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Inhalt
Seite
I Einleitung 3
II Der Ursprung der Artuslegende 4
III Die Historia Regum Britanniae in ihrer Zeit
I Galfreds Werk als Geschichtsschreibung 6
II Galfred und die Renaissance des 12 Jahrhunderts 8
IV Artus in der Historia Regum Britanniae
I Die keltische und die klassische Tradition 10
II Die anglo-normannische Tradition 12
V Die Historia Regum Britanniae Ein mythologisches Konstrukt
I Die Artuslegende als Legitimationsmythos 15
II Die Weiterentwicklung der Artuslegende 18
VI Schlussbemerkungen 23
Bibliographie 25
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Ad tantum etenim statum dignitatis britannia tunc reducta erat.
quod coma luxu ornamentorum. facetia incolarum. cetera regna excellebat. 1 I. Einleitung
In der vorangestellten Passage seiner Historia Regum Britanniae erweist Galfred von Monmouth einer Ära der britischen Geschichte Referenz, die von der modernen Forschungwohl nicht zu Unrecht - mit dem Prädikat „Dark Ages“ belegt wird. Gemeint ist der Zeitraum zwischen dem Verfall römischer Macht in der ehemaligen Provinz Britannia im 4. Jahrhundert und der Etablierung der angelsächsischen Königreiche im 6./7. Jahrhundert. Die Verlegenheit, in der sich die Historiographie befindet, wenn es gilt, ein schlüssiges und möglichst präzises Bild jener Epoche zu zeichnen, wird bei der Lektüre einschlägiger Darstellungen zu dieser Zeit deutlich. Es entsteht tatsächlich der Eindruck eines düsteren Zeitalters, geprägt vom verzweifelten Abwehrkampf halbromanisierter Kelten gegen Angeln, Sachsen, Scoten und Pikten, einhergehend mit der Zerstörung urbaner und agrarischer Strukturen, dem Rückzug des Christentums und der Flucht ganzer Bevölkerungsteile auf das Festland. 2 Dem steht ein „Bestseller“ des Mittelalters gegenüber - Galfreds Historia Regum Britanniae. Der Gelehrte des 12. Jahrhunderts schildert die Geschichte der britischen Könige als ein grandioses Epos. Die HRB legt Zeugnis ab von der einstigen Macht des keltischen Britannien, beginnend mit dem Stammvater aller Briten, dem trojanischen Flüchtling Brutus, über die Eroberer Roms, Brennius und Belinus, bis hin zum größten aller britischen Herrscher, dem sagenumwobenen König Artus. Artus führt sein Volk zum letzten großen Sieg gegen die angelsächsischen Eindringlinge und bricht zur Eroberung der Welt auf. Im Augenblick des größten Triumphs - er steht kurz vor der Eroberung Roms - wird Artus dann durch den Verrat seines Neffen Mordred Symbol für den Anfang vom Ende des alten Britannien.
Die Vitalität der Artuslegende zeigt sich bis heute in populären Bearbeitungen in Film und Literatur aber auch in Publikationen wissenschaftlichen und halbwissenschaftlichen Charakters. Galfred steht nicht am unmittelbaren Anfang dieser Tradition, doch die HRB machte die Gestalt des Artus greifbar, legte den Grundstein für einen der großen Mythen des Abendlandes.
1 Geoffrey of Monmouth: Historia Regum Britanniae IX.13.(Im Folgenden abgekürzt HRB). Zitate sind, sofern nicht anders vermerkt, folgender Ausgabe entnommen: Acton Griscom (Hrsg.): The Historia Regum Britanniae of Geoffrey of Monmouth with Contributions to the Study of its Place in Early British History, London 1929 (Nachdruck Genf 1977). Hierbei wurde die etwas eigentümliche Punktierung beibehalten, Querverweise auf die verschiedenen Abweichungen in anderen Manuskripten der HRB jedoch nicht übernommen.
2 Siehe J.N.L. Myres: The English Settlements, (Oxford History of England), Oxford 1986.
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Im folgenden soll weniger der Wahrheitsgehalt als vielmehr die Konstruktion, Funktion und Rezeption dieses „Mythos“ analysiert werden. Welches Bild entwirft Galfred vom größten aller britischen Könige? Aus welchen spezifischen historischen Bedingungen läßt es sich erklären? Wie kommt es, daß ein Angehöriger der intellektuellen Elite im anglo-normannischen England des 12. Jahrhunderts ausgerechnet den keltischen Briten nicht nur eine große Vergangenheit, sondern auch einen großen König gibt? Wie wurde das Werk und besonders die Artusgeschichte aufgenommen, interpretiert und verarbeitet?
Der Ausblick auf die zahlreichen Wandlungen, die der Artusmythos im Laufe der Zeit erfuhr, kann nur ein oberflächlicher sein. Das ergibt sich allein aus der Fülle des Materials. Wichtig ist es jedoch, die Ansätze in der HRB hervorzuheben, die den Keim späterer Traditionen bereits in sich trugen. So entwickelt sich Artus sehr schnell von einer (pseudo-) historischen, räumlich und zeitlich relativ klar definierten Figur zu einer enthistorisierten Gestalt, die im Mittelpunkt eines universellen mythologischen Systems steht. Die Kernfrage ist, ob bereits Galfreds Artusgeschichte eindeutige Züge eines mythologischen Konstrukts in sich birgt und wenn ja, warum.
II. Der Ursprung der Artuslegende
In der Einleitung wurde die zentrale Stellung der Artuslegende innerhalb der HRB betont. Buch neun und zehn befassen sich ausschließlich mit der Regierungszeit dieses Königs. Der Wert der HRB als historische Quelle wird von der Forschung widersprüchlich beurteilt. Dies läßt sich anhand der Artusgeschichte besonders gut veranschaulichen. In Überblicksdarstellungen zur Geschichte Englands taucht Artus noch immer als „sagenhafter“ oder „legendärer“ König der Kelten auf. 3 John Morris bezeichnete den Zeitraum zwischen 350 und 650 noch im Jahre 1973 als „Arthurian Age“. 4 Damit wird bereits ein Grundproblem in der Beurteilung der
HRB als mythisches Konstrukt deutlich: der Mythos läßt sich nicht eindeutig aus dem histori-
schen Kontext herausschälen. Dieser Umstand ist vor allem durch das Fehlen schriftlicher Quellen aus der Zeit selbst bedingt. Er ergibt sich jedoch auch aus der Tatsache, daß die Grundzüge des historischen Diskurses, wie er sich heute darstellt, auch in Galfreds Werk durchaus vorhanden sind: die allmähliche Invasion germanischer Völker in Britannien und der Abwehrkampf der keltischen Bevölkerung. Insofern genügt es nicht, den Mythos als „Ersatz-
3 SiehePeter Wende: Geschichte Englands, Stuttgart/Berlin/Köln/Mainz 1985, S. 17 und Kurt Kluxen: Ge-
schichte Englands. Von den Anfängen bis zur Gegenwart , 4. Aufl., Stuttgart 1991, S. 13.
4 John Morris: The Age of Arthur. A History of the British Isles from 350 to 650, New York 1973.
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historie“ zu definieren, um ihn zweifelsfrei nachzuweisen. Es ist nicht Sinn und Zweck dieser Arbeit, die Historizität der Artusgestalt zu diskutieren. Dennoch zeigt sich gerade in der Debatte zu diesem Problem die Wirkungsmacht des mythischen Konstrukts. Myres z.B. gesteht Artus keine besondere Rolle in den Ereignissen des 5./6. Jahrhunderts zu. Er stützt sich hierbei vor allem darauf, daß der König in Gildas’ De excidio et conquestu Britanniae (um die Mitte des 6. Jahrhunderts), der einzigen überlieferten zeitgenössischen Quelle, keine Erwähnung findet:
His [Gildas’; Anm. d. A.] silence is decisive in determining the historical insignificance of this enigmatic figure. It is inconceivable that Gildas, with his intense interest in the outcome of a struggle that had been decisively settled in the year of his own birth, [gemeint ist der letzte große Sieg der Kelten über die Angelsachsen am Mons Badonicus im Jahre 504; Anm. d. A.] should not have mentioned Arthur’s part in it had it been of any political consequence. [...] No figure on the borderline of history and mythology has wasted more of the historian’s time. (Myres, S. 15f) Dieses Argument, so überzeugend es zunächst erscheinen mag, ist für Artusadepten keineswegs hieb- und stichfest, denn immerhin verweist Gildas in seiner kurzen Phillipica gegen die britischen Könige darauf, daß ihre Namen es nicht wert seien, der Nachwelt überliefert zu werden. 5 Auch der Benediktinermönch Beda, der seine Historia ecclesiastica gentis anglorum im Jahre 731 vollendete, erwähnt Artus nicht. Wie Hanning feststellt, stehen jedoch sowohl Gildas, als auch Beda in einer Tradition, welche Geschichte vorrangig als Heils- und Kirchengeschichte begreift. Säkulären Ereignissen wird nur insofern eine Bedeutung eingeräumt, als sie sich als exemplarische Vollstreckung göttlichen Willens auf Erden deuten lassen. So wird der Einfall der Angelsachsen bei beiden als göttliches Strafgericht interpretiert, welches direkt auf die Verderbnis der Briten gefolgt sei. Als Grundlage der Interpretation dienten die heiligen Schriften, insbesondere das alte Testament. 6 In der Historia Britonum aus dem neunten Jahrhundert (?) 7 taucht Artus dann plötzlich mehrmals auf. In zwölf Schlachten gelingt es ihm, die Sachsen zu schlagen, von denen die letzte die bereits erwähnte am Mons Badonicus war. Hier ist Artus jedoch noch nicht König, sondern nur ein erfolgreicher Heerführer (dux bellorum), ein christlicher Held, der das Bildnis der Jungfrau Maria auf seinen Schultern trägt und in der letzten Schlacht neunhun-dertundsechzig Heiden von eigener Hand erschlägt. Der Krieger Artus wird auch mit zwei
5 Vergleiche den kurzen Auszug aus Gildas in Richard White (Hrsg.): King Arthur in Legend and History, London 1997, S. 4. Gildas erwähnt jedoch den Namen des britischen Anführers Ambrosius Aurelianus im Zusammenhang.
6 Zu Gildas und Beda vgl. Robert W. Hanning: The Vision of History in Early Britain, S. 44-90. 7 Zur Historia Britonum, dem Problem der Datierung und der Autorenschaft siehe Hanning, S. 91-120.
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wundersamen Vorfällen in Verbindung gebracht, von denen die Historia kurz berichtet (White, S. 5f).
Anfang des zwölften Jahrhunderts, noch vor Galfreds HRB, erscheint Artus dann in mehreren Viten walisischer Heiliger. Diese waren wohl überwiegend „Auftragsarbeiten“ der Klöster an der englisch-walisischen Grenze. Im Zuge der normannischen Neuordnung des geistlichen und weltlichen Besitzes suchten diese ihre Stellung gegenüber den neuen Herren zu behaupten, indem sie einerseits das Alter und die ehrwürdigen Ursprünge der Abteien betonten, andererseits ihre Gründung auf allgemein anerkannte Heilige zurückführen ließen. Artus spielt dabei meist die Rolle des machthungrigen Tyrannen, der in der Auseinandersetzung mit dem betreffenden Heiligen zurechtgewiesen wird und daraufhin Schenkungen von Land und die Verleihung bestimmter Privilegien verfügt. Die Artusfigur wird also benötigt um althergebrachte Rechte und Besitztümer der Klöster gegenüber neuen Ansprüchen zu legitimieren. Legitimation durch Tradition - auch im Mittelalter eine gängige Formel, wenn es darum ging, die eigene Identität und Stellung innerhalb der Gesellschaft zu definieren. Dennoch bleibt Artus in den hagiographischen Zeugnissen des 12. Jahrhunderts eine nebulöse Figur. Seine eigentliche Stellung wird nie genauer erläutert, und nur manchmal erhält er überhaupt die Bezeichnung „Rex“. Damit tritt er gegenüber den verhältnismäßig genauen Bildern, die von anderen britischen Königen gezeichnet werden, in den Hintergrund. Es scheint fast, man habe in Ermangelung einer fixierten ehrwürdigen Tradition einen großen König, einen Helden und Monstertöter erfinden müssen, als man seiner bedurfte. 8
III. Die „Historia Regum Britanniae“ in ihrer Zeit
I. Galfreds Werk als Geschichtsschreibung
Eingangs wurde die HRB als ein „Bestseller“ des Mittelalters bezeichnet. Dies ist keineswegs übertrieben, wenn man in Rechnung stellt, daß noch heute fast 200 Manuskripte erhalten sind, eine überaus hohe Zahl für ein Werk des 12. Jahrhunderts. Noch vor dem Jahre 1139 vollendet, erfuhr die HRB bald nicht nur in England, sondern auch auf dem Kontinent (meist in französischen Übersetzungen) eine bemerkenswert große Verbreitung. Bis in die Renaissance hinein galt Galfred als erste Autorität, wenn es um die Geschichte
8 Zur Rolle der Artus-Figur in den Heiligenviten des 12. Jahrhunderts siehe Jeff Rider: „Arthur and the Saints“ in
Valerie M. Lagorio/Mildred Leake Day (Hrsg.): King Arthur Through the Ages, Bd. 1, New York/London 1990,
S. 3-17.
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des alten Britannien ging. Kritische Stimmen wie die des Willhelm von Newburgh (Histo- riaRegum Anglicarum; um 1196), der die HRB als Phantasiegebilde brandmarkte, taten der Popularität des Werkes keinen Abbruch, ebensowenig, wie sie dessen - wenn auch nicht gänzlich unkritische - Aufnahme in den historiographischen Kanon des Mittelalters verhindern konnten. Selbst erbitterte Kritiker Galfreds stellten z.B. die Existenz des Königs Artus nicht in Abrede. Wenn auch viele mittelalterliche Autoren Kürzungen und Veränderungen an Galfreds Version vornahmen - so werden beispielsweise die auswärtigen Eroberungen des Artus oftmals gar nicht oder nur zum Teil erwähnt - übernahm man doch die Angaben der HRB sofern sie sich auf Britannien selbst bezogen. Dabei wurden auch offen-kundige Übertreibungen wie die Zahl der Feinde, die Artus von eigener Hand am Mons Badonicus tötete, akzeptiert bzw. ähnliche Zahlen genannt. Hatte Galfred die in der Historia Britonum angegebene Zahl von 960 auf 470 reduziert (HRB IX.4.), so nannte z.B. Richard von Cirencester 460, Robert von Gloucester 470 und die Flores-Chroniken 840. 9 Stellvertretend für die neuartige Auseinandersetzung mit der HRB und anderen Quellen des frühen und hohen Mittelalters vor allem im 16. und beginnenden 17. Jahrhundert steht dann Miltons Urteil. In seiner History of Britain verwirft er den Gedanken an die Historizität des Königs endgültig und markiert damit das vorläufige Ende einer Debatte, die erst im 20. Jahrhundert erneut wieder aufgenommen werden sollte. 10 Wie läßt sich die große Popularität des Werkes erklären, und warum stellte es über Jahr-hunderte ein Standardwerk zur Geschichte des keltischen Britannien dar? Die Gründe sind vor allem in der Anlage der HRB selbst, aber auch in der Zeit, in der sie erschien, zu suchen. Zum einen stellt Galfred sein Werk bewußt in die Tradition anerkannter Autoritäten. Im Vorwort erwähnt er Gildas (auch in I.17.) und Beda und zeigt sich erstaunt, daß jene die Taten der britischen Könige - insbesondere die des Artus - nicht erwähnt hätten, welche doch in der mündlichen Überlieferung noch immer präsent wären. Des weiteren behauptet er, seine Ausführungen seien lediglich die lateinische Übersetzung eines sehr alten Buches in britischer Sprache, welches er von Walter, dem Erzdiakon von Oxford, erhalten haben will:
Talia mihi & de talibus multociens cogitanti optulit walterus oxenefordensis archidiaconus uir in oratoria arte. atque in exoticis hystoriis eruditus quendam britannici sermonis librum uetustissimum. qui a bruto primo rege britonum usque ad cadualadrum filium caduallonis actus omnium continue & 9 Siehe Christopher Dean: Arthur of England. English Attitudes to King Arthur and the Knights of the Round Table in the Middle Ages and the Renaissance, Toronto/Buffalo/London 1987, S. 10f.
10 Eine ausführliche Diskussion der Aufnahme des Artus-Motivs in die mittelalterliche Historiographie bietet das erste Kapitel „Arthur and the Historians“ in Dean, S. 3-31.
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Rohland Schuknecht, 2000, König Artus in der Historia Regum Britanniae des Galfred von Monmouth, Munich, GRIN Publishing GmbH
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