Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Das Eroberungs- und Nachkriegsverhalten bei Morus und Campane lla 4
3. Machiavellis Theorien zum Eroberungs- und Nachkriegsverhalten 7
4. Der Anti- Machiavell von Friedrich dem Großen 11
4.1. Die politischen Theorien zum Eroberungs- und Nachkriegsverhalten
im Anti- Machiavell 11
4.2. Die Umsetzung der politischen Ideen des Anti- Machiavell bezogen auf
das Eroberungs- und Nachkriegsverhalten Friedrich des Großen 14
5. Fazit 16
6. Literaturverzeichnis 18
5.1 Aufsätze 18
5.2 Monographien 18
5.3 Nachschlagewerke 19
2
1. Einleitung
„Krieg ist ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen“ schreibt ohne jeden Schnörkel Carl von Clausewitz in seinem berühmten Werk „Vom Krieg“. 1 Eine entscheidende Phase bei der Durchsetzung des politischen Willens des Siegers besteht in der Besatzung des eroberten Landes und dem daran gebundenem Nachkriegsverhalten. In der Zeitspanne zwischen dem Untergang des Oströmischen Reiches und der Französischen Revolution sind Abhandlungen entstanden, die in ihren Theorien und Aussagen immer noch aktuell sind. Eine Hauptursache für die anhaltende Aktualität besteht in der Kombination aus der Analyse des menschlichen Wesens in Beziehung zum Faktor Macht bzw. Machterhaltung und den Erkenntnissen aus der Geschichtsschreibung sowie den daran anknüpfenden Erfahrungen, die sich in den Werken wiederfinden lassen. Die politischen Theorien von Niccoló Machiavelli stehen dabei im Zentrum meiner Betrachtung, da sie die Grundlage für einen weiteren Teil meiner Arbeit, welcher sich mit den Theorien von Friedrich dem Großen aus dem Anti- Machiavell beschäftigt, sind. Zu Beginn der Hausarbeit gehe ich auf die zum Thema gehörigen Theorien der sogenannten utopischen Staaten ein, die von Tommaso Campanella und Thomas Morus entworfen wurden. Sie haben längst nicht die Komplexität der Werke von Friedrich dem Großen und Niccoló Machiavelli, enthalten aber dennoch interessante Schilderungen über die Vorgehensweise zur Bewerkstelligung von Eroberungen und der Machterhaltung.
In den Monographien und Lexika der letzten Jahrzehnte lässt sich zum Begriff Besatzung keine eindeutige Definition mehr finden. Lediglich das Herkunftswörterbuch aus der Duden-Reihe umschreibt das Wort Besatzer als einen „unerwünschten Soldaten“. Mehr Aufschluss über den Begriff Besatzung und Besatzungsarmee gibt das „Handbuch für Heer und Flotte“. Dazu aus dem selbigen zum Begriff Besatzungsarmee:
„ein Heer, das zur Besatzung eines fremden Gebiets, zum Schutz gegen eine fremde Macht, zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung, zum Druck auf Erfüllung einer politischen Forderung oder nach einem Kriege bis zur Erfüllung der Friedensbedingungen bestimmt ist“. 2
Die Klärung des Begriffes scheint mir im voraus wichtig, da er mit dem Thema der Arbeit in enger Beziehung steht. Der Schwerpunkt der Hausarbeit liegt im Wesentlichen in der Fragestellung, ob es eine effektive Möglichkeit gibt, eine Herrschaft in einem eroberten
1 C. v. Clausewitz: Vom Kriege, Reinbek 1990 ( o. A. 1832), S. 13
2 G. v. Alten: Handbuch für Heer und Flotte. Enzyklopädie der Kriegswissenschaft und verwandter Gebiete,
Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart 1909 Band 2, S. 203
3
Gebiet so zu etablieren, dass sie im weiteren Verlauf angenommen wird ohne das sich daraus erneut Konfliktherde entwickeln. Dazu werde ich die von den Autoren vorgeschlagenen Möglichkeiten aufzeigen und sie dem historischen Kontext entsprechend einordnen. Die Individualität eines jeden Konfliktes und die mit der jeweiligen Zeit verbundene unterschiedliche Ethik erschwert jedoch eine allgemeine Aussage. Aufgrund der dürftigen Quellenlage an aktuellen Aufsätzen beziehe ich mich vorwiegend auf die klassischen Texte und versuche die Aussagen gegebenenfalls mit historischen Fakten zu begründen.
2. Das Eroberungs- und Nachkriegsverhalten bei Morus und Campanella
Die literarische Gattung der sogenannten Staatsromane zählt ebenfalls zu den politischen Theorien der Frühen Neuzeit. Mein Focus liegt besonders auf zwei Werken - zum einen, auf den von Tommaso Campanella verfassten Roman „Der Sonnenstaat“ und zum anderen, auf das als Klassiker zu bezeichnende Werk „Utopia“ von Thomas Morus. Das markante an dieser Art von staatsphilosophischer Literatur ist das Entwerfen von fiktiven Staaten durch die Autoren, an denen sie den Aufbau, die Organisation und das Alltagsleben ihres Idealstaates detailliert beschreiben. Wie auf so vielen anderen Gebieten des politischen Denkens, so hat auch in diesen Romanen der Humanismus in bewusster Anlehnung an die Antike bahnbrechend gewirkt. Das vom lateinischen Wort humanitas abgeleitete Lehnwort Humanismus * , zu deutsch Menschlichkeit, fand sich auch im Umgang mit dem Feind nach dessen Niederlage wieder. Dazu Thomasso Campanella:
“Ihren Feinden vergeben sie gern Schuld und Beleidigung und erweisen ihnen nach errungenen Siegen sogar Wohltaten. Wenn beschlossen worden ist, die Mauern der feindlichen Stadt zu zerstören oder die Anführer der Feinde hinzurichten, so vollziehen sie dies alles noch am Tag des Sieges. Danach aber erweisen sie ihnen unaufhörlich Gutes und sagen, man dürfe nur kämpfen, um die Besiegten zu bessern, nicht aber um sie zu vernichten.“ 3
Der Verfasser sieht in der Beseitigung der Anführer und der Zerstörung der Stadt ein ausreichendes Mittel für die Abstrafung des Feindes. Seiner Auffassung nach bildet der „Austausch“ der Führungselite den Ausgangspunkt für einen politischen Neubeginn. Als das
* Denkrichtung, die auf den philosophischen Schriften der Antike basiert. Gefordert wird die freie geistige
Entfaltung des Menschen, der sich aus eigener Kraft durch das Studium klassischer antiker Literatur
vervollkommnen kann. Sie findet sich in Teilen auch in den Gedanken der Aufklärung des 18. Jahrhunderts
wieder.
3 Tommaso Campanella: Der Sonnenstaat, in: E. Grassi/ W. Hess (Hrsg.): Der utopische Staat, Hamburg 1989,
S. 142 f.
4
Werk 1623 veröffentlicht wurde, war Europa im Begriff ein Sammelsurium vieler kleiner und weniger großer absoluter Staaten zu werden. Der geistige Vordenker dieser Entwicklung war Jean Bodin, der als Verfasser von „De la République“ die Souveränität des Staates, worunter er auch kleine Fürstentümer verstand, propagierte und somit die Lehre des Absolutismus vorbereitete. Thomas Hobbes führte diese Gedanken in seinem Werk „Leviathan“, das 1651 veröffentlicht wurde, weiter. Für ihn war der Naturzustand des Menschen ein egoistischer „Krieg aller gegen alle“; dazu Hobbes 4 :
„Das Wesen des Krieges besteht nicht im tatsächlichen Kämpfen, sondern in der bekannten Bereitschaft dazu. Dies gilt solange, wie man sich des Gegenteils nicht sicher sein kann. Jede andere Zeit ist Frieden.“ 5
Um die Selbsterhaltung des Menschen zu garantieren, sind jene seiner Auffassung nach zu einem Vertrag gezwungen, der ihre Naturrechte unwiderruflich dem Staat überträgt. Somit wird dessen Herrschaft über alle Untertanen absolut - also unteilbar und unauflöslich - und durch den vollkommensten in einer Person, dem König, repräsentiert. Diese Art der Regierungsform wird auch als absolute Monarchie bezeichnet.
Durch die Konzentration der Macht auf eine Person scheint in deren Beseitigung die Lösung des Problems für den Sieger zu liegen. Aufgrund der Inaktivität der Zivilbevölkerung an der Politikgestaltung des Landes besteht nach den Aussagen von Tommaso Campanella keine Notwendigkeit, diese zu bestrafen. Thomas Morus äußert sich ähnlich, lehnt aber die Gewalt gegen die Bevölkerung und ihr Eigentum noch wesentlich stärker ab: „Das feindliche Land verwüsten sie nicht, brennen auch nicht die Saaten nieder, sondern sorgen im Gegenteil nach Möglichkeit dafür, dass diese nicht von den Menschen und Pferden niedergetreten werden, (...). Einem Wehrlosen tun sie nichts zuleide, (...).“ 6 Thomas Morus bürdet in seinen Theorien den Besiegten lediglich die Kosten des Krieges auf, die jene teils als bares Geld, teils als Grundbesitz entrichten sollten. Gewalt solle nur erfolgen, wenn die Besiegten die Kooperation verweigerten 7 :
„Städte, die sich ergeben, verschonen sie; aber auch mit Gewalt eroberte plündern sie nicht, sondern töten diejenigen, die die Übergabe verhinderten, und machen die übrigen Verteidiger zu Sklaven, während die gesamte Zivilbevölk erung ungeschoren bleibt.“ 8
4 Vgl. Thomas Hobbes (Iring Fetscher (Hrsg.)): Leviathan, Frankfurt/Main 1991, S. XII ff.
5 Thomas Hobbes: der Staat als Instrument eines aufgeklärten Egoismus in: Norbert Hoerster (Hrsg.): Klassische
Texte der Staatsphilosophie, München 1999, (Ausgabe ist eine Fehldruck ohne Angabe der Seitenanzahl)
6 Thomas Morus: Utopia, Stuttgart 1995 (o. A. 1516), S. 125
7 Vgl. Ebenda, S. 126
8 Ebenda, S. 126
5
Der Verfasser sieht in einem blutigen Sieg eher eine Schmach als einen Triumph, generell nimmt Thomas Morus eine stark ablehnende Haltung gegenüber dem Krieg und den damit verbundenen Entwicklungen ein. In der Essenz jedoch spricht er sich ebenfalls für die Beseitigung der Führungselite und deren Neubesetzung aus, um die siegerkonformen Interessen im besetzten Land durchzusetzen. Untermauert wird die Haltung von Morus durch die von ihm beschriebene Kampftaktik der Utopier * . Demnach zöge eine Schar auserlesener junger Leute aus, die sich auf „Gedeih und Verderb“ miteinander verschworen haben, um den feindlichen Führer auszuschalten. 9 Dazu Thomas Morus:
„Sie gehen offen auf ihn los, sie greifen ihn aus dem Hinterhalt an, sie dringen von weitem und von nahem auf ihn ein, sie stürmen in einem langen lückenlosen Keil gegen ihn an, wobei immer wieder neue Kämpfer an die Stelle der ermüdeten treten. Nur selten kommt es vor das er nicht den Tod findet, (...)“ 10
Die Verteilung der Macht auf einen bzw. wenige Köpfe hatte den Nachteil, dass die Führungsschicht relativ schnell zu beseitigen war. Umerziehungsmaßnahmen der Bevölkerung, wie sie z. B. im 20. Jahrhundert der Fall waren, mussten nicht durchgeführt werden, da die Menschen, wie bereits erwähnt, nicht an der politischen Willensbildung beteiligt waren. Ein Führungswechsel war vermutlich in den Theorien des Thomas Morus deshalb so einfach durchzuführen, weil ihm, aus seinen Beobachtungen der Historie des 16. Jahrhunderts, die Loyalität zum Herrscher oft als nicht besonders groß erschien. Neben der politischen Inaktivität war auch die gleichbleibend schlechte soziale Lage der Bevölkerung ein Grund für die geringe Identifikation der Menschen mit dem jeweiligen absoluten Monarchen. Um dies zu verdeutlichen bietet sich ein Exkurs in die Invasions- und Okkupationspolitik des Dreißigjährigen Krieges an, der zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Zentraleuropa wütete.
Während des Dreißigjährigen Krieges erkannten die militärischen Führer beider Parteien relativ früh, dass der Umgang mit der Zivilbevölkerung möglichst „rücksichtsvoll“ gestaltet werden müsse, um die latenten Versorgungsengpässe auszugleichen. Eine Schonung der im Kriegsgebiet lebenden Bevölkerung war demnach geboten, wollte man nicht durch „unleidliche Exactiones“ die betreffende Gegend ruinieren. Ein maßvoller Umgang mit den Ressourcen einer Landschaft war nicht zuletzt wegen der Dauer des Krieges das Gebot der
* Utopier: Name der Bevölkerung der Insel Utopia, die ein fiktives Konstrukt von Thomas Morus ist, dass ihm
zur Darstellung seiner politischen Theorien dient.
9 Vgl. Thomas Morus: Utopia, in: E. Grassi/ W. Hess (Hrsg.): Der utopische Staat, Hamburg 1989, S. 93
10 Thomas Morus: Utopia, Stuttgart 1995 (o. A. 1516), S. 123
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Arbeit zitieren:
Daniel Wewetzer, 2003, Politische Theorien über das Eroberungs- und Nachkriegsverhalten in der Frühen Neuzeit, München, GRIN Verlag GmbH
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