Silvia Golle
Paper Wahlverwandtschaften
Ist Goethes Buch „Die Wahlverwandtschaften“ moralisch?
Der Moralbegriff den man im Lexikon findet, ist meist folgender: „Moral - der Begriff stammt ab vom lateinischen Terminus "mos", der mit "Sitte, Gewohnheit, Charakter" übersetzt wird, also die in einer konkreten Gemeinschaft eingelebten oder von einer Person internalisierten Verhaltensregeln bezeichnet.“ 1
Begründet wird der Begriff Moral von der Gesellschaftsordnung und stellt gewisse Handlungsorientierungen oder Verhaltenserwartungen dar. Vorgegeben sind bestimmte Orientierungsmuster an die sich jedes Mitglied der Gesellschaft zu halten hat. Die Moral kann so als etwas ethisches angesehen werden. Ethik soll aus uns zufriedene Menschen machen. Die Ethik wird hier zur Pflichtenethik (Moral), indem der Mensch aus gutem Willen handeln, und seine Pflichten erfüllen muss. Nach Emanuel Kant ist ethisch, „der bedingungslose Imperativ, der zugleich festlegt was im praktisch- moralischem Sinne vernünftig ist“(Emanuel Kant). Eine zentrale Rolle spielen dabei die Begriffe „sollen“, „richtig“ oder „gut“, die weitgehend mit „Sitte“ gleichsetzt werden und dem Verantwortungsbewusstsein als gültige Gestalt der Moral dienen. Durch den subjektiven Glauben an die Gültigkeit gewisser Regeln lösen Normverstöße gegen diese Sittlichkeit so innere (Gewissens-) Sanktionen aus.
Eine ähnliche, jedoch andere Betrachtung der Moral ist die Überlegung der Lehre, die aus einer gewissen Begebenheit gezogen werden kann. Nicht umsonst lautet die Frage, die die Menschen gewöhnlich nach lehrreichen Geschichten rezitieren, „Und was ist die Moral dieser Geschichte?“ Diese Moral ist eine Art Aufklärung der Menschen, eine Ermahnung, dass Folgen bei Missverhalten gewiss nicht ausbleiben. Auch wird in dieser Art von Moral deutlich gemacht, dass ein möglicher Lapsus nicht nur Konsequenzen für die Person hat, die unmoralisch handelt,
1 Werner, Micha H. (2002): "Moral"
Veränderte Fassung erscheint in: Van Tongeren, Paul / Wils, Jean-Pierre (Hg.): Lexikon für
philosophische und theologische Ethik (das Lexikon wird in einer niederländischen und einer
deutschen Fassung erscheinen; die deutsche Version erscheint in Paderborn bei Schöhning.)
1
sondern auch für einen anderen Menschen, der gerade durch diesen Regelverstoß verletzt wird.
Der Unterschied der zwei Betrachtungsweisen liegt in dem Fakt, dass die gesellschaftliche Moral nicht mit den Folgen droht. Natürlich weiß ein jeder, dass diese unvermeidbar sind, jedoch ist nicht erkennbar in welchem Ausmaß. Der Hauptschwerpunkt liegt hier auf dem schlechten Gewissen. Währenddessen hält die lehrreiche Moral dem Individuum deutlich vor Augen, dass das Nichteinhalten von Regeln in den meisten Fällen bestraft wird.
Die Frage nach der Moral in Goethes “Die Wahlverwandtschaften“, kann daher nicht nur auf den gesellschaftlichen Aspekt der Moral eingeschränkt werden und beide Moralbegriffe, auch der Lehrreiche, müssen diskutiert werden, denn ein Verstoß gegen das Gesetz kann nicht immer gleich als moralischer Verstoß bezeichnet werden. Dass die Unbekannte im Gespräch mit Goethe (um 1808/09) das Buch als höchst unmoralisch kritisiert, lässt auf die gesellschaftliche Moral im 19. Jahrhundert schließen. Eine Art von Partnertausch, wie sie hier von Goethe beschrieben wird, war zu Beginn dieses Jahrhunderts natürlich ein Frontalangriff auf die bürgerliche Ehe- Moral. Die evangelische, sowie auch die katholische Kirche, verbot zu dieser Zeit Bigamie, Scheidungen wurden nicht gern gesehen, und zudem hatte sie meist auch bei der Erlassung anderer Gesetze und Regeln ihr Finger im Spiel. Dass sich diese Gesellschaftsordnung jedoch gegen die menschliche Natur richtete wurde einfach ignoriert. Ihr (der menschlichen Natur) wurden vom Menschen Regeln aufgezwängt, die er dann selber einzuhalten versuchte. Doch wenn er bei diesem Versuch, die Gesellschaftsordnung einzuhalten, scheitert, wird im Nu von einem unmoralischem Verhalten gesprochen. Dabei handelt der Mensch doch nur nach seiner Natur - er folgt der Ästhetik. Diese kann als gewisse Freiheit und Natur im Menschen beschrieben werden. Sie ist eine ganz andere Welt in der der Mensch lebt, eine, die von der realen Welt getrennt ist. Der Mensch lebt seine Sinnlichkeit in ihr aus, ohne diese zu unterdrücken. Und indem er dies tut, passt es nicht und wird nie zu dem passen, was die Gesellschaft erwartet. Man müsste die Gesellschaft mit ihren Regeln so lange formen, bis die Gesellschaft und die Moral so liberal und offen wären, dass auch unsere Natur damit vollkommen und konfliktlos vereinbar würde. Denn nimmt man die Natur mal genauer unter die Lupe, wird man sehen, dass es sogar im Tierreich Bigamie gibt. Nun folgt der Mensch seiner Natur doch genauso wie das Tier, und was soll daran unmoralisch sein? Die Tatsache ist, dass zwischen „natürlicher“
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Silvia Golle, 2002, Diskussion über die Moral in Goethes "Die Wahlverwandtschaften", Munich, GRIN Publishing GmbH
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