- I -
Inhaltsverzeichnis
Seite
Verzeichnis der Abbildungen und Tabellen. IV
Abk ürzungsverzeichnis V
Symbolverzeichnis VI
1 Einleitung. 1
2 Typologien und Analysekriterien 4
2.1 Typologie der Anfangsallokation. 4
2.1.1 Auktionierung der Emissionszertifikate. 5
2.1.2 Kostenlose Zuteilung über Grandfathering. 5
2.1.3 Updating als aktualisiertes Grandfathering. 6
2.1.4 Kostenlose Zuteilung über den Tradable Performance Standard. 6
2.2 Typologie des Marktregimes. 7
2.2.1 Baseline-and-Credit Regime 7
2.2.2 Cap-and-Trade Regime 8
2.3 Fragenkatalog zur Analyse der Allokationsregeln und Marktregime 8
3 Analyse der Allokationsregeln. 9
3.1 Allgemeine Aspekte zu Marktgröße, Transaktionskosten und Banking 9
3.1.1 Nachweispflicht und Marktgröße. 9
3.1.2 Die Höhe der Transaktionskosten 10
3.1.3 Banking von Zertifikaten 11
3.2 Soziales Optimum und Laissez-faire-Situation. 12
3.3 Auktionierung der Emissionszertifikate. 15
3.3.1 Formen der Auktionierung. 16
3.3.2 Partialmodell der Auktion. 17
3.3.3 Ökonomische Effizienz und ökologische Effektivität 19
3.3.4 Marktzutritt und Marktaustritt 19
3.3.5 Verwendung der Auktionseinnahmen. 20
3.3.6 Anreizwirkung frühzeitiger Investitionen. 20
3.4 Kostenlose Zuteilung über Grandfathering 20
3.4.1 Partialmodell des Grandfathering 22
3.4.2 Ökonomische Effizienz und ökologische Effektivität 24
- II -
3.4.3 Markteintritt und Marktaustritt 24
3.4.4 Basisjahr und Gültigkeitsdauer 25
3.5 Anpassung der Basisjahre durch Updating 26
3.5.1 Administrative Kosten 27
3.5.2 Partialmodell des Updating. 27
3.5.2.1 Einführung in die Modellwelt. 27
3.5.2.2 Sozial optimale Allokation bei Updating 29
3.5.2.3 Das einzelwirtschaftliche Entscheidungskalkül 29
3.5.2.4 Updating im geschlossenen Handelssystem 30
3.5.2.5 Updating im kleinen offenen Handelssystem 32
3.5.3 Ökonomische Effizienz und ökologische Effektivität 35
3.5.4 Markteintritt und Marktaustritt 35
3.5.5 Frühzeitige Investitionen beim Updating. 35
3.6 Kostenlose Zuteilung über den Tradable Performance Standard. 36
3.6.1 Administrative Kosten 37
3.6.2 Partialmodell des Tradable Performance Standard. 38
3.6.3 Marktzutritt und Marktaustritt 41
3.6.4 Frühzeitige Investitionen. 41
3.6.5 Strategische Abwanderung 41
3.7 Verteilungseffekte der Allokationsregel 42
3.7.1 Preis- und Mengeneffekte der Allokationsregeln 43
3.7.2 Auswirkungen auf Produzenten 45
3.7.3 Auswirkungen auf Konsumenten. 47
3.7.4 Auswirkungen auf die soziale Wohlfahrt. 47
3.8 Zertifikatehandel und Innovation 48
3.9 Zwischenergebnisse der Analyse 50
4 Integration von Grandfathering und Tradable Performance Standard in gemeinsamen
Zertifikatehandel 53
5 Umsetzung des Zertifikatehandels in der Praxis 57
5.1 Voraussetzung einer erfolgreichen Implementierung 57
5.2 Implementierung von Zertifikatemärkten in den USA. 59
5.2.1 Das EPA Emissions Trading Program 59
5.2.2 Das Lead Trading program for gasoline 59
5.2.3 Das Acid Rain Program 60
- III -
5.2.4 Das RECLAIM Program. 61
5.2.5 Das Northeast NO x Budget Trading Program. 62
5.2.6 Konsequenzen für den Handel mit Treibhausgasen. 62
5.3 Internationaler Zertifikatehandel seit Kyoto und Marrakesch 63
5.4 Die Rahmenbedingungen eines europäischen Zertifikatehandels. 64
5.5 Der Emissionshandel im Vereinigten Königreich. 65
6 Fazit und Ausblick 68
Mathematischer Anhang. 70
Sonstiger Anhang. 71
Literaturverzeichnis 74
- IV - Verzeichnisder Abbildungen und Tabellen
Tab. 1: Typologie der Anfangsallokation 5
Tab. 2: Übersicht der Auswirkungen der Allokationsregel 43
Tab. 3: Vergleich der Allokationsregeln 50
Abb. 1: Vermeidungskosten und Umweltschaden 13
Abb. 2: Sozial optimale Emissionsrate 14
Abb. 3: Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage einer Auktion 17
Abb. 4: Der Effizienzverlust durch outputbasiertes Updating
im gechlossenen Handelssystem 32
Abb. 5: Der Effizienzverlust durch den Tradable Performance Standard 40
Abb. 6: Der Nettozuwachs am Emissionen durch die Aufnahme von Handel 54
Abb. 7: Der Zertifikatemarkt im Vereinigten Königreich 57
Anhang:
Tab. 1: Übersicht der Zielfunktionen und Bedingungen erster Ordnung 71
Tab. 2: Übersicht der Gewinnbedingung in Land 1 und Land 2 73
- V - Abkürzungsverzeichnis
AU Auktion CCL Climate Change Levy CCLA Climate Change Levy Agreements CH 4 Methan CO 2 Kohlendioxid EPA Environmental Protection Agency EU Europäische Union F & E Forschung und Entwicklung GF Grandfathering HFCs Wasserstoffhaltige Fluorkohlenwasserstoffe JI Joint Implementation LF Laissez-Faire N 2 O Distickstoffoxid NO x Stickstoffoxid PFCs Perfluorierte Kohlenwasserstoffe RECLAIM Regional Clean Air Incentives Market SF 6 Schwefelhexaflurorid SO 2 Schwefeloxid t Tonne TPS Tradable Performance Standard UD Updating UdSSR Sowjetunion
- VI - Symbolverzeichnis
Zu den Abschnitten 3.1, 3.3.3, 3.4.2 und 3.6.2: Absolute kostenlose Zertifikatemenge A Kosten des Unternehmens i c
i
Emissionsmenge E
Emissionsmenge des Unternehmens i E
i
G Umweltschaden Totale Kosten des Unternehmens K κ Konstante
µ
Emissionsrate Natürliche Emissionsrate µ 0 µ Emissionsrate des Unternehmens i
i
Sozial optimale Emissionsrate µ SO
i
µ Im Industriedurchschnitt zulässige Emissionsrate p Güterpreis
Gewinn des Unternehmens i unter Auktionierung AU Π
i
Gewinn des Unternehmens i unter Grandfathering GF Π
i
Gewinn des Unternehmens i unter Tradable Performance TPS Π
i
Standard
Q Produktionsmenge Produktionsmenge des Unternehmens i q
i
Sozial optimale Produktionsmenge des Unternehmens i So q
i
Laissez-faire-Produktionsmenge q
0
Zu Abschnitt 3.5.2
Kosten des Unternehmens i in Peridode t it c
Obergrenze an Zertifikaten in Peridode t t E
Emissionsmenge des Unternehmens i in Periode t it e
i 0 λ i
e
Direkte Preiselastizität der Emission η i
ee
Direkte Preiselastizität des produzierten Gutes η i
i qe η i
eq p
t
Sozial optimaler Gewinn unter Updating UD opt, Π
Einzelwirtschaftlicher Gewinn unter Updating UD i, Π
Produktionsmenge des Unternehmens i in Periode t it q σ Zertifikatepreis in Periode t
t
Zertifikatepreis auf dem Weltmarkt in Periode t σ WM
t
t Periode t
Zu Abschnitt 4
Absolute kostenlose Zertifikatemenge A
Kosten des Unternehmens in Land 1 c
1
Kosten des Unternehmens in Land 2 c
2
µ Emissionsrate des Unternehmens in Land 1
1
µ Im Industriedurchschnitt zulässige Emissionsrate in Land 2 Emissionsrate des Unternehmens in Land 2 im Handels- µ H
2
1
Güterpreis in Land 2 p
2
Produktionsmenge in Land 1 q
1
Produktionsmenge in Land 2 q
2
Π Gewinn des Unternehmens in Land 1
1
Π Gewinn des Unternehmens in Land 2
2
- VIII - σ Zertifikatepreis in Land 1
1
σ Zertifikatepreis in Land 2
2
Zertifikatepreis in Land 1 in Autarkie σ A
1
Zertifikatepreis in Land 2 in Autarkie σ A
2
Zertifikatepreis im Handelsgleichgewicht σ H
2 , 1
- 1 - 1Einleitung
Die globale Erwärmung zählt zu den größten Herausforderungen unserer Zeit. Her-vorgerufen wird sie durch die Konzentration von Kohlendioxid (CO 2 ) und weiteren Treibhausgasen in der Erdatmosphäre. Die Emissionen sammeln sich in der Atmosphäre an, verteilen sich in den oberen Luftmassen der Erde und werden nur sehr langsam wieder abgebaut. 1 Je höher der Anteil an Treibhausgasen in der Atmosphäre ist, desto mehr von der Sonne einstrahlende Wärme wird gespeichert, sodass sich die Temperatur der Erde erhöht. Durch die Temperaturerhöhung wiederum können Folgeschäden hervorgerufen werden, darunter der Anstieg des Meeresspiegels und das Auftreten von Orkanen, Trockenzeiten und Überflutungen. Der Treibhauseffekt entsteht durch die langfristige Akkumulation der Gase. Deshalb spielt es aus Klimaveränderungsgesichtpunkten keine Rolle, in welcher Region, von welchem Emittent oder zu welchem Zeitpunkt das Gas emittiert wird (siehe Ellerman et al. 2003, S. vii).
In den Verhandlungen von Kyoto und Marrakesch einigten sich die Vertragsstaaten auf eine weltweite Reduktion der Treibhausgasemissionen. Die nationalen Reduktionsziele und das technologische Reduktionspotential differieren deutlich über die einzelnen Länder. Im Kyotoprotokoll ist ein internationaler Handel von Zertifikaten vorgesehen. Die nationalen Reduktionsverpflichtungen sind Anlass dafür, dass über konkrete Minderungsmöglichkeiten der Emissionen sowie die Etablierung eines Zertifikatemarktes auf nationaler, europäischer und globaler Ebene nachgedacht wird. Die Vermeidung von CO 2 -Emissionen ist bisher nur durch Effizienzsteigerungen der Technologie oder durch die Substitution der kohlenstoffreichen Energieträger in großem Umfang möglich, beides ist mit erheblichen Kosten verbunden (siehe Hillebrand et al. 2002, S. 13). Eine wirksame Klimapolitik muss sich deshalb insbesondere an zwei Ansprüchen messen. Sie muss ökologisch effektiv sein, d.h. die Treibhausgasemissionen müssen auf ein sozial optimales Niveau verringert werden. Und sie muss ökonomisch effizient sein, indem das vorgegebene Reduktionsziel mit den geringsten volkswirtschaftlichen Kosten realisiert wird (siehe Gabler 2000). Die Eigenschaften der Treibhausgase als ubiquitäre und akkumulative Gase bilden ideale Voraussetzungen für eine pretial gesteuerte Umweltpolitik auf Grundlage ei-
1 Füreine klare und ausführliche Darstellung der naturwissenschaftlichen Hintergründe siehe z.B.
Bolin 2003, S. 7-59.
- 2 -nes Zertifikatemarktes. Ein Zertifikat berechtigt den Halter zur Emission einer be-stimmten Menge CO 2 (meist 1 metrische Tonne). Der Marktmechanismus - also die Möglichkeit des Handels mit Zertifikaten - führt dazu, dass die Gesamtreduktion kostenminimal erreicht werden kann, da die Emissionen dort reduziert werden kön-nen, wo sie mit den geringsten Vermeidungskosten verbunden sind. Unternehmen mit geringen marginalen CO 2 -Vermeidungskosten können ihre Emissionen verrin-gern und ihre Emissionsrechte an Unternehmen mit höheren Vermeidungskosten veräußern (siehe Stavins 2003, S. 358f.).
Dies impliziert jedoch nicht, dass die Einführung von Emissionszertifikaten bei den betroffenen Unternehmen keine Kosten verursacht. Der Vorteil besteht im Vergleich zu anderen umweltpolitischen Instrumenten wie Steuern, Gebühren oder ordnungspolitisch genehmigten Standards (siehe Klaasen 1996, S. 41ff. und Wackerbauer 2003, S. 29ff.). Technologiemandate sind oftmals mit Ineffizienzen verbunden, da eine Berücksichtigung der unterschiedlichen Vermeidungskosten für Emissionsverringerungen aufgrund der begrenzten Information des Regulators problematisch ist. Beim Zertifikatesystem kann die Gesamtemission exakt begrenzt werden, die dadurch auftretenden Vermeidungskosten können dagegen nicht genau vorherbestimmt werden. Im Unterschied dazu werden bei Emissionssteuern die Grenzvermeidungskosten auf ein gewünschtes Niveau gebracht, während die Reduktion an Emissionen nicht genau determiniert werden kann. Steuern sind im Prinzip ökonomisch effizient, Effizienz und ökologische Effektivität können jedoch durch Unsicherheit der Kosten oder Wirtschaftswachstum gefährdet werden, wenn der Steuersatz nicht entsprechend angepasst wird (siehe Klaasen 1996, S. 41ff. und Stavins 2003, S. 358f.). Der Handel mit Zertifikaten ist nicht per se als wirksame Politikmaßnahme zu beurteilen. Vielmehr hängt es vom Regulator ab, Rahmenbedingungen zu bestimmen und durchzusetzen, durch die der Handel mit Zertifikaten zu einer erfolgreichen Klimapolitik wird. Bei der Etablierung des Zertifikatehandels spielen eine ganze Reihe von Aspekten eine wichtige Rolle. Der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit liegt auf der vergleichenden Gegenüberstellung der Eigenschaften und Konsequenzen der gewählten Anfangsallokation der Zertifikate. Bei der Verteilung von CO 2 -Emissionszertifikaten werden als Ausgangspunkt drei Allokationsregeln unterschieden, und zwar Auktionierung, Grandfathering und Tradable Performance Standard. Zusätzlich wird das Updating als bedeutende Variante des Grandfathering erläutert. Nach einer Einführung in die Typologie der betrachteten Allokationsregeln und Marktregime (Kap. 2) werden Rahmenbedingungen erläutert, die weitgehend unab-
- 3 -hängig von der Wahl des Erstzuteilungsmechanismus sind (Kap. 3.1). In einem mik-rofundierten Partialmodell von Fischer (2001 und 2003) wird die sozial optimale Emissionsmenge hergeleitet und der Laissez-faire Situation gegenübergestellt (Kap. 3.2). Diese Ergebnisse bilden den Referenzpunkt einer kriteriengeleiteten detaillier-ten Untersuchung der einzelnen Allokationsregeln (Kap. 3.3 bis 3.6). Als Kriterien werden nicht nur Effizienz und Effektivität, sondern auch Aspekte wie der Umgang mit neuen Marktteilnehmern oder frühzeitigen Investitionen herangezogen. Die Dar-stellung der einzelnen Allokationsmechanismen wird durch eine Betrachtung der Verteilungs- und Wohlfahrtseffekte ergänzt (Kap. 3.7). Nach einigen Erläuterungen zum Einfluss der Allokationsregel auf die Innovationstätigkeit (Kap. 3.8) schließt das Kapitel mit einem Zwischenfazit ab, in dem wesentliche Eigenschaften zusammen-gefasst werden (3.9).
Durch die Vergrößerung des Marktes um weitere Treibhausgase, Regionen oder Industriezweige können Wohlfahrtsgewinne erzielt werden, indem unterschiedliche Vermeidungskosten für eine effiziente Verringerung der Gesamtemission ausgenutzt werden. Fischer (2003) untersucht die Konsequenzen der Integration von Tradable Performance Standard und Grandfathering in einem gemeinsamen Zertifikatemarkt und weist auf die Gefahr der Erhöhung der Gesamtemissionen hin (Kap. 4). Auf diesen überwiegend theoretischen Teil folgt eine Darstellung bereits eingeführter oder geplanter Zertifikatemärkte, in denen die analysierten Allokationsregeln in die Praxis umgesetzt wurden. Zunächst werden verschiedene Zertifikatemärkte aus den USA vorgestellt, da diese bereits seit den 70er Jahren umgesetzt wurden (Kap. 5.2). Obgleich diese keine Treibhausgase betrafen, lassen sich Erfolgsfaktoren für einen Markt mit CO 2 -Emissionszertifikaten ableiten. Daraufhin werden die Rahmenbedingungen der im Kyotoprotokoll beschlossenen nationalen Reduktionsverpflichtungen und des internationalen Zertifikatehandels präsentiert (Kap. 5.3). Nachfolgend wird die Gestaltung des Handels auf Ebene der Europäischen Union dargestellt (Kap. 5.4). Das Kapitel endet mit Ausführungen zum CO 2 -Zertifikatesystem des Vereinigten Königreichs (Kap. 5.5). Der Handel dort findet auf freiwilliger Basis statt. Er verbindet Elemente der Auktion mit Elementen des Tradable Performance Standard und soll ab 2005 in einen europaweiten Zertifikatemarkt eingegliedert werden. Die Arbeit schließt mit einem Fazit und gibt einen Ausblick auf offene Aspekte (Kap. 6).
- 4 - 2Typologien und Analysekriterien
Durch die Einführung von handelbaren Berechtigungen zur Emission (Zertifikaten) wird der soziale Schaden zur Kostenvariable des privaten Agenten. Die unter die Emissionsreduktionsverpflichtung fallenden Marktteilnehmer sind verpflichtet, Zertifikate in Höhe ihrer Emissionsmenge vorzuweisen. Die Anfangsallokation eines Zertifikatemarktes und dessen Organisation lassen sich anhand verschiedener Kriterien systematisieren. Dieser Abschnitt führt in die in dieser Arbeit verwendete Typologie ein und versucht die in der zugrunde liegenden Literatur verwendeten diversen Bezeichnungen, die sich zum Teil auf die gleichen Charakteristika beziehen, miteinander in Beziehung zu setzen und grundlegende Eigenschaften herauszuarbeiten. Daraufhin werden Fragen formuliert, die der Erklärung und Analyse der Charakteristika der einzelnen Typen dienen.
2.1 Typologie der Anfangsallokation
Grundsätzlich wird zwischen der (für das Unternehmen) kostenlosen Anfangsallokation und der Allokation über einen Preismechanismus, meist einer Auktion 2 , unterschieden (siehe Tab.1). Ein zweites Unterscheidungskriterium betrifft die zulässigen Emissionen. Die Gesamtmenge an Emissionen kann begrenzt werden (Auktion, Grandfathering). Oder es wird ein industriespezifischer Standard an Emissionen, die in der Produktion emittiert werden dürfen, festgelegt (Tradable Performance Standard). Updating ist eine Form des Grandfathering, bei der das Basisjahr der Berechnung von Emissionszuteilungen aktualisiert wird. Des Weiteren treten - insbesondere in den realisierten Programmen - verschiedene Hybridsysteme auf, welche verschiedene Elemente der Grundformen verbinden. Dies ist z.B. eine Erstzuteilung nach Grandfathering-Prinzip, die später in ein Auktionierungssystem überführt wird oder die Anwendung verschiedener Allokationsregeln in unterschiedlichen Sektoren. Zu beachten ist, dass jede der gewählten Anfangsallokationen mit der Etablierung eines sekundären Zertifikatemarktes verbunden ist, d.h. die Anfangsallokation kann (und soll) über einen Preismechanismus so in der Volkswirtschaft verteilt werden, dass das gesetzte Ziel - die Reduktion der CO 2 -Emissionen - kostenminimal erreicht wird.
2 Ein Verkauf der Zertifikate zu einem festen Preis wäre ebenfalls möglich, dann müsste jedoch der
markträumende Preis bekannt sein, um eine effiziente Allokation zu bewirken.
- 5 - 2.1.1Auktionierung der Emissionszertifikate
Die Emissionsberechtigungen werden bei der Auktion an die Marktteilnehmer versteigert. Dies bedeutet, dass dem Wirtschaftssubjekt bei dieser Allokationsregel direkte Kosten entstehen, die die Internalisierung des externen Effektes widerspiegeln. Unter Gewinnmaximierung werden die Unternehmen ihre Emissionen solange reduzieren, bis die marginalen Vermeidungskosten dem Zertifikatepreis entsprechen (siehe Harrison und Radov 2002, S. 20ff.).
Die durch die Auktionierung erworbenen Einnahmen fallen dem Staat zu. Dieser kann sie auf verschiedene Weise verwenden und damit auf Effizienz, Distribution und Innovation Einfluss nehmen (siehe Fischer et al. 1998, S. 5).
Tabelle 1: Typologie der Anfangsallokation
Quelle: Eigene Darstellung
2.1.2 Kostenlose Zuteilung über Grandfathering
Eine für die Unternehmen kostenlose Alternative der Anfangsallokation ist das Grandfathering (siehe Harrison und Radov 2002, S. 21ff.). Hier erfolgt die Verteilung der Emissionsrechte auf Grundlage historischer Information der einzelwirtschaftlichen Tätigkeitsdaten (Produktions-, Input- oder Emissionsmenge). Der Begriff des Grandfathering symbolisiert vererbte Rechte: Ein Unternehmen darf seit mehreren Generationen (bzw. Jahren) emittieren, dieser Anspruch wird anerkannt und im Sinne der Besitzstandswahrung in Zertifikaten bestätigt. Typischerweise erhält ein Unternehmen das Recht x Prozent der historischen Werte zu emittieren. Liegen seine realisierten Emissionen darunter, kann es die nicht benötigten Zertifikate verkaufen. Emittiert ein Unternehmen mehr als es Berechtigungen besitzt, so muss es zusätzliche Zertifikate erwerben. Die gewinnmaximierende Unternehmung reduziert ihre Emission bis zu der Höhe, bei der die marginalen Vermeidungskosten einer wei-
- 6 -teren reduzierten Emissionseinheit dem Zertifikatepreis (d.h. seinen Opportunitäts-kosten) entsprechen.
2.1.3 Updating als aktualisiertes Grandfathering
Das Updating ist eine Variante des Grandfathering (siehe Harrison und Radov 2002, S. 25ff.). Im Unterschied zum "konsequenten" Grandfathering (siehe Graichen und Requate 2003, S. 2), bei dem eine Bemessungsgrundlage gewählt wird, die auch am Ankündigungszeitpunkt bereits in der Vergangenheit liegt, werden beim Updating aktuellere Informationen zugrunde gelegt. Dadurch werden Marktein- und austritte berücksichtigt. Gleichzeitig entsteht ein dynamisches Anreizproblem, denn ein Unternehmen kann durch eigenes strategisches Verhalten auf die Allokation Einfluss nehmen, indem es seine Emissions-, Input- oder Produktionsmenge erhöht, um dadurch eine größere Zuteilung zu erwerben.
2.1.4 Kostenlose Zuteilung über den Tradable Performance Standard Genauso wie das Grandfathering gehört auch der Tradable Performance Standard zur Gruppe kostenloser Allokationsregeln. Der Regulator gibt eine Obergrenze an zulässigen Emissionen in einem Produktionsprozess vor. Die Obergrenze wird als Emissionsrate von zulässigen Emissionen pro Input- oder Outputeinheit definiert, sodass die Gesamtmenge an ausgestossenen Emissionen variieren kann. Ein hohes, möglichst emissionsarmes technisches Niveau in der Produktion wird angestrebt. Durch die Handelbarkeit der Zertifikate kann sich am sekundären Zertifikatemarkt ein Gleichgewicht herausbilden, bei dem die vorgegebene durchschnittliche Emissionsrate eingehalten und kostenminimal erreicht wird.
In der Literatur konnte sich noch keine allseits verwendete Bezeichnung durchsetzen. Es kursieren diverse andere Ausdrücke, die jedoch im Wesentlichen dem hier verwendeten Tradable Performance Standard entsprechen. 3 Die entscheidenden Kriterien sind die Einhaltung der Emissionsintensität bei variierender Gesamtemissionsmenge und die Handelbarkeit der Emissionsberechtigungen (siehe Fischer 2003, S.1).
3 Dazu gehören im amerikanischen Sprachraum "averaging", im europäischen "relative target" oder
"Benchmarking". Auch die Begriffe "rate-based program" oder "output-based program" , "perfor-
mance standard rate" und "generation performance standard" werden zum Teil analog zum Tra-
dable Performance Standard verwendet; siehe Burtraw et al. 2001, S. 4; Ellerman et al. 2003, S. 4
und S. 49 sowie SER 2003, S. 10. In einigen Fällen werden die Begriffe so definiert, dass sie eine
Form des Grandfathering oder des Updating darstellen; siehe z.B. AGE 2002, S. 8 oder Bode
2003, S. 1ff.
- 7 - 2.2Typologie des Marktregimes
Es können drei Marktregime unterschieden werden. Dieses sind das "Reductioncredit Regime", das "Cap-and-Trade Regime" und das "Baseline-and-Credit Regime". Die ersten Ansätze des Zertifikatehandels erfolgten 1979 in einem Reduction-Credit Regime im "Environmental Protection Agency (EPA) Emissions Trading". Es funktioniert als Tradable Performance Standard, der in aufwendigen Einzelfallprüfungen zur Vergabe von Zertifikaten (credits) führte (siehe Ellerman et al. 2003, S. 8). Die hohen administrativen Kosten schränkten die Effizienz des Marktes stark ein, wodurch der Zertifikateansatz als umweltpolitisches Instrument in den ersten Jahren sehr negativ bewertet wurde. In der vorliegenden Arbeit werden vor allem die Weiterentwicklungen des Marktes betrachtet. Dies sind das Baseline-and-Credit Regime und das Cap-and-Trade Regime. Beide Regime sind mit typischen Allokationsregeln verknüpft: einerseits Auktion und Grandfathering mit dem Cap-and-Trade Regime und andererseits der Tradable Performance Standard mit dem Baseline-and-Credit Regime.
2.2.1 Baseline-and-Credit Regime
Beim Baseline-and-Credit Regime wird eine Emissionsrate (baseline) vorgegeben, die durchschnittlich im betroffenen Sektor eingehalten werden muss (siehe Ellerman et al. 2003, S. 4). Unternehmen erhalten Zertifikate (credits), sofern sie unterhalb der baseline emittieren. Die Gesamtemission variiert u.a. mit der Produktionsmenge, kann also nur schwer exakt begrenzt oder prognostiziert werden. Die Entscheidung, welches Unternehmen wieviel emittiert, bleibt dem Markt überlassen. Im Gegensatz zum Reduction-credit Regime erfolgt die Zertifizierung in diesem Regime automatisch auf Industrieebene (und nicht in Einzelfallentscheidungen). Dennoch bleibt die Schwierigkeit, die Richtwerte für die einzelnen Sektoren zu bestimmen und die Sek-toren untereinander abzugrenzen. Für den Handel müssen ggf. relative Quoten in diskrete absolute Emissionsmengen umgerechnet werden. Die Ähnlichkeit von Baseline-and-Credit Regime und Tradable Performance Standard ist offensichtlich. Während allerdings das Baseline-and-Credit Regime den Zertifikatemarkt als Ganzes beschreibt, wird unter dem Tradable Performance Standard zumeist die Allokationsregel verstanden.
- 8 - 2.2.2Cap-and-Trade Regime
Eine andere Herangehensweise wird im Cap-and-Trade Regime verfolgt (siehe Ellerman et al. 2003, S. 4). Hier wird eine Obergrenze an zulässigen Gesamtemissionen (cap) festgelegt. Die Unternehmen werden mit einer Anfangsallokation ausgestattet, meistens über Grandfathering oder eine Auktion. Die Unternehmen müssen darüber Nachweis führen, dass sie ihre Emissionen mit Zertifikaten decken können. Zertifikate berechtigen zur Emission einer bestimmte Menge (z.B. 1 t) und können gehandelt werden (trade). Im Gegensatz zu den bereits betrachteten Regimen wird hier nicht die Intensität, sondern die Gesamtemission gedeckelt. Des Weiteren müssen die Unternehmen beim Cap-and-Trade Regime nicht wie im Baseline-and-Credit Regime Zertifikate in Höhe der Differenz zwischen tatsächlichen und vorgesehenen Emissionen vorweisen, sondern in Höhe der Gesamtmenge ihrer Emission. In der nachfolgenden Analyse finden Auktionierung, Grandfathering und Updating im Cap-and-Trade Regime statt.
2.3 Fragenkatalog zur Analyse der Allokationsregeln und Marktregime Um die Allokationsregeln im folgenden Teil vergleichbar zu machen, dient folgender Fragenkatalog als Leitlinie der Analyse (siehe Harrison und Radov 2002, S. 51). Mit welchen grundlegenden Eigenschaften ist die Allokationsregel verbunden? Wie funktioniert sie genau? Ist die Allokation treffsicher, d.h. wird das vorgegebene umweltpolitische Ziel effektiv erreicht? Ist der Verteilungsmechanismus ökonomisch effizient, d.h. wird das Reduktionsziel mit den geringsten volkswirtschaftlichen Kosten realisiert? Welche administrativen Kosten entstehen? Werden durch die Allokationsregeln Verzerrungen hervorgerufen oder abgemildert? Wie werden Markteintritt und Marktaustritt berücksichtigt? Welche administrativen Kosten entstehen? Bestehen Anreize für frühzeitige Investitionen? Welche Verteilungseffekte werden durch die Wahl der Allokationsregel hervorgerufen? Welche Wirtschaftssubjekte werden durch die Allokationsregel auf welche Art beeinflusst? Treten Wertverluste durch versunkene Kosten auf? Ist die Allokation auch auf lange Sicht angemessen? Welche Instrumente oder Rahmenbedingungen beeinträchtigen die Funktionsweise des Zertifikatemarktes?
In dieser Arbeit können nicht alle der Fragen für jede Allokationsregeln beantwortet werden. Dennoch wird auf die wesentlichen Charakteristika der Zuteilungsmecha- nismen eingegangen.
- 9 - 3Analyse der Allokationsregeln
Bevor die einzelnen Allokationsregeln und ihre Auswirkungen analysiert werden, werden einige von der Anfangszuteilung weitgehend unabhängige Aspekte erläutert. Diese betreffen die Entscheidung, an welcher Stelle der Wertschöpfungskette die Unternehmen zum Nachweis von Zertifikaten herangezogen werden sollten, welche Faktoren die administrativen und die Transaktionskosten beeinflussen und welche Aspekte mit dem Ansparen von Zertifikaten (Banking) verbunden sind. Daraufhin werden in einem mikroökonomischen Partialmodell von Fischer (2001 und 2003) die Bedingungen von sozial optimaler Emissionsrate und Outputniveau hergeleitet. Es schließen sich Überlegungen zur Laissez-faire-Situation an. Beginnend mit der Auktionierung folgt eine ausführliche Erläuterung der Funktionsweise und wesentlicher Eigenschaften der Allokationsregeln. Die Analyse orientiert sich an den im vorigen Kapitel aufgestellten Fragenkatalog. Sie stützt sich auf das theoretische Modell von Fischer (2001 und 2003) und auf eine Modifikation durch Böhringer und Lange (2003a und 2003b), in der die dynamischen Anreizprobleme des Updating erklärt werden.
Aus Funktionsweise und Anreizwirkung der Allokationsregeln ergeben sich Konsequenzen für die Verteilung der Wohlfahrt. Die Verteilungseffekte sind insbesondere im Vergleich der Allokationsregeln untereinander von Bedeutung, sodass die Auswirkungen der Anfangsallokation in direkt verglichen werden. Nach einigen Überlegungen zu den Anreizen für Innovationstätigkeit schließt das Kapitel mit einem Zwischenfazit ab.
3.1 Allgemeine Aspekte zu Marktgröße, Transaktionskosten und Banking
3.1.1 Nachweispflicht und Marktgröße
Bei kompetitiven Märkten ist die Endverteilung der Vermeidungskosten in der Produktionskette weitgehend unabhängig davon, an welcher Stelle die Marktteilnehmer zum Nachweis von Zertifikaten herangezogen werden. Die Kosten werden über Abwälzungen an vor- und nachgelagerte Wirtschaftssubjekte entlang der Produktionskette verteilt (siehe Bohm 2002, S. 2). Die endgültige Belastung von vor- und nachgelagerten Unternehmen, Konsumenten, Arbeitnehmern und Kapitalgebern ist von der Reduktionsmenge abhängig, nicht jedoch davon, wer im vertikalen Produktions- prozess Zertifikate nachweisen muss.
Arbeit zitieren:
Hanna Wendt, 2003, Allokationsregeln zur Verteilung von CO2-Emissionszertifikaten, München, GRIN Verlag GmbH
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