INHALTSVERZEICHNIS
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I. Einleitung 1
II. P r o b l e m b e z o g e n e E i n f ü h r u n g i n d i e A r g u m e n t a t i o n
Machiavellis 2
II.1. Die konstanten Elemente im Denken Machiavellis 2
II.1.1. Die Weltsubstanz 2
II.1.2. Die menschliche Natur 3
II.1.3. Die Geschichte 5
II.2. Das Modell des Verfassungszyklus bei Machiavelli 5
II.3. Einflußmöglichkeiten im Zyklusmodell und daraus abgeleitete Aufgabe
des Staates bei Machiavelli 7
II.3.1. Aufgabe des Staates und Funktion der virtù 8
III. Versuch einer Rekonstruktion Machiavellis über antike
Autoren 11
III.1. Verfassungslehre in der Antike 11
III.2. Zusammenfassung und die Frage nach Aufgabe und Sinn des
Staates 16
IV. Schlußbetrachtung: Machiavelli und die Renaissance 18
V. Literatur 20
I Einleitung
„Es ist von der Natur den menschlichen Dingen nicht gestattet, stille zu stehen. Wie sie daher ihre höchste Vollkommenheit erreicht haben und nicht mehr steigen können, müssen sie sinken. Ebenso, wenn sie gesunken sind, durch die Unordnung zur tiefsten Niedrigkeit herabgekommen, und also nicht mehr sinken können, müssen sie notwendig steigen. So sinkt man stets vom Guten zum Übel und steigt vom Übel zum
Guten.“ 1
„Wenn man die alten und neuen Begebenheiten betrachtet, erkennt man leicht, dass alle Städte und alle Völker von jeher dieselben Wünsche und Launen hatten, so ist es ein leichtes die
zukünftigen Ereignisse vorherzusehen.“ 2
Das Denken Machiavellis steht seit mehreren Jahrhunderten im Mittelpunkt einer intensiven Diskussion. Dabei geht es häufig um die Frage, ob aus seinen Schriften der Machiavellismus abgeleitet werden kann, ob er als der erste Vertreter der Lehre von der Staatsraison gelten kann und wie seine Wirkungsgeschichte zu beurteilen ist.
Diese Arbeit wird den Schwerpunkt auf andere Elemente des machiavellischen Denkens legen: im Mittelpunkt steht dabei die Theorie des zyklischen Verfassungswandels und die damit eng verbundenen Aspekte, sowie der Vergleich der Argumentation Machiavellis mit der seiner Vorbilder aus der griechischen und römischen Antike, vor allem Platon, Aristoteles, Polybios und Cicero. Dass Livius, der von Machiavelli in den Discorsi als Quelle verwendet wird, nicht berücksichtigt wird, ergibt sich aus der Fragestellung dieser Arbeit.
Im Zentrum des Interesses steht also die im Titel 3 angedeutete Frage: ‚passiert wirklich nichts in der Geschichte?‘‚passiert nur nicht unvorhersehbares bzw. neues?‘ oder ‚passiert nichts, weil die Entwicklung stets zum Ausgangspunkt zurückkehrt?‘ Es geht also nicht um eine Überprüfung seiner Quellenarbeit in bezug auf Livius, sondern vielmehr um eine Rekonstruktion der Theorie des Verfassungswandels und der damit zusammenhängenden Faktoren und um den Versuch einer Erläuterung dieser Argumentation aus den genannten antiken Denkern.
Dafür ist es nötig, problembezogen in die Argumentation Machiavellis einzuführen (II). Zuerst einmal werden hier die zugrunde liegenden Ansichten Machiavellis zu konstanten Elementen (II.1.) wie der Weltsubstanz (II.1.1.), dem Menschenbild (II.1.2.) und der Geschichte (II.1.3.)
1 Machiavelli zitiert in: Hans-Dieter Stell: „Machiavelli und Nietzsche- eine strukturelle Gegenüberstellung ihrer Philosophie und Politik“, Inaugural-Dissertation, München, 1987, S. 43, (im folgenden zitiert als: Stell: „Machiavelli und Nietzsche“).
2 Niccolò Machiavelli: „Hauptwerke. Vom Staate. Vom Fürsten. Kleine Schriften“, Parkland Verlag, Köln, 2000, S. 120, (im folgenden zitiert als: Machiavelli: „Hauptwerke“).
3 Georges Perec (1936-1982): französischer Soziologe, Schriftsteller und Mitglied der Gruppe ‚OuLiPo‘.
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dargestellt. Auf dieser Basis kann anschließend sein Modell des Verfassungszyklus (II.2.) nachgezeichnet werden. Abschließend ist es noch von Bedeutung, die Aufgabe bzw. Einflusssphäre der Politik und des Menschen und die ihm zur Verfügung stehenden Mittel innerhalb dieses Zyklus zu skizzieren (II.3.). Dabei stehen der virtù-Begriff und die Funktion des Staates (III.3.1.), im Mittelpunkt. Im folgenden werden die für Machiavelli
herausgearbeiteten Aspekte mit Hilfe der antiken Autoren untersucht (III.). Es erscheint dabei sinnvoll, zuerst (III.1.) von der unter II.2. erarbeiteten zyklischen Verfassungstheorie auszugehen, und im folgenden (III.2.) im Rahmen einer Zwischenbilanz noch auf damit verbundene Theorieelement wie Menschenbild und Aufgabe des Staates Bezug zu nehmen. Unter IV wird abschließend interessieren, inwieweit sich diese Zusammenhänge und Widersprüche zwischen Antike und Machiavelli aus dem Zeitkontext Machiavellis, d.h. der politischen Krisensituation Italiens, heraus erklären lassen. Dabei stehen wiederum Menschenbild und Zyklusmodell im Mittelpunkt, ergänzt durch die Frage, inwieweit Machiavelli als ‚Kind seiner Zeit‘ zu bewerten ist.
II Problembezogene Einführung in die Argumentation Machiavellis
Im Zentrum unseres Interesses steht in bezug auf Machiavelli sein Modell des zyklischen Verfassungswandels, also der dynamische Bereich seines politischen Denkens. Um diesen darstellen zu können, ist es jedoch notwendig, zuerst einmal die dieser Dynamik zugrunde liegenden konstanten Elemente in Machiavellis Denken herauszuarbeiten, denn es sind „gerade diese Momente der Unveränderlichkeit, die, da außerhalb des Zyklus stehend, gleichsam dessen Prämissen und somit den Rahmen bilden, in dem zyklischen Geschehen abläuft.“ 4
II.1. Die konstanten Elemente im Denken Machiavellis
II.1.1. Die Weltsubstanz
Die erste wichtige Konstante bei Machiavelli ist die Weltsubstanz, sozusagen das Gesamtmaß an Energie und Leistungsfähigkeit, das auf der Welt vorhanden ist. Diese Energie ist eine unter dem Begriff der virtù sich durch sein gesamtes Werk ziehende zentrale Größe, die unter III.3.1. und IV.1. noch genauer untersucht wird. Entscheidend für die Konstruktion seines Zyklusmodells ist die Tatsache, dass Machiavelli diese Energie als konstant betrachtet, denn „die Welt war stets dieselbe. Es gab darauf immer soviel Gutes als Böses, allein dieses Böse und dieses Gute wechselten von Land zu Land. So wissen wir, dass die alten Reiche durch den Wechsel der Sitten von einem Land aufs andere übergingen. Die Welt jedoch blieb (...) dieselbe.“ 5
4 Stell: „Machiavelli und Nietzsche“, S. 31.
5 Machiavelli: Hauptwerke, S. 168.
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Diese Konstanz der weltimmanenten virtù ist eine erste wichtige Voraussetzung für Machiavellis Anliegen, die Geschichte als Ansammlung von beispielhaften Handlungsmöglichkeiten zu verwenden, nur wenn die Konstanz einiger Faktoren in der Geschichte erkannt wird, kann nach Machiavelli die Dynamik der übrigen erklärt und nutzbar gemacht werden, nur so kann die Geschichte als Lehrmeisterin dienen, und das Problem umgangen werden
„dass man keine wahre Kenntnis der Geschichte besitzt, dass man, wenn man sie liest, nicht den Sinn, wenn man sie kostet, nicht den Geschmack aus ihr zieht, den sie in sich schließt. (...) Als wenn der Himmel, die Sonne, die Elemente, die Menschen in Bewegung, Ordnung und Kraftvermögen verschieden wären von dem, was sie im Altertum waren.“ 6 Um seine Geschichtsauffassung und das Zyklusmodell begründen zu können, ist jedoch noch eine zweite konstante Größe von zentraler Bedeutung.
II.1.2. Die menschliche Natur
Machiavelli nimmt auch in bezug auf die Natur des Menschen eine Konstanz an, denn „wenn man die alten und neuen Begebenheiten betrachtet, erkennt man leicht, dass alle Städte und alle Völker von jeher dieselben Wünsche und Launen hatten.“ 7 Hierbei ist allerdings zu beachten, dass Machiavelli diese Konstanz nicht auf den konkreten Menschen oder einzelne Völker bezieht, sondern auf „die Summe der menschlichen Leidenschaften und Fähigkeiten“ 8 . Diese Grundstrukturen des menschlichen Handelns sind der gleichbleibende Antrieb für die geschichtliche Entwicklung. Machiavelli setzt also keineswegs alle Menschen auf eine Stufe, sondern vergleicht sie in bezug auf ihren virtù-Gehalt, der unterschiedlich sein muss, da er, für die gesamte Welt betrachtet, zwar konstant bleibt (vgl. II.1.1.), aber eben „durch den Wechsel der Sitten von einem Land aufs andere“ 9 übergeht.
Wie ist nun diese konstante menschliche Natur für Machiavelli beschaffen? In scharfer und begründeter („Da ich aber etwas Nützliches für die Unterrichteten schreiben will, so dürfte es (...) besser sein, wenn ich dem wirklichen Wesen der Sache nachgehe, als einem Phantasiebild von ihr“ 10 ) Abgrenzung zu anderen Renaissanceautoren wie Pico della Mirandola, der „den Menschen als Wesen, das aufgrund seiner Freiheit außerhalb der Seinsordnung steht“, 11 feierte,
6 ebd., S. 26.
7 ebd., S. 120.
8 Herfried Münkler: „Machiavelli. Die Begründung des politischen Denkens der Neuzeit aus der Krise der Republik Florenz“, Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 1984, S. 255, (im folgenden zitiert als: Münkler: „Machiavelli“).
9 Machiavelli: Hauptwerke, S. 168.
10 ebd., S. 447.
11 Wolfgang Kersting: „Niccolò Machiavelli“, Beck´sche Reihe, Band 515, Verlag C.H. Beck, München 2 , 1998, S. 31, (im folgenden zitiert als: Kersting: „Machiavelli“).
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betont Machiavelli die schlechten Eigenschaften der menschlichen Natur. So gilt für ihn, dass „wer einer Republik Verfassung und Gesetze gibt, notwendig alle Menschen als böse voraussetzen muss, und dass sie so oft die Verkehrtheit ihres Gemüts zeigen werden, als ihnen Gelegenheit dazu wird.“ 12
Für ihn ist der Mensch von Grunde auf schlecht und von seinen Leidenschaft, allen voran von ambizione geprägt, die zum Ausbruch kommt, falls der Mensch nicht gewaltsam oder durch gute Gesetze davon abgehalten wird. Was genau Machiavelli unter den schlechten Leidenschaften versteht, verdeutlicht er selbst: „alle Menschen sind undankbar, unbeständig, heuchlerisch, furchtsam und eigennützig.“ 13
Allerdings sind bei der Beurteilung dieses negativen Menschenbildes zwei Aspekte zu berücksichtigen: zum einen die Tatsache, dass für Machiavelli nicht der Mensch insgesamt, sondern „nur die politischen Auswirkungen menschlichen Verhaltens von Interesse sind.“ 14 Zum anderen ist zu beachten, dass Machiavelli dem Menschen eine Erziehbarkeit zutraut, die durch politische Maßnahmen genutzt werden kann:
„Man sagt daher, Hunger und Armut machen die Menschen betriebsam, die Gesetze machen sie gut. Wo von selbst ohne Gesetz gut gehandelt wird, ist das Gesetz nicht nötig; wenn aber diese Gewohnheit aufhört, dann ist sogleich das Gesetz notwendig.“ 15
Machiavelli vertritt also in bezug auf die Ebene des Politischen ein konstantes, negatives Menschenbild, das jedoch den optimistischen Ansatz der Lernfähigkeit impliziert, „in dem Sinne, dass alle Menschen grundsätzlich befähigt sind, virtù zu entfalten“ 16 . Es wird aber noch zu untersuchen sein, inwieweit dieses Menschenbild als realistisch oder als notwendige Hypothese für das Theoriemodell zu bezeichnen ist.
Die bisher dargestellten konstanten Elemente bilden wichtige Grundlagen in Machiavellis Geschichtstheorie: mit Hilfe des Menschenbildes und der Weltsubstanz sind erste Bedingungen für den machiavellischen Umgang mit Geschichte geschaffen, denn
„die in der Geschichte feststellbare, unterschiedliche Ansammlung der Weltsubstanz- ablesbar am virtù-Gehalt des einzelnen oder eines Volkes- führt zur Thematisierung der Bedingungen, unter denen diese Kraft existent ist.“ 17
Um jedoch der Argumentation Machiavellis vollständig folgen zu können, ist noch ein letztes konstantes Element zu erwähnen.
12 Machiavelli: Hauptwerke, S. 37.
13 ebd., S. 452.
14 Andreas Fuhr: „Machiavelli und Savonarola. Politische Rationalität und politische Prophetie“, Kontexte, Band
2, Peter Lang Verlag, Frankfurt a.M., 1985, S. 153.
15 Machiavelli: Hauptwerke, S. 37f.
16 Stell: „Machiavelli und Nietzsche“, S. 48.
17 ebd., S. 36f.
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Quote paper:
Max Orlich, 2002, "Il ne se passe rien en somme" - Machiavellis Verfassungszyklus im Kontext seiner antiken Vorbilder, Munich, GRIN Publishing GmbH
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