Inhalt
0. Vorwort / Einleitung
1. Definition Initiationsritus
2. Kulturkonzept nach Levi-Strauß und Kulturwandel nach Mead
3. Initiationsrituale in „kalten Kulturen“
4. Initiationsriten in „heissen Kulturen“
5. Übergangsproblematiken und Intiationsritualäquivalente
6. Betrachtungen zu den Thesen Mario Erdheims aus:
„Zur Entritualisierung der Adoleszenz bei beschleunigtem
Kulturwandel “
7. Diskussion
8. Literatur
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In meinem Teil über die Adoleszenz möchte ich den Themenbereich Ritual und Initiation Kultur vergleichend beleuchten.
Anlass hierzu ist die Diskrepanz zwischen der Verankerung von Initiationsritualen in kalten Kulturen auf der einen Seite und der verloren gegangenen Bedeutung dieses Phänomens in heissen Kulturen auf der anderen Seite.
Nachdem ich den Begriff des Initiatio nsrituals definiert und das Konzept der heissen und kalten Kulturen nach Levi-Strauss und den Begriff des Kulturwandels nach Margret Mead beschrieben habe, stelle ich Initiationsriten in kalten Kulturen vor, um diese dann mit ihren Resten in heissen Kulturen zu vergleichen. Auf die jüdische Bar Mizwa als anschauliches Beispiel eines fest in eine heisse Kultur verankerten Initiatiosrituales kann ich aus Gründen einer notwendigen Umfangbegrenzung leider nicht eingehen! Anschließend an oben genannte Gegenüberstellung beschäftige ich mich mit Übergangsproblematiken junger Menschen und deren Lösungsversuche in Form von Initiationsäquivalenten.
Erdheims These, Sinn gemäß: „Das Ritual ist prinzipiell anachron“ begegne ich kritisch. Durch die Fragestellungen meiner Abschlussdiskussion bringe ich ein Plädoyer für ein Zusammenbringen von Freiheit / Modernität und den stabilisierenden wie Halt gebenden Wirkungen von ritual- und intiationshaften Prozessen zum Ausdruck.
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Van Gennep, 1969 in Klosinski, S. 12 postulierte „rites de passages“, Riten, die Übergänge zwischen Abschnitten im Leben von Menschen modulieren / anstoßen / erleichtern / ermöglichen, sowie sie insgesamt in eine von der Kultur vorgesehene Bahn lenken. Durch Vorgabe von Ablauf und Ergebnis schaffen sich Zivilisationen die Voraussetzung für ihren weiteren Bestand. Einer Fluktuation in Richtung isolierter, nicht mehr mit der Gemeinschaft im Zusammenhang stehender Lebenswirklichkeiten einzelner Mitglieder wird entgegengewirkt.
Van Genneps „rites des passages“ unterteilen sich in drei Fragmente. A: Die Trennung. B: Der Übergang. C: Die Einführung. Hiermit sei die Gesamtheit eines Ritusses gemeint. Der Übergang von einem Lebensabschnitt in einen anderen.
Van Gennep schreibt: „Die Aufnahme, Wiedergeburt [...] wird nach außen sichtbar am Körper des Neophyten [syn. Initianden, Anm. d. Autors ] verewigt. Trennungsriten gehen deshalb oft mit verstümmelnden Operationen am Körper einher. [...] Das Abschneiden der Vorhaut ist dem Ziehen eines Zahnes, dem Abschneiden der Spitze des kleinen Fingers, dem Abschneiden oder der Perforation der Ohrmuschel oder der Nasenscheidewand ebenso äquivalent wie einer Tätowierung, einer Sakrifizierung oder einem bestimmten Haarschnitt. Das verstümmelte Individuum wird von der großen Masse der Menschen durch einen Trennungsritus abgesondert, die ihn anatomisch in eine bestimmte Gruppe integriert und, da die Operation nicht mehr zu beseitigende Spuren hinterläßt, ist auch eine Integration dauerhaft. ... Die Initiationsfeiern inszenieren den Bezug zu den Ahnen, sie vermitteln identitätssicherndes Wissen über Sitten und Gebräuche. Pubertätsriten dienen insofern auch dem Zweck, die Urzeit (die Ureinwohner Australiens sprechen von der Traumzeit) wiederherzustellen, damit die Gemeinschaft mit neuer Kraft einen neuen Zyklus anfangen kann.“
Erdheim 1988 in Klosinski, S. 12 schreibt: „Aufgabe der Initiation ist es, den Verlauf der Adoleszenz so zu regulieren, dass die frühen Repräsentanzen der Mutter auf die Verwandtschaftsgruppe übertragen werden.“
Das Individuum wird initiiert, in dem ihm mittels eines Rituals (dessen Ausprägungen kulturell bedingt unterschiedlicher nicht sein können) wichtige Informationen über die
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Bewältigung der vor ihm liegenden Aufgaben mitgeteilt werden und Vertrauen in seine Fähigkeiten ausgedrückt wird. Die Möglichkeit einer formellen, von der Gesellschaft ausgehenden Form der positiven Überichstärkung fällt dem Autor hierbei besonders auf. Flammer schreibt in Klosinski, S. 91: „Das Initiationsritual dient der Verleihung von B-Kompetenz [B steht für Berechtigung, Anm. des Autors]. [...] Initiationsrituale verleihen einen generellen Erwachsenenstatus.“
Weitere wichtige Funktionen werden von Klosinski, 1999, S. 13 beschrieben: „Dem äußeren rituellen Geschehen entspricht eine intrapsychische Aufgabe: Die Bewusstwerdung der „Sphinxhaftigkeit“ der eigenen Person. Es ist die Konfrontation mit dem eigenen Unbewußten sowie mit dem animalisch-sexuellen Teil der Persönlichkeit, der integriert werden möchte, der zunehmend bewußt wird, sich dem Bewußtsein in der körperlichen Pubertät aufdrängt.“
In traditionellen Gesellschaften wird der verschlingende Aspekt der großen Mutter gelegentlich durch die Absonderung in eine Hütte (Walfischbauch) symbolisch dargestellt und die Frage „wer bin ich, was ist der Mensch) wird durch Instruktionen über den Clan und seine Bräuche und Riten mitbeantwortet. (Klosinski, S. 17)
Cazeneuve, 1971 in Klosinski, S. 26 schreibt: „Den Riten kommt universeller Charakter zu. Sie gehören unabweisbar zum Wesen des menschlichen Daseins, sei es im individuellen oder im gesellschaftlichen Bereich.“
Hugger in Klosinski, S. 26: „Riten sind Worte, Gesten, Handlungen, die über das bloße, Sichtbare hinaus eine symbolische, oft magische Bedeutung haben, nach festen Regeln ablaufen, periodisch wiederholt werden und für die Teilnehmer verbindlichen Charakter haben. [...] Riten widersetzen sich dem Wandel. Sie haben meist keinen sichtbaren Nutzen; Ihr Vollzug folgt aber einer tiefen Sinngebung, die sich meist der empirischen Erfahrung entzieht. Riten tragen zur Integration der Gruppe bei, sie garantieren den harmonischen Ablauf sozialer Prozesse, stellen immer wieder Gleichgewicht her. Riten gestatten dem Menschen das Erlebnis des Vertrauten, Bekannten, Stabilen, weisen aber letztlich aus der erfahrbaren Ordnung in eine sinnlich nicht faßbare Welt hinüber. Das rückt die Riten in die Nähe des Sakralen.“
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Die Phasen deren Übergänge moduliert werden sollen erstrecken sich auf das gesamte Leben eines Menschen. Taufe, Einschulung, Kommunion, Konfirmation / Firmung liegen zeitlich auf wichtigen Lebensabschnittsmarken.
Die Schulzeugnisverleihung, die Gesellen- und Meisterprüfung, die Ehe sind weitere wichtige, stark Ritus verankerte gemeinschaftliche Ereignisse. Auch der Austritt aus der Gemeinschaft und der gemutmaßte Eintritt in eine übermaterielle Existenz wird von diesen Ritualen nicht ausgenommen; „letzte Ölung“ / Totensalbung.
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Levi-Strauß bildete in seinen Arbeiten das Konzept der kalten und heissen Kulturen heraus. Danach werden in kalten Kulturen Lebenswirklichkeiten quasi veränderungslos von Generation zu Generation weitergegeben. Die Enkelgeneration hat den gleichen Beruf, die gleiche Stellung in der Gesellschaft, etc., wie die Eltern- und Großelterngeneration. Die Lebenszusammenhänge werden von den Jungen nicht in Frage gestellt. Die Vermittlung und Aufrechterhaltung der Strukturen erfolgt durch Initiationsriten im engsten Wortsinn: Gesellschaftliche Ereignisse, an dem jedes Gemeinschaftsmitglied beteiligt ist. Ihre Form, Ablauf und Ziel sind fest definiert und werden nicht abgewandelt.
Mead, M.; (1970): „Die Stabilität einer Gesellschaft läßt sich damit beschreiben, dass in ihr die Vergangenheit der Großeltern der Zukunft der Enkel weitgehend ähnlich ist. Von einer Beschleunigung des Kulturwandels kann man dann sprechen, wenn die Lebensmodelle der Generationen zunehmend differieren.“
Als Beispiele für kalte Kulturen können von der „Zivilisation“ mehr oder weniger autarke Volksgruppen in unzugänglichen Regionen der Erde genannt werden, aber auch teilsubsistente, Landwirtschaft betreibende Volksstämme, die mit dem Rest der Welt zumindest in einem gewissen Austausch stehen.
Stark religiös geprägte Gemeinschaften (die Amish People in Neuengland oder Theokratien im mittleren Osten) haben sich die „Wiedereinführung“ oder Aufrechterhaltung von Charakteristika einer kalten Kultur bewusst zur „Entwicklungsaufgabe“ gemacht. Dem Autor drängt sich das paradoxe Bild eines „Aufbruches in die Regression“ auf. „Heisse Kulturen“ hingegen verändern sich von Generation zu Generation. Es gilt keines Falls als sicher, dass die Enkelgeneration den gleichen Beruf ausübt wie die Eltern- oder Großelterngeneration. Die Adoleszenz ist stark verlängert. Mitunter ein Leben lang. Jedes Individuum hat, zumindest prinzipiell, die Möglichkeit seinen Lebensweg selbst zu gestalten.
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Arbeit zitieren:
Thomas Weber, 2000, Initiationsrituale im kulturellen Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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