„Gesprächskompetenz wird damit theoretisch bestimmt als die Fähigkeit, die sich aus der Gesprächssituation ergebenden Anforderungen zu erfüllen“ (ebd., 66). Becker-Mrotzek weist zunächst darauf hin, dass der Kompetenzbegriff aus der Wissenschaftsgeschichte der Linguistik stammt. Diesem ursprünglichen Kompetenzbegriff mangelt es jedoch an individuellen Aspekten, da er versucht eine theoretische Erklärung der menschlichen Sprachfähigkeit schlechthin zu liefern, indem er davon ausgeht, dass Sprache und somit auch „Sprachkompetenz“ angeboren seien. Somit fielen Begriffe wie Entwicklungs- und Erwerbsperspektive nicht unter den linguistischen Kompetenzbegriff. Der noch zu entwickelnde Begriff von Gesprächskompetenz müsse nach Becker-Mrotzek Aspekte wie Prozessualität, Interaktivität, Methodizität, Pragmatizität und Konstitutivität berücksichtigen (ebd.). Desweiteren sagt Becker-Mrotzek, dass im Zentrum der Begriffsbestimmung nicht die basalen Fähigkeiten wie Prosodie und Semantik stehen, sondern die komplexeren Fähigkeiten, da die kommunikativen Erfordernisse eines Gesprächs Anforderungen an die kognitiven, sprachlichen und affektiven Fähigkeiten des Handelns stellen. Becker-Mrotzek benennt hier vier Komponenten, die er näher erläutert: „das Prozessieren des thematischen Wissens, der Identität, der Handlungsmuster und der Unterstützungsverfahren“ (ebd., 71). Thematisches Wissen prozessieren meint, dass das Wissen zum jeweiligen Gesprächsthema im Gedächtnis des Sprechers verfügbar sein muss. Der Hörer muss die Äußerung dann verstehen und in sein Wissen integrieren. Identität prozessieren bedeutet, dass die Gesprächsteilnehmer (zum Teil vorgegebene) Rollen einnehmen mit denen bestimmt Rechte und Pflichten verbunden sind. Die Aufgabe der Gesprächsteilnehmer liegt darin, die Identität des anderen einzuschätzen und das eigene Rollenverständnis klar darzustellen. Unter Beziehung prozessieren wird verstanden, dass unter Berücksichtigung des Wissens um die Identität des Gesprächspartners die Beziehung zu ihm gestaltet wird. Für das Handlungsmusterprozessieren sind verschiedene Teilfähigkeiten wie das Wissen über Handlungsmuster, eine Interpretations- und Einschätzungsfähigkeit des Gesprächs und das Leisten angemessener Gesprächsbeiträge auf der Grundlage des bisherigen Handlungsvollzugs nötig. Der Aspekt der Handlungsmusterprozessierung beinhaltet somit gesprächsorganisatorische Faktoren. Auch die Fähigkeit der Prozessierung von Unterstützungsverfahren der Verständigungssicherung ist in Teilaspekte aufgegliedert: Der Gesprächsteilnehmer muss Verstehensprobleme antizipieren, signalisieren und darauf reagieren können (ebd., 71ff.). Das Niveau der Gesprächskompetenz ist umso höher, je mehr diese genannten Anforderungen (Thematische Fähigkeit, Fähigkeit zu Identitätsgestaltung, Fähigkeit zur Realisierung der Handlungsmuster, Fähigkeit zum Einsatz von Unterstützungsverfahren) gleichzeitig beherrscht werden.
Der Begriff der Gesprächsfähigkeit bei Geißner
In seinem Aufsatz zur Entwicklung von Gesprächsfähigkeit erläutert Geißner (2002) zunächst, dass die Kommunikationsform Gespräch nicht nur von sprachlichen, sondern auch von situativen, personalen, formativen und leibhaften Faktoren abhängt (ebd., 197). Er begründet dies mit dem Hinweis, dass es kein rollenloses Sprechen gibt und somit die Einhaltung grammatischer Regeln oder semantische Präzision allein niemals ausreicht, um Verstehen und Verständigung zu erzielen (ebd., 201). Gesprächsfähig ist nach Geißner (1981, 127) „wer im situativ gesteuerten, personengebundenen, sprachbezogenen, formbestimmten,
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leibhaft vollzogenen Miteinandersprechen - als Sprecher/in wie als Hörer/in - Sinn so zu konstituieren vermag, dass damit das Ziel verwirklicht wird, etwas zur gemeinsamen Sache zu machen - der/die zugleich imstande ist, sich selbst im Miteinandersprechen und die im Mit-einandersprechen gemeinsam gemachte Sache zu verantworten.“ Da Gesprächsfähigkeit im alltäglichen Miteinander jedoch keine bewusste Fähigkeit ist, gilt es diese zu entwicklen. Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn der Lehrende, d. h. der Trainer selbst über Gesprächsfähigkeit und zudem über ein gewisses Maß an Selbst-Reflexivität verfügt. Die Entwicklung von Gesprächsfähigkeit kann methodisch betrachtet nur durch Gruppenübungen erreicht werden, in denen die Teilnehmer sich über etwas unterhalten und zugleich etwas von sich preisgeben (Geißner 2002, 205). Die Auswertung einer solchen Übung in Form von Feedback geben und Feedback nehmen erlaubt es, sich über Selbstbild und Fremdbild bewusst zu werden, Situationen kritisch zu hinterfragen und Handlungsspielräume zu eröffnen. Der Teilnehmer erlangt eine kritische Mündigkeit, d. h. er entwickelt Gesprächsfähigkeit (ebd., 204f.).
Der Begriff der Gesprächskompetenz bei Fiehler / Schmitt
Fiehler / Schmitt betrachten die Gesprächsfähigkeit als ein gestalt- und entwickelbares Vermögen, da der Erwerb von Gesprächsfähigkeiten zwar zum einen ungesteuert in der Kommunikationspraxis stattfindet, zum anderen jedoch (und dies ist der entscheidende Punkt) gesteuert durch systematisches Lehren und Lernen von Gesprächsverhalten erfolgt (2007, 341). Laut Fiehler / Schmitt (2004) weist die Gesprächsfähigkeit im Vergleich zu anderen Kompetenzen eine Reihe von Spezifika auf: „Wesentliche Komponenten sind Fähigkeiten der Situations- und Partnereinschätzung, die Fähigkeit, die eigenen Absichten in Relation zu den vermuteten Zielen des Gesprächspartners zu setzen, die Fähigkeit zur Planung und Realisierung gesprächsrhetorisch angemessener Äußerungen durch den Einsatz entsprechender sprachlich-kommunikativer Mittel, die Fähigkeit, die Äußerungen des Gesprächspartners auf verschiedenen Ebenen zu verstehen, sowie die Fähigkeit zu einem permanenten Monitoring des laufenden Gesprächsprozesses“ (ebd., 114f.). Gesprächskompetenz ist somit eine hochkomplexe Fähigkeit, die sich nicht eindimensional betrachten lässt. Sie ist kontextabhängig, kooperativ (d. h., dass sie nicht allein herzustellen ist, sondern nur im Zusammenwirken von mindestens zwei Personen) und unterliegt weniger starren Regeln (d. h., dass sie nur schwer antizipierbar ist). Die Vermittlung von Gesprächskompetenz beginnt laut Fiehler / Schmitt nicht bei Null, sondern knüpft an bereits vorhandene Fähigkeiten an. Somit ist die Vermittlung von Gesprächskompetenz immer als Fort- bzw. Weiterbildung zu betrachten. Zudem ist sie kein einmaliger Vorgang, der nach einer gewissen Zeit abgeschlossen ist, sondern ein sich lebenslang verändernder Prozess, der durch regelmäßiges Training optimiert werden kann (ebd., 115). All diese Aspekte verweisen nicht nur darauf, dass der Begriff der Gesprächskompetenz hochkomplex ist, sondern auch darauf, dass er eine Fähigkeit ist, die nur im sozialen Miteinander realisiert werden kann. Die Vermittlung von Gesprächskompetenz kann laut Fiehler / Schmitt auf verschiedene Weisen erfolgen: sowohl durch die Lektüre von Ratgeberliteratur, als auch durch sog. Vermittlungsprozesse, die in Form von Gesprächen organisiert sind. „Die Vermittlung von Gesprächsfähigkeiten erfolgt in diesem Fall in und durch Kommunikation in interaktiven Lehr-/Lernsituationen“
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Arbeit zitieren:
Clara Finke, 2010, Zum Begriff der Gesprächsfähigkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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