1. Einleitung
Das Forschen über Gentrification - das Phänomen der Aufwertung innenstadtnaher Wohngebiete - nimmt in der Stadtsoziologie einen breiten Raum ein. Oft wird Gentrification sogar als das zentrale Problem der Stadtentwicklung gesehen (vgl. Dangschat/Blasius, 1990, S. 28). Gentrification ist ein Symbol dafür, dass in unserer Gesellschaft die Unterschiede zwischen arm und reich immer größer werden und für die Einkommensschwachen immer weniger Platz ist (vgl. Dangschat/ Blasius, 1990, S. 9).
Nach einer kurzen Erläuterung des Begriffes Gentrification wird zuerst der Frage nachgehen, durch welche Voraussetzungen Gentrification möglich wurde, wie sie verläuft, welche Folgen sie hat und wie sich die Situation der neuen Bundesländer von der der alten unterscheidet. Danach werde ich zwei emprische Studien westdeutscher (Hamburg und Köln) und zwei empirische Studien ostdeutscher Städte (Magdeburg und Erfurt) vorstellen, um danach die Unterschiede der Gentrification im Osten und Westen zu diskutieren.
2. Was ist Gentrification?
Der Begriff „Gentrification“ wurde von Ruth Glass geprägt (Blasius, 1993, S. 13) und leitet sich ab von dem englischen Wort „gentry“ - der Landadel (Blasius, 1993, S. 14) . Die Sanierung von Altbauten, steigende Mieten und die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen führen zu einer Verdrängung der ursprünglichen BewohnerInnen durch Besserverdienende und zu einer Änderung der Infrastruktur. Beauregad nennt die wichtigsten Begleiterscheinungen der Gentrification: „The gentrification process involves the purchasing of buildings by affluent households or by intermediaries such as speculators or developers, the upgrading of the housing stock, governmental investment in the surrounding environment, the concomitant changeover in local retail facilities, the stabilization of the neighborhood and the enhancement of the tax base“ (1986, S. 38).
In den alten Bundesländern begann diese Entwicklung in den 70ern und ist inzwischen in den meisten Großstädten schon abgeschlossen; in den neuen Bundesländern hingegen begann der Prozess erst nach der Wende. Hat die Gentrification im
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Osten die gleichen Ursachen und Folgen wie im Westen? Hat man aus den Erfahrungen in den alten Bundesländern gelernt?
2.1 Ursachen
Für die Gentrification gibt es im wesentlichen drei Ursachen: die geänderte Nachfrage der BewohnerInnen, ökonomische Gründe sowie staatliche und kommunale Maßnahmen, die die Entwicklung der Gentrification unterstützen.
2.1.1 Die geänderte Nachfrage der BewohnerInnen
Es gibt seit den 60er Jahren einen Wertewandel. Galt es früher als selbstverständliches Ziel, so früh wie möglich zu heiraten, Kinder zu bekommen und in die Vorstadt zu ziehen, sieht heute die Lebensplanung von Vielen ganz anders aus (Blasius 1993, S. 39). Heute gibt es eine Vielzahl alternativer Lebensformen. Eine bewusste Familienplanung ermöglicht es den Paaren, erst spät oder gar keine Kinder zu bekommen. Immer mehr Menschen wohnen in Wohngemeinschaften oder allein, immer weniger in traditionellen Familien - entsprechend haben sich auch die Bedürfnisse geändert. So möchten Menschen mit nicht-traditionellem Lebensstil selten in der Vorstadt wohnen. Sie treffen abends FreundInnen, gehen in die Kneipe, ins Kino, ins Theater und möchten dafür keine lange Wege auf sich nehmen müssen (Blasius, 1993, S. 41). Für Menschen mit diesem urbanen Lebensstil ist es attraktiv, in Altbauten zu wohnen.Der traditionelle Wohnungsschnitt der Neubauten (kleine Küche, ein großes Wohnzimmer, die anderen Zimmer klein) wird abgelehnt (Blasius, 1993, S. 43) - die Altbauten sind von der Zimmeraufteilung her für Wohngemeinschaften und Erwachsene ohne Kinder besser geeignet, da die annäherend gleich großen Zimmer eine ausgewogene Zimmerverteilung ermöglichen. 2.1.2 Ökonomische Gründe für Gentrification
Nach der Erweiterung des tertiären Sektors in den 60er Jahren haben Investoren lange vor Investitionen in Wohnhäuser zurückgeschreckt, weil sie damit rechneten, dass der weiter wachsende tertiäre Sektor in der Innenstadt den noch verbliebenen Wohnraum verdrängen würde. Als diese Entwicklung ausblieb, wurde es rentabel, in
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die Modernisierung von Wohnungen zu investieren, was die Entwicklung der Gentrification unterstützte. (Blasius, 1993, S. 15 f). Zwei Theorien erkären dies genauer: Nach der „rent gap“ - Hypothese von Smith (vgl. Dangschat, Friedrichs, 1988, S. 13) führt die Suburbanisierung dazu, dass die innenstädtischen Wohnhäuser vernachlässigt werden. Dadurch kommt es zu einer Renditelücke („rent gap“) zwischen der Grundrendite, die im Augenblick erzielt wird, und der, die potentiell zu erzielen wäre.
Die „value gap“ Theorie von Hamnett und Randolph (vgl. Dangschat, Friedrichs, 1988, S. 13) beschreibt den ökonomischen Vorteil nach der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen und erklärt, wie dadurch hohe und kurzfristig kapitalisierbare Gewinne erzielt werden können. Dieser Prozess betrifft eher die ehemals großbürgerlichen Wohngebiete, während sich die Theorie Smiths auf die ehemaligen Arbeitergebiete bezieht.
Außerdem wurden durch die gestiegenen Baukosten Modernisierungen rentabler als Neubauten (Blasius, 1993, S. 16). Durch die Suburbanisierung sind inzwischen auch die Preise für Wohnungen im Umland erheblich gestiegen, so dass der ökonomische Vorteil des Lebens in der Vorstadt allmählich immer kleiner wird (Blasius, 1993, S. 25)
2.1.3 Staatliche und kommunale Maßnahmen, die die Entwicklung der Gentrification unterstützen
Die Städte hatten an der Aufwertung innenstadtnaher Wohngebiete ein großes Interesse. Durch die Suburbanisierung der Bevölkerung gingen den Städten Steuereinnahmen verloren. Zudem drohte die Verslumung der Innenstädte. Mehr und mehr wurden die innenstadtnahen Wohngebiete zu Wohngebieten für sozial Schwache und Randgruppen. Das führte in den 70er Jahren zu einer Reihe von Maßnahmen, um diese Entwicklung aufzuhalten. Beispielsweise gab es nun bei der Sanierung von Altbauten staatliche Zuschüsse (Blasius, 1993, S. 50). Gesetzesänderungen 1977 und 1986 förderten die Spekulation mit Altbauwohnungen und erleichterten die Um-wandlung von Miet- in Eigentumswohnungen (Blasius/Dangschat, 1990, S. 15 f.). 1988 wurde ein Gesetz verabschiedet, dass die Kündigung der MieterInnen erleichtert (Blasius/Dangschat 1990, S. 25). Bis heute gibt es eine Tendenz, die gestiegene
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Attraktivität der innenstadtnahen Wohngebiete als Erfolg zu sehen und die negativen Auswirkungen zu ignorieren (Blasus/Dangschat, 1990, S. 16). 2.2. Verlauf der Gentrification
Der Prozess der Gentrifcation wird durch die sogenannten „Pioniere“ in Gang gesetzt: Junge Leute mit wenig Geld, risikobereit, tolerant gegenüber Minderheiten, die oft in Wohngemeinschaften leben und die die Vorteile des Wohnens in einem bestimmten Viertel, das im Moment noch verwahrlost ist, zuerst entdecken. Durch die steigende Nachfrage erhöhen sich die Mieten und die ursprünglichen BewohnerInnen, die sich die höheren Mieten nicht leisten können, werden zum Wegzug gezwungen. Der Zuzug der Pioniere bringt eine Änderung der Infrastruktur mit sich: Es entsteht eine neue Nachfrage und damit auch ein neues Angebot an Läden, Geschäften, Kneipen, Restaurants etc. Dadurch werden die „Gentrifier“ angezogen - sie sind älter als die Pioniere, haben mehr Geld und sind weniger risikobereit. Für sie ist ein Viertel erst attraktiv, wenn es sich bereits deutlich im Aufschwung befindet. Im Laufe dieses Prozesses wird das Viertel gefragter und dadurch auch teurer, eine Investition in Wohnungen immer rentabler und mit immer weniger Risiko verbunden. Nun werden nach und nach die Pioniere durch die Gentrifier verdrängt. Für diesen Prozess des doppelten Austauschs der zweifachen Verdrängung - erst verdrängen die Pioniere die ursprünglichen BewohnerInnen, dann werden diese Pioniere durch die Gentrifier verdrängt - entwickelte Dangschat 1988 das Modell des „doppelten Invasions-Sukzessions-Zyklus“ (Blasius, 1993, S. 35). In den USA verläuft dieser Prozess intensiver als in Deutschland. In Deutschland ändert sich die Bewohnerstruktur oft durch normale Migration, nicht durch Verdrängung (Blasius, Dangschat, 1990, S. 11).
2.3 Folgen der Gentrification
Die Bevölkerungsstruktur in den gentrifizierten Vierteln wird homogen. Da preiswerter Wohnraum immer knapper wird, haben die Verdrängten große Probleme, eine angemessene Wohnung zu finden. Im extremsten Fall überträgt sich die Gentrification auf die gesamten innenstadtnahen Wohngebiete, nicht nur auf die Viertel mit attrakti-
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Arbeit zitieren:
Susanne Weber, 2001, Gentrification in den neuen und alten Bundesländern, München, GRIN Verlag GmbH
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