2. Das Stereotyp „Islam contra Abendland“
Allzuoft werden von Kulturkampftheoretikern „der Islam“ und „die westliche Welt“ bzw. „das Abendland“ einander feindlich gegenübergestellt: zwei unversöhnliche Kontrahenten, die man auch räumlich gut voneinander absondern könne. Dabei wird gerne übersehen, daß Muslime schon sehr lange mitten im Abendland und als ein Teil des Westens gelebt haben. Geflissentlich wird ignoriert, daß lange vor der Welle der Migration von Muslimen seit den 60er Jahren an den Rändern Europas - von den Tataren im Osten und Norden über die Bosniaken (seit 1389) bis hin nach Sizilien (9.-13. Jhdt.) und schließlich zur iberischen Halbinsel - jahrhundertelang Muslime gelebt haben und noch heute leben. Gerade Andalusien ist auch ein Inbegriff dafür, daß Muslime keine Fremdkörper, sondern ein Teil Europas sind. Europäer sein und Muslimsein ist kein Widerspruch.
Hauptteil
3. Andalusien - der Mythos vom „Goldenen Zeitalter“ Vor genau 150 Jahren starb Washington Irving (1859). Die Bücher des amerikanischen Autors sind heute Kultbücher. Sie markieren - nach einigen Vorläufern zur Zeit der Aufklärung und Romantik (in Deutschland: Herder) - die Geburtsstunde des modernen Mythos vom toleranten Miteinander der abrahamischen Religionen. 1829 veröffentlichte Irving, der selber abenteuerliche Reisen in Andalusien unternahm, eine Chronik der Eroberung Granadas 1492 („A Chronicle of the Conquest of Granada“). Auch gab er eine Sammlung von Kurzgeschichten rund um al-hambra = „die Rötliche“ heraus („Tales of the Alhambra“), die man noch heute kaufen kann. In diesen Werken verurteilte Irving die Barbarei der christlichen Eroberer gegenüber der Hochkultur der Mauren.
Fast 800 Jahre lang, so der Mythos, gab es in Spanien unter islamischer Oberherrschaft eine relativ friedliche, tolerante und vor allem kulturschöpferische convivencia von Juden, Christen und Muslimen. Sie nahm ihren Anfang im Jahre 710, als die ersten Araber von Nordafrika aus südspanischen Boden betraten und bald darauf in Córdoba ein Kalifat etablierten, das 300 Jahre dauerte und eine der schönsten Moscheen der Welt hervorbrachte, die man noch heute besichtigen kann. Der Lebensstandard, die Bildung, die Kunst, die Musik, die städtische Infrastruktur, die Wissenschaft, die Philosophie, Medizin und Astronomie waren in dieser Zeit nirgendwo in ganz Europa so hoch entwickelt wie in Andalusien.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist dieses Andalusien zu einer Art Gegenmythos zu Jerusalem geworden. Gilt die Heilige Stadt und der Nahe Osten insgesamt als ein Ort, als eine Region permanenter Streitigkeiten und Kriege zwischen Juden, Christen und Muslime, so avancierte Andalusien zum Hort einer einmaligen und vorbildlichen Symbiose dieser drei Glaubensrichtungen. Verehrer und Verfechter dieses Mythos finden sich bei Musikern (Musikgruppe VOX, Daniel Barenboim und sein West-Östliches Divan Orchester), Dichtern (Heine, Rilke, Federico García Lorca, der 1936 in Córdoba geb. Antonio Gala: Die Handschrift von Granada) und
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Wissenschaftlern: vom Islamkundler und Theologen William Montgomery Watt (gest. 2006) über den Politologen Claus Leggewie (Alhambra - Der Islam im Westen 1993) bis zu den Romanisten María Rosa Menocal (Die Palme im Westen 2003) und Georg Bossong (2005, 2007). 1 Oder denken Sie an, nein hören Sie das 1983 produzierte Hörspiel des Süddeutschen Rundfunks „Cordoba oder Die Kunst des Badens“ - ein genial vertontes Plädoyer für Toleranz. Es wurde 1984 ausgezeichnet als das „Hörspiel des Jahrzehnts“. „Andalusien“ oder „Alhambra“ ist heute ein Symbol, eine Marke, ein Inbegriff für Kulturverständigung, die Harmonie zwischen den Religionen. 1492, mit dem Fall Granadas, fand die Ära von Andalusien ihr Ende. Doch „Tote leben länger“. Andalusien lebt und ist lebendiger als je zuvor, wie ich am Schluß zeigen möchte.
4. Entmythologisierung des „Goldenen Zeitalters“
Die Frage ist: taugt Andalusien als Modell für die Begegnung der Religionen heute? Historisch und theologisch bin ich der Meinung: Andalusien war zwar ein Schmelztiegel der Kulturen, Völker, Sprachen, Sitten und Religionen. Doch taugt diese Ära nur sehr beschränkt als Vorbild für den interreligiösen Dialog heute. Eine gewisse Berechtigung dafür, daß an diesem Mythos historisch etwas dran ist, mögen die rund 150 Jahre sein von 929 (als das Kalifat von Córdoba unter 'Abd ar-Rahman III., gest. 961, beginnt) bis 1085, als Toledo an die Christen fällt. In dieser Zeit mag es durchaus goldene Zustände gegeben haben. Doch die letzten 15 Jahre des 11. Jahrhunderts markieren eine entscheidende Zäsur in der Geschichte der Beziehungen zwischen Christen und Muslimen: sowohl global als auch regional in Spanien. Denn nun beginnt die Ära der Fanatiker und Heiligen Krieger auf beiden Seiten: „Kreuzzug gegen Djihad, dies ist in der Tat die kurze Formel, auf die sich die Europäisierung des (sc. spanischen) Christentums und die Afrikanisierung des (sc. andalusischen) Islam bringen läßt. Von gegenseitiger Duldung ist nicht mehr die Rede; die Religionen stehen sich in einem Kamüf auf Leben und Tod gegenüber.“ 2 Von dieser 150jährigen relativ goldenen Phase abgesehen, waren die drei Religionen die weit überwiegende Zeit der 800 Jahre gesellschaftlich, sozial und politisch nicht gleichberechtigt. Immer gab eine Religion den Ton an und die beiden anderen wurden mehr oder weniger geduldet und eben auch unterdrückt und verfolgt. Der dem Mythos vom Goldenen Zeitalter dienende Ausdruck convivencia wird von heutigen Historikern m.W. überwiegend vermieden; sie sprechen sachlicher von der coexistencia von Juden, Christen und Muslimen. Toleranz im Sinne der Akzeptanz der Vielfalt und der Gleichberechtigung der Religionen ist eine Errungenschaft der Moderne und war im Mittelalter kein gesellschaftlich anerkannter Wert, allenfalls eine individuelle Tugend weitherziger Menschen mit philosophischer oder mystischer Prägung. Das sog. „Goldene Zeitalter von Andalusien“ war zwar in mancher Hinsicht vorübergehend golden, aber es war zugleich und vor allem ein sehr blutiges Zeitalter.
1 Vgl. auch Blas Infante, der „Vater Andalusiens“, mit dem 1919 von ihm initiierten Manifiesto Andalucista de Córdoba (im Internet:
http://es.wikisource.org/wiki/Manifiesto_Andalucista_de_C%C3%B3rdoba_de_1919:_01).
2 Georg Bossong, Das maurische Spanien. Geschichte und Kultur, München 2007, S. 44.
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5. Toleranz und Intoleranz im muslimischen Herrschaftsgebiet María Rosa Menocal spricht in ihrem Lobgesang auf Andalusien von „einer komplexen Kultur der Toleranz“, die eine „Kultur der Widersprüche“ gewesen sei. 3 Ich stimme ihr zu, nur würde ich es anders formulieren. Die skizzierte Ambivalenz der Heiligen Schriften konkretisierte sich in der faktischen Ambivalenz von Toleranz und Intoleranz sowohl unter muslimischer als auch unter christlicher Herrschaft. In diesem Sinne kann man etwas drastisch sagen: Andalusien war ein „Land, wo Blut und Honig floss“ (Eugen Sorg).
Im muslimischen Herrschaftsraum Andalusiens galten Juden und Christen als dhimmîs, „Schutzbefohlene“. Dazu muß man wissen: die vom Koran begründete Religionspolitik unterscheidet zwischen drei Kategorien von Menschen: 1. Gläubigen (= muslimun), 2. Andersgläubigen (= ahl al-kitab: Buchbesitzer), und 3. Gottesleugnern bzw. Heiden (= mushrikun oder kafirun). Juden und Christen galten theologisch mithin nicht als Heiden oder Ungläubige, wie vielfach falsch behauptet wird, sondern als Andersgläubige. Darum wurden sie politisch und rechtlich als Bürger zweiter Klasse behandelt, mit gewissen Pflichten (z.B. Sonderabgaben wie die Kopfsteuer, Kleiderordnung, in eigenen Stadtvierteln leben) und auch Rechten: der Religionsfreiheit (allerdings meist ohne die Möglichkeit der öffentlichen Religionsausübung, z.B. Prozessionen, Glockengeläut), religiöse Selbstverwaltung, Befreiung von der Sozialabgabe (zakat) und vom Militärdienst. Hinzu kommt ein weiterer theologischer Grundsatz, der für die Religionspolitik wichtig wurde, nämlich Sure 2,256: la-ikraha fi-d-din (Kein Zwang in der Religion)! Von dieser relativ toleranten Religionspolitik profitierten besonders die Juden. Die islamische Oberherrschaft führte zu einer „Glanzzeit der jüdischen Gemeinden und Kultur in Al-Andalus.“ 4
Als jedoch nach dem Verlust von Toledo 1085 an die Christen die Mauren zunehmend in Bedrängnis gerieten, riefen sie zur militärischen Unterstützung nacheinander zwei später rivalisierende Berber-Dynastien aus dem heutigen Marokko zu Hilfe. Diese konnten zwar die Christen vorläufig aufhalten, doch war es mit der einigermaßen toleranten Religionspolitik der Mauren bald zu Ende. Die 250jährige Ära der Almoraviden und dann der Almohaden war in jeder Hinsicht kämpferisch: militärisch wie theologisch. Dies trifft vor allem auf die Almohaden (1146-1269) zu - die „Bekenner der Einheit (Gottes)“. Dies war eine puritanische Sekte, heute würde man sagen: eine islamistische Gruppierung, die den wahren Islam und das nahe Ende der Welt predigte. Die militante Umsetzung solcher Auffassungen bekamen nicht nur Juden und Christen zu spüren, sondern auch Muslime selbst. 5 Viele Gelehrte sind der Meinung, daß nicht allein die Reconquista, sondern auch die beiden Berber-Dynastien
3 Die Palme im Westen. Muslime, Juden und Christen im alten Andalusien, Berlin 2003, S. 24. 44 Mikel de Epalza, Jesus zwischen Juden, Christen und Muslimen. Interreligiöses Zusammenleben auf der Iberischen Halbinsel (6.-17. Jahrhundert), Frankfurt/M. 2002, S. 226.
5 Den Mauren erging es mit den nordafrikanischen Puritanern so ähnlich, wie seit den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts den Bosniaken mit den Wahhabiten aus Saudi-Arabien: die rechtgläubigen Hilfstruppen aus dem Süden sind der Meinung, ihren bedrängten Brüdern in Europa erst einmal den wahren Islam beizubringen und alle Ungläubigen zu bekämpfen.
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letztendlich zum „Zusammenbruch der muslimischen Herrschaft in Spanien“ führten. 6 Der bekannte, in Córdoba geborene Schriftsteller Antonio Gala urteilt: die weltoffene, tolerante Form des andalusischen Islams „wurde durch die Ankunft der afrikanischen Almoraviden zerstört, die zu rufen man wegen der christlichen Angriffe gezwungen war. Diese Ankunft war der Beginn des Niedergangs Andalusiens und der Anfang des orthodoxen Dogmatismus, Feind der Schönheit und der Wissenschaft.“ 7 Ich nenne zwei Beispiele für die Feindschaft der Wissenschaft gegenüber. Im Mittelalter gab es drei berühmte rationalistische Theologen, die in ihrer Religion die anderen Gelehrten wie Leuchttürme überragten und bis heute zu den größten Gelehrten überhaupt zählen. Sie alle haben ihre Religion interpretiert unter maßgeblichem Rückgriff auf Aristoteles und so versucht, eine Versöhnung zwischen Vernunft und Offenbarung, zwischen Philosophie und Theologie herzustellen. Zwei dieser drei Leuchttürme stammen aus Andalusien: der Rabbiner Moshe ben Maimon alias Moses Maimonides (gest. 1204 in Kairo) und der Muslim Ibn Rushd alias Averroës (gest. 1198 in Marrakesch). Der dritte ist der Christ Thomas von Aquin (gest. 1274 in Fossanova, Italien).
Maimonides gilt bis heute als einer der größten Rabbiner in der Geschichte des Judentums. Seine Ehrennamen lauten „der zweite Mose“ oder „Adler der Synagoge“. Juden nennen ihn „Rambam“, so das Anagramm nach seinem Namen Rabbi Moshe ben Maimon. 50 Jahre nach dem Fall Toledos wird Maimonides 1135 in Córdoba geboren. Dort gab es die größte jüdische Gemeinde (aljama) Spaniens. Das Geistesleben der Stadt stand in voller Blüte - es herrschte eine Art „Protorenaissance“. 8 Zweisprachig - arabisch und hebräisch - wächst Maimonides auf. Fast alle seine Schriften verfaßt er später in arabischer Sprache mit hebräischen Lettern. Maimonides studierte nicht allein religiöse Schriften, um Rabbiner zu werden, sondern auch Medizin. Die Almohaden zerstörten in Córdoba und anderswo viele Kirchen und Synagogen. Juden und Christen stehen vor der Frage: Zwangsbekehrung oder Auswanderung. 1159, als Maimonides 24 Jahre war, verläßt seine Familie Andalusien. Er kehrt nie wieder zurück. Später wird Maimonides Leibarzt von Sultan Saladin in Kairo. Jehonatan Grünfeld (Goethe-Universität Frankfurt/M.) urteilt zusammenfassend über das Leben des Maimonides: „Die Lebensbedingungen für Juden im mittelalterlichen Spanien werden in der Literatur des Öfteren als ‚Das Goldene Zeitalter’ bezeichnet. Die Lebenswege des Mosche ben Maimon könnten kaum stärker in Kontrast zu dieser Bezeichnung stehen.“ Das andere Beispiel für Intoleranz der Wissenschaft gegenüber ist der zweite Leuchtturm: Ibn Rushd alias Averroës. Er und Maimonides sind fast so etwas wie religiöse und philosophische Zwillingsbrüder. Neun Jahre vor Maimonides wurde Averroës 1126 ebenfalls in Córdoba geboren. Beide Väter waren Rechtsgelehrte. Auch Averroës studiert Recht, Medizin, Theologie und Philosophie. Er gewinnt die Protektion des Kalifen Abu Yaqub Yusuf (1163-1184) und erhält den Auftrag, alle Werke des Aristoteles neu zu ordnen und zu kommentieren - eine jahrzehntelange
6 André Clot, Das maurische Spanien. 800 Jahre islamische Hochkultur in Al Andalus, Düsseldorf 2004, S. 235. Vgl. z.B. auch Bossong, Das Maurische Spanien, S. 42-54 und S. 121.
7 Die Handschrift von Granada (1993), dt. München/Zürich 1996, S. 368.
8 Leo Baeck, Maimonides. Der Mann, sein Werk und seine Wirkung, Düsseldorf 1954, S. 13.
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Arbeit zitieren:
Dr. Martin Bauschke, 2011, Andalusien – ein Modell für den interreligiösen Dialog? , München, GRIN Verlag GmbH
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