Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Annäherungsversuche 3
2.1 Der historische Hintergrund 3
2.2 Bildung eines Gottesbegriffes 4
3. Religiosität in der Kindheit Maltes 7
4. Entwicklung eines Privatglaubens 9
4.1 Die Frucht -Kern-Metaphorik 9
4.2 Der Kern als Weltinnenraum 10
4.3 Die ambivalente Kraft 12
5. Vom Heiligsein zur Einsamkeit 13
6. Die Gottesanalogie 15
7. Malte - der verlorene Sohn 17
8. Abschließende Bemerkungen 18
9. Bibliographie 20
Abk ürzungsverzeichnis:
S ämtliche Fußnoten, die mit MLB betitelt sind, verweisen auf:
Rainer Maria Rilke. Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge.
Kommentierte Ausgabe Stuttgart: Reclam, 1997
1. Einleitung
Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (im Folgenden: Aufzeichnungen) von Rainer Maria Rilke sind für ihre Leserschaft nur schwer zugänglich. Michael Kahl stellt eine „Tendenz zur Verselbständigung der Teile […]“ 1 fest und tatsächlich erscheinen die einzelnen Aufzeichnungen eher in sich selbst geschlossen, als eine durchgehende Struktur aufzuweisen. Die Tagebuchform des Romans hebt die epische Distanz zwischen dem Protagonisten Malte und dem Leser auf und es lässt sich vermuten, dass Rilke diese Form bewusst wählte, um seine Intention möglichst realistisch zum Ausdruck zu bringen: die Darstellung der Bewegtheit des Lebens.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit einem heutzutage an Bedeutung abnehmenden Aspekt des Lebens: dem Glauben. Leben und Tod werden seit jeher mit dem Glauben an etwas verbunden, tatsächlich lässt sich feststellen, dass der Mensch die unterschiedlichsten Bemühungen unternimmt, um das Leben aus einer bloßen In-die-Welt- geworfenen Existenz in eine höhere Daseinsform zu erheben. Die Suche nach einem Sinn findet auch bei Rilke statt, der den Malte als Sprachrohr gebraucht und sein einziges Prosawerk so strukturie rt, dass es, neben unzähligen Nebenhandlungen, das Leben, wie Rilke es sah, perfekt widerspiegelt. Die einzelnen Aufzeichnungen ordnen sich als Mikrokosmen mit immanenter Bedeutung einem größeren, nicht deutlich ausgedrückten Makrokosmos unter und ergeben als Ganzes gesehen, im steten Wechselspiel zwischen Kern und Frucht, Innen und Außen, eine Lebensauffassung, die, typisch für ihre Entstehungszeit, sich von Gott als ordnendem Prinzip fortbewegt.
Es soll versucht werden, die Religiosität des Textes darzustellen und sie gegebenenfalls zum christlichen Glauben hin abzugrenzen. Damit dies möglich wird, orientiert sich die vorliegende Arbeit an einer selbstkonstruierten, reinweg themenbezogenen Struktur, die so nicht in den Aufzeichnungen erkennbar ist. Wenn mö glich, versuche ich Aspekte und Ergebnisse anderer Arbeiten zu den Aufzeichnungen mit einzubeziehen, doch es muss erwähnt werden, dass viele Interpretationen, besonders in den Kapiteln 3 -6, z.T. meine eigenen Gedanken wiedergeben, welche aufgrund des Mange l an umfassenderen Kenntnissen über das Gesamtwerk Rainer Maria Rilkes fehlerhaft und bestreitbar sein können. Darüber hinaus lassen sich sehr viel mehr als nur eine Deutungsweise auf die Aufzeichnungen anwenden, was die vorliegende Arbeit angreifbar macht.
Zunächst soll ein kurzer geschichtlicher Hintergrund gegeben werden, der Rilke geprägt hat, bevor eine Annäherung an dessen Gotteskonzeption stattfinden kann. Kapitel 3 durchleuchtet
1 Kahl, Michael. Lebensphilosophie und Ästhetik . S. 142
die Basis von Maltes religiöser Veranlagung und Kapitel 4 zeigt die möglichen Ingredienzien der Entwicklung einer privaten Gottesvorstellung auf. Anhand von Kapitel 5 soll die Veränderung des Glaubens allgemein und die Neupositionierung Maltes im Besonderen veranschaulicht werden, danach wird eine konkrete Gottesanalogie geze igt. Enden möchte ich mit einer kurz gehaltenen Betrachtung der Geschichte vom verlorenen Sohn und ihrer reminiszierenden Funktion, bevor eine zusammenfassende Reflektion über die angeführten Informationen diese Arbeit zum Abschluss bringen wird.
2. Annä herungsversuche
Bevor der Versuch unternommen werden soll, anhand der Aufzeichnungen die Frage nach der Gottesvorstellung Rilkes bzw. Maltes einzugrenzen und zu beantworten, soll hier kurz der historische Hintergrund rekapituliert werden, in dem der Dichter lebte und arbeitete.
2.1 Der historische Hintergrund
Die Moderne ist als eine Zeit der Widersprüche und Veränderungen ideologischer Orientierungen bekannt, man kann von einer Säkularisierung des Menschen sprechen. Der gesellschaftliche Umbruch durch den Prozess der Verstädterung zur Zeit der Jahrhundertwende hatte große Auswirkungen auf die Menschen.
Die so genannte zweite Phase der industriellen Revolution brachte neue Energiequellen wie die Elektrizität, sowie eine Fülle von wissenschaftlichen Neuentdeckungen, wie z.B. den Otto-Motor 1893. Die Trennung in eine naturwissenschaftliche und eine geisteswissenschaftliche Kultur wurde durch Forscher wie Robert Röntgen (1855: neue Art von Strahlen), Bequerells Erforschung atomarer Energien, Max Plancks Quantentheorie (1905) und Albert Einsteins spezieller, sowie allgemeiner Relativitätstheorie deutlich. In der Malerei erfolgte eine Lösung von der reinen Abbildung von Körpern und Gegenständen zu neuartigen Bildkompositionen, die auf den spontanen Wahrnehmungsaspekt des Betrachters zielten (z.B. Kandinsky und Picasso). Die Architektur propagierte um 1900 eine Reduzierung auf das Notwendige („Einkörperlichkeit“), indem sie sich am Funktionalismus orientierte (z.B. Londoner Glaspalast zur Weltausstellung). Auch neue Medien, wie der Stummfilm (Cinematograph der Gebrüder Lumiere), wurden Ausdrücke veränderter Wahrnehmung und Geschwindigkeit und später durch Thomas Edisons Kombination des Phonographen mit dem Cinetoscope im Tonfilm verbessert.
Ferdinand de Saussures Revolution der Sprachtheorie, Sigmund Freuds Modell der Psyche und natürlich Friedrich Nietzsches Versuch einer Umwertung aller existierender Werte (Ecce
homo 1888) prägten das Denken dieser Epoche fundamental. Nietzsches Religionskritik, dass der Gott am Kreuz der Fluch am Leben sei (Menschliches Allzumenschliches 1879), wurde von Karl Barth in seiner dialektischen Theologie kontrastiert. Er betont den individuellen Glauben und die autonome Selbstverantwortung des Subjekts (contra Heidegger). Gott ist ganz anders, d.h. nicht erkennbar, und sein Zentralbegriff der „Krisis“ fokussiert ein endzeitgerichtetes Denken über Gott, der durch das Paradoxon Jesus Christus geoffenbart wurde. Die Menschen überbieten sich in den Nichtigkeiten, anstatt ihrer sozialen Verpflichtung zur Gemeinschaft mit Gott nachzugehen, welcher dem Menschen in Form von Mitmenschen gegenübertritt.
Dieser tiefgreifende Wechsel der Lebensform brachte sinnes-psychologische (höhere Nervenaktivität durch massive Reizüberflutung) und sozialpsychologische (Entfremdung, Individualisierungskampf, Bevölkerungsexplosion) Veränderungen mit sich.
2.2 Bildung eines Gottesbegriffes
Biographische Tatsachen belegen, dass Rilke von seiner enggläubigen Mutter streng katholisch erzogen wurde und schon früh in Opposition zum Christentum trat entwickelte. 2 Nach Veronika Merz nutzte er das Biblisch-Christliche und machte es seiner eigenen autarken Gottesidee dienstbar. Die Frömmigkeit seiner Mutter erschöpfte sich in stimmungsbetonten Formen und beeinflusste den jungen Rilke nachhaltig. Seine Aversion speiste sich aus einer emotionalen und aggressiven Abwehrhaltung, nicht etwa aus einer intensiven Auseinandersetzung mit der katholischen Konfession im Sinne einer Erkenntnisgewinnung, und Merz betont weiter seine Tendenz zur Konfliktvermeidung, die ihn nicht aktiv gegenchristlich agieren ließ.
Erwähnt ist ebenfalls die Arbeit Gertrud Höhlers. 3 Diese legt die prinzipielle Problematik Rilkes mit der göttlichen Vater-Sohn-Beziehung dar und zeigt weiterhin das interessante Problem mit der Gottessohnschaft, das bei Rilkes Religiosität von Bedeutung zu sein scheint. Der Künstler erlebt demnach „Christus als seinen Rivalen, weil er selbst zum Verwalter und Mittler der diesseitigen und jenseitigen Botschaft wird und als Vollender seiner selbst und der Dinge, der Erde [funktioniert].“ 4 Der Künstler versteht sich jedoch nicht als Sohn Gottes sondern als Zentralfigur in dessen Schöpfung. Er leistet durch die Kunst den Beweis der Gottesexistenz, so dass Gott gewissermaßen vom Künstle r als moderner Prophet abhängig ist.
2 Merz, Veronika. Die Gottesidee in Rilkes Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. S. 262
3 Merz, S. 264
4 ibid
Allgemein lässt sich feststellen, dass Rilke sowohl in den Aufzeichnungen als auch in anderen Werken wie dem Stundenbuch Ausdrücke verwendet, die eng mit dem Christentum verbunden sind (z.B. Herrlichkeit, Himmelfahrt, Gott). Heinrich Imhof erkennt, dass „Gott“ bei Rilke eine reine Formel ist und sich nicht zwangsweise auf den Gott der Christenheit beziehen muss. 5 Imhof sieht in Rilkes Gottesbegriff einen neuen, unbekannten Gott, der an Freuds Konzeption des Unbewussten erinnert und ansatzweise dem alttestamentlichen Jahwe gleicht. Dieser Gott ist tot und muss erst noch geboren werden. Das geschieht beim Tod des Menschen: „Und also heiß ihn seiner Stunde warten, da er den Tod gebären wird, den Herrn […].“ 6
Hartmut Engelhardt sieht bei Rilke den Christengott, jedoch ist der Mensch von Gott getrennt und „Rilkes und auch Maltes Problem, der entglittenen Erfahrung sich neu zu vergewissern, wird zum Versuch eines Gottesbeweises.“ 7 Dies wird durch die Kunst ermöglicht. Nach Winfr ied Eckel bedarf die Liebe zu Gott der Verwirklichung durch künstlerische und dichterische Arbeit. 8 Die Utopie von einer Sprache, in der es zu dichten gilt, hat die Erhörung und Antwort Gottes zum Ziel.
Vielleicht ist dies Rilkes Motivation für die lang andauernde Arbeit an den Aufzeichnungen gewesen (8. Februar 1904 - 27. Januar 1910). In einem Brief an Lou Andreas-Salomé vom 10.8.1903 schreibt Rilke, dass er in Paris abends vor dem Einschlafen das 30. Kapitel im Buch Hiob liest. 9 Dort heißt es: „Ich schreie zu dir, und du antwortest mir nicht. Ich stehe da, doch du achtest nicht auf mich. In einen Grausamen verwandelst du dich mir, mit der Stärke deiner Hand feindest du mich an.“ 10 Um welchen unbekannten und grausamen Gott handelt es sich bei Rilke, dass er Hiobs Zorn in sich spürt und dessen Worte in sich für wahr erkennt, wenn es heißt: „Ja, Gutes erwartete ich, und es kam Böses. Und ich harrte auf Licht, und es kam Dunkelheit.“ 11
Kurt Klinger sieht im Stundenbuch einen missglückten Dialog mit Gott, da dieser dem Dichter trotz allen Beschwörens und Flehens nicht zu antworten schien. Zurückgewiesen spricht Rilke ihm alle Macht und Kompetenz ab und negiert die Bedeutung Jesu Christi. 12
5 Imhof, Heinrich. Rilke’s Gott. [bei dieser Aussage stimme ich mit Imhof überein, obwohl sein Buch
im Allgemeinen eher spekulativer Natur zu sein scheint. Dieselbe alchimistische Auslegung findet
sich bei B.A. Kruse. Auf dem extremen Pol der Subjektivität, S. 223-240. - Anm. d. Verf.]
6 vgl. Rilke. Gesammelte Werke, Bd. 1. S. 350
7 Engelhardt, Hartmut. Der Versuch wirklich zu sein. S. 118
8 Eckel, Winfried. Wendung. S. 87
9 Rilke/Lou Andreas-Salomé.Briefwechsel. S. 94-100
10 Bibel. Elberfelder Übersetzung, Hiob 30, 20f.
11 ibid, S. 26
12 Klinger, Kurt. Rilke und die Fremdheit der Welt. S. 23
Arbeit zitieren:
Christopher Golz, 2003, Religiosität in R. M. Rilkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", München, GRIN Verlag GmbH
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