I. Einleitung
Am 27. Oktober 1898 feierte ganz England einen neuen Helden. Horatio Herbert Kitchener, Sirdar (Oberbefehlshaber) der anglo-ägyptischen Armee und Eroberer des Sudan, wurde bei seiner Ankunft in Dover von einer begeisterten Menschenmenge begrüßt. Dies war der Beginn eines Triumphzuges, einer Reihe von Ehrungen, Banketten und wiederholten Ausbrüchen von Masseneuphorie, die die Heimkehr eines Mannes begleiteten, der nach seinen eigenen Worten das gesamte Niltal den zivilisierenden Einflüssen kommerzieller Durchdringung geöffnet 1 und vor allem eine nationale Schmach getilgt hatte, die Ermordung General Gordons in Khartum durch religiöse Fanatiker im Jahre 1885. Dies war die offizielle Version, die durch Politiker und die Presse einer Öffentlichkeit präsentiert wurde, die inmitten der Faschoda-Krise bereit schien, für die „nationale Ehre“ und den Besitz der Wüsten und Sümpfe des südlichen Sudan gegen Frankreich ins Feld zu ziehen.
Die vorliegende Arbeit hat es sich zum Ziel gesetzt, die Mechanismen britischer Kolonialexpansion in Afrika anhand eines konkreten Beispiels, des Sudans, zu analysieren. Welche strategischen Überlegungen und Gedankengänge lagen d en Entscheidungen der führenden Politiker zugrunde? Gab es ein großangelegtes imperiales Konzept, und war die Politik im Sudan ein Bestandteil dieses Konzeptes? Welches Bild malten die Protagonisten kolonialer Expansion von den Ereignissen und welchen Anteil hatten Presse und Öffentlichkeit? Besonders das Moment der öffentlichen Rechtfertigung, die Frage, in welchen Denkmustern die britische Kolonialexpansion interpretiert wurde, soll im Mittelpunkt der folgenden Betrachtungen stehen. Lassen sich dabei Grundtendenzen und einschlägige Stereotypen erkennen, und welche praktischen Beweggründe standen dem gegenüber?
Gerade die Analyse der Politik im Sudan scheint mir zur Klärung der aufgeworfenen Fragen ideal, denn hier stehen Mythos und Realität dicht beieinander und lassen sich doch auch voneinander trennen. Ausgehend davon sollen dann Rückschlüsse auf die britische Kolonialpolitik in Afrika überhaupt, ihre Voraussetzungen und Motive und die Veränderungen, denen sie unterworfen war, gezogen werden.
Von zentraler Bedeutung für die Behandlung der britischen Sudan-Politik sind die Schriften britischer Kolonialbeamter und Militärs, die in ihrer Beurteilung des Geschehens Grundstrukturen imperialen Denkens vermitteln, sowie die Äußerungen führender Politiker und der Presse. Wichtig waren ferner Forschungen zum Sudan und zur Kolonialpolitik in Afrika allgemein, Biographien Kitcheners und Gordons und die detaillierte Darstellung in dem vielbeachteten Buch "Africa and
1 Kitchener nach seiner Landung in Dover. Zitiert nach P. Magnus: Kitchener. Portrait of an Imperialist, Harmondsworth 1958, S. 174.
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the Victorians" von Ronald Robinson und John Gallagher. Der weiterführenden Analyse und der Einordnung in einen größeren Kontext lagen Studien zu imperialer Propaganda, zur Rolle der Presse, zur Entwicklung des "New Imperialism" und allgemeine Werke zur Geschichte des britischen Kolonialismus und Imperialismus zugrunde. 2
II. Ägypten und der Sudan
I. Die Okkupation Ägyptens
Die Geschichte der britischen Einflußnahme im Sudan beginnt mit der Okkupation Ägyptens im Jahre 1882. Das komplizierte politische Beziehungsgeflecht, daß die liberale Regierung unter Gladstone zu diesem Schritt bewog, kann hier nicht in allen Einzelheiten dargestellt werden. Bemerkenswert ist jedoch, daß gerade Gladstone, der imperialen Abenteuern abgeneigt war und den konservativen Imperialismus Disraelis stets angeprangert hatte, sich gezwungen sah, das traditionelle Konzept informeller Durchdringung zugunsten einer effektiven Besetzung aufzugeben. Die Hintergründe der britischen Okkupation Ägyptens waren und sind Gegenstand heftiger Debatten in der Forschung. 3 Für die vorliegende Arbeit sind dabei vor allem die Folgen von Bedeutung.
Aus regionaler Sicht bedeutete die Niederlage der ägyptischen Nationalisten in der Schlacht von Tel-El-Kebir am 13. September 1882 und die darauffolgende Besetzung Ägyptens durch britische Truppen die drastische Einschränkung einer Souveränität, welche das Land am Nil, trotz seiner offiziellen Zugehöhrigkeit zum Osmanischen Reich, seit Mohammed Ali besessen hatte. Die Verwaltung der ägyptischen Finanzen unterstand nun einer internationalen Kommission, der neben England auch Frankreich, Rußland, Deutschland und Österreich-Ungarn angehörten. Der Einfluß des britischen Generalkonsuls, seit September 1883 Sir Evelyn Baring, der spätere Earl of Cromer, wurde in allen Fragen bestimmend. Um so erstaunlicher ist es, daß die britische Regierung zunächst jede Verantwortung für die ägyptischen Besitzungen im Sudan ablehnte. 4
2 Ausführliche bibliographische Angaben im Literaturverzeichnis.
3 Entscheidend war hier das Erscheinen von „Africa and the Victorians“ (R. Robinson/J. Gallagher: Africa and the Victorians. The Official Mind of Imperialism, 9. Aufl. London/Basingstoke 1981 (1. Aufl. 1961). Hier wird die Besetzung Ägyptens nicht als Ausdruck eines „New Imperialism“, sonder als Notlösung interpretiert, die sich aus der Gefährdung alter Interessen in der Region ergab. Laut Robinson/Gallagher plante die britische Regierung zum damaligen Zeitpunkt keineswegs, in Ägypten eine dauerhafte Herrschaft zu installieren. Wichtig waren vielmehr die Sicherung des Suezkanals und britischer Finanzinteressen. Zur Okkupation, ihren Ursachen und Folgen vgl. S. 76-159. Siehe dazu auch A.G. Hopkins: The Victorians and Africa: A Reconsideration of the Occupation of Egypt, 1882, in: Journal of African History, 27, (1986), S. 363-391.
4 Siehe dazu A. Milner: England in Egypt, London 1899 (1. Aufl. 1892), S. 68f und Robinson/Gallagher, S. 132.
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Das riesige Territorium, ein Produkt der Großmachtambitionen Mohammed Alis, umfaßte damals schon einen Großteil des heutigen Sudan. 5 Die Einführung eines restriktiven Steuersystems, der Bau einer Eisenbahnlinie im Norden, der Ausbau des Verwaltungszentrums Khartum und der Versuch, eine profitable Landwirtschaft entlang des Nils zu etablieren, hatten unter anderem die ägyptischen Finanzen in ihren desolaten Zustand versetzt. Die Frage, ob die ägyptische Herrschaft im Sudan so fürchterlich war, wie die Berichte britischer Verwaltungsbeamter und Militärs nahelegen, ist schwer zu beantworten. Nach ihren Darstellungen waren Korruption, Brutalität und Mißwirtschaft der ägyptischen Machthaber für den Ausbruch des Mahdi-Aufstandes im Jahre 1881 verantwortlich. Für Cromer und Milner sind es nicht die Einführung westlicher Verwaltungsstrukturen und die neue Steuergesetzgebung, sondern der Mißbrauch derselben durch die Ägypter, die den Aufstieg des Mahdi erst ermöglichten. 6
Aus heutigem Blickwinkel läßt sich der Aufstand wohl eher als Reaktion auf die Fremdherrschaft im Allgemeinen und die Etablierung neuer Herrschaftspraktiken und Werte in traditionellen Gesellschaften verstehen. Das Erscheinen eines religiösen Führers, welcher in Mohammed Ahmed, dem Mahdi, gesehen wurde, war wohl nur der Auslöser für die "Rebellion". Die Überbetonung der religiösen Komponente und des Fanatismus durch europäische Beobachter läßt sich aus der Tatsache erklären, daß man den Widerstand gegen die Einführung westlicher "Zivilisation" an sich, nicht als solchen zu akzeptieren bereit war. Darauf soll im späteren noch genauer eingegangen werden, wenn es um die "populäre" Sicht auf die Ereignisse im Sudan geht. 7 Die Nichteinmischungspolitik der britischen Regierung in Bezug auf den Sudan scheint ein Beleg dafür, daß man sich der Folgen der Okkupation Ägyptens noch nicht bewußt war und sie als vorläufig ansah. Dennoch waren es gerade die Ereignisse im Sudan, die zu einer Neuausrichtung der Politik in Ägypten führen sollten. Der auslösende Faktor war die Entsendung einer 10 000 Mann starken ägyptischen Armee unter dem britischen General Hicks im Januar 1883 gegen die Mahdisten. Nach anfänglichen Erfolgen scheiterte der Versuch zur Rückeroberung der Provinz Kordofan. Die Expedition wurde bei Shakan, dreihundert Kilometer südlich von Khartum,
5 Hier und im Folgenden bezieht sich die Bezeichnung „Sudan“ auf das Gebiet des Staates nicht den geographischen Begriff.
6 Earl of Cromer (Evelyn Baring): Modern Egypt, Bd. I, London 1908, S. 554 und W.S. Churchill: The River War, Bd. I, London 1899, S. 20-23 sowie Milner, S. 159.
7 Die Ankunft des Mahdi, des „Rechtgeleiteten“, fiel nach lokalen Glaubensvorstellungen mit dem Ende des 13. moslemischen Jahrhunderts zusammen. In ihr barg sich die Hoffnung auf einen Propheten, welcher Gerechtigkeit und religiöse Erneuerung bringen würde. Der schnelle Aufstieg Mohammed Ahmeds entsprang aber wohl vor allem der Unzufriedenheit mit der ägyptischen Herrschaft. Die ersten Siege gegen ägyptische Truppen vermehrten seine Anhängerschaft sprunghaft. Die Anhänger des Mahdi wurden als ‘Ansars’ (Helfer) bezeichnet, in Anlehnung an die Gefolgsleute des Propheten Mohammed. Die Europäer nannten sie stets „Derwische“ oder schlicht „Fanatiker“. Zu Aufstieg und Herrschaft des Mahdi vgl. R.O. Collins: The Southern Sudan, 1883-1898. A Struggle for Control, New Haven/London 1962, S. 17-21 sowie P.M. Holt: The Mahdist State in the Sudan, 1881-1898. A Study of its Origins, Development and Overthrow, Oxford 1970, S. 45-65.
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nahezu völlig vernichtet. Die Nachricht vom Untergang der Armee erreichte London im November 1883, und löste sowohl in der Regierung, als auch in der Öffentlichkeit, einen Schock aus. Die Tatsache, daß ein britischer General und eine Reihe britischer Offiziere, nebst einer ganzen Armee, von "Fanatikern" massakriert worden waren, erschien der Presse als Skandal. In Regierungskreisen entschloß man sich, der ägyptischen Regierung nahezulegen, den Sudan aufzugeben, da die Rückeroberung die finanziellen Möglichkeiten Ägyptens bei weitem übersteigen würde. Der "Rat" der britischen Regierung kam einer Anordnung gleich und führte zum Rücktritt des ägyptischen Kabinetts unter Cherif Pascha im Januar 1884, welcher die Aufgabe des Sudans ablehnte und gegen den Verlust der ägyptischen Souveränität protestierte. Die Nachfolgeregierung unter Nubar Pascha wurde auf Anraten Barings eingesetzt und verfügte bei weitem nicht über die innenpolitische Autorität ihrer Vorgänger. 8 Unversehens sah sich die britische Regierung gezwungen, die Verantwortung zu übernehmen, vor der sie sich stets gescheut hatte. Der britische Einfluß in Ägypten war endgültig zum bestimmenden geworden. Der Beschluß zur Aufgabe des Sudan illustriert unter anderem die ablehnende Haltung der Regierung Gladstone gegenüber kolonialen Abenteuern. So bemerkte der erste Lord der Admiralität Northbrook dazu:
We are satisfied that Egypt should no longer be hampered by the attempt to govern a piece of the world as large as Europe when she cannot find a Corporal's guard fit to fight [...] or [...] a hundred thousand pounds to pay troops without plunging deeper into bankruptcy [...] we are not going to spend the lives of Englishmen or of natives of India in either supporting Egyptian rule in the Soudan or of taking half Africa for ourselves and trying to govern it. 9
Im Januar 1884 beschloß man, einen Beauftragten in d en Sudan zu entsenden, um die Evakuierung ägyptischer Truppen und ägyptischen Verwaltungspersonals in die Wege zu leiten. Dieser Mann war General Charles George Gordon. Damit erhielt die Sudanpolitik, wie sich zeigen sollte, eine völlig neue Dimension.
II. Die "Gordon-Krise"
Zum Zeitpunkt seiner Beorderung in den Sudan war Gordon in England bereits bekannt und populär. Er stand im Ruf eines hervorragenden Soldaten, eines fähigen Administrators, eines nahezu fanatischen Christen und Philanthropen. Der Kult um christliche Militärhelden scheint in Gordon seinen Gipfel gefunden zu haben. 10 Seine Reputation gründete sich auf die
8 Zur Hicks-Expedition und der Politik der britischen Regierung siehe Robinson/Gallagher, S. 132-136 und Milner, S.
70f.
9 Aus einem Brief Northbrooks an Ripon vom 13. Februar 1884. Zitiert nach Robinson/Gallagher, S. 135.
10 Leider war mir nur ein kleiner Teil der äußerst umfangreichen biographischen Literatur über General Gordon zugänglich. Für die vorliegende Arbeit waren dabei vor allem von Bedeutung: E. Hake: Gordon in China and the Soudan, London 1896 (Neudruck 1987); R. MacGregor-Hastie: Never to be Taken Alive. A Biography of General
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Niederschlagung der Taiping-Rebellion in China (1863/64) und seine Zeit als Generalgouverneur des ägyptischen Sudan (1870-1879). Die militärischen Erfolge Gordons im Kampf gegen "religiöse Fanatiker" in China und gegen den afrikanischen Sklavenhandel, verbunden mit seinem exzentrischen Wesen und einem tief religiösen, mystisch geprägten Charakter, schufen den Mythos des "soldier saint", der in der Erhebung zum christlichen Märtyrer nach seinem Tode gipfelte. 11
Die Berufung Gordons erfolgte trotz massiver Bedenken in Regierungskreisen. Vor allem Gladstone bezweifelte, daß er der richtige Mann für diesen Auftrag sei. 12 Einen wesentlichen Anteil an der Entscheidung hatte die Presse, die schon die Aufgabe des Sudan als Verrat an der zivilisatorischen Mission gegeißelt hatte und nun von der Entsendung Gordons vielleicht ein Wunder erwartete. Auch Gordon selbst hatte in einem Zeitungsinterview mit der Pall Mall Gazette und einem Brief, den er in der Times veröffentlichen ließ, den Eindruck erweckt, die Lage im Sudan richtig beurteilen zu können. 13 Strachey bemerkt zur Entscheidung der Regierung:
It is difficult to understand what the reasons could have been which induced the Government, not only to override the hesitations of Sir Evelyn Baring, but to overlook the grave and obvious dangers involved in sending such a man as Gordon to the Sudan. The whole history of his life, the whole bent of his character, seemed to disqualify him for the task for which he had been chosen. He was before all things a fighter, an enthusiast, a bold adventurer; and he was now to be entrusted with the conduct of an inglorious retreat. 14
Noch im Januar traf er in Ägypten ein und erreichte am 11. Februar 1884 Khartum, wo er begeistert empfangen wurde in der Hoffnung, er sei nur der Vorbote einer britischen Armee, die die Truppen des Mahdi zerschlagen und den Aufstand beenden würde. Statt die Evakuierung vorzubereiten, setzte Gordon Khartum in den Verteidigungszustand und betonte in Telegrammen nach Kairo, daß man den Sudan nicht den Horden eines "Falschen Propheten" überlassen könne. 15
Für die alarmierte Öffentlichkeit und die Presse war Gordon ein Held, der, von wilden Fanatikern bedroht, in Khartum aushielt, um den Sudan nicht wieder in die Barbarei zurückfallen zu lassen. Die Wahrheit ist vermutlich in der komplexen und widersprüchlichen Persönlichkeit Gordons zu suchen, der noch auf dem Weg nach Ägypten am 22. Januar 1884 in einem Memorandum bemerkt hatte:
Gordon, London 1985; L. Strachey: “The End of General Gordon”, in: ders.: Eminent Victorians, London/Toronto
1957 (1. Aufl. 1918), S. 223-319 sowie R.H. Barnes/C.E. Brown: Charles George Gordon. Eine Skizze, dt. Übers., Gotha 1885.
11 Hake, S. 216-238.
12 Über die Haltung Gladstones und die Kontroversen im Kabinett siehe H.C.G. Matthew: Gladstone. 1875-1898, Oxford 1995, S. 142-145. Gordon hatte lediglich die Aufgabe, einen Bericht über die Möglichkeiten der Evakuierung zu verfassen. Hake, S. 241; MacGregor-Hastie, S. 156; Strachey, S. 261f.
13 Zum Interview siehe MacGregor-Hastie, S. 153f, Strachey, S. 265f, Hake, S. 235-237.
14 Strachey, S. 263.
15 Cromer, Bd. I, S. 551.
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Rohland Schuknecht, 2000, Gordon und Kitchener im Sudan: Mythos und Realität britischer Kolonialexpansion in Afrika, München, GRIN Verlag GmbH
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