GLIEDERUNG
I. Einleitung
II. Das Phänomen der „Menschlichkeit“
in Philip K. Dick's „Do Androids Dream Of Electric Sheep“
1. Allgemeine Begrifflichkeit
1.1. Was ist „menschlich“?
1.2. Dick´s Definition des „Androiden“
2. Die Begrifflichkeit in „Do Androids Dream Of Electric Sheep“
2.1. „Menschen“
2.2. „Androiden“
2.3. Erkennungsmerkmale
2.3.1. Tiere
2.3.2. (Mit )Gefühl „empathy“
2.3.3. Mercer
2.4. Problematik der Unterscheidung Mensch-Android
2.4.1. Technisch
2.4.2. Die Schwachstelle des Voigt-Kampff Test
3. „Menschlichkeit“
3.1. Der typische Mensch/Android
3.1.1. Iran Deckard
3.1.2. Pris Stratton
3.2. Auffällige Figuren
3.2.1. J. R. Isidore
3.2.2. Rick Deckard
a) Menschliche Beziehungen
b) Tiere
c) Androiden
d) Eigene Persönlichkeit
4. „Blade Runner“ Verfilmung oder eigenständiger Film?
III. Schlussgedanke
3
I. Einleitung
Die Schaffung eines künstlichen Menschen gehört zu den Urbildern der westlichen Welt. Das Thema fand seine Ausarbeitung in verschiedenen antiken Mythen und Sagen, deren bekannteste Beispiel wohl Pygmalion und Prometheus sind. Erste deutliche Ausprägungen des Themas sind in E. T. A. Hoffmanns Erzählung der „Sandmann“(1817) in der Gestalt Olimpias und in dem ein Jahr später erschienenen Roman „Frankenstein“ von Mary Shelley zu finden.1
Auch in der Literatur der Science Fiction sind künstliche Menschen, seien es Roboter, Androiden oder Replikanten, ein häufig verwendetes Bild. In „Do Androids Dream Of Elctric Sheep“ greift auch Philip K. Dic k, mit über vierzig Romanen und einhundertzwanzig Kurzgeschichten einer der wohl angesehensten Science Fiction-Autoren, auf diese Motivik zurück.2 Die Menschen seines Romans konstruieren künstliche Menschen zu ihrem eigenen Komfort, perfektionieren jedoch die Technik dieser Nachbildungen derart, dass es irgendwann fast unmöglich wird, künstliche von echten Menschen zu unterscheiden. Wenn eine Maschine dem Menschen so ähnlich werden kann, dass nicht einmal der Schöpfer dieser Maschine zur Unterscheidung zwischen Original und Nachbildung fähig ist, stellt sich die Frage, inwiefern dann der Mensch noch eine Sonderolle in der Schöpfung einnehmen kann.
Ziel dieser Arbeit ist es, Aspekte der „Menschlichkeit“ in „Do Androids Dream Of Electric Sheep“ zu diskutieren und anhand verschiedener Romanfiguren zu verdeutlichen. Zu diesem Zweck sollen vorerst die wichtigsten Grundstrukturen des Romans zusammengefasst werden.
1. Allgemeine Begrifflichkeit
1.1. Was ist „menschlich“?
Der zugrunde liegende Konflikt in „Do Androids Dream Of Electric Sheep“ besteht also in der Konkurrenz zwischen „echter“ und künstlich geschaffener Persönlichkeit, zwischen der biologischen Spezies Mensch und den von Menschen geschaffenen Androiden.3 Was aber gilt als „typisch“ menschlich, woran erkennt man einen Menschen?
Schlägt man in verschiedenen Lexika die Begriffe „Mensch“ oder „Menschlichkeit“ nach, erscheinen meist die folgenden, stets ähnlich lautenden Erklärungen:
1 Sievert, Johannes F.: Theoretische und filmanalytische Aspekte in Ridley Scotts Blade Runner. Aus der Reihe: Hoefer, Georg (Hrsg.):
Aufsätze zu Film und Fernsehen, Band 73, Alfeld, 2000, S.48.
2 Uwe, Anton: Die seltsamen Welten des Mr. Dick. In: Anton, Uwe (Hrsg.): Die seltsamen Welten des Philip K. Dick, Edition Futurum Band 7, Meitingen, 1984,S.7.
3
Wheale, Nigel: Recognising a ´human-Thing´: cyborgs, robots and replicants in Philip K. Dick's Do Androids Dream Of Electric Sheep? and Ridley Scott's Blade Runner. In: Critical Survey. Herts England, 1991, 3 (3), S. 298
4
„Menschlichkeit“
1. Eigenschaft des Menschen als Menschen, wie auch der Inbegriff all dessen, was ihn zum Menschen macht4
2. Menschliche Schwäche, Fehlhaltung
„Mensch“
1. Verständnisvolles, gütiges, tolerantes Wesen
2. Mit der Fähigkeit zu logischem Denken und zur Sprache, zur sittlichen Entscheidung und Erkenntnis von Gut und Böse ausgestattetes höchstes Lebewesen.5
Basierend auf dieser allgemeinen Begrifflichkeit soll im Laufe der Arbeit Dick's eigenes, darauf aufbauendes Konzept von „Mensch“ und „Menschlichkeit“, welches er im Roman darstellt, herausgearbeitet werden. Er geht in der Romanhandlung um einiges über obige Begrifflichkeit hinaus. Er stellt einen wahren „Katalog“ an Eigenschaften auf, die jeden Mensch von Natur aus als solche kennzeichnen.
1.2. Dick's Definition des „Androiden“
Um den Menschen und das „menschliche“ von der technischen Reproduktion der Androiden deutlich abzugrenzen, liegt es nahe, eine Äußerung des Autors heranzuziehen. In seinem Aufsatz „Der Mensch, der Androide und die Maschine“ beschreibt Dick die „Androiden“ folgendermaßen:
„Im Universum existieren grimmige kalte Dinge, denen ich den Namen „Maschinen“ gegeben habe. Ihr Verhalten ängstigt mich. Besonders dann, wenn sie menschliches Verhalten so gut imitieren, dass ich den Eindruck habe, daß diese Dinge versuchen, sich als Menschen auszugeben, es aber nicht sind. Ich nenne sie „Androiden“, in meinem ureigenen Gebrauch des Wortes.
[...] Ich meine ein Ding, das auf irgendeine Art erzeugt wurde, um uns auf entsetzliche Art zu täuschen, das uns in dem Glauben lässt, es sei einer von uns. [...] Aber ihr Handschlag ist ein Todesgriff, und ihr Lächeln hat die Kälte des Grabes. Diese Kreaturen sind unter uns, auch wenn sie sich morphologisch nicht von uns unterscheiden. Wir müssen keinen Unterschied in der Substanz, sondern im Benehmen postulieren. In meine Science Fiction-Romanen schreibe ich ständig über sie. Manchmal wissen sie selber nicht, dass sie Androiden sind. [...]
4 Campe, Heinrich Joachim: Wörterbuch der deutschen Sprache, III, L-R, Documenta Linguistica, Reprographischer Nachdruck der Ausgabe Braunschweig 180, S..
5 Campe, Heinrich Joachim: Wörterbuch der deutschen Sprache, S..
5
aber ihnen fehlt die Wärme. Sie fallen dann unter den klinischen Begriff des „Schizoiden“, das bedeutet
das Fehlen von angemessenen Empfindungen.“6
Das „Ding“, von dem Dick hier schreibt, scheint also ein eine Gefahr für den Menschen darzustellen.
Dick äußert seine Angst diesen künstlichen Wesen gegenüber.
Diese Angst vor etwas Fremden, Unbekannten ist ein Phänomen, das sich überwiegend wohl in jedem Science Fiction-Werk wiederfindet. Das „Fremde“ kann in jeder vorstellbaren Form auftreten: seien es Menschen, Außerirdische, Tiere, Roboter, Kleinstwesen oder körperlose Erscheinungen.
Konfrontiert mit den Androiden in Dick's „Do Androids Dream Of Electric Sheep“ offenbart sich der Autor durchaus als Genie:
er verwendet nicht nur die Angst vor dem „Anderen“, er multipliziert sie noch um ihr Vielfaches.
Er beschreibt seine Androiden so, dass sie den Menschen nicht nur ähnlic h, sondern sogar mit bloßem Auge nicht von diesen zu unterscheiden sind.
Bereits hier wird deutlich, dass der Begriff „Menschlichkeit“ in „Do Androids Dream Of Electric Sheep“ eine Sonderrolle annimmt, und zwar in dem Sinne, dass dieser den wohl einzigen Anhaltspunkt für eine mögliche Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine gibt.
2. Die Begrifflichkeit in „Do Androids Dream Of Electric Sheep“
2.1. „Menschen“
Da Charaktäre und Gesellschaftsstrukturen im Roman durch Komplexität und Undurchschaubarkei t auffallen, sollen vorerst einige strukturelle Grundzüge des Romans aufgezeigt werden, bevor näher auf das Phänomen der „Menschlichkeit“ eingegangen werden kann.
„Do Androids Dream Of Electric Sheep“ spielt in Los Angeles im Jahr 2020. Die menschliche Bevölkerung wurde durch radioaktive Verseuchung stark dezimiert, große Teile sind auf Kolonien anderer Planeten emigriert. Die Menschen des Romanes unterscheiden sich in keinem Punkt vom realen Menschen, sie sind weder physisch noch psychisch „anders“. Die wenigen Menschen, die sich noch auf der Erde befinden, kämpfen um ihr Überleben.
All diese Menschen teilen die selben drei gängigsten Beschäftigungen7:
6 Dick, Philip K.: Der Mensch, der Androide und die Maschine. In: Anton, Uwe (Hrsg.):Die seltsamen Welten des Philip K. Dick. Edition Futurum Band 7, Meitingen, 1984, S. 115.
7 Hiermit sind Freizeitbeschäftigungen gemeint. Einblicke in die Arbeitswelt erfährt der Leser nur durch die Beschreibung der
6
- das Verfolgen der Buster-Fröhlich-Fernsehshows
- das Erlebnis der Gefühlseinheit mit den anderen und dem mystischen Daseinskampf eines Mannes namens Mercer
- die Pflege der wenigen Tiere, die den Krieg überlebt haben.8
Abgesehen von den Hauptpersonen Rick und Iran Deckard und einigen anderen, auf die später noch näher eingegangen werden soll, wird bereits im zweiten Kapitel des Romans dem Leser ein ganz besonderer Mensch vorgestellt: J.R. Isidore.
„The peninsula of San Francisco had been at first dust-free, and a great body of persons had responded by
taking up residence there; when the dust arriv ed, some had died and the rest had departed. J. R. Isidore remained.“9
Isidore's Intelligenz hat durch die radioaktive Belastung Schaden genommen, in der Gesellschaft wird er als „special“10 und als „chickenhead“11 bezeichnet.
Diese „chickenheads“ werden von den Menschen nicht als gleichwertig akzeptiert. Einmal als „special“ deklariert,
„a citizen, even if accepting sterilization, dropped out of history. He ceased, in effect, to be part of mankind.“12
Isidore hat offensichtlich Angst vor dem diskriminie renden Verhalten der Menschen ihm gegenüber:
„Not let him find out, I'm a chickenhead. If he founds out I'm a chickenhead he won't talk to me; that's
always the way it is for some reason. I wonder why?“13
Mit dieser abschließenden Frage wirft Isidore ei ne der wichtigsten Fragen auf, die im Roman immer wieder auftreten. Obwohl er auch ein Mensch ist und seine Beeinträchtigung nicht selbst verschuldet hat, wird er von den anderen Menschen diskriminiert. Dieser Gedanke soll anhand weiterer Untersuchungsergebnisse etwas später noch weitergeführt werden.
Hauptpersonen Rick Deckard und seiner Kollegen/Vorgesetzten, J. R. Isidore und Rachael Rosen.
8 Uwe, Anton: Die seltsamen Welten, S.30.
9 Dick, Philip K.: Do Androids Dream Of Electric Sheep. London, 2001 by Gollancz, S.16.
10 Ebenda, S.15.
11 Ebenda, S.17.
12 Ebenda, S.15.
7
Quote paper:
Johanna Lechner, 2003, Das Phänomen der Menschlichkeit in Philip K. Dick's "Do Androids Dream Of Electric Sheep" (Blade Runner), Munich, GRIN Publishing GmbH
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