. Ich hatte 44 Übungen gezählt; und als es endlich aufhörte, tat es dies unabhängig von den Anreizen der Umgebung (...); und das Mädchen schaute zufrieden um sich, als erwachte es aus einem tiefen Schlaf.” (Montessori, in Oswald und Schulz-Benisch (Hrsg.), 1976, S.70). Dieses Phänomen wiederholte sich auch bei anderen Kindern. Montessori sagt: “Es konnte also als eine beständige Reaktion festgestellt werden, die im Zusammenhang mit gewissen äusseren Bedingungen auftritt, die bestimmt werden können.” (ebd.,S.70). Sie nannte diese Reaktion, d.h. dieses typische, konzentrierte Wiederholen einer Übung bis zur selbstständigen Beendigung “Polarisation der Aufmerksamkeit”.
2.2 Die Beschreibung des Phänomens, Bedingungen und Folgen
Grundbedingung des Verständnisses von Montessoris Beobachtung ist ihre Beschreibung des “absorbierenden Geistes”. Nach Montessori hat das Kind eine noch mehr unbewusste Geistesform. Diese ist absorbierend, d.h. das Kind saugt Wissen unbewusst auf. Am deutlichsten wird dies am Beispiel des Spracherwerbs: das Kind lernt seine Muttersprache perfekt, ohne bewusst zu lernen, sprich etwas von z.B. Grammatik zu wissen. Solcherart gelernte Informationen werden im vitalen Gedächtnis, der sog. Mneme gespeichert und bleiben für alle Zeit fixiert. Zwischen 3 und 6 Jahren beginnt das Kind in zunehmendem Masse willentlich zu absorbieren. Mit diesem “absorbierenden Geist” ist das Kind von Natur aus zu einer spontanen, organischen Entwicklung fähig, es sucht die Entwicklung seiner latenten Kräfte und kann die Mittel dazu selbst finden.(vgl.ebd., S.71). Das heisst, der Mensch besitzt von Geburt an eine vom Unbewussten zum Bewussten strebende Kraft. In Analogie zur Biologie, wo ein dynamischer Aufbau und ein immanenter Bauplan schon von der Keimzelle her das Leben formt, sieht Montessori wie die Vitalkraft, verbunden mit der eigenen Tätigkeit eines Menschen, der Initiative seines Geistes, zur Bildung des Menschen führt.(vgl. Helmig, 1977, S.61). Dies bedeutet, dass das Kind einen “inneren Hunger” nach der richtigen geistigen Nahrung hat. Um diesen zu befriedigen muss ihm die
freie Wahl der Tätigkeit gelassen werden. “ Das Kind wird zu dieser Art der Aktivität (der
Polarisation der Aufmerksamkeit - d. A. ) offensichtlich durch einen ursprünglichen, inneren Impuls, fast durch ein unbestimmtes Gefühl inneren Hungers, bewegt; und es ist diese impulsive Befriedigung dieses Hungers, die dann das Bewusstsein des Kindes auf diesen bestimmten Gegenstand lenkt (...).” ( Montessori, in Oswald und Schulz-Benisch (Hrsg.), 1976, S.145).Für das Zustandekommen der Konzentration ist also die freie Wahl der Arbeit oder Übung durch das Kind entscheidend (vgl. Helmig, 1977, S.61). Montessori erkennt allerdings den wichtigen Unterschied zwischen Freiheit und Vernachlässigung. Deswegen ist neben der grossen Bedeutung der Freiheit der spontanen Entwicklung des Kindes das Vorhandensein der geistigen Nahrung und seine Beschaffenheit ebenso wichtig. Dies wird realisiert durch die Vorbereitung der Umgebung und die von Montessori selbst entwickelten Materialien. “ Die Umgebung muss also Mittel zur Selgsterziehung enthalten. (...) Wie die Linsen eines Physikers nach den Gesetzen der Lichtbrechung hergestellt werden, so muss das pädagogische Instrument gemäss den psychischen Äusserungen des Kindes aufgebaut sein.” ( Montessori, in Oswald und Schulz-Benisch (Hrsg.), 1976, S.74). Montessori stellte verschiedene “sensible Phasen”, z.B. für Sprache, Ordnung, Bewegung , für kleine Gegenstände und für die Verfeinerung der Sinne fest. Für alle diese Bedürfnisse entwickelte sie Materialien, aus denen jedes Kind frei wählen konnte. So kann ein Entwicklungshilfsmittel idealerweise so gewählt werden, dass eine wirkliche Übereinstimmung zwischen den inneren Bedürfnissen und den Anregungen gegeben ist (vgl. ebd., S.82).
Diese Mittel sind die “ Leiter, deren Stufen die Seele bei ihrem Aufstieg führen.” und “ Die Konstruktion der aufsteigenden Leiter (...) erweitert sich immer mehr; wie ein umgekehrter Kegel, dessen Scheitelpunkt die Anfänge des psychischen Lebens selbst berührt und sich auf den ursprünglichen Impuls stützt, der das zweieinhalbjährige Kind zu Sinnesreizen führt (...). Und während der Kegel sich erweitert, wird er mit den wachsenden psychischen Bedürfnissen des Kindes immer komplizierter und schliesst in sich die Grundlagen der Kultur.” (ebd., S.85). Dies bedeutet, dass sowohl Bedürfnisse, wie auch Anforderungen stetig steigen und komplexer werden und damit wird das Phänomen der Polarisation der Aufmerksamkeit immer wieder von neuem möglich und es wächst der innere Aufbau des Kindes, die Organisation der Persönlichkeit mit.
Zwei weitere wichtige Merkmale des Materials, bzw. der Umgebung müssen noch erwähnt werden. Nämlich zuerst die Fehlerkontrolle, d.h. das Material, mit dem das Kind arbeitet muss in sich die Möglichkeit der Fehlerkontrolle enthalten, damit die Aufmerksamkeit gebunden bleibt. Dies bedeutet, wenn z.B. bei dem erwähnten Zylindersteckspiel ein Zylinder übrigbleibt oder nicht passt, erkennt das Kind den Fehler sofort, es löst das Problem und interessiert sich so immer mehr und versucht es aufs Neue. (vgl.ebd., S.145). Es erlebt einen Erfolg, eine Weiterentwicklung.
Arbeit zitieren:
M.A. Astrid Berger, 1998, Flow-Erleben bei Kindern. Die Polarisation der Aufmerksamkeit als Erziehung zu Flow, München, GRIN Verlag GmbH
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