1. EINLEITUNG (STEFANIE BAUMGARTL UND FRANK LORENZ)
2. THEORETISCHE VORBETRACHTUNGEN (STEFANIE BAUMGARTL)
2.1 BESCHREIBUNG VERSUCH GNUTZMAN (STEFANIE BAUMGARTL)
2.2 BESCHREIBUNG VERSUCH JENA (FRANK LORENZ)
2.3 FEHLERANALYTISCHE BETRACHTUNG (FRANK LORENZ)
2.4 LÄNGENMESSUNGEN (FRANK LORENZ)
3. AUSWERTUNG
3.1 SPRECHERVERGLEICH (STEFANIE BAUMGARTL)
3.2 ASSIMILATIONEN DER UNTERSUCHTEN WORTE IM VERGLEICH
(FRANK LORENZ)
VORBETRACHTUNG: REDUKTIONSSTUFEN DES DEUTSCHEN
ASSIMILATIONEN DER UNTERSUCHTEN WORTE IM VERGLEICH
4. ABSCHLIESSENDE BETRACHTUNG (STEFANIE BAUMGARTL UND FRANK LORENZ) 24
5. ANHANG
5.1 LÄNGENMESSUNG
5.2 TRANSKRIPTION DER UNTERSUCHTEN WORTE
6. LITERATUR
– SEITE ZWEI –
1. Einführung
Betrachtet man die Einflüsse, die eine Veränderung in der Realisation von Worten bedingen, birgt die Variation der Sprechgeschwindigkeit einen wesentlichen Einfluß.
Der Einfluß des Sprechtempos wurde 1975 durch Claus Gnutzman in Kiel untersucht. In einem Experiment wurden Sätze mit verschiedenen Geschwindigkeiten produziert und reproduziert, um Reduktionserscheinungen bei Synsemantika zu untersuchen. Inwiefern eine Wiederholung dieses Versuches nach nunmehr 25 Jahren vergleichbare Ergebnisse bringt, liegt im Interesse dieser
Arbeit. Neben theoretischen Vorbetrachtungen wird der Aufbau beider Versuche und deren Differenzen erläutert. Eine genaue Analyse der Reduktionsphänomene soll darlegen, inwiefern die Ergebnisse des Gnutzmanschen Versuchs zu bestätigen sind.
– SEITE DREI –
2. Theoretische Vorbetrachtungen
Der Einfluß der Sprechgeschwindigkeit auf die Qualität der Vokale und der Formantveränderung wurde in Grunwalds Arbeit
detaillierte Diskussion der verschiedenen Untersuchungen zu weit führen würde, sollen im folgenden einige Erklärungsmöglichkeiten abgehandelt werden, die den Einfluß der Sprechgeschwindigkeit auf die Artikulation thematisieren.
Grunwalds Diskussion der Undershoot-Theorie von Lindbolm stellt einen interessanten Diskussionspunkt dar. Die aufgestellte Hypothese besagt, daß mit steigender Sprechgeschwindigkeit die Geschwindigkeit, mit der sich die Artikulatoren in Richtung ihrer Zielposition während des Vokalmittelpunkts zu bewegen, nicht ansteigt, wodurch die Reduktionserscheinungen in der akustischen Vokalqualität hervorgerufen werden. (Grunwald, S. 22) Mit anderen Worten, die Artikulatoren verfehlen die angestrebte Zielposition. Eine Beschleunigung der Sprechgeschwindigkeit bedingt nicht eine Beschleunigung der Bewegung der Artikulatoren, es ist lediglich eine Verkürzung der Dauer des Vokalanglitts meßbar und die dem target entsprechende Ansatzrohrkonfiguration wird nicht erreicht. Die Bewegungen der Artikulatoren sind bei unterschiedlichen Sprechtempi prinzipiell die gleichen, nur die verkürzte Dauer des Vokals bewirkt einen undershoot. Grunwald faßt die Thematik der Undershoot - Theorie wie folgt zusammen: Festzuhalten bleibt jedoch, [...] daß die Bewegungen der Artikulatoren bei unterschiedlichen Sprechgeschwindigkeiten prinzipiell die gleichen sind und nur die verkürzte Dauer des Vokals einen undershoot bewirkt. (Grunwald, S. 24) Dennoch wurde Kritik an dieser Theorie geäußert. So fand beispielsweise Harris (1974) heraus, daß bei der Produktion von
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Vokalen mit schnellerem Tempo tatsächlich keine Beschleunigung der Artikulatoren erkennbar ist, er führt dies jedoch nicht auf die Trägheit der Artikulationsorgane sondern vielmehr auf andere zugrundeliegende Targets zurück. Mit anderen Worten, die Lautumgebung beeinflußt das Ausmaß der Reduktionen.
Neben dem Einfluß des Sprechtempos auf die Vokalqualität wird auch der Einfluß auf die Formanten und deren Veränderung thematisiert. Man fand zum Beispiel heraus, daß tendenziell der erste Formant des Vokals [i:], wenn auch nur gering, von der Vokaldauer beeinflußt wird. Deutlich signifikanter ist der Einfluß der Vokaldauer auf den zweiten Formanten bei der Realisation von [i:]. Wird die Geschwindigkeit gesteigert und somit die Vokaldauer gekürzt, lassen sich niedrigere Frequenzwerte messen. Dieses Zusammenspiel beider Tendenzen bewirkt eine Verschiebung des Vokals innerhalb des Vokalsystems in Richtung Neutralvokal und stellt somit eine Reduktion im Sinne einer Neutralisation dar. (Grunwald, S. 122) Überdies wird die Annahme geäußert, daß
geschlossenen Vokalen eher zu erwarten sind als bei offenen
Die quantitativen Auswirkungen des Sprechtempos auf die Formantverläufe wurden in einer Hypothese zusammengefaßt: Eine Steigerung der Sprechgeschwindigkeit wird immer reflektiert durch eine zeitliche Kürzung der quasi- stationären Vokalanteile. Hierbei werden als quasi-stationär jene Vokalsegmente verstanden, während derer kein Formant deutliche Verlaufsänderungen
aufweist. (Grunwald, S. 179) Außerdem kann die Dauer der Transition, muß jedoch nicht von einer Temposteigerung betroffen sein. Mit anderen Worten, quantitative Unterschiede sind
zurückzuführen. Wird das Sprechtempo gesteigert, werden diese Segmente stark gekürzt, so daß sie schließlich vollständig verschwinden können. Eine Untersuchung der zeitlichen Extension
– SEITE FÜNF –
der Formantverläufe bei unterschiedlicher Sprechgeschwindigkeit ergab, daß eine Temposteigerung immer eine Kürzung der quasi- stationären Vokalanteile bedingt, die allerdings nicht immer proportional sein muß. Die nichtstationären Anteile, also Onset- und OffsetTransitionen hängen weitaus geringer, aber immer noch feststellbar, von der Gesamtdauer des Vokals ab.
Zusammenfassend seien Charakteristika des Sprechtempos erwähnt: eine Steigerung des Sprechtempos bewirkt eine Verkürzung von Artikulationszeit und Pausenzeit. Als Kenngrößen der Geschwindigkeit gelten das Verhältnis von Artikulationszeit und
geschwindigkeit in Silben pro Sekunde. Beide nehmen mit der Sprechgeschwindigkeit zu.
2.1. Beschreibung des Versuches von Claus Gnutzman
In seinem Versuch rückt Claus Gnutzman die Betrachtung der phonetischen Ausprägung von schwachen Formen in Abhängigkeit von der Sprechgeschwindigkeit in den Mittelpunkt. Hierbei formuliert er die Hypothese, daß der quantitative und qualitative
fortschreitet mit einer Erhöhung der Sprechgeschwindigkeit (Gnutzman, S. 73), mit anderen Worten, je höher die Sprechgeschwindigkeit ist, desto schwächer ist die Form
Im folgenden Kapitel soll der Versuch von Gnutzman beschrieben werden, wobei eine detaillierte Analyse der Ergebnisse nicht vernachlässigt werden soll. Diese Ergebnisse werden mit den Resultaten des Versuches in Jena verglichen, um eine etwaige Übereinstimmung oder Widerlegung der Ergebnisse darzulegen. Um den Einfluß des Sprechtempos auf die phonetische Ausprägung von Formwörtern, sogenannten Synsemantika oder
– SEITE SECHS –
Funktionswörtern, zu untersuchen, wurde zunächst ein Vorversuch durchgeführt. Hierbei wurden die Probanden gebeten, sechs Sätze in drei Geschwindigkeiten zu lesen, wobei die kontinuierliche Zunahme der Geschwindigkeit einen wichtigen Bestandteil des Versuches darstellt. Folgende Sätze wurden für den Vorversuch
Bei diesen Sätzen sollte die Realisierung nicht-emphatisch, also mit normaler Satzmelodie erfolgen, wobei der Iktus auf dem hervorgehobenen Wort liegen sollte. Weiterhin wurden die Probanden darauf hingewiesen, daß ein Wiederholen der Aufnahme ohne weiteres möglich sei, allerdings nahmen nur wenige diese
zurückzuführen sein, daß die Probanden sich der unzureichenden Ergebnisse nicht bewußt waren oder aus psychologischen Gründen nicht wahrnehmen wollten.
Den Sätzen folgend wurden den Probanden im Vorversuch die zu untersuchenden Formwörter in isolierter Form vorgelegt, diese waren da, darf, dem, der, die, dir, du, er, ihn, schon und wird. Zusätzlich wurden lexikalische Wörter in isolierter Form offeriert, um von dem Fokus auf die Synsemantika abzulenken. Während des Vorversuches wurden bald Schwierigkeiten erkennbar. Einige Probanden hatten Probleme, die Sätze mit dem
Sprechgeschwindigkeiten zu realisieren, der Iktus wurde häufig auf eine Silbe eines anderen Wortes verlagert. Außerdem hatten die Probanden mit den geforderten Sprechgeschwindigkeiten Probleme.
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Dr. Frank Lorenz, Stefanie Baumgartl, 2001, Der Einfluß der Sprechgeschwindigkeit auf segmentale Gegebenheiten von Synsemantika, Munich, GRIN Publishing GmbH
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