Die Autopoiesis sozialer Systeme Will Martens 2
Inhaltsverzeichnis Seite
2 0 Inhaltsverzeichnis
1.1 Ausgangslage 3
1.2 Ziel 3
1.3 Grundlagen 4
1.3.1 Zur Person Luhmanns 4
1.3.2 Definition 4
2.1 Einleitung 5
2.2 Das psychische System 6
2.3 Das soziale System 7
2.4 Autopoiesis sozialer Systeme 8
2.4.1 Kommunikation 9
a) Kommunikation als Synthese von drei Selektionen 9
b) Das soziale System als Einheit mehrerer Kommunikationen 9
2.4.2 Zusammenfassung 10
2.4.3 Kritik 10
2.5 Interpenetration 11
2.6 Die Einheit sozialer und psychischer Systeme 14
2.6.1 Unterscheidung Element vs Komponente 14
2.6.2 Strukturelle Kopplung 15
2.6.3 Der soziale Charakter der Kommunikation 16
2.6.4 Autopoiesis sozialer Systeme 17
2.6.5 Modelle der Selektionen 19
a) Die Konstitution von Information 19
b) Die Konstitution von Mitteilung 19
c) Die Konstitution von Verständnis 19
2.6.6 Interpenetration eines psychischen und eines sozialen Systems 20
2.6.7 Verhältnis von sozialen Systemen und Personen 21
24 3 Begriffserläuterungen
24 3 1 Selbstreferenz
30 3 3 Inklusion
Die Autopoiesis sozialer Systeme – Will Martens 3
1) Hintergrund:
1.1) Ausgangslage:
Im Seminar „Primärsysteme und soziale Konstellationen“ hatten wir festgestellt, daß das System sozialer Hilfe, hier Sozialstaat genannt, in der Wahrnehmung seiner Aufgaben an Grenzen stößt.
Wir unterschieden im folgenden Primär- und Sekundärsysteme. Im ersten Schritt hatten wir anhand der Beiträge HERDER-DORNEICHs („Sozialökonomik – Angewandte Ökonomik sozialer Systeme, 1994) betrachtet, wie Systeme generell funktionieren.
In einem weiteren Schritt haben wir uns mit dem Begriff der Biographie beschäftigt. Dazu referierte SCHUBERT den Text „Biographie als Autopoiesis – Eine systemtheoretische Rekonstruktion von Individualität“, von Uwe SCHIMANK. Dieser bezieht seine Ausführungen im wesentlichen auf die Systemtheorie nach Niklas LUHMANN.
Ich referiere nun im folgenden den Text
„Die Autopoiesis sozialer Systeme“ von Will MARTENS, der sich wiederum in seinen Grundelementen auf die Luhmannsche Theorie bezieht, diese aber kritisch hinterfragt, als zu eng gefaßt bezeichnet und versucht deren Vollständigkeit zu prüfen.
1.2) Ziel:
MARTENS versucht zu klären, ob die Begriffe der Autopoiesis und der Interpenetration in
der Systemtheorie LUHMANNs eine vollständige und schlüssige Verbindung von Akteur (hier psychisches System) und System (hier soziales System) schaffen kann.
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Die Autopoiesis sozialer Systeme – Will Martens 4
1.3) Grundlagen:
1.3.1) Zur Person LUHMANNs:
- geboren am 08.12.1927 in Lüneburg
- Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Freiburg
- Dann Tätigkeiten in der öffentlichen Verwaltung
- Erst 1969/61 Studium der Soziologie an der Harvard University
- Arbeit an verschiedenen Forschungseinrichtungen in BRD
- Abteilungsleiter der Sozialforschungsstelle in Dortmund (1965)
- Mitherausgeber der „Zeitschrift für Soziologie“ (1977-1980)
- Entwickelt seine Systemtheorie bereits seit den 60er Jahren, nimmt aber fortlaufende Verbesserungen vor.
1.3.2) Definition:
Autopoiesis:
Der Begriff Autopoiesis geht auf die beiden chilenischen Biologen Francisco J.
Autopoietische Systeme sind demnach sich selbst herstellende und selbsterhaltende Systeme, was durch die selbständige Reproduktion der für die Erhaltung des Systems notwendigen Bestandteile gewährleistet wird. Außerdem sind die Systeme Teileinheiten des Raumes, indem sie sich befinden.
Kennzeichen eines autopoietischen Organismus sind also Selbsterhaltung als Produktionsbeziehung und räumliche fixierbare Abgrenzung der Einheit.
4
Die Autopoiesis sozialer Systeme – Will Martens 5
2) „Die Autopoiesis sozialer Systeme“
2.1. Einleitung
Nach der Untersuchung des psychischen Systems, also der Individuen, deren Biographien und Identitäten, ist nun die Betrachtung des sozialen Systems notwendig, um eine angemessene Antwort auf die Ausgangsfrage finden zu können.
LUHMANN versuchte eine Theorie zu entwickeln, bei der „die sozialen Prozesse aus der
eigenen Logik sozialer Prozesse zu erklären“ 1 seien. Dabei spielte der Begriff der Autopoiesis sozialer Systeme eine entscheidende Rolle.
Damit folgt er dem DURKHEIMschen Ansatz, „Soziales nur durch Soziales zu erklären“ 2 .
Im folgenden werde ich nun zunächst auf die Bauweisen des psychischen und des sozialen Systems nach MARTENS eingehen. Dann werde ich das Konzept der Autopoiesis nochmals verdeutlichen, so wie MARTENS es interpretiert und anschließend auf den Punkt Interpenetration zu sprechen kommen, bevor ich schließlich auf das letzte, zusammenführende Kapitel „Die Einheit sozialer und psychischer Systeme“ eingehen werde.
1 Martens, Will; Die Autopoiesis sozialer Systeme; in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 43, Heft 4, 1991, S. 625
2 ebenda
5
Die Autopoiesis sozialer Systeme – Will Martens 6
2.2. Das psychische System
In LUHMANNs Systemtheorie wird der Begriff der Autopoiesis primär auf soziale Systeme übertragen und bekommt dabei eine Generalisierung. Dennoch soll auch LUHMANNs Beschäftigung mit psychischen Systemen nicht unbeachtet bleiben, da hier die strukturelle Perspektive zugunsten einer stärkeren Betonung individueller Akteure verlassen wird. Dadurch wird zum einen eine leichtere Übernahme des Autopoiesisbegriffs aus der Biologie erlaubt, und zum anderen stellt sein Konzept psychischer Systeme eine wichtige Ergänzung zu seiner Theorie sozialer Systeme dar, in der Individuen als solche keine Bedeutung beigemessen wird.
Im Mittelpunkt der Theorie psychischer Systeme steht dabei das Bewußtseinssystem, welches sich aus Gedanken und Vorstellungen konstituiert. Diese Gedanken verschwinden dabei so schnell wie sie kommen und wichtig, sie entstehen aus sich selbst. Vergleiche dazu auch Transitorität bei Schimank. Gedankenbildung ist also ein autopoietischer Prozeß.
Vor diesem Hintergrund soll an späterer Stelle auf Interaktionsformen zwischen psychischen Systemen untereinander und zwischen psychischen und sozialen Systemen eingegangen werden.
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Die Autopoiesis sozialer Systeme – Will Martens 7
2.3. Das soziale System
LUHMANN lehnt es konsequent ab, das Soziale durch das Psychische zu erklären und
formuliert als Aufgabe seiner Theorie: „Wir werden vor allem den nichtpsychischen Charakter sozialer Systeme zu betonen haben“ 3 .
Er hebt allerdings auch ganz klar hervor, daß die sozialen Systeme sich ohne die
Beiträge des psychischen und ebenfalls des organischen Systems nicht aufbauen können. „Diese Beiträge werden aber als Beiträge aus der Umwelt des Sozialen thematisiert“
4
, und nicht als Grundlage oder Voraussetzung für deren Konstitution. Diese Art der Beteiligung der psychischen Systeme an der Konstitution sozialer Systeme beschreibt LUHMANN unter dem Titel
Interpenetration
und meint damit die Bereitstellung von Eigenkomplexität zum Aufbau sozialer Systeme.
5
Im ersten Schritt seiner Theorieentwicklung konzentriert sich LUHMANN auf die funktionale Differenzierung und kommt so zu dem Schluß, das soziale Systeme über differenzierte Werteorientierung verfügen. Dem zu Folge unterscheidet er drei Formen von sozialen Systemen:
Gesellschaftssysteme. Dies soll nun kurz erläutert werden: Im Interaktionssystem handeln Akteure, die sich gegenseitig wahrnehmen können. z.B.: Kunde und Händler im Kaufhaus. ≙ Primärsysteme
Im Organisationssystem sind die Akteure an Bedingungen, etwa wie eine Mitgliedschaft in einem Sportverein geknüpft. Hier haben die Akteure andere Aufgaben und Privilegien als in der Umwelt des Systems. z.B.: der Trainer darf hier die Spieler „kommandieren“, in der Umwelt nicht. ≙ Sekundärsysteme
Im Gesellschaftssystem kommen nach LUHMANN die beiden oben genannten Systeme zusammen. Es bildet ein „OBERSYSTEM“. Alle Mitglieder der Interaktions- und Organisationssysteme sind gleichzeitig auch Mitglieder der Gesellschaft, (auch wenn sie nicht gerade miteinander handeln und auch sind sie hier nicht an formelle Bedingungen gebunden) nehmen dort aber andere Aufgaben / Rollen ein.
3 ebenda
4 ebenda 5 vgl. Martens, 1991, S. 626
7
Die Autopoiesis sozialer Systeme – Will Martens 8
2.4. Autopoiesis sozialer Systeme
Über die Definition von Autopoiesis gibt es ebenso wie über deren Anwendbarkeit für Systemtheorien viele verschiedene Meinungen. Für LUHMANN aber heißen Systeme, „ die die Elemente, aus denen sie bestehen, selbst produzieren und reproduzieren“ 6 , autopoietisch. „Alles, was solche Systeme als Einheit verwenden: ihre Elemente, ihre Prozesse, ihre Strukturen und sich selbst, wird durch solche Einheiten im System erst bestimmt. Oder anders gesagt: es gibt weder Input von Einheiten in das System, noch Output von Einheiten aus dem System.“ 7 Trotzdem bestehen Beziehungen zur Umwelt, diese spielen sich jedoch auf einer anderen Ebene als der Autopoiesis selbst ab. Sie sind sowohl geschlossene Systeme, was den Bezug von Elementen aus ihrer Umwelt betrifft, als auch offene Systeme, was sich in der Tatsache darstellt, das sie sich nur in Differenz zu ihrer Umwelt produzieren können. (vgl. Schubert – Schimank) Autopoietische Systeme sind also autonom, aber nicht autark.
Die Produktion verläuft nach dem Prinzip der Selbstreferenz oder Rekursivität, was heißt, das vorhandene Produkte ständig die Grundlage für weitere Operationen darstellen. (vgl. Schimank „Transitorität“)
MARTENS unterscheidet hierzu basale Selbstreferenz als Rückbezug durch eigene
Element und indirekte Selbstreferenz oder Rekurrenz als Rückbeziehung über andere Elemente auf sich selbst.
„Angewendet auf die Elemente Sozialer Systeme – so meint Luhmann – bedeutet Autopoiesis: „die Selbstproduktion sozialer Systeme“ läuft gleichsam von selber „dadurch, daß Kommunikation Kommunikation auslöst“ (...) Die Kommunikation ist das Letztelement sozialer Systeme. Sie ist die letzte Einheit, bei deren Auflösung (...) das Soziale verschwinden würde.“ 8 Er sieht den Begriff der Kommunikation als den entscheidenden Punkt an, an dem der Unterschied in der Selbstproduktion zwischen sozialem, psychischem und organischen System geklärt werden könne.
6 Martens, 1991, S. 627-628
7 Martens, 1991, S. 628 8 ebenda
8
Arbeit zitieren:
Achim Heinrichs, 2001, Autopoiesis sozialer Systeme, München, GRIN Verlag GmbH
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