DIE DREI FRAUENFIGUREN DES MISANTHROPE
CELIMENE, LA COQUETTE
ARSINOE, LA FAUSSE PRUDE ÉLIANTE, L’HONNETE FEMME DIE BEZIEHUNGEN DER FRAUEN ZUEINANDER
DIE GESELLSCHAFT DES 17. JAHRHUNDERTS
DIE STELLUNG DER FRAU
DIE FRAUEN IN DER GESELLSCHAFT IHRER ZEIT
– SEITE ZWEI –
In Molières Stück Le Misanthrope wird die Handlung durch den Konflikt von Alceste, dem Menschenfeind und Célimène, seiner Angebeteten, die jedoch alles andere als männerfeindlich ist, getragen und durch die Frage nach gesellschaftlichen Werten, auf denen die Spannung zwischen beiden
Wenn auch in Molières anderen Stücken Frauen Hauptrollen tragen, so ist doch auffällig, daß in
Le Misanthrope
die Frauenfiguren einen wichtigen Teil im Aufbau des Stückes haben. Anglade spricht sogar von einem „drame féminin du Misanthrope“. So sind die Charaktere nicht zeitlos flach, sondern alle drei Frauen stellen einen gewissen Typus der damaligen Gesellschaft dar und haben sich auf ihre Art den gesellschaftlichen Konventionen angepaßt. Diese Frauenfiguren zu beleuchten, ist Ziel dieser Arbeit.
In der Literatur ist auffällig, daß Le Misanthrope zwar oft als Molières größtes Stück angesehen wird, bei der Rezeption des Stückes die Frauen jedoch im Vergleich zu Alceste, dessen kontroverse Position viel diskutiert ist, doch eher verblassen. Sicherlich kommt dem männlichen Protagonisten eine wichtige Rolle zu, schon weil man sich fragen muß, ob dieser Charakter eher komisch oder tragisch zu verstehen ist. Als Gegenstück zu Alceste ist aber Célimène mindestens genauso interessant wie Philinte, wenn nicht sogar wichtiger. Wo Alceste gegen die Gesellschaft ankämpft, ist Philinte zwar ein angepaßter Vertreter seiner Zeit, Célimène jedoch geht in der Gesellschaft auf und lebt in gewisser Weise für sie.
– SEITE DREI –
Die drei Frauenfiguren des Misanthrope
Célimène, la coquette
Célimène ist sicherlich die zentrale Frauenfigur in
Le Misanthrope,
schon da ihr Salon den Rahmen für die Handlung bietet. Célimène ist Gastgeberin für Vertreter des höheren Bürgertums und des niederen Adels mit guten Beziehungen zum Hof – Aspiranten auf Célimènes Gunst. Auch wenn Célimène erstmals im zweiten Akt erscheint, so erfahren wird doch vorher durch Alceste im Gespräch mit Philinte, daß Célimène eine junge Witwe ist (Vers 225). Dies ist insofern wichtig, als es ihr eine Freiheit in ihrer Koketterie gibt, die sie weder als verheiratete Frau noch als jeune fille hätte: „Elle (une veuve) a la liberté de déplonger toute la séduction féminine“. (Duchêne, S. 167) Ihr genaues Alter, zwanzig Jahre, gibt Célimène im Gespräch mit Arsinoé selbst preis (Vers 984) und rechtfertigt darin ihr kokettes Verhalten gegenüber den Männern: Prüde sein könne sie schließlich später auch noch („L’âge amènera tout“, Vers 983).
Wie Philinte bereits in der ersten Szene herausstellt (Vers 219), erfreut sich Célimène der Koketterie und der Médisance, dem Schlechtreden über nicht Anwesende zur Belustigung, was seinerzeit in den Salons durchaus üblich war. Ein besonders deutliches Beispiel davon gibt Célimène in der Scène des portraits (Verse 567 ff), in der Célimène nicht nur verschiedene Personen karikiert, sondern, als Alceste Einspruch dagegen erhebt, auch ihn selbst (Vers 699).
In dieser Eigenschaft steht sie im deutlichen Gegensatz zu Alceste. Während Alceste auf Aufrichtigkeit besteht, ist dies Célimène nicht nur fremd in ihrem Handeln, sie ist auch gar nicht Willens dazu. Alceste, der auch in der Liebe Aufrichtigkeit fordert und daß man somit sich jeweils nur einer Person widmet, erntet, als er dies Célimène vorwirft, nur Unverständnis:
– SEITE VIER –
« Des amants que je fais me rendez–vous coupable? Puis–je empêcher les gens de me trouver aimable?
Et lorsque pour me voir ils font de doux efforts, Dois–je prendre un bâton pour les mettre dehors? » (Verse 461 ff)
Wenn Célimène Alceste auch lieben mag, so sind ihr seine Alleinigkeits– und Moralansprüche doch offensichtlich zuwider. Außer dem erwähnten Vorfall, als Célimène Alceste auf seine Mißbilligung hin in ihre zynische Portraitierung einbezieht, finden sich weitere Stellen, an denen Célimènes Ungehaltenheit deutlich wird. So besteht sie schließlich im Gespräch mit Alceste, der ihr vorwirft, sie habe einen Brief an Oronte geschrieben, darauf, dieser sei tatsächlich für Oronte bestimmt gewesen (Vers 1365), gleichwohl sie dies zuvor abgestritten hatte.
Célimènes Streben, gefallen zu wollen und zu einem gewissen Grad die Naivität ihrer Jugend, die sie das Gesellschaftsspiel der Médisance zu weit treiben lassen, bringen sie schließlich im letzten Akt zu Fall. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, daß sie an dieser kurzen Demütigung nicht allzu lange leiden wird.
Arsinoé, la fausse prude
Die prüde Arsinoé, wie Philinte sie in der ersten Szene bezeichnet (Vers 216), erfährt vor ihrem ersten Auftreten eine kritische Charakterisierung durch Célimène (Verse 854 ff).
Arsinoé erinnert durch ihre zur Schau gestellten Prüderie an Tartuffe: Wie Célimène herausstellt, stimmen Arsinoés prüde Ansichten nicht mit ihrem tatsächlichen Handeln überein, sondern dienen allein der Erregung von Aufmerksamkeit und, wenn man soweit gehen möchte, v.a. der Aufmerksamkeit männlicher Vertreter der Gesellschaft. Ein Grund hierfür ist
– SEITE FÜNF –
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Dr. Frank Lorenz, 2001, Molière, Le Misanthrope: Die Frauenfiguren, Munich, GRIN Publishing GmbH
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