MARTIN-LUTHER-UNIVERSITÄT
HALLE-WITTENBERG
Philosophische Fakultät II
Seminar für Sprechwissenschaft und
Phonetik
BA Sprechwissenschaft180
Bachelor-Abschlussarbeit
Vergleich von Sprechstimmen und Singstimmen
Ein Überblick über die aktuelle Fachliteratur
Vorgelegt von:
Clara Finke
Halle, den 15. Juni 2009
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Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG ... 4
2 GEMEINSAMKEITEN UND UNTERSCHIEDE VON SPRECHEN UND SINGEN ... 5
2.1 Sprechen und Singen - eine Begriffsannäherung ... 5
2.1.1 Sprechen... 5
2.1.2 Singen... 6
2.1.3 Sprechen vs. Singen ... 7
2.2 Haltung... 8
2.3 Atmung... 8
2.4 Stützvorgang ... 9
2.5 Kehlkopf- und Stimmlippenbewegung ...10
2.6 Stimmgebrauch ...11
2.7 Resonanz ...12
2.8 Register...14
2.9 Artikulation ...15
2.9.1 Ansatzrohr...15
2.9.2 Vokale ...15
2.9.3 Diphthonge...16
2.9.4 Konsonanten ...16
2.9.5 Nasalität ...17
2.9.6 Verständlichkeit...17
2.10 Zerebrale Steuerung...18
2.11 Zusammenfassende tabellarische Übersicht ...19
3 ÜBERGANGSFORMEN ZWISCHEN SPRECHEN UND SINGEN ...23
3.1 Probleme beim Wechsel zwischen Sprechen und Singen ...23
3.2 Rufen ...24
3.3 Rezitativ ...24
3.4 Melodram ...25
3.5 Liturgischer Gesang ...26
3.6 Sprechchor...26
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4 VERGLEICH IM INTER- UND INTRAKULTURELLEN KONTEXT ...28
4.1 interkultureller Kontext...28
4.2 intrakultureller Kontext...29
5 AUSGEWÄHLTE UNTERSUCHUNGEN IM ÜBERBLICK...31
5.1 Singen und Sprechen im Vergleich artikulatorischer Bewegungen ...31
5.2 Musical intervals in speech...33
5.3 Veränderung von Phonationsparametern nach Stimmbelastung ...34
5.4 Opposite hemispheric lateralization effects during speaking and singing at motor
cortex, insula and cerebellum ...35
6 ÜBERLEGUNGEN ZU MÖGLICHEN UNTERSUCHUNGSGEGENSTÄNDEN...37
6.1 Zerebrale Steuerung von Sprechen und Singen ...37
6.2 Belastbarkeit der Singstimme ...38
6.3 Ähnlichkeitsmerkmale im Stimmklang ...39
7 FAZIT UND AUSBLICK ...41
8 LITERATUR ...42
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1 Einleitung
In der vorliegenden Bachelor-Arbeit soll es um das Thema ,,Sprechstimmen und Singstimmen"
gehen und den Vergleich beider. Sprechen und Singen sind zwei Ausdrucksformen der
menschlichen Stimme, die sich in ihrer Funktion voneinander unterscheiden. Auf der Suche
nach einer eindeutigen Abgrenzung von Sprechen und Singen ergaben sich folgende Frage-
stellungen: Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Sprechen und Singen wurden in
der Literatur bereits beschrieben und sind durch Untersuchungen belegt? Welche Besonder-
heiten bringt die jeweilige Stimmfunktion mit sich? Werden die Begriffe Sprechen und Singen
bzw. der Übergang der Formen kulturbedingt unterschiedlich definiert?
Ziel dieser Arbeit ist es, einen Überblick über den bisherigen Forschungsstand zum Sprechen
und Singen zu geben, um ersichtlich zu machen, welche Themen in der Literatur bislang kaum
diskutiert wurden bzw. noch gar keine Erwähnung fanden. Zudem sollen erste Ideen für zu-
künftige Arbeiten entwickelt werden.
Diesen Zielen entspricht der Aufbau dieser Arbeit. Kapitel 2 beginnt mit dem Versuch einer Be-
griffsannäherung an das Sprechen und das Singen. Anschließend werden die bisher in der
Literatur aufgeführten Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Sprechen und Singen be-
handelt. Diese dargestellten Ergebnisse dienen als Grundlage für alle weiteren Überlegungen.
Kapitel 3 thematisiert zunächst das Problem des schnellen Wechsels zwischen Sprechen und
Singen, dem vor allem ein Berufssänger tagtäglich ausgesetzt ist. Daran anknüpfend werden
die Übergangsformen zwischen Sprechen und Singen fokussiert, von denen einige im Berufsall-
tag eines Opernsängers eine Rolle spielen. Wie bereits erwähnt, nähert sich Kapitel 4 der Fra-
ge, ob Sprechen und Singen sowohl im interkulturellen als auch intrakulturellen Kontext unter-
schiedlich definiert werden. Abschluss des Überblicks über den Stand der Forschung zum
Sprechen und Singen bildet Kapitel 5, in welchem ausgewählte Untersuchungen vorgestellt
werden, die die Bandbreite der Forschungsmöglichkeiten hinsichtlich der Thematik belegen. Im
Anschluss an die ersten fünf Kapitel der Arbeit, werden in Kapitel 6 Überlegungen dazu an-
gestellt, welche Aspekte des Sprechens und Singens noch nicht näher untersucht wurden, und
ein Ausblick auf mögliche Anschlussarbeiten geboten. Kapitel 7 reflektiert abschließend die
Erkenntnisse, welche aus der Beschäftigung mit diesem Thema gezogen werden konnten.
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2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Sprechen und
Singen
Zunächst soll der Versuch einer Begriffsannäherung zum Sprechen und Singen vorgenommen
werden. Die hier vorgestellten zusammengetragenen Zitate zum Thema ,,Sprechstimme - Sing-
stimme" erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern dienen dazu, einzelne Aspekte,
die das Sprechen vom Singen abgrenzen, hervorzuheben und eine Sensibilität für die Unter-
schiede zu entwickeln. Anschließend werden grundsätzliche Gemeinsamkeiten und Unter-
schiede von Sprechen und Singen referiert, die auf dem bisherigen Forschungsstand basieren.
2.1 Sprechen und Singen - eine Begriffsannäherung
2.1.1 Sprechen
Zum Sprechen allgemein findet sich bei Glück (2000, 681) die Definition: ,,Als alltagssprach-
licher Ausdruck bezeichnet 'Sprechen' sämtliche Dimensionen mündlicher Kommunikation. Es
ist das alltagssprachliche Wort für den Gegenstand der Sprechwissenschaft". Im Folgenden
sollen Sprech- und Sprecherstimme differenziert werden.
Sprechstimme
Eckardt (1999) beschreibt, dass durch das Wechselspiel von Vokalen und Konsonanten die
Sprechorgane beim Sprechvorgang in ständiger Bewegung sind. ,,Bei diesem Sprech-
bewegungsablauf werden Bewegungen vollführt, die in einer zeitlichen Abfolge bestimmte Ein-
stellungen durchlaufen. Das lautsprachliche Zeichen, welches nach Dynamik, Lautstärke,
Tempo, Tonhöhe, Rhythmus und Farbe strukturiert sein kann, ist gut zur Differenzierung des
Sprechausdrucks geeignet und kann außer dem rationalen Sprechinhalt auch den emotionalen
Gehalt darstellen" (ebd., 14). Weiter schreibt Eckardt, dass durch die Klangfarbe der Laut-
äußerung, also den Stimmklang, das Wesen des Menschen - seine Persönlichkeit - sichtbar
wird. Nawka/ Wirth (2008, 75) weisen darauf hin, dass beim Sprechen die stimmlichen
Funktionen weitgehend unbewusst ablaufen.
Sprecherstimme
Seidner/Wendler (1997, 156f.) beschreiben die Sprechstimme ähnlich wie Eckardt und leiten
daraus Empfehlungen für den Sprecherberuf ab: ,,Ein angehender Sprecher muss zweierlei
lernen: einen physiologischen Stimmgebrauch, damit seine Stimme unter der großen Belastung
nicht versagt, und den bewussten Einsatz stimmlicher Mittel, um bestimmte Wirkungen zu er-
reichen."
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Außerdem weisen sie darauf hin, dass sich ,,durch die bewusste Führung und Kontrolle der
Stimme während des Sprechvorganges [...] einzelne Leistungen der Sprecherstimme den Sing-
stimmfunktionen" (ebd., 156) annähern.
2.1.2 Singen
Seedorf (2008, 1427) schreibt, dass die ,,physiologischen Grundlagen und Vorgänge des Sin-
gens bei allen Menschen im Prinzip gleich sind. Kunstvolles Singen hänge zudem immer auch
von den individuellen Veranlagungen des Sängers ab. ,,Die Klang- und Darstellungsmöglich-
keiten des Instrumentes Stimme [...] scheinen [weltweit betrachtet] beinahe unbegrenzt zu
sein". Daraus schließt Seedorf, dass ,,die Gesamtheit aller Singweisen [...] das klanglich-
expressive Potential des Instrumentes Stimme" (ebd., 1428) darstellt. Dieses Potential wurde
musik-geschichtlich betrachtet ,,zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten
jeweils spezifisch genutzt". Im Folgenden sollen Sing- und Sängerstimme differenziert werden.
Singstimme
,,Die Singstimme ist dadurch definiert, dass sie nicht die optimale oder gar maximale Leistung
des Stimmorgans darstellt, selbst dann nicht, wenn das Singen, wie bei vielen Menschen, mit
einer erheblichen Anstrengung verbunden ist. (...) Die Singstimme ist also diejenige Stimme, die
nicht mehr einer vollen Leistung fähig ist" (Fischer 1998, 71). Fischer beschreibt weiter, dass
die Singstimme im Volksgesang auftritt und sowohl solistisch als auch im Chorgesang An-
wendung findet. Auch merkt Fischer an, dass die Struktur der Singstimme viel ,,zu wenig be-
kannt ist, [und daher] das eigentliche und ständige Sorgenkind aller Stimm- und Gesangs-
pädagogen und auch vielfach der Chorleiter" (ebd., 71). Kritisch anzumerken ist an dieser
Stelle, dass Fischer mit der Singstimme nur die nicht mehr voll leistungsfähige Stimme be-
zeichnet. Diese Beschreibung setzt voraus, dass die Singstimme einmal voll leistungsfähig ge-
wesen ist. Bei der ungeschulten Stimme eines Laiensänger ist dies jedoch nicht der Fall.
Sängerstimme
Fischer (1998, 73) schreibt, dass ,,im Gegensatz zur Singstimme, in der nicht alle natur-
gegebenen Voraussetzungen optimal entwickelt sein müssen, [...] für die Sängerstimme die
Entwicklung aller ihrer Anlagen Bedingung" ist. Bei Nawka/Wirth (2008, 76) wird dies noch
genauer erläutert: ,,Die geschulte Stimme unterscheidet sich von der Normalstimme durch: eine
Vermehrung der Teiltonzahl, starke Energieanreicherung um 3 kHz, ein etwas tiefer liegendes
Hauptformantgebiet infolge der Kehlkopfsenkung im Rahmen der gedeckten Singtechnik, ein
dynamisches Ein- und Ausschwingverhalten bei Tonwechseln". Zudem spielen bei der Sänger-
stimme die künstlerische Potenz und der ästhetische Anspruch eine große Rolle.
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2.1.3 Sprechen vs. Singen
Zum Vergleich von Sprechen und Singen finden sich folgende Anmerkungen: Nawka/Wirth
(2008, 75) konstatieren, dass ,,beim Sprechen [...] die stimmlichen Funktionen weitgehend un-
bewusst [ablaufen]. Beim Singen überwiegt die bewusst gesteuerte Stimmbildung und Klang-
formung". Eckardt (1999, 24) schreibt, dass ,,die Aufgabe für den Sprecher [...] in einer optimal
verständlichen, dem jeweiligen Zweck angepassten Wiedergabe der jeweiligen Sprache [be-
steht]. Der Sänger muss die Sprache ebenfalls phonetisch klar, mit guter Diktion während des
Singens ausdrücken, zusätzlich aber seinen Stimmapparat wie ein musikalisches Instrument
beherrschen".
Sprechstimme vs. Singstimme
In Glück (vgl. 2000, 635) wird beschrieben, dass Sprech- und Singstimmen homorgan erzeugt
(Kehlkopf), aber neurophysiologisch und psychoauditiv unterschiedlich gesteuert (z.B. Atem-
stütze, extrem verlängerte Ausatmung usw.) werden. Mathelitsch/Friedrich (1995, 120) schrei-
ben, ,,dass sich eine nichtausgebildete, amateurhafte Stimme beim Singen akustisch nicht von
einer Sprechstimme unterscheidet". Fröschels (1920, 137) weist darauf hin, dass der Unter-
schied zwischen Singstimme und Sprechstimme darauf beruht, ,,dass die einzelnen Klänge im
Singen meist viel länger dauern als beim Sprechen. Wenn man ein Wort erst gewöhnlich spricht
und dann die Vokale im Wort sehr dehnt, so geht eben Sprechen in Gesang über. Das muss
natürlich noch kein richtiger, schöner Gesangston sein, sonst wäre ja jeder Sprecher auch
Kunstsänger".
Schon anhand dieser kleinen Auswahl an Definitionen wird die Komplexität des Themas
,,Sprechstimmen - Singstimmen" evident. Und auch die Schwierigkeit, den Übergang zwischen
Sprechen und Singen eindeutig zu bestimmen, klingt an. Daher soll zu einem späteren Zeit-
punkt auf Übergangsformen zwischen Sprechen und Singen (s. Kapitel 3) und auch auf einen
inter- und intrakulturellen Vergleich von Sprech- und Singstimmen (s. Kapitel 4) eingegangen
werden.
Im Folgenden sollen die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Sprechen und Singen be-
trachtet werden. Obwohl für das Sprechen und das Singen die gleichen Organe benutzt wer-
den, gibt es doch eine Reihe von Unterschieden und Besonderheiten im jeweiligen Stimm-
gebrauch. Grundsätzlich gilt, dass für die Bildung der Stimme der Kehlkopf, das Ansatzrohr und
die Resonanzräume notwendig sind und sowohl Sprechen als auch Singen auf den gleichen
physiologischen Prinzipien basiert. Somit unterscheiden sich Sprechen und Singen ,,nicht durch
eine Grundeigenschaft, sondern nur graduell. Der Unterschied liegt bei äußerer Betrachtung v.
a. in einer Verschiedenartigkeit der melodischen Tonbewegungen" (Wendler/Seidner/Eysholdt
2005, 97).
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2.2 Haltung
Der Begriff der Körperhaltung bezieht sich auf das Gesamtbild eines frei und aufrecht stehen-
den Menschen, wird jedoch entscheidend durch die Form der Wirbelsäule beeinflusst. Die Hal-
tung hängt daher sowohl von den passiven Haltevorrichtungen wie Knochen, Bänder und der
ruhenden Muskulatur als auch von den aktiven Kräften, den Muskelkontraktionen ab. Zudem
bestimmen weitere physische und psychische Parameter die Haltung (vgl. Seidner/Wendler
1997, 56ff.). Fiukowski (2004, 9) schreibt, ,,dass für die ideale Haltung eine weitgehende Ab-
flachung sämtlicher Wirbelsäulenkrümmungen charakteristisch ist". Gemeint ist hiermit eine
Leistungshaltung, die vor allem für das Singen von großer Bedeutung ist. Sprechen und Singen
sind in verschiedensten Körperhaltungen möglich, jedoch ist eine überwiegend aufrechte und
unverkrampfte Haltung vor allem beim Singen die elementare Voraussetzung für eine
funktionierende Sängeratmung (vgl. Wendler/Seidner/Eysholdt 2005, 98).
2.3 Atmung
Da die Wirbelsäule ein Bestandteil des äußeren Atemapparates ist, hat ihre Form und Haltung
Einfluss auf die Atembewegung. So wurde bereits in Kapitel 2.2 darauf hingewiesen, dass eine
normale, d.h. eine aufrechte und unverkrampfte Haltung Grundlage für eine gesunde und leis-
tungsfähige Atmung ist. Zunächst erfüllt die Atmung jedoch eine Vitalfunktion, indem sie der
lebensnotwendigen Aufrechterhaltung des Stoffwechsels dient. Die Atembewegung (Primär-
funktion) wird durch das Zentralnervensystem automatisch gesteuert und von der Stimmatmung
(respiratio phonatoria) überlagert. Die Stimmgebung erfolgt auf dem Ausatmungsstrom (Ex-
spirationsphase), welcher in Volumen und Länge bis zu einem gewissen Maß willentlich steuer-
bar ist. Das zeitliche Verhältnis der entgegengesetzten Atemphasen (Ein- und Ausatmung)
variiert abhängig von den stimmlichen Anforderungen. So verhalten sich Ein- und Ausatmungs-
phasen der Ruheatmung wie 1: 1,2, die Stimmatmung hingegen hat ein Verhältnis von etwa 1:
8. Vor allem beim Singen kann dieser Unterschied zwischen Ein- und Ausatmungsphase noch
größer sein (vgl. Seidner/Wendler 1997, 58f.).
Sowohl für das Sprechen als auch für das Singen gilt, dass die kombinierte Atmung (Kosto-
Abdominalatmung) funktionell richtig und damit erstrebenswert ist. Durch die Kosto-
Abdominalatmung werden auf ökonomische Weise optimale Atemvolumina bewegt und der
Atemstrom differenziert an die Kehlkopffunktion angepasst. Außerdem ist diese Atmung später
auch für den Stützvorgang entscheidend (s. Kapitel 2.4).
Seidner/Wendler (1997, 59) schreiben, dass beim Sprechen in der Regel ein Asynchronismus
zwischen Bauch- und Brustatmung zu beobachten ist, d.h. ,,die Ausatmungsbewegung der
Bauchwand beginnt bereits, wenn die Einatmungsbewegung des Brustkorbes noch nicht be-
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endet ist". Bei der Ruheatmung hingegen haben Bauch- und Brustwand fast übereinstimmende
Bewegungstendenzen.
Für das Singen ist es sehr wichtig, das Verhältnis von Menge und Druck des Atemstroms zu
regulieren. So spielt zu Beginn einer Gesangsausbildung die Feinregulierung der Ausatmung
eine große Rolle, um das nötige Strömungs- und Druckverhältnis zu automatisieren.
Wie bereits erwähnt, ist die Exspirationsphase der Stimmatmung teilweise erheblich in die Län-
ge gezogen. Die Einatmung hingegen muss, gerade beim Singen, sehr schnell erfolgen; ein
kurzer Einatmungsweg ist daher von Nöten. Da beim Atmen mit geöffnetem Mund innerhalb
kürzester Zeit genügend Atemluft für die nächste Sprechphase bzw. Gesangspassage einfallen
kann, wird während des Sprechens und Singens überwiegend die Mundatmung verwendet.
Besonders für das Singen ist ,,die verkürzte, beschleunigte und vertiefte Einatmung [...] und
eine erheblich verlängerte, verlangsamte und vertiefte Ausatmung" (Habermann 1978, 21)
charakteristisch. Vor Beginn einer Wortkette oder Gesangsphrase hingegen bleibt genügend
Zeit für die Nasenatmung.
Bei Sundberg (1997, 50ff.) finden sich zudem Hinweise zum Lungenvolumen beim Sprechen
und Singen. Es wird beschrieben, dass das Sprechen meist bei etwa 50% der Vitalkapazität
beginnt. Da beim Singen längere Phrasen vorkommen als beim Sprechen, ist die Möglichkeit
des Nachatmens viel seltener gegeben. Um einen übermäßigen Luftverbrauch zu vermeiden,
wird daher beim Singen einer lange Phrase bei sehr hohem Lungenvolumen (fast 100% der
Vitalkapazität) begonnen. Für Sundberg liegt ein entscheidender Unterschied zwischen norma-
lem Sprechen und Singen darin, dass der Sprecher offenbar die gegebenen passiven exhalato-
rischen Kräfte ausnutzt, um den für das Sprechen benötigten subglottischen Druck aufzubauen,
"wohingegen beim Singen aktive Muskelkräfte [...] von größerer Wichtigkeit sind" (ebd., 72).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Atemfunktion beim Singen differenzierter und
verzögerter abläuft als beim Sprechen.
2.4 Stützvorgang
Die Stützfunktion ist eine der zentralen Vorgänge während des Singens. Dennoch oder viel-
leicht gerade deswegen ist der Begriff der Stütze, vor allem der der Atemstütze, umstritten und
es werden zahlreiche Definitionen mit teilweise sehr verschiedenen Begriffsauffassungen ge-
liefert. Habermann (1978) schreibt, dass mit dem Begriff Atemstütze eine gesangshygienische
und ästhetische Atemregulierung bezeichnet wird. Diese Stütze wird ,,durch eine bewusste Ver-
langsamung der Ausatmung unter Kontrolle des Muskelempfindens und des Drucksinns" (ebd.,
129) erreicht. Das Stützen zeigt daher deutlich die enge Verbindung von Atmung, Kehlkopf und
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