2
I. Einleitung
Das Reich des sizilischen Tyrannen Dionysios von Syrakus stellte eine der bedeutendsten Machtballungen der spätklassischen Zeit dar. Die militärische Potenz dieses Staates, seine territoriale Ausdehnung und die Person seines Schöpfers sind Aspekte, die es verdienen, einer allgemeinen Betrachtung unterzogen zu werden. Für die Griechen war das Reich des Dionysios das Werk eines Tyrannen, eines Gewaltherrschers, den vor allen anderen Dingen der Drang zur Macht charakterisierte und der sich über die Grundsätze des politischen Lebens eines freien Gemeinwesens willkürlich und rücksichtslos hinwegsetzte.
Diese Pauschalisierung verstellte den Blick auf die wahren Strukturen und Bedingungen der Herrschaft und auf ihre Besonderheiten, denen neben der P erson des Dionysios und den sizilischen Verhältnissen auch tiefgreifende Umwälzungen im Gefolge des Peloponnesischen Krieges zugrunde lagen, die für das gesamte Griechentum Bedeutung besaßen. Das Ziel dieser Arbeit soll es nicht sein, die Herrschaft des Dionysios im einzelnen chronologisch und detailliert zu erfassen. Statt dessen sollen Grundzüge und Merkmale aufgezeigt werden, die eine Beurteilung und Wertung dieses spätklassischen Staatsgebildes zulassen und es in den gesamtgriechischen Kontext einreihen.
Auf folgende Fragen gilt es, eine Antwort zu finden:
1. Wodurch wurde die Entstehung eines solch bedeutenden Machtfaktors am Rande der griechischen Staatenwelt begünstigt?
2. Wie ist die Herrschaft des Dionysios zu definieren? Wie wurde sie von griechischer Seite, auch staatsrechtlich, interpretiert?
3. Durch welche politischen und militärischen Ziele war sie geprägt?
4. Ist das syrakusanische Reich ein Phänomen, das sich mit den spezifisch sizilischen Verhältnissen bzw. der Person seines Schöpfers erklären läßt, oder weist es auf grundlegende Veränderungen in der gesamten griechischen Welt hin?
Aus den genannten Fragen ergeben sich zahlreiche weitere Probleme, die im Folgenden näher untersucht werden sollen. Dabei ist die spärliche Überlieferung als Hauptproblem in Rechnung zu
3 stellen. Daneben steht die negative Bewertung des Dionysios und seiner Herrschaft in den Quellen und seine Instrumentalisierung zur Schaffung eines typischen Tyrannenbildes. 1 Die Hauptquelle Diodor fußt in den entscheidenden Passagen nach den Erkenntnissen der Forschung vor allem auf die älteren Werke des Timaios und des Philistos, also eines scharfen Gegners des Tyrannen und eines seiner Anhänger. Das Fehlen von wichtigen zeitgenössischen Zeugnissen zur Regierung des Dionysios macht uns vom Urteil späterer Historiographen abhängig. 2 Für die folgenden Ausführungen stütze ich mich vor allem auf den Bericht Diodors und ziehe die fundierten Arbeiten von Caven und Stroheker heran, die sich auch mit anderen historiographischen und epigraphischen Quellen auseinandersetzen. Zum Verständnis der dionysios-feindlichen Überlieferung und ihrer Ursachen und Ursprünge kann die Arbeit von L.J. Sanders wohl erheblich beitragen. Die Probleme bei der Verwendung Diodors als Hauptquelle sind mir bewußt, 3 ich werde mich jedoch um eine kritische Behandlung bemühen und die möglichst wertungsfreie Darstellung der Ereignisse auf Sizilien und der Taten des Dionysios zugrunde legen. In Anbetracht des begrenzten Umfanges der Arbeit sei mir das Fehlen einer ausführlichen Quellendiskussion an dieser Stelle nachgesehen.
Auch die Person des syrakusanischen Herrschers selbst und die Rolle, die er z.B. im Geistesleben seiner Zeit spielte, die Analyse seines Charakters und seiner Eigenschaften soll hinter den Ereignissen und Prozessen zurücktreten. Ohnehin ist das Bild in den Quellen unvollständig und verzerrt, 4 so daß sich hier nur schwer fundierte Aussagen treffen lassen.
1 Die Tradition der dionysios-feindlichen Überlieferung und die Darstellung des syrakusanischen Herrschers als Prototyp eines Tyrannen geht offenbar auf das Geschichtswerk desTimaios zurück, der in persönlicher Opposition zu Dionysios stand. Sie wurde von späteren Autoren aufgegriffen und fand auch Eingang in das Werk Diodors. Siehe dazu: Sanders, L.J.: Dionysios I of Syracuse and Greek Tyranny, London/New York/Sidney 1987, S. 79-88. Stroheker verweist auf den reichen Anekdotenschatz, der die Typisierung des Dionysios als grausamen, paranoiden und rücksichtslosen Gewaltmenschen zum Gegenstand hat und bei Autoren wie Plutarch, Cicero, Valerius Maximus oder Polyaenos überliefert ist. (Stroheker, K.F.: Dionysios I. Gestalt und Geschichte des Tyrannen von Syrakus, Wiesbaden 1958, S. 11-13, S. 18-22).
2 Weitere Gewährsleute Diodors für die Schilderung der Ereignisse auf Sizilien im 4. Jahrhundert sind Ephoros von Kyme und Theopomp. Zu Diodor und seinen Quellen siehe Sanders, S. 110-116.
3 Zur historiographischen Intention Diodors, dem Vorwurf der Manipulation und Selektion der Schriften seiner Gewährsleute vgl.: Drews, R.:Diodorus and his Sources, in: American Journal of Philology, 83(1962), S. 383-392. 4 Siehe Anm. 1. Die Inanspruchnahme von Tempelschätzen während des großen Karthagerkrieges durch Dionysios wird beispielsweise in der pseudo-aristotelischen „Oeconomika“ als „Plünderung“ ausgewiesen (1353b.20), die die Mißachtung der Religion durch den Tyrannen untermauert. Dennoch sind ähnliche Maßnahmen in Notlagen auch aus dem demokratischen Athen bekannt und stellten dort kein Sakrileg dar (Thuk. 1.121, 2.13). Vgl. Auch Caven, B.: Dionysios I. War-Lord of Sicily, New Haven/London 1990, S. 163-165.
4 II. Aufstieg und Macht
I. Sizilien und Griechenland
Am Anfang steht die Expedition der Athener nach Sizilien. Im Sommer des Jahres 415 v. Chr., im siebzehnten Jahr des großen Krieges, der später der Peloponnesische heißen sollte, brach eine gewaltige Heeres- und Flottenmacht von Athen nach Sizilien auf. Offiziell wollte man der verbündeten Stadt Egesta im Westen Siziliens zu Hilfe eilen, welche von ihrer alten Rivalin Selinus bedrängt wurde. Die Größe des Kontingents ließ jedoch vermuten, daß man es auf eine Unterwerfung der sizilischen Griechenstädte überhaupt abgesehen hatte. Nach einem Krieg, der beiden Seiten Siege und Niederlagen brachte, endete der athenische Traum von der Herrschaft über Sizilien im Sommer 413 mit dem endgültigen Fiasko. Die athenischen Truppen wurden nahezu vernichtet, die Flotte im Hafen von Syrakus versenkt. 5 Warum beginnt die Schilderung der Herrschaft des Dionysios I. mit einem Ereignis, dessen Ausgang der spätere Herr des griechischen Sizilien im Alter von siebzehn Jahren miterlebte und an dem er keinen aktiven Anteil hatte? Die Vorgeschichte und der Verlauf des sizilischen Unternehmens der Athener, wie er so ausführlich bei Thukydides Buch VI-VIII geschildert ist, läßt Rückschlüsse auf die sizilischen Verhältnisse und die Stellung Siziliens in der gesamten griechischen Welt zu, die auch im späteren die Politik des Dionysios bestimmen sollten. Der äußere Anlaß der Intervention, der Konflikt zwischen Selinus und Egesta, weist auf eine Grundkomponente der sizilischen Politik hin, die Rivalität der Griechenstädte untereinander. Der Hilferuf Egestas an eine außersizilische Macht steht zum einen für die tiefe Feindschaft und die Konsequenz, mit der diese Konflikte ausgetragen wurden, zum anderen aber auch für die Tatsache, daß Sizilien trotz seiner peripheren Lage Bestandteil der griechischen Welt und in die gesamtgriechische Politik integriert war. Die bei Thukydides erwähnten Bündnissysteme untermauern diese These, wogegen die Vorstellungen von den Städten Siziliens im Mutterland wage blieben und den Stoff für Legenden bildeten. Die Gesandtschaft aus Selinus, die den Athenern den scheinbaren Reichtum der Stadt vor Augen führte 6 oder die Geschichten, die man
5 Zum letzten Stadium der athenischen Expansion siehe Thuk. 7.50-87.
6 Thuk. 7.8.
5 sich am Vorabend des zweiten Perserkrieges von der Macht des sizilischen Tyrannen Gelon erzählte, 7 legen davon Zeugnis ab. Als Inbegriff von Macht und Reichtum auf Sizilien wurde immer wieder Syrakus gesehen, die Stadt im Südosten der Insel, die auch die Hauptlast des Kampfes gegen die Athener trug.
Bei der Betrachtung des athenischen Unternehmens auf Sizilien fällt auf, daß viele griechische Staaten Siziliens ihre Streitigkeiten vorübergehend begruben und sich gegen den Feind von außen wandten. In seiner Rede vor der Volksversammlung in Syrakus betonte Hermokrates die Notwendigkeit der Einheit der sizilischen (und italischen) Griechenstaaten gegen äußere Feinde. 8 Man verstand sich als autonomer Teil der griechischen Welt und war grundlegend bereit, die inneren Konflikte zurückzustellen, wenn eine Bedrohung von außen dies verlangte. Vom Beginn der griechischen Kolonisation in Sizilien an, war man gezwungen gewesen, sich gegen Feinde, gegen "Barbaren" zur Wehr zu setzen, sei es gegen die indigenen Völker der Sikaner und Sikeler oder gegen die Großmacht Karthago, die sich im Westen der Insel ihre Stützpunkte gesichert hatte. Auf diese Tradition berief sich nun Hermokrates auch gegen Griechen aus dem Mutterland. Ob es eine Art "panhellenische Idee des westlichen Griechentums" gab, mag dahingestellt bleiben, offenbar war man sich jedoch seiner Sonderstellung bewußt, aufgrund der räumlichen Entfernung vom Mutterland und der spezifischen Verhältnisse im Westen (Karthagergefahr). Dies hat auch Dionysios im späteren erkannt und zur Herrschaftslegitimation instrumentalisiert, um so mehr, als er zu den Anhängern des Hermokrates zählte und sich auch als dessen politischer Erbe betrachtete. 9 Als letzter Punkt sei an dieser Stelle noch erwähnt, daß sich beide Seiten, sowohl Athener als auch Syrakusaner, als Hauptgegner der Invasoren, durch eine zerstrittene Führung und tiefe innenpolitische Konflikte während des Krieges lähmten. 10 Die athenischen Feldherrn Nikias, Alkibiades und Lamachos (und später Demosthenes) konnten sich auf keinen einheitlichen Kriegsplan verständigen, politische Intrigen in Athen sorgten für die Flucht des Alkibiades ins Exil. Auch in Syrakus war man uneinig über die Art der Kriegführung, erst mit der Ankunft des Spartaners Gylippos änderte sich die Situation. War es eine Tatsache, daß sich die Demokratie als unfähig zu effektiver Führung vor allem in Kriegszeiten erwiesen hatte? Das Mißtrauen gegen
7 Vgl. Dazu Hdt. 7.147.
8 Thuk. 7.33f.
9 Es sei hier auf Dionysios’ Heirat mit der Tochter des Hermokrates verwiesen (Diod. 13.96.).
6 einflußreiche Führer, die politischen Intrigenspiele und Verleumdungen, beraubten sie die Polis ihrer fähigsten Köpfe? War die demokratische Staatsform überhaupt vereinbar mit imperialer Großmachtpolitik, wie sie z.B. Athen betrieb? Diese und ähnliche Fragen, mußte man sich stellen, im Angesicht der militärischen Katastrophe, die über die Athener hereingebrochen war, und die Forderung nach der Alleinherrschaft eines einzelnen, fähigen Mannes mag hier und da laut geworden sein. Die inneren Konflikte in Syrakus nach dem Sieg über die Athener, die Auseinandersetzungen zwischen Oligarchen und radikalen Demokraten, die nach der Verbannung des Hermokrates ausbrachen, zeigen wie es um die Demokratie stand. Früher oder später konnte ein Mann, der skrupellos und geschickt genug war, diese Konflikte auszunutzen, unter günstigen äußeren Bedingungen, die Dinge von Grund auf verändern. 11 Die demokratische Tradition auf Sizilien stand auf wackeligen Füßen. Sie war nicht aus den sizilischen Verhältnissen gewachsen, es war ihr keine identitätsbildende Phase innerhalb des Demos vorangegangen. War die Demokratie ein "Import" aus dem Mutterland, dessen eigentliche Grundlagen auf Sizilien nie existiert hatten? Ihre größte Macht und Prosperität hatten die Staaten Siziliens unter den Tyrannen von Akragas, Gela und Syrakus erreicht. Die Abwehr der karthagischen Invasion von 480 in der Schlacht bei Himera war unter dem Tyrannen Gelon erfolgt. Die größten und bedeutendsten Tyrannen der griechischen Geschichte finden wir auf Sizilien zu einer Zeit, als die Tyrannis im Mutterland bereits zu einem Anachronismus geworden war und den Beigeschmack der rechtlosen Gewaltherrschaft erhalten hatte. 12 All diese Aspekte verdienten es, einer genauen Analyse unterzogen zu werden, eine Arbeit, die hier nicht geleistet werden kann. Festzuhalten ist, daß Sizilien zwar integraler Bestandteil der griechischen Welt war, jedoch aufgrund der räumlichen Entfernung, spezifischer demographischer und politischer Verhältnisse eine Sonderstellung beanspruchen konnte.
II. Der Karthagerkrieg und der Aufstieg des Dionysios
10 Ein Versuch des Vergleichs der politischen Systeme in Athen und Syrakus bei Caven, S. 10-16.
11 Zum Verfahren gegen Alkibiades siehe Thuk. 6.53, 60f. Zur Uneinigkeit der athenischen Führer vgl. Thuk. 6.47-50; 7.46-49.
12 Zur Charakterisierung der Tyrannis auf Sizilien siehe: Finley, M.I.: Das antike Sizilien, München 1979, S. 79-83.
7 Nachdem die Invasionsstreitmacht der Athener im Jahre 413 v. Chr. vernichtet worden war, wurden die inneren Konflikte in Syrakus erneut bestimmend. Die Verbannung des Hermokrates stellte einen Höhepunkt dieser Auseinandersetzungen dar. Radikale Demokraten unter Diokles lagen in dauerhaftem Streit mit den Oligarchen, und da die Verhältnisse in vielen Städten Siziliens ähnlich lagen, mußten die sizilischen Poleis von außen das Bild eines, von Machtkämpfen zerrissenen und geschwächten Gebildes bieten. Der Konflikt zwischen Selinus und Egesta flammte erneut auf, und Egesta wandte sich mit der Bitte um Unterstützung diesmal an Karthago. Mit der Landung eines karthagischen Heeres auf Sizilien im Jahre 409 trat ein beständig existenter Machtfaktor wieder auf den Plan. 13 Die Auseinandersetzung mit der mächtigsten See- und Handelsmacht im westlichen Mittelmeer mußte sich aus der strategischen und handelspolitischen Position Siziliens zwangsläufig ergeben. Die Nähe Siziliens zum nordafrikanischen Kernland Karthagos und die Lage der Insel an der Schnittstelle zwischen östlichem und westlichem Mittelmeer ließen sie zu einem bedeutenden Faktor karthagischer Politik werden. Die unmittelbare Nachbarschaft von Griechen und Karthagern auf Sizilien verlieh dem griechischen Teil den Charakter einer vorderen Bastion des Griechentums gegen die 'Barbaren' des Westens. Die letzte große Auseinandersetzung wurde mit der bereits erwähnten Schlacht von Himera im Jahre 480 entschieden. Der Gegensatz zwischen Phöniziern und Griechen sollte allerdings nicht überbewertet werden. Immerhin waren die Beziehungen beider Völker über 70 Jahre hin friedlich gewesen, und Städte wie Akragas und Selinus profitierten erheblich von gegenseitigen Handelsbeziehungen. Nach siebzig Jahren flammte nun aber der Konflikt erneut auf, wahrscheinlich begünstigt durch den Krieg im Mutterland, der eventuelle Hilfsleistungen von dort erschwerte. 14 Die Karthager unter ihrem Feldherrn Hannibal errangen schnell bedeutende Erfolge und eroberten Selinus und Himera nach kurzer Belagerung. Beide Städte wurden geplündert und zerstört, auch eine kleine Entsatztruppe unter der Führung des Diokles konnte die Einnahme Himeras nicht verhindern und zog sich nach Syrakus zurück. Inwiefern diese karthagische Invasion eine vitale Bedrohung des Griechentums auf Sizilien war, soll hier nicht diskutiert werden. Die Zerstörung
13 Zur Verbannung des Hermokrates siehe Diod. 13.63, zum neuen Konflikt zwischen Selinus und Egesta und dem
Hilferuf an Karthago Diod. 13.43.
14 Karthagische Intentionen auf Sizilien siehe Stroheker, S. 35f.
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Rohland Schuknecht, 1998, Dionysios I. von Syrakus, Munich, GRIN Publishing GmbH
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