Inhalt
1. Einleitung. Seite 1
2. Die Aktion Zamosc von der Konzeption bis zum Scheitern
Besatzungspolitik im Spannungsfeld zwischen Ideologie und Pragmatismus. Seite 2
2.1 Himmlers SS und der Generalplan Ost als Grundlage der Umsiedlungs-
aktionen in Zamosc - Volkstumspolitische Utopien. Seite 2
2.2 Die Aktion Zamosc als Realisierung des Generalplan Ost. Seite 5
2.3 Eskalation als Folge der Umsiedlungen. Seite 8
3. Schlussbetrachtung Seite 12
4. Literaturangaben Seite 13
1. Einleitung
„Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas und weisen den Blick nach Osten“, schrieb Hitler 1924 in „Mein Kampf“ 1 und legte damit das ideologische Fundament für die aggressive Siedlungspolitik Nazideutschlands in Osteuropa. 18 Jahre später, im November des Jahres 1942 begann auf Weisung Heinrich Himmlers die „Aktion Zamosc“, die erste und faktisch einzige Realisation der im sog. „Generalplan Ost“ vorgesehenen Umsiedlungen.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Dilemma aus Ideologie und Pragmatismus am Beispiel der Aus- und Umsiedlungen in der Zamojszczyzna. Es soll untersucht werden, in wie fern im Spannungsfeld zwischen krampfhaft ideologioscher Verblendung der Akteure und pragmatischer „Politik“ eine Hauptursache für das Scheitern der Umsiedlungsaktionen zu sehen ist.
Der Konflikt lässt sich z.T. an Personen festmachen: zum einen der Reichsführer SS Heinrich Himmler in seiner Eigenschaft als „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“ (RKF) zusammen mit seinen Gefolgsleuten, der SS, die aus ihrem ideologischen Selbstverständnis heraus der bedingungslos brutalen und schnellstmöglichen Germanisierung der Ostgebiete absolute Priorität einräumten, zum anderen Generalgouverneur Hans Frank und Emil Zörner als Gouverneur des Distrikts Lublin sowie andere haupsächlich der Zivilverwaltung angehörende Beamte, die dieses Ziel langfristig selbstverständlich auch im Auge hatten, jedoch in der überstürtzen Realisierung eine Gefährdung elementarer, ja kriegswichtiger deutscher Interessen sahen. Während Himmler die Germanisierung des gesamten Ostraums durch Eindeutschung, Vertreibung, Terror und Mord an der Zivilbevölkerung und der Ansiedlung von „Volksdeutschen“ verfolgte, stand ihm der zumeist vergebliche Widerstand der Zivilverwaltung gegenüber, deren Nahziele, also die Sicherung der besetzten Gebiete und die größtmögliche Ausschlachtung ihrer wirtschaftlichen, menschlichen und sonstigen Resourcen im Interesse der Kriegswirtschaft des Deutschen Reichs, von den „volkstumspolitischen“ Fernzielen des Reichsführers kontakariert wurde. 2
Himmler gelang es immer wieder, seine Interessen durchzusetzten, und obwohl die SS ihre ideologisch hoch aufgeladenen Bestrebungen bisweilen nachträglich der
1 zitiert nach: Bruno WASSER, Himmlers Raumplanung im Osten. Der Generalplan Ost in Polen 1940-1945,
S. 11.
2 vgl. Wolfgang BENZ, Der Generalplan Ost. Germanisierungspolitik in den besetzten Ostgebieten, S. 72-
83, in: ders., Herrschaft und Gesellschaft im nationalsozialistischen Staat, Frankfurt/Main 1990, S. 74f.
1
Realität unterordnen musste, wurde doch an den gigantomanischen Zielsetzungen des Generalplan Ost auch noch im Angesicht der offensichtlichen militärischen Niederlage und des Vorrückens der Roten Armee festgehalten.
Der Konflikt lässt sich aber nicht nur im Kontext mit den für den Nationalsozialismus typischen Kompetenzüberschneidungen und -streitigkeiten nachweisen. Er besteht ebenso in den kaum realitätsnahen und bisweilen kontraproduktiven Maßnahmen der Verantwortlichen der SS, sowie technokratischem Machbarkeitswahn auf der einen, und der Wirklichkeit auf der anderen Seite. Oft, jedoch nicht immer, wurden bisherige Vorgehensweisen geändert, um nachträglich der Realität Rechnung zu tragen. 3 Dies geschah jedoch nie aus der Einsicht heraus, dass die Mittel von vornherein prinzipiell falsch oder unangemessen waren, sondern stets zweckgebunden. Die Überzeugungen blieben.
Um diese Spannungen näher zu beleuchten, sollen im Wesentlichen drei unterschiedliche Phasen untersucht werden: erstens die Planung und Konzeption der Umsiedlungen im Rahmen des „Generalplan Ost“, zweitens ihre Durchführung in Zamosc bzw. der Zamojszczyzna und drittens die Folgen der Umsiedlungen, z.B. die Bekämpfung der sogenannten Partisanenbewegungen in der Folge bzw. noch während der Aktion.
2. Die Aktion Zamosc von der Konzeption bis zum Scheitern
Besatzungspolitik im Spannungsfeld zwischen Ideologie und Pragmatismus
2.1 Himmlers SS und der Generalplan Ost als Grundlage der Umsiedlungsaktionen in Zamosc - Volkstumspolitische Utopien
Schon kurze Zeit nach dem „Polenfeldzug“ des Jahres 1939 wurde der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei Heinrich Himmler von Adolf Hitler mit neuen Aufgaben bezüglich der Besatzungsherrschaft in den eroberten Ostgebieten betraut: In seiner Eigenschaft als „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“ war er mit seinem Machtapparat nunmehr für drei Aufgaben zuständig: erstens die Rückführung der Reichs- und Volksdeutschen ins Reich, zweitens die Ausschaltung der das Reich gefährdenden „volksfremden“ Bevölkerungsteile, und
3 Christoph KLEßMANN, Deutsche Besatzungsherrschaft zwischen Hegemonialpolitik, Ausbeutung und
Germanisierung. Das Beispiel Polen, S. 181-187, in: Norbert FREI, Herrmann KLING (Hrsg.), Der
nationalsozialistische Krieg, Frankfurt/Main, New York 1990, S. 186.
2
drittens die Gestaltung neuer Siedlungsgebiete durch Umsiedlung. 4 Wie sich gerade am Beispiel Zamosc zeigen wird, boten diese Pflichten Himmler eben nicht nur die Möglichkeit der Verwirklichung ideologischer Prämissen, sondern gerade auch dazu, sich selbst ein Denkmal zu setzen: Er wollte die alte Renaissancestadt allem Anschein nach in „Himmler-Stadt“ umbenennen. 5
Im Mai 1942 legte SS-Professor Konrad Meyer Himmler eine revidierte Form seines erstmals 1941 in Auftrag gegebenen Generalplan Ost vor. Dieses gigantische, auf pseudo-wissenschaftlichen und völkisch-ideologischen Grundlagen basierende und von technokratischem Planungseifer strotzende Gesamtkonzept zur Besiedlung und sozialen wie auch wirtschaftlichen Umwandlung des Ostens, bildete die Grundlage der Aus- und Umsiedlungen und all ihren für die davon Betroffenen verheerenden Auswirkungen. Der Generalplan Ost sollte aber auch den Führungsanspruch der SS („Der Osten gehört uns“ 6 ) nach außen, innerhalb der polykratischen Hierarchie, und innen hin untermauern und sichern.
In der Tradition preußischer Wehrbauern 7 sollte entlang der Ostgrenzen des deutschen Territoriums letzten Endes ein „germanischer Blutswall“ 8 entstehen 9 , um die Hegemonie der Deutschen zu sichern und sogar noch weiter nach Asien auszuweiten. 10 Damit einher ging die psychische und physische Dezimierung und Vernichtung der autochthonen Bevölkerung mittels Zwangsarbeit, Aussiedlung, Konzentrationslagern, erzwungenen Abtreibungen und Sterilisationen. 11 Dies waren zwar Fernziele, dennoch sollte schnellstmöglich damit begonnen werden, sie in die Tat umzusetzen: das Einzige, was Himmler am neuen Generalplan Ost im Frühjahr 1942 auszusetzen hatte, war, dass ihm die für die endgültige Germanisierung veranschlagten Zeiträume zu lang schienen, abgesehen davon, gefiel er ihm aber „insgesamt ganz gut“ 12 . Dem Reichsführer SS schwebte vor, die Eindeutschung
4 Bruno WASSER, Die Neugestaltung des Ostens. Ostkolonisation und Raumplanung der
Nationalsozialisten während der deutschen Besetzung in Polen 1939-1944 unter besonderer
Berücksichtigung der Zamojszczyzna im Distrikt Lublin, Dissertation, Aachen 1991, S. 32.
5 WASSER, Himmlers Raumplanung, a.a.O., S. 67.
6 Himmler zitiert nach: Rolf-Dieter MÜLLER, Hitlers Ostkrieg und die deutsche Siedlungspolitik. Die
Zusammenarbeit von Wehrmacht, Wirtschaft und SS, Frankfurt 1991, S. 83.
7 vgl. hierzu: Gerda ZORN, Nach Ostland geht unser Ritt. Deutsche Eroberungspolitik zwischen
Germanisierung und Völkermord, Berlin, Bonn 1980, S. 14-19.
8 Himmler zitiert nach: WASSER, Himmlers Raumplanung, a.a.O., S. 47.
9 vgl. Czesław MADAJCZYK, Vom Generalplan Ost zum Generalsiedlungsplan, München u.a. 1994, S. 5.
10 vgl. ebd.
11 vgl. Susanne HEIM/Götz ALY, Vordenker der Vernichtung. Auschwitz und die deutschen Pläne für die
Endlösung der Judenfrage, Hamburg 1991, S. 433.
12 Himmler zitiert nach: MÜLLER, Hitlers Ostkrieg, a.a.O., S. 105.
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Arbeit zitieren:
Christian Spieß, 2002, Die Aktion Zamosc von der Konzeption bis zum Scheitern - Besatzungspolitik im Spannungsfeld zwischen Ideologie und Pragmatismus, München, GRIN Verlag GmbH
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