Inhalt
Einleitung 4
1 Forschungs- und Quellenlage 6
2 Der Kurstaat unter der Regierung Friedrich Karl Erthals 9
3 Die Reform der Universität 13
3.1 Vorbereitungen der Reform 1782-84 13
3.2 Die Reform 15
3.3 Reaktionen auf die Universitätsreform 18
3.4 Grenzen der Reform 20
4 Organisationsformen der Mainzer Aufklärer 26
4.1 Freimaurer 26
4.2 llluminaten 28
4.3 Lesegesellschaften 31
4.3.1 Die "Gelehrte Lesegesellschaft" 31
4.3.2 Der "Korrespondierende literarische Zirkel" 38
4.4 Zusammenfassung 40
5 Die Gelehrten am Vorabend der Mainzer Republik 42
5.1 Oppositionelle Gelehrte 43
5.1 1 Felix Anton Blau 44
5.1.2 Anton Josef Dorsch 48
5.1.3 Andreas Joseph Hofmann 52
5.1.4 Georg Forster 55
5.2 Mainzer Schmähschriften und französische Propaganda 60
5.3 Geheime Organisationsformen der oppositionellen Gelehrten 63
5.3.1 Der sogenannte 'Propagandaklub" 63
5.3.2 Ein Mainzer Zirkel 66
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5.3.3 Der Plan einer "Akademie" 68
5.4 Zensur und Dissimulationspolitik der Regierung 69 5.5 Zusammenfassung 73
6 Studenten am Vorabend der Mainzer Republik 75
6.1 Traditionelle Studentenunruhen 76
6.2 Politisierung der Studenten 82
6.2.1 Maßnahmen der Regierung 83
6.2.2 Studentische Aktivitäten gegen französische Emigranten 85
6.2.3 Die Memoiren Johannes Weitzels 88
6.2.4 Tagebuchaufzeichnungen Josef Schlemmers 93
6.2.5 Studentenkreise um Lehne und Emerich 94
6.2.6 Der Zumbachsche Lesezirkel 97
6.3 Die Politisierung am Beispiel von Stammbucheinträgen Mainzer Studenten 99
6.3.1 Stammbücher als Quelle 99
6.3.2 Stammbucheinträge vor der Französischen Revolution 100
6.3.3 Stammbucheinträge zur Zeit der Französischen Revolution 101 6.3.4 Zusammenfassung 108
6.4 Die Studenten unmittelbar vor Ankunft der Franzosen 109 6.4.1 Die akademische Legion 109
6.4.2 Spionagetätigkeiten der Revolutionsanhänger 110 6.4.3 Sympathiekundgebungen 112 6.5 Zusammenfassung 114
7 Die Studenten während der Mainzer Republik 116
8 Schlußbemerkungen 122
9 Quellen- und Literaturverzeichnis 125 9. 1 Ungedruckte Quellen 125 9.2 Gedruckte Quellen 126 9.3 Literatur 129
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Einleitung
Gegenstand dieser Arbeit ist die Geschichte der aufklärerischen und revolutionsfreundlichen Strömungen an der Universität Mainz in den Jahren 1782 bis 1792.
Der zeitliche Rahmen des Themas ergibt sich aus zwei Ereignissen, die nicht nur für die Geschichte der Universität, sondern auch für die des Kurfürstentums Mainz von Bedeutung waren:
I. Die kulturelle Reform in den Jahren 1782-84, die zu einer Modernisierung und Förderung der Universität führte, und in deren Folge namhafte aufgeklärte Gelehrte nach Mainz kamen.
II. Die Übergabe der Residenzstadt Mainz am 21. Oktober 1792 an die französischen Revolutionstruppen und damit der Beginn der Mainzer Republik von 1792/93.
In der Mainzer Republik wurde zum ersten Mal in Deutschland der Versuch unternommen, eine demokratische Ordnung zu konstituieren. An diesem Vorhaben war maßgeblich der Mainzer Jakobinerklub beteiligt, unter dessen Mitgliedern sich vor allem die Gelehrten und Studenten durch ihr Engagement auszeichneten. Die Mainzer Republik wurde zwar erst durch die französische Besatzung ermöglicht, es muß aber bereits früher das Bestreben nach grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen vorhanden gewesen sein, ohne die sich diese sofortige Bereitschaft zu einer politischen Umgestaltung nicht erklären ließe.
In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, ob bereits in den Jahren vor der Mainzer Republik eine Politisierung der Studenten und Professoren stattgefunden hatte. Es stellt sich die Frage, welche konkrete Entwicklung dazu führen konnte, daß die Bildungselite im aufgeklärten Absolutismus keine politische Alternative mehr sah und deshalb zur Verbreitung demokratischer Prinzipien überging.
Zu Beginn der Arbeit ist es deshalb nötig, die Universitätsreform, ihre Leistungen und Grenzen näher zu beleuchten. Außerdem soll die Beschäftigung mit den öffentlichen und geheimen Organisationen der Aufklärer
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am Vorabend der Mainzer Republik eine Antwort auf die Frage geben, inwieweit eine Affinität zwischen diesen aufgeklärten Sozietäten und dem Jakobinerklub von 1792/93 bestand.
Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Untersuchung über die Aktivitäten der Gelehrten und Studenten am Vorabend der Mainzer Republik. Dabei werden besonders die Biographien einzelner Gelehrter berücksichtigt, die innerhalb des zu betrachtenden Zeitraumes an der Mainzer Universität beschäftigt waren. Außerdem soll der Anteil der Gelehrten an der Mainzer Opposition sowie die Reaktionen der Mainzer Regierung herausgefunden werden.
Das umfangreiche Quellenmaterial über die Studenten und deren von den Gelehrten weitgehend eigenständige Politisierung bieten es an, die Geschichte der Studenten in einem großen, eigenen Teil der Arbeit zu untersuchen. Neben der Politisierung der Studenten am Vorabend der Mainzer Republik sollen auch ihre Aktivitäten in den folgenden ersten Monaten des Bestehens der Mainzer Republik thematisiert werden.
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1 Forschungs- und Quellenlage
Die Mainzer Republik von 1792/93 und ihre Vorgeschichte fand in der Forschung lange keine adäquate Beachtung. Bis in die 60er Jahre unseres Jahrhunderts wurde sie von der Historiographie als Randerscheinung behandelt und von der Lokalgeschichtsschreibung einseitig verfälschend dargestellt. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts taten sich vor allem Mainzer Historiker dadurch hervor, daß sie die Mainzer Republik und ihre Vorgeschichte abqualifizierten und die Jakobiner diffamierten. 1 Dies gelang ihnen, indem sie sich auf die gegenrevolutionäre Publizistik des 18. Jahrhunderts stützten und die revolutionären Quellen übergingen. Dieser Zustand änderte sich nicht wesentlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, einzig die von Joseph Hansen herausgegebene Quellensammlung 2 ist aus dieser Zeit hervorzuheben. Hansen faßt darin chronologisch geordnet hauptsächlich Zeitungsberichte, Regierungs- und Diplomatenakten über die rheinischen Kleinstaaten am Ende des 18. Jahrhunderts zusammen.
Erst in den 60er Jahren dieses Jahrhunderts begannen sich erneut Historiker beider deutscher Staaten des Themas anzunehmen. Seit 1968 wurde in der Bundesrepublik dazu übergegangen, die Mainzer Republik unter demokratiegeschichtlichen Aspekten zu betrachten. Unter der sich etablierenden Jakobinerforschung - als bekanntester Vertreter sei hier Walter Grab 3 genannt - erfuhr die Mainzer Republik als Thema eine wesentliche Aufwertung. Gleichzeitig trat der Mainzer Landeshistoriker Helmut Mathy mit mehreren Biographien über führende Mainzer Jakobiner sowie zahlreichen Detailstudien hervor.
Die Historiker der Deutschen Demokratischen Republik widmeten der Mainzer Republik bereits einige Jahre früher ihre Aufmerksamkeit. Den Anfang machte Claus Träger, der 1963 eine Quellenauswahl über die Mainzer Republik veröffentlichte. 4 Ihm folgte Heinrich Scheel unter anderem mit der bis heute umfassendsten Quellensammlung zum Mainzer Jakobinerklub und dem
1 Klein, Geschichte; Bockenheimer, Klubisten.
2 Hansen Bde.1-2.
3 Z.B. Grab, Eroberung.
4 Träger, Mainz.
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Rheinisch-deutschen Nationalkonvent. 5 Scheel stellt den Verlauf der Mainzer Republik anhand der von ihm edierten Protokolle des Jakobinerklubs und des Nationalkonvents dar. Daß er die Quellen seiner marxistischen Geschichtsauffassung entsprechend interpretiert, vermindert den Quellenwert der beiden Bände nicht. Die Darstellungsform - Quellen mit ergänzenden und kommentierenden Anmerkungen - bietet dem Leser die Möglichkeit, die Klub-oder Konventsprotokolle einzusehen.
Verdient machte sich die ostdeutsche Forschung zudem durch die Herausgabe der Werke Georg Forsters, dessen zahlreiche Korrespondenz mit befreundeten Gelehrten eine wichtige Quelle für die Mainzer Verhältnisse in den Jahren 1788-92 darstellt. 6
In der Bundesrepublik erschienen 1982 zwei Darstellungen der Mainzer Republik von den Historikern Dumont und Tervooren. 7 Während Tervooren sich in seiner Darstellung auf die bekannte Literatur stützt und diese neu zu akzentuieren versucht, zieht Dumont eine Fülle von neuen Quellen heran. Dumonts Arbeit unterscheidet sich von der oben genannten Arbeit des ostdeutschen Historikers Scheel vor allem dadurch, daß er in größerem Maß die gegenrevolutionären Quellen heranzieht und Sachverhalte entgegengesetzt zu Scheel bewertet, so daß beide zu großen Unterschieden in der Darstellung und Interpretation gelangen. Im Gegensatz zu Scheel hat Dumont eine eher distanzierte Haltung gegenüber der Mainzer Republik und ihren demokratischen Zielsetzungen. 8
Obwohl die Mainzer Republik durch Quelleneditionen und größere Darstellungen recht gut erforscht ist, mangelt es mit Ausnahme einiger Biographien an ausführlichen Untersuchungen der aufklärerischen und politischen Strömungen, die in den davorliegenden Jahren an der Universität Mainz herrschten. Dieser Mangel besteht, obwohl die Forschung den überproportionalen Anteil der Gelehrten und Studenten im Mainzer Jakobinerklub bereits mehrfach konstatierte, man es aber vor allem bei den
5 Scheel, Bde.1-2.
6 Forster, Bde.15-18.
7 Dumont, Republik; Tervooren, Republik.
8 Grundsätzliche Kritik an der Position Dumonts übt unter anderem Keller. Vgl. Keller, Freiheitsbaum, S.108f.
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Studenten völlig unterließ, deren Verhältnis zur Französischen Revolution vor der Mainzer Republik eingehender zu untersuchen. In Quellen wie den Regierungsakten, der diplomatischen Korrespondenz oder der regierungstreuen Presse findet man relativ wenig über die politische Haltung der Studenten nach 1789, weil diese - im Gegensatz zu manchem Gelehrten - in der Öffentlichkeit nur selten auffällig wurden. Hinweise auf die Revolutionsbegeisterung der Studenten sind hauptsächlich in privaten Aufzeichnungen zu finden, zum Beispiel in Tagebucheinträgen, Gedichten, Briefen oder in den späteren Memoiren der Studenten, vor allem aber in deren Stammbucheinträgen, die sich für diese Arbeit als sehr ergiebig erwiesen haben. Auch mehrere zeitgenössische Reiseberichte haben sich als nützliche Quelle herausgestellt, da die Autoren teilweise sehr detailliert über die Verhältnisse an der Mainzer Universität berichteten. Einige dieser Quellen, insbesondere die studentischen Stammbücher, wurden bislang von der Forschung nicht herangezogen; ein anderer Teil der Quellen wurde lediglich in Biographien oder Detailstudien eingearbeitet und in keinen größeren Zusammenhang gestellt.
Anmerkung zur sprachlichen Wiedergabe der Texte
Um die bestmögliche Lesbarkeit zu gewährleisten, wurde die Orthographie und Interpunktion der Texte aus dem 18. und 19. Jahrhundert der heute gebräuchlichen Schreibweise angeglichen.
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2 Der Kurstaat unter der Regierung Friedrich Karl Erthals
Der Mainzer Kurstaat umfaßte am Ende des 18. Jahrhunderts ein Territorium von 938 km¨. Das Gebiet war nicht geschlossen und verteilte sich rechtsrheinisch auf ein Gebiet von Aschaffenburg bis Miltenberg und auf einen 10 km breiten Landstrich von Biebrich bis Bingen. Mainaufwärts erstreckte sich der Kurstaat bis nach Höchst. Hinzu kam die Stadt Erfurt und das Eichsfeld im Harz mit dem Hauptort Heiligenstadt. Linksrheinische Territorien waren die Weichbilder von Mainz und Bingen. Eine Anzahl von Dörfern und Flecken -Exklaven in hessischem und schwäbischem Gebiet - machten Kurmainz zum größten aber auch am wenigsten geschlossenen der geistlichen Kurfürstentümer. 9
Die Residenzstadt Mainz war mit ihren etwa 28000 Einwohnern 10 am Ende des 18. Jahrhunderts eine für damalige Verhältnisse große Stadt. Die benachbarte Handelsstadt Frankfurt beispielsweise, die Mainz an wirtschaftlicher Bedeutung übertraf, war mit 30000 Einwohnern nur unwesentlich größer. Erzbischof und Kurfürst von Mainz war am Ende des 18. Jahrhunderts Friedrich Karl von Erthal (1719-1802), der am 18. Juli 1774 gewählt wurde. Erthal war gleichzeitig Erzkanzler des Reiches 11 und Reichsprimas der katholischen Kirche. 12 Vor seiner Wahl war Erthal zuerst Rektor der Mainzer Universität und seit 1769 Kurmainzer Gesandter am Wiener Hof gewesen. Erthal trat die Nachfolge des Kurfürsten und Erzbischofs Emmerich Joseph von Breidbach-Bürresheim an, über dessen aufgeklärte Regierung sich das orthodoxe Domkapitel und auch Teile der Bevölkerung empört hatten. In dem kurzen Interregnum der Domherren zwischen Emmerichs Tod am 11. Juli 1774 und der Wahl Erthals am 18. Juli 1774 wurden mehrere Reformen des verstorbenen Kurfürsten rückgängig gemacht.
9 Vgl. Vezin, S.10.
10 Vgl. Rödel, Mainz, S.123.
11 Diese besondere Stellung des Mainzer Kurfürsten bestand seit der Goldenen Bulle Kaiser Karls IV. Als Erzkanzler war der Metropolitan der Erste nach dem Kaiser. Als letztstimmender Kurfürst war seine Stimme bei der Kaiserwahl ausschlaggebend.
12 Als Suffragan-Bistümer gehörten zum Bezirk des Mainzer Erzbischofs Augsburg, Chur, Eichstädt, Fulda, Hildesheim, Konstanz, Paderborn, Speyer, Straßburg, Worms und Würzburg. Vgl. Vezin, S.10.
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Der Zorn des Domkapitels richtete sich gegen das nach seiner Meinung intrigante und irreligiöse Ministerium. 13 Davon waren insbesondere der Großhofmeister Karl Friedrich Willibald Groschlag und der Hofkanzler Anselm Franz von Bentzel betroffen: Der neu gewählte Kurfürst entließ auf Betreiben des Domkapitels die beiden bereits einen Tag nach seiner Wahl. 14 In der antiaufklärerischen Phase nach dem Regierungsantritt Erthals mußte Bentzel Mainz verlassen. Nachdem sich der Kurfürst später den Ideen der Aufklärung näherte, holte er Bentzel 1782 als Kurator nach Mainz an die Universität zurück und übertrug ihm deren Reform.
Obwohl Mainz nur ein Kleinstaat war, gab es in der Residenzstadt des Kurfürsten zahlreiche Diplomaten benachbarter Groß- und Mittelmächte: Rußland, Frankreich, Preußen, Österreich, Hannover und Sachsen hatten Vertreter in Mainz. Diesem Umstand ist es zu verdanken, daß Erthals außenpolitische Aktivitäten mehrfach von den Diplomaten beschrieben und kommentiert wurden.
Nach Einschätzung der Diplomaten am Hof des Kurfürsten hatte Erthal "mehr eigennützige Höflinge als wirklich staatsmännische Berater" 15 in seiner Umgebung. Bis 1789 war der geheime Staatsrat von Strauß mit der Leitung der Regierungsgeschäfte betraut. Der österreichische Gesandte Graf Metternich beispielsweise charakterisierte ihn als einen Mann mit geringen Geistesfähigkeiten und zweideutigem Charakter. 16 Andere Regierungsvertreter kamen in Metternichs Beurteilung zwar besser davon, aber lediglich dem Weihbischof Heimes sprach er uneingeschränkt die Fähigkeiten eines kurfürstlichen Beraters zu.
Im Umfeld des Kurfürsten spielten auch Frauen eine bedeutsame Rolle. Am einflußreichsten war Erthals Nichte, die Gräfin Sophie von Coudenhoven. Sie war nicht nur gesellschaftlicher Mittelpunkt des Hofes, sondern verstand es, sich in den Regierungsgeschäften Einfluß zu verschaffen. Neben ihr erfreuten sich in weniger starkem Maß die Frau von Ferette und die Gräfin Hatzfeld der Gunst des Kurfürsten, so daß man in Diplomatenkreisen von den "femmes électorales à Mayence" 17 sprach.
13 Vgl. Jung, Bentzel, S.59ff.
14 Vgl. Jung, Bentzel, S.70f.
15 Vezin, S.13.
16 Vgl. Vezin, S.13.
17 Zit. nach Vezin, S.14, Anm.22.
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Der Einfluß der Frauen ging nach 1789 zurück, als der Reichsreferendar Freiherr von Albini (1748-1816) als Mainzer Hofkanzler nach und nach zur rechten Hand des Kurfürsten wurde und sich diese Position von niemandem streitig machen ließ. Bei der Neuausteilung der Geschäfte am 19. Dezember 1790 nahm Albini eine dominante Stellung in der Regierung ein. Er war für fast alle inneren und äußeren Angelegenheiten des Kurstaates zuständig. Der Staatsminister von Westphalen und der Obristhofmeister von Erthal, der Bruder des Kurfürsten, waren Albini beigestellt. Der berühmte Schweizer Historiker Johannes von Müller (1752-1809) war Albini als Geheimer Kabinettsreferendar untergeordnet. Diese Personen mußte Albini aber nur in Notfällen zur Beratung heranziehen, ansonsten konnte er dem Kurfürsten direkt referieren. Damit hatte der Hofkanzler die Regierungsgeschäfte unter Kontrolle, lediglich für die geistlichen Angelegenheiten war der Weihbischof Heimes und für das Finanzressort der Minister von Seckendorf alleinig zuständig. Außenpolitisch verließ Erthal seit 1783 den bisherigen kaisertreuen Kurs des Kurfürstentums. Er war vom österreichischen Kaiser Joseph II. enttäuscht, der eigenmächtig die auf österreichischem Territorium liegenden Teile verschiedener Diözesen abtrennte und daraus neue Diözesen bildete oder die dort liegenden Güter beschlagnahmte. Erthal entschloß sich deshalb am 18. Oktober 1785, dem von Friedrich dem Großen gegründeten Fürstenbund, auch "Liga zur Erhaltung der Reichsverfassung" genannt, beizutreten, um dadurch seine Empörung gegenüber Joseph II. zum Ausdruck zu bringen. Die großen Fürstenbundsstaaten Preußen, Sachsen und Hannover gaben Erthal aber bald zu verstehen, daß er kein gleichberechtigtes Mitglied im Bund war. Da Erthal nicht ohne Gesichtsverlust in das Lager des Kaisers zurückkehren konnte, versuchte er weitere geistliche Fürsten für die Liga zu gewinnen, um seine Position aufzuwerten. Dabei war ihm kein nennenswerter Erfolg beschieden. Mit dem Scheitern des Fürstenbundes bemühte sich Erthal seit 1790 wieder um ein gutes Verhältnis mit Österreich.
Diesem außenpolitischen Mißerfolg sollten noch weitere folgen. Bis zur Französischen Revolution versuchte Erthal mehrmals eine große Rolle in der Reichs- und Kirchenpolitik zu spielen. Im Zentrum standen dabei neben der Fürstenbundspolitik auch der Nuntiaturstreit.
Zwei der engsten Mitarbeiter des Mainzer Kurfürsten, der Weihbischof Heimes und der Minister Philipp Carl von Deel, waren engagierte Febronianer, 18 die
18 Der Trierer Weihbischof Nikolaus von Hontheim hatte unter dem Pseudonym Febronius das Buch "de statu ecclesiae" veröffentlicht und der Bewegung ihren Namen gegeben.
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eine Wiedervereinigung der beiden Konfessionen in einer Reichskirche unter Friedrich Karl von Erthal anstrebten. Gerade die im Fürstenbund hergestellte Verbindung zu geistlichen Fürsten sollte besondere Möglichkeiten eröffnen. Erthal versuchte mit seiner Politik den Bestrebungen des Papstes entgegenzuwirken, der mit Hilfe der Nuntien das deutsche Episkopat kontrollieren wollte. Der Kurfürst scheiterte jedoch mit seinem Vorhaben am Widerstand der anderen geistlichen Fürsten und auch Preußen war nicht bereit, seine episkopalischen Pläne zu unterstützen. 19
Der Kurfürst besaß nicht die nötige politische Macht, um seine vielschichtigen Vorhaben erfolgreich umzusetzen. Außerdem mangelte es ihm an der notwendigen Konsequenz in der Durchführung seiner Projekte:
"Man steht bei Friedrich Karl von Erthal vor dem seltenen Phänomen, daß er zwar genügend Geist besaß, um Probleme aufzugreifen, die zu den wichtigsten Fragen seiner Zeit gehörten, daß er aber andererseits zu oberflächlich und zu unstet war, um wirklich an die Lösungen heranzugehen. Erthal richtete damit mehr Unheil an, als er Gutes stiftete." 20
Mit seinem "Ausflug in die große Politik" 21 war Erthal gescheitert, und er besaß wenig Vertrauen bei den Großmächten und den anderen geistlichen Herrschern. Sein Beitritt zum Fürstenbund hatte ihm zudem die Verachtung der geistlichen Mitfürsten eingebracht.
19 Nach der Emser Konferenz von 1786 ging die Führung im Kampf gegen die Nuntiatur auf den Kölner Erzbischof Max Franz über.
20 Aretin, Erthal, S.78.
21 Ebd., S.89.
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3 Die Reform der Universität
Der Weg des aufgeklärten Absolutismus, den der Mainzer Kurfürst zu Beginn der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts einschlug, zeigte sich "weniger im Selbstverständnis, in der Regierungspraxis oder der Staatsauffassung des Herrschers, sondern in der Kulturpolitik." 22 Die wesentlichste Leistung war hierbei die Reform der Mainzer Universität.
Die Universität war vor ihrer Reform in einem schlechten personellen und finanziellen Zustand. Karl Theodor von Dalberg (1744-1817), der Statthalter von Erfurt, schlug 1777 vor, "die Mainzer Universität eingehen zu lassen" 23 und nur die Erfurter Universität aufrechtzuerhalten. Aus der Sicht Dalbergs waren zwei Universitäten für den kleinen Kurstaat nicht tragbar. Erthal erwog dagegen zu keiner Zeit, die beiden Universitäten an einem Ort zu einer großen Universität zu verschmelzen. Die territoriale Zersplitterung und Distanz der Gebiete des Kurstaates gab seiner Meinung nach beiden Universitäten eine Existenzberechtigung.
3.1 Vorbereitungen der Reform 1782-84
Die Grundlage für die Reform der Universität Mainz bildete die Einrichtung eines Universitätsfonds. Erthal wählte eine für einen geistlichen Fürsten ungewöhnliche Maßnahme zur Finanzierung seines Objekts, indem er zur Beschaffung der Geldmittel drei Mainzer Klöster auflöste. 24 Selbst der Primas der katholischen Kirche in Deutschland konnte aber nicht Klöster auflösen, ohne zuvor das päpstliche Breve einzuholen. Die Verhandlungen mit dem römischen Stuhl gestalteten sich nicht einfach. Doch am 24. August 1781 stimmte Papst Pius VI. in einer Bulle zu, daß die drei Mainzer Klöster Altmünster, Reichklara und Karthaus zur Finanzierung der Mainzer Universität aufgelöst wurden. Noch im selben Jahr verwaltete eine Hofkommission aus Professoren und kurfürstlichen Räten das der Universität zugesprochene Vermögen.
22 Dumont, Republik, S.31.
23 Zit. nach Mathy, Mainz, S.136.
24 Die Säkularisierung von Klöstern zur Finanzierung einer Universität hatte es schon früher einmal zugunsten der Universität Münster gegeben. Vgl. ebd.
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Mit dieser Säkularisierung waren weite Teile der Bevölkerung unzufrieden, da die Klöster bei ihr in hohem Ansehen standen. Ausdruck dieser Unstimmigkeit war ein kritischer Kommentar in der Chronik zum Jahr 1781: "Auf solche Weise hat man gut stiften." 25 Dieser Stimmung zollte Erthal insofern Tribut, als er noch zwei Jahre später die Kommission anwies, die Säkularisierung unauffällig voranzutreiben und das Klosterinventar "in der Stille an Klöster und Stifte verkäuflich" 26 abzugeben.
Die Organisation der Reform übertrug Erthal dem ehemaligen Hofkanzler Anselm Franz von Bentzel (1738-1786), den er am 9. September 1782 zum Kurator der beiden Kurmainzer Universitäten Erfurt und Mainz ernannte. Acht Jahre zuvor hatte Erthal am ersten Tag seiner Regierung Bentzel seines Postens als Hofkanzler enthoben und ihn bis 1782 mit keiner wichtigen Aufgabe betreut. Die Tatsache, daß der Kurfürst nun dem bei der Orthodoxie unbeliebten Bentzel diese Aufgabe zuwies, belegt die Entschlossenheit, mit der die Universitätsreform durchgeführt werden sollte. 27 Bentzel hatte sich schon unter Erthals Vorgänger Emmerich um Reformen an der Universität bemüht und besaß deshalb konkrete Vorstellungen über die anstehenden Veränderungen. Auch die Reformvorschläge der Professoren, denen die bisherigen Mängel der Universität aus der Praxis bekannt waren, wurden berücksichtigt. Ein wichtiges Reformgutachten legte der Lehrer der Rechte und Hof-und Regierungsrat Franz Joseph von Hartleben (1740-1810) dem Kurfürsten vor. Durch Besuche der Universitäten in Köln, Tübingen und Straßburg sowie der Stuttgarter Hohen Karlsschule hatte sich Hartleben mit anderen Universitätsverhältnissen vertraut gemacht. Er schlug als wichtigste Neuerung Toleranz gegenüber protestantischen Studenten vor. Kritik äußerte Hartleben am bisherigen Zustand der Universität und ihrer Bibliothek: "Unsere verfallene Universität hat eine verfallene Buchhandlung." 28
25 Zit. nach ebd., S.137.
26 Zit. nach ebd., S.138.
27 Zudem hatte die Vertraute des Kurfürsten, Frau von Coudenhofen, Bentzel für das Amt des Kurators empfohlen. Vgl. Mathy, Briefe, S.222.
28 Zit. nach Mathy, Mainz, S.135.
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3.2 Die Reform
Mit der Errichtung des Universitätsfonds war ein wichtiger Schritt für die Universitätsreform getan, da nun die finanziellen Mittel zur Verfügung standen. Damit war die Grundlage geschaffen, um die Mainzer Universität zu einer modernen, bekannten Universität umzugestalten. Kurator Bentzel bemühte sich vor allem um die Erstellung einer neuen Universitätsverfassung, die ein durchgestaltetes Studium ermöglichen sollte. Die Attraktivität des Studiums sollte außerdem durch die Heranziehung bekannter Professoren und Gelehrter gesteigert werden.
Ein wichtiges Ziel Bentzels war es, den akademischen Nachwuchs an der Landesuniversität zu halten. Damit sollte die Ausbildung zukünftiger Beamter und Geistlicher gewährleistet und vor allem auch beeinflußt werden. Viele Mainzer studierten bislang an protestantischen Universitäten und kamen danach in den Kurstaat zurück, um eine Stelle anzutreten. Der geistliche Rat Valentin Heimes klagte bereits 1779, daß die Studenten dort nur schädliche Grundsätze kennenlernen würden und mit diesen in den Kurstaat zurückkehrten. 29
Bentzel war keineswegs daran interessiert, in Mainz eine Universität nach dem Vorbild der fortschrittlichen, weltoffenen Göttinger Universität zu schaffen. Die reformierte Universität sollte nach Bentzel einem Bedürfnis genügen, das sich an Mainzer Verhältnissen orientierte, über die er sich wiederum keinen Illusionen hingab. Bentzel stellte fest, daß es in Mainz "bei einer weit mehr beschränkten Denkfreiheit" 30 nicht möglich sei, die Universität Göttingen als Vorbild zu nehmen.
Zur Verwirklichung der Universitätsreform stattete der Kurator selbst sein Amt mit reichen Vollmachten aus. In einem Gutachten legte Bentzel dem Kurfürsten Anfang 1782 seine Vorstellungen dar, die Erthal zum größten Teil akzeptierte. So sollte es Aufgabe des Kurators sein sowohl die wissenschaftliche Produktion und die Veranstaltungen der Lehrenden zu kontrollieren als auch die Studenten in ihrem Fleiß zu überwachen und den Prüfungen beizuwohnen, nach eigenen Worten die Funktion eines "Aufsehers" und "Freundes" einzunehmen. Bei einer strengen Anwendung dieser Kontrollen blieb von der akademischen Freiheit der
29 Vgl. ebd., S.149.
30 Zit. nach Jung, Bentzel, S.79.
15
Studenten, die Bentzel als ein "Überbleibsel falscher Begriffe" 31 bezeichnete, nicht mehr viel übrig. Das von Bentzel geforderte strenge Examenswesen war zur damaligen Zeit für eine Universität ungewöhnlich: Inhalt und Methoden der Veranstaltungen sowie Studienleistungen und Lebensführung der Studenten sollte der Kurator überwachen. Zudem sollten vor, während und nach einem Semester Prüfungen den Leistungsstand jedes Studenten wiedergeben. In der neuen Studienordnung sah Bentzel für die Studenten ein umfangreiches Studium vor. Demnach folgte auf ein dreijähriges Studium an der philosophischmathematischen oder historisch-statistischen Fakultät eine Spezialausbildung von vier Jahren in Theologie, Jurisprudenz, Medizin oder Kameralwissenschaft. Um den Bildungsunterschied zwischen Absolventen der Trivial- und Mittelschule und den besser ausgebildeten Gymnasiasten zu beseitigen, wurde für erstere die "philosphische Klasse" geschaffen, ein Studiengang von zwei Jahren, der die Grundlage für weitere Studien sein sollte. Die für die damalige Zeit ungewöhnlich lange Studienzeit erwies sich später als nicht durchführbar. Nach der Reform wurde sie zeitlich verkürzt. Die philosophische Klasse beschränkte sich dann auf zwei Semester innerhalb eines dreijährigen Philosophiestudiums. Auch das Fächerangebot war weniger umfangreich, als es Bentzel geplant hatte. 32
In der neuen Universitätsverfassung, die von Bentzel für die Reform ausgearbeitet wurde, waren insgesamt sechs Fakultäten vorgesehen: Die theologische, die juristische, die medizinische, die philosophischmathematische, die historisch-statistische und die kameralistische Fakultät. 33 Eine Neuheit war die Errichtung einer Kameralfakultät, die es bislang nur an der Universität Gießen (seit 1777) gegeben hatte. 34 Mangels Personal konnte die kameralistische Fakultät an der Universität Mainz allerdings erst einige Jahre nach der Reform eröffnet werden.
Im Jahr 1789 verteilten sich die inzwischen 52 Professoren der Universität Mainz folgendermaßen auf die sechs Fakultäten: 35
31 Zit. nach Mathy, Mainz, S.144.
32 Vgl. Jung, Bentzel, S.105.
33 Üblich waren an den meisten Universitäten vier Fakultäten: die theologische, die juristische, die medizinische und die philosophische oder Artisten-Fakultät. Vgl. Fuchs, Bedeutung, S.235.
34 Vgl. Rödel, Mainz, S.91, Anm.345.
35 Folgende Angaben nach Just, Universität, S.62.
16
1. Theologische Fakultät: 12 2. Juristische Fakultät: 13 3. Medizinische Fakultät: 7 4. Philosphisch-mathematische Fakultät: 10 5. Historisch-statistische Fakultät: 4 6. Kameralistische Fakultät: 6
Nachdem seit der Errichtung des Universitätsfonds kontinuierlich Gelehrte nach Mainz berufen wurden, hatte sich die Zahl der Professoren von 13 auf 52 im Jahr 1789 vervierfacht, so daß im Jahr 1789 auf etwa zehn Studenten ein Professor kam. 36
Bevor der Kurfürst im Oktober 1784 die neue Universitätsverfassung genehmigte, nahm er zensorische Veränderungen in ihr vor. Unter anderem ließ Erthal einen im Zusammenhang mit dem Unterrichtswesen eingefügten Vorwurf Bentzels gegen katholische Staaten streichen. Ebenso wurde die vom Kurator in der Verfassung vorgesehene Unterstützung armer ausländischer Studenten, die unabhängig von der Konfession erfolgen sollte, beseitigt. 37 Die Eingriffe des Kurfürsten verhinderten so eine fortschrittlichere Universitätsverfassung wie sie in dem Entwurf des aufgeklärten Bentzels geschrieben stand.
Die reformerische Leistung des Kurators wurde dadurch nicht geschmälert. Die im wesentlichen durch ihn durchgeführte Reform der Universität zeigte noch nach Jahren ihre positive Wirkung.
Der preußische Pädagoge Friedrich Gedike, der mehrere deutsche Universitäten bereist hatte, beurteilte nach einem Besuch Anfang Juli 1789 die Mainzer Universität als modernste Universität des katholischen Deutschland: "Der finstre, mönchische Geist, der auf anderen katholischen Universitäten herrscht, zeigt sich hier ungleich seltener." 38
Gedike nannte in seinem Bericht, den er für den preußischen König Friedrich Wilhelm II. anfertigte, auch die zu leistenden Hörergebühren. Demnach mußten die Studenten für die meisten Kollegia nur einen Dukaten bezahlen. Die philosophischen und theologischen Kollegia wurden gratis gehalten, ein
36 Vgl. Rödel, Mainz, S.91.
37 Vgl. Jung, Bentzel, S.129.
38 Zit. nach Just, Universität, S.61.
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Umstand, der für die philosophischen Kollegia in einer anderen Quelle noch für das Jahr 1792 bestätigt wird. 39 Auch die Promotionsgebühren wurden erheblich reduziert. So hatte beispielsweise ein Kandidat juris für die Zulassung zur Promotion statt 64 fl nur noch 4 fl zu entrichten. 40
3.3 Reaktionen auf die Universitätsreform
Am 1. Oktober 1784 setzte der Kurfürst sein Siegel unter die neue Mainzer Universitätsverfassung. Damit war - neben der Errichtung des Universitätsfonds - die wichtigste Voraussetzung für die Reform der Universität geschaffen. Das folgende Fest im November 1784 zog viele auswärtige Gelehrte nach Mainz und verschaffte der reformierten Universität einen großen Bekanntheitsgrad. Das Lob von anderen, auch protestantischen Universitäten und von der gelehrten auswärtigen Presse galt dem Kurfürsten und seinem Kurator Bentzel für die teilweise mutigen Ansätze der Universitätsverfassung. Positiv kommentierte Christian Gottlieb Heyne (1729-1812), der Schwiegervater Georg Forsters, in den renommierten "Göttingischen Anzeigen von gelehrten Sachen" die Leistung des Kurators Bentzel. Die Verfassung wurde von Heyne als "Ideal einer Universität" 41 bezeichnet, wobei er nicht verschwieg, daß es bei der Bewertung der Universitätsreform auf die lokalen Verhältnisse ankomme. Auch das Sprachrohr der Berliner Aufklärung, die "Allgemeine Deutsche Bibliothek" und die "Jenaische gelehrte Zeitung" waren voll des Lobes über die neue Universitätsverfassung. 42
Der Mainzer Historiker und Jurist Franz Anton Dürr (1727-1804) lobte in einem Brief vom 13. Februar 1785 einige Vorzüge der reformierten Mainzer Universität. Er hob hervor, daß hier allen Studenten durch das dem Fachstudium vorhergehende allgemeine Grundstudium ein großes Maß an zusätzlicher Bildung zukomme:
39 Ebd., S.62 u. S.64.
40 Vgl. Mathy, Briefe, S.218.
41 Zit. nach Jung, Bentzel, S.130.
42 Vgl. ebd., S.130ff. In einer Rezension von Gottfried Heinrich Scheidemantel, Professor der Rechte an der Stuttgarter "Hohen Karlsschule", vom 7. Juni 1785 wurde die fortschrittliche Verfassung ausführlich gewürdigt. Vgl. Mathy, Rezension, S.186ff.
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"Allein am Ende wird sich noch der merkliche Hauptunterschied zwischen hier und Göttingen äußern, daß weilen allhier e.g. alle Juristen auf gleiche Art in allem gebildet werden, in Zukunft alle unsere Notarii, Gerichtsschreiber, Procuratoren, Advocaten etc. professorenmäßige Leute und polyhistores Juridicii sein werden, dergleichen sich Göttingen nicht wird rühmen können". 43
In Deutschland hatte die reformierte Universität aufgrund ihrer Verfassung eine führende Stellung unter den katholischen Universitäten erlangt. Vor allem aber trug die Berufung bekannter aufgeklärter Gelehrter zu ihrem Ruhm bei. Der neuerworbene Ruf der Mainzer Universität führte in den ersten Jahren zu einem Anstieg der Studentenzahlen.
Bereits im ersten Jahr nach Annahme der neuen Verfassung wuchs die Zahl der Hörer um die Hälfte an und konnte 1786 etwa bestätigt werden. Der Kurator Bentzel zeichnete die Hörerzahl der verschiedenen Fakultäten bis 1786 selbst auf: 44
Jahr Theologen Juristen Mediziner Philosophen Summe 1783 58 209 15 158 440 1784 111 170 11 209 501 1785 153 234 166 202 755 1786 163 194 121 249 727
Nach Angaben Bentzels kamen 1786 von 727 Studierenden 119 nicht aus Mainz. Unter 121 Eingeschriebenen in der medizinischen Fakultät waren 40 Frauen, die in der 1784 gegründeten Hebammenlehranstalt ausgebildet wurden und deshalb in Bentzels Statistik der Mediziner geführt waren. Daraus ergibt sich die Zahl von 687 männlichen Studenten, von denen 568 aus dem Kurfürstentum Mainz stammten. Mit der großen Zahl der Studenten aus dem
43 Zit. nach Mathy, Briefe, S.217f.
44 Folgende Angaben nach Jung, Bentzel, S.145, Anm.33.
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Kurfürstentum schien sich das Reformziel, daß die Landeskinder an der Mainzer Universität studieren, zu erfüllen.
3.4 Grenzen der Reform
Bald nach Verabschiedung der Universitätsverfassung mußten die aufgeklärten Gelehrten in Mainz feststellen, daß die kurfürstlichen Bestrebungen um die Universität in erster Linie auf eine Erneuerung der Wissenschaften auf dem Boden katholischen Geistes hinausliefen. Den Professoren wurde durch den Kurfürsten unmißverständlich klargemacht, daß es ihre Hauptpflicht sei, die "Wissenschaft der Religion jedesmal unterzuordnen". 45 Das katholische Mainz beschränkte seine religiöse Toleranz gegenüber Andersgläubigen auf die kleine Gruppe protestantischer Gelehrter und den Berater des Kurfürsten. Das Verhalten gegenüber diesen - in ganz Mainz gab es etwa 600-800 Protestanten - bestimmte in der öffentlichen Meinung das Bild eines vorbildlich toleranten Landes. Dennoch mußten bereits die protestantischen Studenten an der Universität Mainz aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit eine Ungleichbehandlung gegenüber katholischen Studenten hinnehmen; sie durften auch nach der Reform an der Mainzer Universität nicht promovieren. Noch 1785 weigerte sich Erthal, zwei Protestanten in Mainz zur medizinischen Promotion zuzulassen. Er begründete seinen Entschluß damit, daß Mainz und Erfurt "zusammengenommen die National-Universität ausmachen und an letzterer die Protestanten promoviert werden können". 46 Erst am 12. Juli 1786 bewilligte ihnen Erthal das Promotionsrecht. Die theologische Promotion wurde für Protestanten aber weiterhin ausgeschlossen und für die anderen Fakultäten galt, daß die protestantischen Kandidaten "in ihren Thesibus, Dissertationen etc. keine Sätze gegen die katholische Religion und katholische Staats- und Kirchenverfassung öffentlich aufstellen" 47 dürfen.
45 Zit. nach Mathy, Mainz, S.143.
46 Zit. nach ebd., S.152. Der Verweis auf die Erfurter Universität hat mit Toleranz gegenüber den Protestanten nichts zu tun, denn dort waren die Protestanten in der Mehrzahl, weshalb es in Erfurt auch eine fakultätsähnliche Vertretung der evangelischen Theologie gab. Vgl. Jung, Bentzel, S.146.
47 Zit. nach Mathy, Mainz, S.152. Von den andersgläubigen Studenten erhielt allerdings in den Jahren nach 1786 bis zum Einmarsch der Franzosen im Jahr 1792 lediglich ein Student das Promotionsrecht: Der Jude Joseph Hamburg
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Friedrich Karl Erthal erkannte nicht, daß die Heranziehung aufgeklärter und zu politischer Kritik neigender Künstler, Schriftsteller und Gelehrter an den Hof und an die Universität zwangsläufig Unruhe in den Kurstaat hineintragen mußte. Schon im Verlauf der Reform 1782-84 hatten Vorschläge der Professoren in ihrer radikalen Offenheit das Aufsehen der geistlichen und weltlichen Obrigkeit erregt.
Als Bentzel 1782 Kurator der Universität geworden war, gingen Einladungen an alle Professoren und Dozenten, ihre Verbesserungswünsche des Universitätsbetriebs darzustellen. Dies nahm der Professor der Rechte und der Geschichte, Franz Anton Dürr (1727-1805) zum Anlaß, die Mißstände, die an der Universität bestanden, heftig zu kritisieren. Dürr prangerte die bisherigen Eingriffe der kurfürstlichen Regierung in die Gerichtsbarkeit der Universität an. 48 Desweiteren kritisierte er das Protektionsunwesen und die Korruptionsaffären an der Universität, die es im Zusammenhang mit Promotionen gegeben hatte. Das Kabinett des Kurfürsten war ungehalten über die heftige Kritik und strebte ein Verfahren gegen Dürr an. Der Professor entging zwar einer Inquisition und blieb im Amt, sein Einfluß war von dieser Zeit an aber gebrochen, obwohl man seinen Anschuldigungen formal Recht geben mußte. 49 Der Philosophieprofessor Andreas Joseph Hofmann (1752-1849) fiel ebenfalls durch tiefgreifende Reformvorschläge auf.
Der Radikalaufklärer und spätere Jakobiner hatte 1783 trotz seiner schlechten Wiener Referenzen einen Lehrstuhl in Mainz erhalten. 50 Hofmann forderte in einer Programmschrift zur Reform, daß die Vorlesungen zukünftig in deutscher und nicht in lateinischer Sprache zu halten seien, da das Latein für manche Gelehrten nur noch den Zweck erfülle, "vor dem großen oder kleinen Pöbel gelehrt zu tun". 51 Er begründete sein Votum damit,
promovierte 1786 an der Mainzer Universität. Vgl. Mathy, Moguntia academica, S.98.
48 Vgl. Mathy, Dürr, S.70.
49 Vgl. ebd., S.72.
50 Hofmann war zuvor am Wiener Reichshof als Jurist tätig gewesen. Er geriet dort wegen seiner frivoler und satirischer Artikel in einem Theaterjournal in Konflikt mit dem kaiserlichen Hof und wurde des Landes verwiesen. Vgl. Mathy, Hofmann, S.17.
51 Zit. nach ebd., S.19.
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"daß man umsonst die möglichst besten Einrichtungen, Anstalten und Verfügungen treffe oder getroffen haben könne, wenn nicht die Volkssprache auch die gelehrte Sprache werde, das heißt, wenn nicht das elende zweckwidrige Latein aus den Schulen verwiesen werde". 52
Der gutachtende Zensor, der geistliche Rat und Prorektor der Universität Hettersdorf, kritisierte daraufhin Hofmanns Vorschläge:
"Hofmann sucht in seinem Programmate die Theologie und Theologen herunterzusetzen, die Kirchendisziplin wegen der lateinischen Sprache zu tadeln. Hofmann hat schon einmal den Irrsatz, das Gebet nütze nichts, geliefert. Auf desselben Collegia muß große Aufmerksamkeit gerichtet werden". 53
Hettersdorf hatte vor dem Gutachten heimlich Studenten über Hofmanns Vorlesungen verhören lassen. Es sprach für den neuen Geist an der Universität, daß die Studenten dieses heimliche Verhör öffentlich machten, worauf Bentzel und alle Professoren gegen dieses Verfahren protestierten. Die aufgeklärte Zeitschrift "Deutsches Museum" zitierte ihren Lesern über den Vorfall aus einem an sie geschriebenen anonymen Brief aus Mainz vom 15. März 1784: "Die Kandidaten, welche vernünftiger und ehrlicher sind als Seine Hochwürden [Hettersdorf, Anm. d. Verf.], zeigten den Vorgang dem Herrn Professor [Hofmann, Anm. d. Verf.] an; Herr Hofmann und sämtliche Professoren, selbst der Kurator, fordern Genugtuung." 54 Die Programmschrift Hofmanns blieb letztendlich ungedruckt, da sie selbst nach vorgenommenen Korrekturen dem Kurfürsten noch genügend Angriffe gegen seine eigenen Anstalten und Maßnahmen enthielt. 55 Die deutliche Absage der Regierung an eine Änderung der Wissenschaftssprache hinderte den mit Hofmann befreundeten Theologieprofessor und späteren Jakobiner Anton Josef Dorsch (1758-1819) nicht, 1786 die Schrift "Ob Philosophie in deutscher oder lateinischer Sprache
52 Zit. nach ebd.
53 Zit. nach ebd.
54 Zit. nach ebd.
55 Vgl. ebd., S.19f.
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auf deutschen Universitäten vorzutragen sei?" zu veröffentlichen. Die Schrift wies ebenfalls nach, daß das Latein der Wissensvermittlung eher hinderlich sei. 56
Die Freiheit der Gelehrten, Kritik offen zu äußern, wurde ein knappes Jahr nach Verabschiedung der Universitätsverfassung eingeschränkt. Am 12. September 1785 verwarnte der Kurfürst alle Universitätsmitglieder. Er verbat sich jegliche öffentliche Kritik an landesherrlichen Regierungsmaßnahmen und verlangte, daß alle Kritiker "von aller Verbindung mit der kurfürstlichen Universität zu trennen und zu entfernen, ja nach Erfordernis der Umstände (...) auf jede andere Art außer Stand zu setzen" 57 seien.
Da der Kurator Bentzel der Verfassung nach an der Spitze der Universität stand, mußte er diese Verwarnung als Kritik an seiner Person betrachten. Bentzel wurde auch in einem anderen Fall deutlich gemacht, daß er zwar formal als Kurator an der Spitze der Universität stand, daß aber in den Religionsfragen an der Universität die geistlichen Instanzen Entscheidungen trafen. Der Kurfürst duldete im Spätsommer 1785, daß das Generalvikariat in Abwesenheit Bentzels Entscheidungen traf, die in die Kompetenz des Kurators fielen. Auf eine Beschwerde Bentzels hin stellte der Kurfürst fest, daß dem Aufsichtsrecht des Kurators über die Professoren die Vollgewalt des Vikariats über geistliche Angelegenheiten an der Universität gegenüberstehe. 58 Da der Kurator keinen besonderen Einfluß auf den Kurfürsten besaß, versuchte er seine Ziele nicht direkt, sondern über Umwege zu erreichen. So riet er dem Schweizer Historiker Johannes von Müller, den er als Nachfolger des verstorbenen Bibliothekars Dieze nach Mainz holen wollte, sich direkt beim Kurfürsten um die Stelle zu bewerben. Bentzel fürchtete, daß eine von ihm ausgehende Werbung um Johannes von Müller beim Kurfürsten scheitern würde. 59 Der Anatomist Sömmering klärte Johannes von Müller in einem Brief vom 7. November 1785 über die Machtlosigkeit Bentzels auf: "Herr Bentzel ist zwar Kurator, vermag aber wenig direkt, sieht's auch ein, daß er nichts kann,
56 Vgl. Mathy, Dorsch, S.6.
57 Zit. nach Mathy, Bentzel, S.138.
58 Vgl. Jung, Bentzel, S.144.
59 Vgl. ebd., S.145.
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vielmehr, daß alle Vorschläge, die er tut, bloß weil sie von ihm kommen, oft verworfen werden. Dies ist hier ja allgemein bekannt." 60 Der Kurator sah keine Möglichkeit mehr, auf die Umsetzung der Reformen nach seinen Vorstellungen Einfluß zu nehmen und dem allmählichen Verlust seiner Befugnisse Einhalt zu gebieten. Aus dieser Haltung heraus kritisierte er im Februar 1786 den Kurfürsten heftig in einem anonymen Artikel. Der Kurfürst ließ nach Erscheinen des Artikels am 21. Februar 1786 den Autor suchen, von dem man annahm, daß es Bentzel war. Es handelte sich um einen Aufsatz in der von Peter Adolph Winkopp 61 herausgegebenen Zeitung "Der deutsche Zuschauer" mit dem Titel "Unglückliche Selbsttäuschung und Gewalttätigkeit eines geistlichen deutschen Fürsten. Skizze einer wahrhaften Geschichte aus dem barbarischen Zeitalter", 62 der sich auf den Mainzer Kurfürsten bezog. Bentzel verließ noch während der Untersuchungen Mainz und begab sich auf sein Landgut, wo er am 7. März 1786 überraschend verstarb. Nach seinem Tod tauchten Gerüchte auf, daß sich Bentzel vergiftet hätte, um die aufgrund seines Artikels drohende Entlassung nicht mehr erleben zu müssen. Der Tod Bentzels schwächte den Einfluß der Aufklärer an der Universität und behinderte die konsequente Umsetzung der Reformen in den folgenden Jahren, da niemand in der Lage war, dessen Aktionismus zu ersetzen. Bentzels Reformen waren darauf angelegt, den Studenten die eigene Landesuniversität attraktiv zu machen und so die Ausbildung der späteren Beamten- und Hochschulelite zu gewährleisten. Inwieweit der Kurator sich mehr Reformen gewünscht hatte, ist teilweise an den zensorischen Maßnahmen in der Vorlage der Universitätsverfassung zu sehen. So war die neue Verfassung das Produkt dessen, was der Kurfürst bewilligte. Die Reformen sollten dem aufgeklärt-absolutistischen Staat dienen. Dieser benötigte eine kalkulierte Zahl von Studenten an der Landesuniversität, die nur begrenzt aus dem Bürgertum und nicht aus den Volksschichten stammen sollten. 63
60 Zit. nach Just, Universität, S.30.
61 Winkopp wurde wegen der Veröffentlichung dieses Artikels auf badischem Territorium ergriffen und nach Mainz verschleppt. Vgl. Dumont, Klubbisten, S.135.
62 Zit. nach Jung, Bentzel, S.151.
63 Vgl. Raab, Geschichte, S.435.
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Deren zeitgemäße Ausbildung sollte die neue Universitätsverfassung und die Qualität der zahlreichen Lehrkräfte gewährleisten. Über die Universität hinaus sah der Kurfürst im Bildungsbereich keine weiteren Reformen vor, so daß zum Beispiel das Mainzer Schulwesen rückständig blieb. 64 An der Universität stellten die aufgeklärten Theologen und Philosophen schnell fest, wie genau ihre Schriften und Vorlesungen auf die Vereinbarkeit mit den Grundsätzen der katholischen Kirche und des absolutistischen Systems geprüft wurden. Darauf stellten sich die ersten Konflikte der Aufklärer mit den religiösen Zensoren und dem Kurfürsten selbst ein, so daß Erthal in den Jahren nach der Reform das Interesse an seiner Universität verlor. Forster berichtete kurze Zeit nach Antritt seiner Stelle als Mainzer Universitätsbibliothekar: "Dem Kurfürsten ist die Universität, seitdem sie seinen Erwartungen nicht entspricht, sehr verhaßt; er hört nicht einmal gern davon sprechen". 65 Die Konflikte entstanden letztendlich aus der Fehleinschätzung der absolutistischen Obrigkeit über das kritische Potential der an die Universität gerufenen Aufklärer. Diese Gegensätze wurden durch die weltlich-geistliche Mainzer Doppelherrschaft verstärkt, da es neben dem absolutistischen Kurfürsten, der zu gewissen kulturellen Reformen bereit war, noch ein einflußreiches orthodoxes Domkapitel gab, das bereits die Reformen des früheren Kurfürsten rückgängig gemacht hatte.
64 Unter Erthals Vorgänger, dem Kurfürsten Emmerich Joseph, wurde von einer Schulkommission ein "Reformprogramm" vorgelegt, das als erstes Lernziel der Schüler forderte, der Kurfürst sei "le représentant de Dieu sur le terre et qu'il est saint dans sa personne". Zit. nach Dreyfus, S.452. Noch 1791 äußerte sich ein Reiseschriftsteller kritisch zu den Verhältnissen: "Das hiesige Gymnasium befindet sich seit einiger Zeit - wahrscheinlich aus ökonomischen Ursachenzum Teil wieder in den Händen der Mönche. Das sollte freilich nicht sein!" Schreiber, Bemerkungen, S.144.
65 Brief Forsters an Christian Gottlob Heyne vom 2. Februar 1789. In: Forster, Bd.15, S.256.
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4 Organisationsformen der Mainzer Aufklärer
Die meisten Mainzer Gelehrten schlossen sich in den Jahren 1782-1792 in Mainz einer der aufgeklärten Gesellschaften an. Diese aufgeklärten Mainzer Sozietäten wie die Freimaurerloge, der Illuminatenorden oder die beiden Lesegesellschaften ermöglichten es zum Teil den Gelehrten, sich politisch zu informieren oder zu artikulieren. Ihnen wurde dort zudem die Möglichkeit geboten, sich gegenüber den adligen Mitgliedern zu emanzipieren, da die sonst üblichen Standesschranken zugunsten gemeinsamer Interessen wegfielen.
4.1 Freimaurer
Seit der Gründung der ersten Freimaurerloge in Hamburg 1737 hatte die Freimaurerei als gesellschaftliche Organisationsform die Aufklärung entscheidend mitgeprägt. 66
Die Logen waren in erster Linie Treffpunkte und Kommunikationszentren der Gelehrten, des Großbürgertums und auch einiger Adliger, um aufklärerische Schriften und Ideen auszutauschen. Für sie galt das freimaurerische Postulat der Gleichheit aller Menschen, so daß innerhalb der Logen die Standesunterschiede aufgehoben waren. Diese demokratischen Ansätze standen im Gegensatz zu den realen gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen. Die Freimaurer versuchten aber nicht, aufgrund dieser Prämisse außerhalb der Logen die gesellschaftlichen Zustände konkret zu ändern. Ihnen genügte es, innerhalb der Loge eine neue Ordnung herzustellen, die von der "Außenwelt" getrennt war. Die Geheimhaltung der Freimaurerlogen und ihrer Mitglieder sollte eine Schutzfunktion vor Kirche und Staat gewährleisten.
In Mainz existierte bereits 1765 die Freimaurerloge "Zu den drei Disteln", die ihre Mitglieder vor allem unter den Geistlichen fand. Die 44 Mitglieder wurden 1767 gezwungen, ihre Loge nach Wiesbaden-Biebrich zu verlagern und sich mit der dortigen Loge "Zur beständigen Einigkeit" zu vereinen, da der damalige Mainzer Kurfürst Emmerich Joseph die Schließung der Mainzer Loge gefordert
66 Bis zum Ausbruch der Französischen Revolution bestanden in Deutschland 250 Freimaurerlogen mit etwa 6000 Mitgliedern. Vgl. Dotzauer, Freimaurergesellschaften II, S.140.
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hatte. 67 In der Loge von Wiesbaden-Biebrich stammten noch im Jahr 1783 24 von 50 Freimaurer aus Mainz.
In Mainz selbst wurde erst wieder am 2. Mai 1789 eine Freimaurerloge gegründet. Die Loge "Friedrich Karl Joseph zum goldenen Rad" konnte sichnomen est omen - des kurfürstlichen Wohlwollens erfreuen. Die Tatsache, daß diese Loge mit Erlaubnis des Kurfürsten gegründet wurde, läßt auf die unpolitische Haltung ihrer Mitglieder schließen. Der dänische Gelehrte Münter berichtete am 27. Juli 1791 über die Mainzer Loge:
"Sie [die Mainzer Loge, Anm. d. Verf.] ruht aber, weil man in der jetzigen bedenklichen Zeit keine Versammlung halten will, und der Illuminatismus sehr verhaßt ist, man daher mit Illuminaten verwechselt werden könnte. Der Kurfürst hat einmal bei Tafel sehr gegen die Illuminaten losgezogen. (...) Indes müßten alle Kapitularen, wenn sie ins Kapitel treten, schwören, daß sie weder Freimaurer noch Mitglieder einer anderen, diesen ähnlichen Verbindungen sind noch jemals werden wollen. Dieser Eid ist und wird bei vielen ein Meineid. Ich kenne selbst mehrere Freimaurer unter ihnen." 68
Münters Aufzeichnungen belegen die unpolitische Haltung dieser Mainzer Freimaurerloge, die ihre Treffen aussetzte, um nicht mit den politischen Illuminaten verwechselt zu werden. Daß die Kapitularen nur illegal Freimaurer sein konnten, bedeutet deshalb noch nicht, daß deren Aktivitäten auch tatsächlich zu solchen Vorsichtsmaßnahmen Anlaß gegeben hatten, denn das Verbot der Freimaurerei bezog sich ausschließlich auf die Domkapitularen und bestand unter Berufung auf päpstliche Bullen schon seit 1767. 69 Ein weiterer Hinweis für die unpolitische Haltung der Mainzer Freimaurer ist ihre Reaktion im Oktober 1792, als französische Truppen Mainz besetzten: Die Loge löste sich daraufhin auf, und die meisten ihrer Mitglieder flohen im Gefolge des Kurfürsten nach Aschaffenburg. 70 Aus dieser Haltung läßt sich unschwer schließen, daß diese Freimaurerloge aus dem Kurfürsten ergebenen Mitgliedern bestand, die keine Zweifel an ihrer politischen Haltung aufkommen lassen wollten.
67 Vgl. Hainebach, Studien, S.73f.
68 Zit. nach Andreasen, Münters Reise, S.62.
69 Aus diesem Grund mußte bereits die Loge "Zu den drei Disteln" nach Wiesbaden-Biebrich ausweichen. Vgl. Hainebach, Studien, S.74.
70 Vgl. Dotzauer, Freimaurergesellschaften I, S.74.
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1996, Aufklärung und Revolutionsbegeisterung an der Universität Mainz 1782-1792, München, GRIN Verlag GmbH
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