INHALTSVERZEICHNIS
HINWEISE. 2
1. EINLEITUNG
Die Welt: ein Mülleimer voll Ekel und
Erbrochenem ? 3-7
1.1 Ausgangssituation 3-6
1.2 Übersicht der Analyse 6-7
2. DAS INDIVIDUUM: Fremdkörper
in der Gesellschaft? 7-23
2.1 Das Individuum in La Nausée 8-13
2.1.1 Sartres Gesellscha ft 11-13
2.2 Das Individuum in
Extension du domaine de la lutte 13-18
2.2.1 Houellebecqs Gesellschaft 18-23
3. DIE NATUR: vernichtendes Grundübel
oder rettende Hilfe? 24-28
3.1 Die Natur in La Nausée 24-26
3.2 Die Natur in Extension du domaine de la lutte
mit einer Exkursion in
Houellebecqs Welt der posésie 26-28
4. EINE NEUE PHILOSOPHENAERA ODER EINE
AERA VON VERRÜCKTEN? 28-34
ANHANG: 35
BIBLIOGRAPHIE. 36-37
HINWEISE
Zitate und Passagen sind in französischer Originalversion mit Seitenangaben (p.) und vom
Text abgesetzt übertragen. Analyse und Interpretation, begleitet von einer sinngemäßen
Übersetzung, gehen diesen Originalübertragungen voraus.
Abk ürzung
v. d. Verf. übers. u. i. ü. S. : Von der Verfasserin übersetzt und im übertragenem Sinn.
2
1. DIE WELT : EIN MÜLLEIMER VOLL EKEL UND ERBROCHENEM?
1. 1 Als (erfolgreiche) Skandalautoren - geliebt oder gehasst - werden sie beide gepriesen: Jean- Paul Sartre (1905-1980) und Michel Houellebecq (geb. 1958). Hört man deren Namen, fallen bestimmte Begriffe, wie: nouveau Roman, Realismus, Surrealismus und Naturalismus, Schock, Provokation, Existenzialismus und manchmal Nihilismus.
In der französischen Literatur geht es heute nicht mehr um das Abenteuer 'Schreiben' und den Diskurs über die Literatur. Es geht nicht mehr um Rettungsversuche des ‚ausgeschöpften‘ Romans und um Nachdenken über das Textuelle, die Linguistik und die Rhetorik. Die Zeit des traditionnellen französischen Romans ist vo rbei. 1
Eine Ausgangssituation, die sowohl für Michel Houellebecq als auch für Jean-Paul Sartre gilt.
Ø Die Literaturwissenschaft erlebt mit J.-P. Sartre eine Wende. Nach einer 'Eiszeit' (un temps de glaciation) und einem kulturellen Niedergang, geht es im französischen Roman nicht mehr darum sich ausschließlich der Vergangenheit - wie bei Proust (1871-1922)zuzuwenden. Man setzt in der Literatur neu an. Seit dem ersten Weltkrieg ist der Glaube an den Menschen verloren. Herrschende Gedanken sind Werteverfall und die Sinnfrage. Man setzt sich mit der Wahrheit auseinander. Die neue philosophische Aera (Le nouveau règne des philosophes) 2 entsteht. In einer Zeit, wo J.-P. Sartre sich in tiefen Depressionen befindet, stellt er die Diagnose einer universalen Mittelmäßigkeit 2 und schreibt 1938 seinen ersten existenzialischen Roman La Nausée (dt. 'der Ekel'), der für einige Skandale sorgt. Es ist ein kritischer Roman gegen Ideologien der Zeit, gegen das bestehende System, ein Roman der condition humaine. Der Leser wird durch Metaphern und Symbole verschlüsselt mit Realitäten des Alltags konfrontiert. Die Existenz des Individuums wird durchleuchtet. Alles bekommt plötzlich eine Bedeutung und man sucht nach dem Sinn. Bis ins kleinste Detail wird unsere Welt untersuc ht. Die kleinen Dinge des Lebens, "eine leere Tasse auf einem Tisch. Ein
Stück Zucker auf der Untertasse.", von nahe beobachtet, bekommen eine Bedeutung („Une tasse vide sur une table. Un morceau de sucre sur la soucoupe.“, J.-P. Sartre: La Nausée, p. 92).
J.-P. Sartre wird später seine erfolgreiche Existenzphilosophie nützen, um seine Überzeugungen in seinen gesellschaftskritischen Schriften zu proklamieren. Er engagiert sich aktiv, um Einfluss auf die politische Bühne zu nehmen. Dreißig Jahren nach La Nausée wird J.-P. Sartre zum philosophischen Exponenten der 68er-Revolte.
1 vgl. Badré, Frédéric: Une nouvelle tendance en littérature, Le Monde, 03.10.1998 [v. d. Verf. übers. u. i. ü. S.]
2 vgl. Salomon P., 1978, p. 200 [v. d. Verf. übers. u. i. ü. S.]
3
Ø Obwohl nach J.-P. Sartre die Literaturwissenschaft nicht mit weiteren Skandalen rechnete, staunt sie in den 90er Jahren über eine sich ähnlich entwickelnde Wende mit dem Autor M. Houellebecq. Auch er leidet an der Welt. Nach Depressionen und einigen Klinik-Aufenthalten scheibt er seinen ersten Roman Extension du domaine de la lutte (dt. 'Ausweitung der Kampfzone'), der Anlass zu europaweiten Debatten gibt: "... dass man fast
meinen möchte, der Existentialismus, seit Jahrzehnten im Leichenkeller der Literaturgeschichte, sei wieder auferstanden." 3
Michel Houellebecq rechnet 30 Jahre später mit den 68er Jahren und dem damit freigesetzten Liberalismus ab. Er wird zur 'Affäre' und ist in allen Medien präsent. Er schreibt wie J.-P. Sartre kritisch über das bestehende System und die Systeme in der Gesellschaft und das darin leidende Individuum. Um etwas besser zu verstehen, sagt er, muss man erst (die Menschen) klassifizieren. 4 Er erzählt die Welt von heute, nennt klare Realien und konkrete Namen. Er kritisiert die Macht des Geldes und des Sex, schreibt über Hass und Wahnsinn. Für ihn ist der Stil eines Romans nicht da, um schön zu schreiben, sondern klar und realistisch. Nach eigener Aussage hält er den Roman als 'der natürliche Ort, um philosophische Debatten auszutragen... '. 5 Seinen Kritikern antwortet der Autor mit Schopenhauers Satz: " Die erste und praktisch einzige Voraussetzung für einen guten Stil ist, dass man etwas zu sagen hat".
Dass der Autor - wie J.P. Sartre - etwas zu sagen haben, kann nicht bestritten werden und die große Leserschaft macht es für die Wissenschaft unmöglich solche Literatur zu ignorieren. 6 Verbissen wird nach möglichen großen Vorbildern gesucht.
Wie Gide (1869-1951) interessiere sich Houellebecq zwar für das emotionale Geschehen im Kopf des Helden und zwischen diesem und der Gesellschaft, aber nicht im psychologischen Stil von Honoré de Balzac (1799-1850), schreibt F. Badré in seinem Artikel. Unter den ersten großen literarischen Skandalautoren, die vor Tabus nicht halt machten, wie Louis-Ferdinand Céline (1894-1961, einer der zentralen Gedanken : 'Der Mensch hat nur die schlimmste Hoffnungslosigkeit als Ausweg') 7 oder Camus 8 (1913-1960, einer der zentralen Gedanken : 'Der Mensch ist nicht zur Hoffnungslosigkeit verdammt') 9 dürfte
3 zit. nach Engelbert, Achim : www.literaturkritik.de, 1999
4 vgl. Art Press: Gespräch mit Jean-Yves J. und C. Duchâtelet, 1995, S. 208 [v. d. Verf. übers. u. i. ü. S.]
5 vgl. Art Press: Gespräch mit Jean-Yves J. und C. Duchâtelet, 1995, S. 38-41 [v. d. Verf. übers. u. i. ü. S.]
6 vgl. Badré, Frédéric : Une nouvelle tendance en littéature, Le Monde, 1998 [v. d. Verf. übers. u. i. ü. S.]
7 vgl. Salomon P., 1978, p. 184 [v. d. Verf. übers. u. i. ü. S.]
8 Ein interessantes Zitat, das Michel Houellebecqs literarische Einstellung über A. Camus verrät: ‚ L'Étranger, c'est pas mal, mais de là à en faire tout un plat... . ('Der Fremde', nicht schlecht, aber daraus ein Theater zu veranstalten...') [v. d. Verf. übers. u. i. ü. S.] www.construire.ch, 2000
9 vgl. Salomon, P., 1978, p. 203 [v. d. Verf. übers. u. i. ü. S.]
4
M. Houellebecq der Thematik des Existenzialismus und J.-P. Sartre am nächsten stehen. Der Grund dieser Annährung wird Bestandteil meiner nachfolgenden Analyse sein.
Ø Solche Autoren, schreibt Frédéric Badré 10 - und diese Aussage übernehme ich auch für J. P. Sartre - verstehen es einfach, dass das Schöne nicht mehr repräsentiert werden kann, da es nicht mehr existiert. Vorbei sind Ästhetik und Tugend. Es geht in den 'neuen Romanen' aber auch nicht um einen solchen provokativen Diskurs, geprägt von Ästhetiklosigkeit und Tabubrüchen, wie von den Skandalautoren Marquis de Sade (1740-1814) oder Joyce (1882-1941).
§ J.-P. Sartre und M. Houellebecq zeichnen sich vielmehr dadurch aus, dass sie sich mit der realen, nicht immer schönen Gegenwart des Alltags auseinandersetzen und in einem avantgardistischem Stil sich Lösungen für die Zukunft vorstellen. Der Skandal ist der Realismus und seine Aufdeckung.
§ Über M. Houellebecq schreibt F. Badré in seinem Artikel 11 von einer neuen literarischen Tendenz, illusionslos, politisch, nihilistisch, von einer Eröffnung des modernen Elends (sozial, ideologisch und künstlerisch). Er und seine Zeitgenossen würden entsprechend aggressiv und brutal schreiben. Bei diesen Alltagsbeschreibungen könne man aber auch nicht von einem Realismus wie zur Zeit von Emile Zola (1840-1902) sprechen. Diese neue Tendenz wäre 'postnaturalistisch', weil das Reale bereits in fortgeschrittener Auflösung ist. F. Badré klärt nicht weiter auf.
Es stellt sich aber die Frage, ob solche literarische Produkte, wie die von J.-P. Sartre und M. Houellebecq, die u.a. einer Aufgabe der Aufklärung folgen, nicht unentbehrlich werden (vgl. S. 29). Es sei denn, der Mensch bliebe gleichgültig und untätig bis zu dieser 'Auflösung'.
Ø Überhaupt stellt die Diagnose einer neuen literarischen Tendenz von Frédéric Badré für manche ein Problem dar. Henri Maczymow schreibt von 'literarischem Müll', unter dem Gesichtspunkt, dass allein literarischer Müll in der Lage sein kann, die Welt so wie sie ist wieder zu geben. Diese neue Tendenz sei daher unmoralisch und unmenschlich. 12 Von Unmenschlichkeit kann wohl keine Rede sein. M. Houellebecq und J.-P. Sartre leiden an der Welt. Ihr eigenes Leiden ist ihre Schreibressource. Sie prognostieren Böses für die Welt, was keinen richtig schockieren dürfte. Es sei denn, der Mensch verschließt die Augen vor der Realität (vgl. S. 33).
§ Jean-Paul Sartre schreibt zwischen zwei Weltkriegen, erlebt den Marxismus, die
10 11 vgl. Badré, Frédéric : Une nouvelle tendance en littéature, Le Monde, 1998 [v. d. Verf. übers. u. i. ü. S.]
12 vgl. Raczymow, Henri : De l’ordure en littérature, Le Monde, 1998 [v. d. Verf. übers. u. i. ü. S.]
5
Arbeiterbewegung, Nationalismus und Faschismus, Krisen über Krisen. In einem Interview sagt J.-P. Sartre: "Neben einem sterbenden Kind trägt La Nausée kein Gewicht. Was bedeutet
die Literatur in einer hungernden Welt?" 13 14
En face d'un enfant qui meurt, La Nausée, ne fait pas le poids. (p. 64)
Que signifie la littérature dans un monde qui a faim? (p. 399) Über die Vietnamkrise schreibt er in einem Telegram an die Boston University: "[...] verantwortungslose Menschen sind dabei von Ihrem Land ein unerträgliches Bild zu präsentieren. Dieses Bild ist falsch. " 15
[...] des hommes irresponsables sont en train de présenter au monde une image odieuse de votre pays [...] cette image est fausse ... [...]. (p. 416)
§ M. Houellebecq lebt in einer Zeit der Angst vor Kriegen, fremden Religionen, Rassismus, Arbeitslosigkeit, Armut. In einem Interview verrät er: "Man kann die Welt nicht ändern, also beschreibe ich sie. Es hilft, sie etwas besser zu ertragen. Man kann das Leiden etwas mindern, aber nicht verschwinden lassen. Glücklicherweise wird der Tod eines Tages kommen und dies alles wird keinen Bestand mehr haben. " On ne peut pas changer le monde, alors je le décris. Cela aide un peu à le supporter. On peut atténuer la douleur mais pas la faire disparaître. Heureusement, la mort surviendra un jour ou l'autre, et tout cela n'aura plus raison d'être. 16
1. 2 Nach diesem kurzen empirischen Rück- und Überblick, der meine Ausgangssituation verdeutlichen sollte, werde ich mir in der folgenden Analyse einem Vergleich zwischen diesen beiden Autoren widmen. Bei der Analyse über ihre Konfrontation mit dem Realismus geht es mir darum die metaphorische und symolische Strategie zu untersuchen, die diesen Realismus offen legt. Dabei geht es um Wahrnehmung, Entdeckung und Feststellung von Wahrheiten durch das Individuum über sich und die Umwelt. Ø Ich werde mich, und in dieser Reihenfolge, zunächst dem Individuum in der Gesellschaft widmen, in einem zweiten Schritt der Gesellschaft nahe an dem Autor, und schließlich die Natur 17 gesondert betrachten.
Ø Den Intentionen der Autoren, wie die Protagonisten in dieser realen Welt auf ihre Umwelt (Gesellschaft und Natur) reagieren, sowie die Ursachen und Folgen (Krise-Reaktion-Untersuchungen und Entdeckungen-Erkenntnisse-Reaktion) werde ich mich mit einem Ergebnisvergleich und eigener Interpretation nach und nach und im Schlussteil widmen.
13 [ab hier s. Hinweis d. Verf. S. 2]
14 zit. nach J..P. Sartre in : Contat, Michel: Les écrits de Sartre, 1980 [v. d. Verf. übers. u. i. ü. S.]
15 zit. nach J..P. Sartre in : Contat, Michel: Les écrits de Sartre, 1980 [v. d. Verf. übers. u. i. ü. S.]
16 zit. nach M. Houellebecq. Vgl. Henning, Peter: Artikel. Die Zeit, 1999 [v. d. Verf. übers. u. i. ü. S.]
17 Die Natur, hier : Alles was in dem Universum entsteht, ohne Eingreifen des Menschen; [... ]Alles was existiert, ohne das Agieren des Menschen. Le Petit Robert [v. d. Verf. übers. u. i. ü. S.]
6
Die Analyse erfolgt nach den zwei bereits erwähnten ersten großen Werke der Autoren La Nausée (dt. 'der Ekel') und Extension du domaine de l a lutte (dt. 'Ausweitung der Kampfzone').
Ø Aber auch die Partikularität des Autors Michel Houellebecq, abwechselnd Roman und Gedichte zu schreiben (en alternance roman et poèmes) 18 und seine Aussagen des engen Zusammenhangs zwischen diesen Beiden ("Gedichte, die dem Roman folgen, ist die indirekte Antwort auf die Unklarheit") 19 verdient meines Erachtens auch hier Beachtung: "Poesie geht dem Roman und der Philosophie voraus und solange man bei der Poesie bleibt, bleibt man auch bei der Wahrheit. " 20 21 Einige Gedichte, die mir während meiner Ausarbeitung auffallend komplementär erschienen, habe ich daher zur Unterstreichung meiner Analyse genutzt, was in der Intention des Autors sein dürfte. In diesem Zusammenhang richtet sich mein Blick auch auf den 'Schriftsteller und Mensch Michel Houellebecq'.
Ø Aus allen literarischen Debatten, die Michael Houellebecq auslöste, habe ich mir schließlich zwei Fragen (die bei J.-P. Sartre bereits beantwortet sein dürften) beantworten wollen, die eng mit diesem ersten Roman verbunden sind. Können wir
• von einer neuen Tendenz, oder literarischem Müll ?
• von einer neuen Philosophenaera oder einer Zeit von Verrückten, une ère de fous 22 sprechen?
2. DAS INDIVIDUUM : FR EMDKÖRPER IN DER GESELLSCHAFT?
Beide Romane sind als Reisegeschichte in kleinen Etappen abgefasst. Beide Schriftsteller engagieren ihre Seele in menschen- und gesellschaftskritischen Themen. Sie legen durch ihre 'Ich'-Erzähler eine Kritik an der modernen Zivilisation offen. Aber nicht nur. Dahinter verbirgt sich der Konflikt des 'Ichs', als Teil des ganzen Systems und der Gesellschaft. Es geht zunächst um die Verarmung der Gefühlswelten, um Vereinsamung, bis zu einem verfehlten
18 19 vgl. Praguidis, L.: Michel Houellebecq, de la poésie au roman et vice versa, 1996 [v.d.Verf übers.u. i. ü. S.]
20 vgl. Schober, Rita: Weltsicht und ... , in: Cahiers d'histoire des Littératures Romanes, 20001, p. 181 (s. Literaturverzeichnis) 21 vgl. Art Press: Gespräch mit Jean-Yves Jouannais und Christophe Duchâtelet, 1995, p. 34 u. 41 [v. d. Verf. übers. u. i. ü. S.]
22 Eigener Ausdruck d. Verfasserin mit Anspielung auf den Titel des Artikels: 'Houellebecq et l'ère du flou' von der 'revue « Perpendiculaire »' in: Le Monde, 1998. Meines Erachtens liegt von den Autoren eine beabsichtigte Annäherung vor, liest man ihre abfallende Kritik über Michel Houellebecqs Roman: " die Marktbewegung mit der Lebensbewegung auf so dummer Weise zu verwechseln [...], soll progressiv sein?" [zit. i. ü. S. übersetzt]
7
Lebensziel des Individuums und wie diese Erlebnisse zum Vorschein kommen. Geist und Körper stehen in Oppostion. Bei den Konflikten steht die Gesundheit des Menschen in seiner 'Ich'-Spaltung gegenüber der Gesellschaftsspaltung auf dem Spiel (vgl. S. 28).
2.1 Das Individuum in La Nausée
La Nausée besteht aus den fiktiven Tagebuchaufzeichnungen eines dreißigjährigen Einzelgängers und Privatgelehrten namens Antoine Roquentin. Nach langen Reisen lässt er sich in Bouville nieder, wohnt in dem Bahnhofshotel und schreibt an einer geschichtlichen These aus dem XVIII JH über den Abenteuerer M. de Robellon. Er besucht deshalb oft die Bibliothek, wo er ständig von seinem Freund, dem Autodidakten (dieser studiert die Bücher in alphabetischer Reihenfolge) und überzeugtem Humanisten, über das Gute im Menschen angesprochen wird. Abends besucht er sein Stammcafé, stattet desöfteren einen persönlichen Besuch bei der Wirtin ab, und hört stets die gleiche Schallplatte einer schwarzen Sängerin. Nach der Trennung von seiner Freundin verliert er nach und nach seine Vergangenheit. Seinen Überdruss versteckt er hinter Sarkasmus, mit dem er seine Umwelt beobachtet, ganz der Gegenwart zugewandt. In seinem Tagebuch sucht Roquentin sich Klarheit zu verschaffen über eine diffuse, aber an Intensität ständig zunehmende Lebens- und Identitätskrise. Symptome dieser Krise sind rätselhafte, regelmäßig wiederkehrende und sich häufende Ekelgefühle, die aus scheinbar nichtigen Anlässen auftreten, ihn schließlich aber bis an den Rand des Selbstmordes treiben. Nicht bereit, sich damit abzufinden, findet er schließlich einen kleinen Ausweg.
Der Roman besteht aus drei großen Teilen: Die Krise wird mit inneren Monologen des Erzählers Roquentin als Ouverture dargestellt, dann folgt die Einsamkeit. Roquentin schreibt in einem Tagebuch seine Beobachtungen und Entdeckungen auf. Schließlich gewinnt er zwar eine Erkenntnis. Es bleibt dennoch das Gefühl gescheitert zu sein. Satirisch und nicht ohne Humor führt J.-P. Sartre auf die Reise in die Existenz. Zu Beginn des Journal hat man den Eindruck, es handele sich bei dem Erzähler um einen Geisteskranken. Das Tagebuch fängt so an : 23 Montag, 25. Januar 1932
Irgend etwas ist mit mir geschehen, ich kann nicht mehr daran zweifeln. Es ist wie eine Krankheit gekommen, nicht wie eine normale Gewissheit, nicht wie etwas Offensichtliches. Heimtückisch, ganz allmählich hat sich das eingestellt; Ich habe mich ein bißchen merkwürdig, ein bißchen [sic] unbehaglich gefühlt, das war alles. (S. 13) Es ist also in diesen letzten Wochen eine Veränderung eingetreten. Aber wo? [...] Bin ich es der sich verändert hat? Und wenn ich es nicht bin, dann ist es dieses Zimmer, diese Stadt, diese Natur; man muss wählen. (S. 14)
Roquentins Identitätskrise bricht zunächst aus als Krise in seinem Verhältnis zur Objektwelt. Es fängt alles bei einem Spaziergang an. Als Roquentin einen Kieselstein am Meer findet, ekelt er sich: Il y avait quelque chose que j'ai vu et qui m'a dégoûté (....). (p. 6) Bei einem weiteren Spaziergang, als er sich nach einem Papierfetzen bückt, empfindet er eine 'süßliche Übelkeit', eine Art Ekel in den Händen. Sie kann nur vom Kieselstein stammen, ist er sich sicher. C'était une espèce d'écœurement douceâtre. [...]. Et cela venait du galet [...]. [...] une sorte de nausée 24 dans les mains (p. 15-16)
23 Diese erstzitierte Passage wurde aus der deutshen Textfassung übertragen: Sartre, Jean-Paul : 'Der Ekel', s. Literaturverzeichnis. Weiteres s. Hinweis, S. 2
24 Anmerkung: bei seiner ersten Konfrontation mit einem Ekelgefühl, schreibt Roquentin in seinem Tagebuch hier einmal das Wort nausée klein
8
Arbeit zitieren:
Martine Schreiber-Bleurvacq, 2003, Les vomissements (Das Erbrechen) in La Nausée (Der Ekel) (1938) von Jean-Paul Sartre und in Extension du domaine de la lutte (Ausweitung der Kampfzone (1994) von Michel Houellebecq - ein Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Der Roman Extenion du domaine de la lutte und seine Verfilmung
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
Seminararbeit, 19 Seiten
Unterrichtsstunde: Kongruenz / Inkongruenz von Dreiecken (3. Klasse)
Unterrichtsentwurf, 11 Seiten
Psychologische Aspekte bei der Führung in virtuellen Unternehmen
Pädagogik - Erwachsenenbildung
Seminararbeit, 16 Seiten
Kinder und Fernsehen - Schwerpunkt: Das Magazin "Die Sendung mit ...
Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft
Seminararbeit, 37 Seiten
Strategien und Erfolgsfaktoren der Internationalisierung deutscher Med...
Medien / Kommunikation - Medienökonomie, -management
Diplomarbeit, 121 Seiten
Existenzgründungsfinanzierung unter Berücksichtigung öffentlicher Fina...
BWL - Investition und Finanzierung
Seminararbeit, 26 Seiten
Existenzgründung - Chancen und Risiken der Selbständigkeit unter Berüc...
BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation
Diplomarbeit, 106 Seiten
Martine Schreiber-Bleurvacq hat den Text Les vomissements (Das Erbrechen) in La Nausée (Der Ekel) (1938) von Jean-Paul Sartre und in Extension du domaine de la lutte (Ausweitung der Kampfzone (1994) von Michel Houellebecq - ein Vergleich veröffentlicht
Martine Schreiber-Bleurvacq hat einen neuen Text hochgeladen
L'altérité à travers La Nausée et Huis clos de Jean-Paul Sartre
étude analytique
Atmane Bissani
A Dangerous Liasion: A Revelatory New Biography of Simone de Beauvoir ...
Carole Seymour-Jones
0 Kommentare