INHALTSVERZEICHNIS
I. Die Familie über alles 3
II. 'En fait, je ne parle que de moi' 4 - 15
1. Die Erzählperspektive 4
2. Das Spiel mit der Symbolik. 5, 17
3. Die Entfremdung: Der Identitätsverlust 7
4. Die Spaltung: Die Identitätskrise. 8
4.1 Wenn man sich selbst nicht mehr kennt. 8
4.2 und sich nicht mehr findet. 9, 18
5. Marie NDiaye und ihr autobiographischer 'Gehilfe' 11
5.1 biographische Parallelen. 11, 19
5.2 'Exagérer, ç'est un moyen de parler de soi, sans
en parler vraiment': Das Kafkaeske. 13
III. Vergebliche Suche, alles bleibt im Ungewissen. 15
Bibliographie. 17
Anhang. 18-19
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I. Die Familie über alles
Marie NDiaye schreibt bizarre Geschichten, sonderbar, befremdend, eigenartig familiär. Sie schreibt stets über die Fremdheit, über die Entfremdung, über die Familie, Familienbände oder deren Zerstörung, über Identitätssuche, und ganz besonders über die Suche nach Eltern-, Onkel-oder Tantenliebe, oft monströs oder grausam.
M.N.: Je pense depuis longtemps que toutes les familles sont folles certaines légèrement et de manière invisible ou amusante, enrichissante, et d'autres de manière destructrice et terrible,(..)
Sie lässt sich für ihre Romane von ihrer Umgebung inspirieren.
- Quelles sont vos sources d'inspiration?
M.N.: Les livres les journaux les histoires que j'entends celles des gens du village où j'habite, celles de mes proches aussi. (...)
Sie liebt die Familie, besonders die Normalität der Familie:
M. N.: Nous menons une vie absolument ordinaire, une vie de famille . Je suis née dans un milieu, dans une famille, extrêmement ordinaires et même populaires puisque les parents de ma mère étaient agriculteurs. Toutes mes vacances d'enfants je les ai passées dans un village de la Beauce, dans des intérieurs typiquement populaires français. Ma connaissance du monde et des êtres en France s'est faite là dans une province plutôt triste et morne.
Ihr erster literarischer Erfolg 'En famille' von 1990 - Marie NDiaye war gerade 18 Jahre alt- erzählt die Geschichte von einer Familie in einem Dorf und anliegenden Dörfern. So wie Marie NDiaye sie selbst erlebt hat: "Ma connaissance du monde et des êtres en France s'est faite là dans une province plutôt triste et morne.". Ortsnamen und Zeiten werden nicht angegeben. Für die Autorin sind der örtliche und der zeitliche Raum unwichtig, der symbolische Raum Familie erreicht damit die beabsichtigte Wichtigkeit.
Eine Familie, 'populaire et ordinaire', wird plötzlich mit der Vergangenheit konfrontiert. Eine junge Frau, älter und neugierig gewordenes Scheidungskind, beginnt Fragen zu stellen. Sie besucht die Familie, die Eltern sind nicht anwesend. Keiner beantwortet ihre Fragen zufriedenstellend. Sie erfährt, dass sie und ihre Eltern von dem Kreis der Familie ausgeschlossen sind. Sie macht sich mit Photographien auf die Suche nach einer Erklärung. Ein ganz normaler Familienroman?
Es scheint sich auf den ersten Blick um ein ganz normales Problem einer 'famille folle' der von Marie NDiaye genannten Sparte 'destructrice et terrible' zu handeln. Doch bei genauerem Lesen zeigt sich, dass sich hinter dieser Oberflächenhandlung eine tiefergehende Problematik verbirgt. Die Geschichte dringt tief in die Psyche der Hauptfigur und ähnelt so sehr der Biographie der Autorin,
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dass wir hinterfragen müssen, ob der Roman nicht den Gemütszustand von Marie NDiaye wiedergibt.
Ein psychischer und zugleich biographischer Roman?
M.N.: (...)Tout ce que j'écris, ç'est une espèce d'exagération des histoires que l'on trouve dans toutes les familles.
- Peut-on voir dans leur destin une représentation exagérée de votre histoire personnelle de votre propre enfance?
M.N.: Oui, sans doute. Exagérer ç'est un moyen de parler de soi s ans en parler vraiment. En fait, je ne parle que de moi, mais d'une manière déformée. Ç'est très banal.
M.N.: Rien que de transformer des êtres qui vous on fait mal en personnages peut Vous aider à comprendre l'utilité qu'ils ont pu avoir dans votre vie.
Es gilt also die Form der 'exagération', 'déformation' und 'transformation' zu entdecken, um die Person Marie NDiaye zu entdecken. Ihre Intention ist klar dabei: 'COMPRENDRE'. Es gilt desweiteren zu klären, mit welchen Mitteln es der Autorin gelang, mit einem nicht außergewöhnlichen Thema - Familie -, den Roman dennoch zu einem literarischen Erfolg zu führen. Was ist das Besondere an diesem Roman, was ist das Besondere an Marie NDiaye?
Wie sie sich in eine literarische Verfremdung wagt, könnte eine Antwort sein. Und wer könnte außer Kafka, Meister der 'exagération' und 'déformation' und Kenner in Sachen Psychoanalyse des Individuums besser als Vorbild dienen? Und die Frage kommt auf, ob Marie NDiaye, wie Kafka, der in seinen Werken psychoanalytische Therapie betrieb, die gleiche Intention verfolgt und ob ihr, im Gegensatz zu Kafka, eine Verarbeitung ihrer Lebensgeschichte gelingt.
II. 'En fait, je ne parle que de moi'
1. Die Erzählperspektive
Nach dem Modell von Genette, geht es oberflächlich gesehen um eine fiktive Erzählung auf heterodiegetischer Ebene. Die Autorin führt uns durch verschiedene Geschichten. Zunächst werden sie in einer internen Fokalisierung aus der Perspektive der auktorialen Erzählerin berichtet: "Quant elle arriva devant la maison...". Dieser kennt und überblickt das ganze Geschehen: 'Comme chaque année, la famille entière s'était réunie', kennt die Gedanken: 'Elle songeât que le bruit se répandrait vite que Georges l'avait laissée dehors, ce dont toute la famille lui ferait honte jusqu'à la fin de ses jours.' und die Hauptmotive der Hauptfigur: "Fanny voulait faire valoir ses droits!'. Der erste Abschnitt (S. 7-40) ist die extradiegetische Erzählung, die uns den Sprung in die anderen Erzählungen erlaubt. Wir werden in das Problem eingeweiht und die Reise auf der Suche beginnt: 'Elle lui expliqua où ils allaient se rendre à présent' (p. 40). Der Horizont ist auf eine Figur beschränkt, die das ganze
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Geschehen steuert. In den letzten Chapitres ('onzième et douxième parties') findet eine Alteration statt, ein Wechsel der Perspektive: Wir erleben zwei Ich-Erzähler, die aus ihrer Sicht erzählen. Die Geschichte ist zwar in einer klaren einfachen Sprache geschrieben, aber kompliziert erzählt anhand von hypotaktischen Sätzen, welche die unterschiedlichen und gleichzeitigen Gedankengänge unterstreichen. Damit wird deutlich wie sehr die Hauptfigur sich mit Grübeln um die Vergangenheit quält.
... (Aucune recherche n'a été tentée pour lui annoncer que sa première nièce venait d'être mise au monde et si Léda, par hasard, s'est trouvée habiter encore notre ville lorsque ç'est arrivé (car personne ne sachant ou elle vivait, aussi bien pouvait-elle être tout près de nous et nous côtoyer sans que nous nous en doutions), peut-être même l'a-t-elle appris par le journal comme n'importe qui .(p. 15)
Der Handlungsablauf ist nicht gut rekonstruierbar. Das Problem wird am Ende nicht gelöst. Die vergebliche Identitätssuche, Anerkennung durch Eltern und Familie, wird abstrakt durch Symbole dargestellt. Die Identität schwebt ungreifbar. Der Leser muss ständig nachdenken und rätseln. Eine deprimierende Geschichte durchkreuzt von inneren Monologen der sich mit dem Leben quälenden Hauptfigur. Zu sich selbst gestellten Behauptungen: 'Pourtant je vous ai entendus parler d'elle quelquefois' (p. 14), kommen ständig die Zweifel in rhetorischen Fragen: 'Resterait-il seulement une place pour elle (...)?' (p. 10) / '(...) (n'avait-elle pas joué avec eux tout au long de son enfance?), (...)' (p. 10). Die Gegenwartsdarstellung findet in Dialogen teilweise in direkter Rede: ' Voyons George ç'est moi, ta nièce!, dit-elle en souriant' und teilweise in 'style indirect statt: '..., il la lâcha brusquement, dit: Vat'en, puis se détourna..' (p. 39, Fanny bei ihrem Vater) oder: 'D'une voix rapide elle ajouta que les propos de Fanny lui avaient paru confus...' (p. 17).
2. Das Spiel mit der Symbolik
Die Autorin verwendet für ihre Erzählung zahlreiche Symbole, um die Problematik der Zugehörigkeit und Identität wiederzugeben, als Bindungsmittel und Zusammenhalt der Geschichte. Symbolisiert werden:
- Die Spaltung: in erster Linie ausgedrückt mit dem von der Autorin sorgfältig gewählten Vorname 'Fanny', dessen Quelle nicht eindeutig ist (von Stéphanie, von Francois?). Die Hauptfigur, 'elle', ist von unbekannter Abstammung
- Auch die Vornamen der anderen Figuren sind entsprechend ihrem Charakter sorgfältig ausgesucht. Besonders auffällig, die Vornamen von zwei in dem Leben von Fanny stark agierenden Figuren: Eugène (= bien né), der für Fanny stets auf der 'sonnigen Seite' des Lebens steht, und Colette (victoire du peuple), die tatsächlich über die Familie und die Person Fanny herrschen will 1 .
1 Siehe etymologisches Wörterbuch hier p. 17
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- Die Identitätssuche: Die 'Verwandte', Tante Léda ist stets unsichtbar, so wie die Autorin sich fühlt ('invisible') und ist das Symbol für alles, was Fanny sucht und was die Familie nicht sehen und wissen will. Vergangenheitsbewältigung, Wunsch, dass die Eltern wieder zueinander finden
- Die Zugehörigkeit und die Identität: Der Begriff Identitätssuche ist eng verbunden mit Besitzverlust (des Zuhause), Abwesenheit (der Eltern). Identität ist nicht greifbar, sie entgleitet bei der Suche und verschwindet, wenn man denkt sie gefunden zu haben. Im Roman wird die Zugehörigkeit, der Wunsch von Fanny nach einer Greifbarkeit mit Photographien symbolisiert: 'On se mit à parler de l'époque de la photographie. Fanny raconta un souvenir d'enfance. Il était question de la rivière, du petit pont qui danse'. (Metapher, die eine glückliche unbeschwerte Zeit betonen soll), '(....) heureux moments aujourd'ui enfuis de sa mémoire et dont aurait pu attester un tout petit peu la photograpie, par la chaleur des ses lumières la douce décontraction, le sourire aimant de la mère.'. Die glückliche schöne verlorene Zeit wird mit der warmen Beschreibung von den Photographien veranschaulicht. Sie steht im Kontrast zu der düsteren neuen Wirklichkeit im Leben von Fanny. Photographien tauchen auf, wenn die Protagonistin sich nah am Ziel fühlt, die Bestätigung ihrer Existenz zu erfahren: 'Fanny sortit la photographie de sa poche et l'appuya contre son verre' (p. 13) / ' ..ouvrit sa valise, en sortit une photographie qu'elle glissa dans sa poche (p. 11). '...,elle tira les photographies de sa ceinture' (p.24). Die Photographien verschwinden, wenn ihre Suche fehlschlägt und sie erneut ausgestoßen wird: 'et sa photograpie qu'elle avait oubliée sur la table, avait été déchirée en deux morceaux'.
- Die Trennung: Eine Identitätskrise entsteht beim Tod, bei einer Trennung. So ergeht es Fanny. Der Zaun, die Gitterstäbe und die Möbel symbolisieren die unüberwindbare Trennung.
Dieser Satz ist vielaussagend für die schmerzliche ('énorme') Trennung ('coupait') der Eltern ('deux déjà côte à côte'). Der Esstisch stellt den Ort der Zusammengehörigkeit dar, wo die Familie sich versammelt, alles bespricht und Entscheidungen trifft Zahlenspiel: deux für den Wunsch nach der Zusammenführung der Eltern, multiples tiroirs für - einenlabyrinthähnlichen Raum, so wie Fanny ihr Leben empfindet
- Die Gleichgültigkeit: Das Fernsehen, das den Vater so fasziniert, ist Symbol für die Gleichgültigkeit des Vaters, für sein Nichtwahrnehmen der Realität, der neben ihm stehenden Tochter ('Le père de Fanny alluma la télévision'. 'l'heure d'un match de football important.' P. 37, '...il tapotait le poste de télévision'. p. 39)
- Familienbindung und Anerkennung: Der Hund, als wichtigstes Symbol und das in der Geschichte am häufigsten vorkommende Wort. Hunde kreuzen ständig die Wege von Fanny bis
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Arbeit zitieren:
Martine Schreiber-Bleurvacq, 2002, Die Suche nach Zugehörigkeit/nach Identität in Marie NDiayes "En famille", München, GRIN Verlag GmbH
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