Abstract
Ziel vorliegender Arbeit ist es, systematische Antwortverzerrungen im Sinne sozialer Erwünschtheit, wie sie bei Umfragen vorkommen, wenn Probanden dazu ne igen ihre wahre Meinung zu verbergen, um ein wünschenswertes Bild von sich a bzugeben, zu beleuchten, insbesondere festzustellen, inwiefern diese Antwortverzerrungen ein Problem für die emp irische Forschung darstellen. Hierzu werden zunächst theoretische Reflexionen verschiedener Autoren dargestellt und kritisch bewertet um in einem weiteren Schritt drei Forschungsfragen vorzustellen. Diese ergaben sich aus einer Untersuchung zur sozialen Erwünschtheit, die unter Studierenden der Universität München von Teilnehmern des Methodenkurses durchgeführt wurde. In dieser Untersuchung mussten die Probanden Fragen in schriftlicher bzw. mündlicher Form beantworten, wobei sie vor der Beantwortung unterschiedliche Instruktionen bekamen. Die Ergebnisse vorliegender Studie weisen darauf hin, dass Versuchspersonen tatsächlich dazu neigen, sozial erwünscht zu antworten. Unter welchen Bedingungen dieses Phänomen verstärkt auftritt wird im Ergebnisteil dieser Arbeit aufgezeigt. Schließlich werden die Befunde unter Berücksichtigung der einschlägigen Literatur diskutiert und Impulse für die weitere Forschung auf diesem Gebiet gegeben.
Schlüsselworte: Soziale Erwünschtheit - Testgütekriterien - Fragebogen - Interview - Validität - Reliabilität - Instruktion
Inhaltsverzeichnis
Abstract. Seite 2
1 Einleitung Seite 5
2 Theorieteil Seite 7
2.1 Ausgangsproblem und Definition Seite 7
2.2 Systematik der Entstehungsbedingungen von Antwortverzerrungen
im Sinne der sozialen Erwünschtheit Seite 9
2.2.1 Bedürfnis nach sozialer Anerkennung (Need for Social Approval) Seite 9
2.2.2 Item-Charakeristik als Bewertungsstandard (Trait Desirability) Seite 10
2.2.3 Situationale Einflüsse der Interviewsituation Seite 11
2.3 Messinstrumente und Skalen unter dem Aspekt der Testgütekriterien
Validität und Reliabilität Seite 13
2.3.1 Validität und Skalenkonstruktion zur Erfassung sozial erwünschten
Antwortverhaltens Seite 14
2.3.2 Inhaltsvalidität und externe Validität Seite 16
2.3.3 Konstruktvalidität und SD-Skalen Seite 17
2.3.3.1 Forderungen an SD-Skalen im Hinblick auf Konstruktvalidierung Seite 18
2.3.3.2 Exkurs: Die Marlowe-Crowne-Skala Seite 18
2.3.3.3 Forschung zur Konstruktvalidität von SD-Skalen Seite 19
2.3.4 Kriteriumsvalidität von SD-Skalen Seite 21
2.3.4.1 Anforderungen an SD-Skalen im Hinblick auf Kriteriumsvalidierung Seite 22
2.3.5 Reliabilität Seite 22
2.4 Forschungsfragen und Hypothesen Seite 23
3 Methode der Feldstudie Seite 26
3.1 Stichprobe und Design Seite 26
3.2 Instrumente Seite 28
3.2.1 Konservative Fragen Seite 29
3.2.2 Alternative Fragen Seite 29
3.2.3 Neutrale Fragen Seite 30
4 Ergebnisse………………………………………………………………… Seite 31 4.1 Überprüfung des Einflusses der Instruktion auf die Antwortgabe im Sinne der sozialen Erwünschtheit……………………………………... Seite 31
4.2 Überprüfung des Einflusses der Befragungsart auf die Antwortgabe im Sinne der sozialen Erwünschtheit……………………………………... Seite 33
4.3 Überprüfung des Einflusses von Alter und Geschlecht auf die Antwortgabe……………………………………………………………….Seite 35
5 Diskussion………………………………………………………………… Seite 37 5.1 Einfluss der Instruktion auf die Antwortgabe im Sinne der sozialen Erwünschtheit…………………………………………………… Seite 37 5.2 Einfluss der Befragungsart auf das Antwortverhalten im Sinne Der sozialen Erwünschtheit………………………………………………. Seite 38 5.3 Einfluss von Alter und Geschlecht auf die Antwortgabe im Sinne der sozialen Erwünschtheit………………………………………… Seite 39
6 Resümee und Ausblick…………………………………………………… Seite 41
1 Einleitung
Die empirische Sozialforschung bezieht nach wie vor einen großen Teil ihrer Daten aus Befragungen, die für gewöhnlich nach schriftlicher (Fragebogen) und mündlicher Befr agung (Interview) unterschieden werden. Kennzeichnend für die wissenschaftliche Befr agung ist die weitgehende Kontrollierbarkeit der Bedingungen der Datenerhebung, wodurch die Aussagekraft der mittels der Befragung erhobenen Daten überprüft werden kann (Hartmann, 1991). Des Weiteren hängt die Verwendbarkeit der erhobenen Daten bekanntermaßen von der Erfüllung der klassischen Testgütekriterien ab, d.h. ob das Testinstrument objektiv, reliabel und valide ist, worauf in den Abschnitten 2.3 ff explizit eingega ngen wird.
Besondere Beachtung kommt den systematischen Fehlern zu. Hierzu zählt insbesondere die Gefährdung der Aussagekraft und die damit verbundene Qualität von Umfragedaten durch systematische Antwortverzerrungen (engl.: Response Bias) im Sinne sozialer Erwünschtheit. Hiernach neigen Befragte zu solchen Antworten, die entsprechend sozial geteilter Bewertungskriterien als positiv bewertet bzw. wünschenswert angesehen werden (Esser, 1997). Konkret bedeutet das, dass Probanden in Umfragen durchaus dazu neigen, ihre „wahre“ Meinung zu verbergen, um so ein wünschenswertes Bild von sich selber abzugeben.
Grundsätzliches Ziel der Arbeit ist es, herauszufinden, inwiefern die Antwortgabe im Sinne der sozialen Erwünschtheit ein Problem für die empirische Sozialforschung darstellt, ferner worauf man bei der Erstellung von Testskalen und beim Erheben von Daten zu achten hat, damit dieser Effekt kontrolliert oder ausgeschaltet werden kann. In dieser Studie soll nun untersucht werden, ob die Art der Instruktion im Rahmen der Befragung einen Einfluss auf die Antwortgabe im Sinne der sozialen Erwünschtheit hat, fe rner wird dem Einfluss der Befragungsart nachgegangen und wir überprüfen, ob das Alter bzw. die Reife einer Person bzw. ihr Geschlecht die Antwortgabe im Sinne der sozialen Erwünschtheit beeinflusst.
Nachfolgend wird in Abschnitt 2.1 das Ausgangsproblem der sozialen Erwünschtheit (engl. Social Desirability, kurz SD) und deren Auftrittsbedingungen in sozialwissenschaftlichen Umfragen näher beleuchtet und definiert. Anschließend stellen wir die für diese Untersuchung relevanten Entstehungsbedingungen von Antwortverzerrungen vor (siehe 2.2 ff). In Abschnitt 2.3 werden Messinstrumente und Skalen unter den Aspekten der Testgütekriterien Validität und Reliabilität eingehend
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beleuchtet. Hierbei ergeben sich Implikationen für die Konstruktion von Methoden zur Erfassung sozial erwünschten Antwortverhaltens. Unter Abschnitt 2.4 leiten wir aus den dargestellten Entstehungsansätzen, der aufgezeigten Problematik für die Testgütekriterien, die sich aufgrund der Antwortverzerrungen durch sozial erwünschtes Antwortverhalten ergeben, sowie unserem Forschungsinteresse unsere Forschungsfragen ab. Im Anschluss werden die methodische Vorgehensweise unserer Untersuchung erläutert und die Ergebnisse unserer angewendeten Testverfahren aufgezeigt. In der finalen Diskussion werden die theoretischen Darstellungen und methodischen Ergebnisse zusammengeführt und interpretiert. Zum Abschluss werden der Ausblick und Implikationen für die weitere Forschung aufgezeigt.
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2 Theorieteil
2.1 Ausgangsproblem und Definition
Bevor wir uns eingehender mit der Problematik der Antwortverzerrung durch soziale Erwünschtheit befassen, soll an dieser Stelle auf die Reaktivität der Datenerhebungsmethoden Fragebogen und Interview eingegangen werden. Beide Erhebungstechniken gelten als reaktive Erhebungsinstrumente (Hartmann, 1991). Reaktivität bedeutet, dass das zu untersuchende Objekt, d.h. die antwortende Person das Messergebnis absichtlich oder unabsichtlich beeinflussen kann. Dies resultiert zum einen aus dem Wissen um die eigene Bedeutung als Versuchsperson und zum anderen aus der spezifischen sozialen Situation der Befragung bzw. des Interviews. Je nach Ausmaß der Veränderung des Antwortverhaltens und dem Grad der Absichtlichkeit spricht man von Beschönigungstendenzen oder Verfä lschungstendenzen (Mummendey, 1995).
Gelegentlich werden Veränderungen des Antwortverhaltens auch als „Lügen“ bezeichnet. Dieser Auslegung folgen wir in dieser Studie nicht. Vielmehr schließen wir uns der Auffassung Mummendeys an, wonach es schwer zu beurteilen sein dürfte, ob eine Untersuchungsperson ein Item „in wahrer Weise oder im Sinne von Lüge beantwortet“ (Mummendey, 1995, S. 160). Ob eine Person z.B. das Item „Krieg ist niemals sinnvoll“ wahrheitsgemäß oder nicht wahrheitsgemäß beantwortet hat, wird man kaum beurteilen können.
Die möglichen Beeinträchtigungen, die sich aus der Spezifität der mündlichen Befragung als reaktives Messinstrument ergeben, werden meist als Antwortverzerrungen (engl.: Response Bias) bezeichnet. Zentral ist hierbei die Annahme, dass die Versuchsperson Antworten gibt, die von den eigentlich zu gebenden abweichen und somit bezüglich des wahren Wertes (engl.: true value) verzerrt sind (Hartmann, 1991). Der wahre Wert umfasst dabei real existierende und beständige Eigenschaften der Befragten, von denen unter bestimmten Voraussetzungen abgewichen wird (Esser, 1997). Dies impliziert, dass eine Antwortverzerrung immer eine Abweichung von einer richtigen Antwort sein muss.
Neben der Zustimmungstendenz oder „Jasagetendenz“ ist die Tendenz zu sozial erwünschten Antworten (engl.: Social Desirability Response S et, kurz: SD-RS) von besonderer Bedeutung bei der Diskussion von Antwortverzerrungen im Interview. Der
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besondere Stellenwert des SD-RS lässt sich nach Schnell et. al (1999) darauf zurückführen, dass die meisten Formen der Antwortverzerrung als Spezialfälle dieses Effekts angesehen werden können.
Zugleich wird man nach einer einheitlichen Definition des Begriffs „soziale Erwünschtheit“ vergebens suchen. Nach Ansicht von Hartmann (1991, S. 37) bezeichnet soziale E rwünschtheit die Tendenz des Befragten, „Frage n je nach Bewertung des erfragten Merkmals unterschiedlich zu beantworten bzw. ein vorteilhaftes Bild der eigenen Person zu geben“. Diese Definition legt eine Unterscheidung der sozialen Erwünschtheit nahe. Esser (1986) zu Folge begründet sich die Antworttendenz im Sinne der sozialen Erwünschtheit zum einen in dem in der Persönlichkeit festgelegten Bedürfnis des Befragten nach sozialer Anerkennung und zum anderen in den sozialen Einflussfaktoren der Interviewsituation. Sozial erwünscht sind in diesem Sinne all die „Merkmale von Personen, die von den Mitgliedern einer Gesellschaft positiv bewertet werden“ (Hartmann, 1991, S. 43), was das Vorhandensein gesellschaftlicher Bewertungskriterien impliziert. Diese Kriterien bestimmen die Ausprägung gesellschaftlicher Anpassung und bei Abweichung etwaige Sanktionen seitens der sozialen Umwelt (Esser, 1997). In der vorliegenden Studie ist der Bezugsrahmen sozialer Erwünschtheit zum einen auf die grün-alternative und zum anderen auf die konservative Teilpopulation festgelegt. Die sozialen Normen der beiden Teilpopulationen (grün-alternativ und konservativ), d.h. die „geteilten Erwartungen über angemessenes und nicht angemessenes Verhalten“ (Mummendey, 1995, 163), bilden den Orientierungsrahmen bei der Beantwortung der Fragebögen durch den Befragten. Hartmann (1991) verweist in diesem Zusammenhang zu Recht darauf, dass letztlich das einzelne Individuum die Bewertung der entsprechenden Merkmale vornimmt, weshalb diese auch nur bei diesem empirisch zu ermitteln sind. Die ind ividuellen Bewertungen schaffen das Ausgangsmaterial für eine empirische Bestimmung der sozialen Erwünschtheit von Merkmalen.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Entstehung von Antwortverzerrung im Sinne sozialer Erwünschtheit auf verschiedene Bedingungen zurückzuführen ist. Nach Esser (1991, S. 62) lasse sich das Befragtenverhalten erst durch „die Kombination von Erwartungen und Bewertungen auf Seiten der Person und bestimmten Merkmalen der Situation“ vorhersagen.
Inwieweit sich die Entstehungsbedingungen von Antwortverzerrungen im Sinne der sozialen Erwünschtheit unterscheiden, soll im Folgenden eingehender diskutiert werden.
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2.2 Systematik der Entstehungsbedingungen von Antwortverzerrungen im Sinne der sozialen Erwünschtheit
Nachstehend s ollen nun die Entstehungsbedingungen sozial erwünschter
Antwortverzerrungen dargestellt werden. Ziel ist es, ein differenziertes Bild der beeinflussenden Determinanten aufzuzeigen, um eine schlüssige Interpretation der Ergebnisse dieser Studie zu ermöglichen.
Eine gängige Unterteilung der Entstehungsbedingung lässt sich aus den bisherigen Ausführungen ableiten. Somit kann zum einen das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung (engl. Need for Social Approval) und zum anderen die sogenannte Trait Desirability, d.h. die von den Befragten als gültig festgestellten Bewertungsstandards, als Ursache für sozial erwünschte Antwortverzerrungen angesehen werden. Esser (1997, S. 8) hebt diesbezüglich hervor, dass das Antwortverhalten speziell „durch die Bedrohlichkeit unerwünschter Angaben“ bestimmt wird, sofern in der entsprechenden Antwortsituation „Konsequenzen für das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung“ zu erwarten sind. Darüber hinaus stellt das Interview eine soziale Situation dar. Dies erscheint insofern wichtig, als dass Befragte alle Einflüsse der Interviewsituation hinsichtlich ihrer Interessen, Erwartungen und Ziele bewerten und interpretieren (Esser, 1986). Von Bedeutung sind in diesem Zusammenhang einerseits internalisierte Rollenerwartungen, die als kulturelle soziale Erwünschtheit charakterisiert werden und andererseits situationsspezifische aktuelle Merkmale und Einflussgrößen, die zu situationaler sozialer Erwünschtheit führen (Esser, 1986). Nachfolgend werden die genannten Entstehungsbedingungen in die drei Kategorien Bedürfnis nach sozialer Anerkennung, Trait Desirability und situationale Einflüsse der Interviewsituation unterteilt und systematisch vorgestellt.
2.2.1 Bedürfnis nach sozialer Anerkennung (Need for Social Approval)
Die Entstehung sozial erwünschter Antwortverzerrungen ist u.a. in dem menschlichen Bedürfnis nach sozialer Anerkennung begründet. Nach Hartmann (1991, S. 160) gilt dies als das „klassische Konzept“ zur Erklärung sozialer Erwünschtheit. Dem Konzept liegt die Annahme zugrunde, dass Menschen generell motiviert sind, sich positiv darzustellen, d.h.
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Arbeit zitieren:
Roman Klein, Alexander Landsberger, Sebastian Sorger, Stephanie Wimmer, 2003, Der Einfluss der sozialen Erwünschtheit auf die empirische Sozialforschung, München, GRIN Verlag GmbH
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