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EINLEITUNG 3
I. THEORIEN ZUR „LÖSUNG“ DES LEIB-SEELE-PROBLEMS. 10
a) Das traditionelle Leib-Seele-Problem. 10
b) Das moderne Leib-Seele-Problem 13
II. BEWUßTSEIN - DER AKTUELLE STREITPUNKT IN DER LEIB-SEELE-
PROBLEMATIK 24
a) Was ist Bewußtsein? 24
b) Erleben - ein Rätsel? 26
c) Ausführungen zum Text „Nominalismus und innere Erfahrung“ 30
d) Ausführungen zum Text „Sein und Aussehen von Gegenständen“ 38
III. SCHMERZ - EINE FACETTE DES LEIB-SEELE-PROBLEMS IM BEREICH
DES PHÄNOMENALEN BEWUßTSEINS 46
IV. SCHLUßBEMERKUNG. 55
V. LITERATUR 59
3
EINLEITUNG
Im folgenden möchte ich ein paar Gedanken voranstellen, die mich bei der Erfassung der Bedeutung des Leib -Seele-Problems 1 und seiner Lösung für den Menschen geleitet haben.
Grundlegend b efinden wir uns bei der Behandlung der Thematik in verschiedenen Gebieten der Philosophie. Im Zusammenhang mit der Beschäftigung verschiedener diesbezüglicher Texte tauchen philosophische Disziplinen auf, wie Ontologie, Metaphysik, Erkenntnistheorie und nicht zuletzt die Philosophie des Geistes.
Doch nicht nur in diesen traditionellen Bereichen bewegt sich die Behandlung des LSPs, sondern es kommen in neueren Texten zusätzlich Gebiete anderer Wissenschaften dazu, wie etwa Hirnforschung, Physiologie, Neuro- und Kognitionswissenschaften. Allein diese Ansammlung verschiedener Richtungen läßt vermuten, daß es nicht ganz leicht ist, die darin enthaltenen verschiedenen Theorien und Herangehensweisen zur Darstellung des LSPs vergleichen zu können, geschweige denn die eine plausible herauszufinden, die zu seiner Lösung führen könnte.
Man kann lediglich zunächst einmal festhalten, daß es grundlegend um das Sein - das sich vor allem im Verhalten des Menschen ausdrückt - geht. Das Sein, mit dem sich die Ontologie beschäftigt, umfaßt jedoch nicht nur den Menschen, sondern die Natur im ganzen, also z.B. auch die Tierwelt, was im Hinblick auf die Bedeutung des Bewußtseins innerhalb des LSPs eine gesonderte Blickrichtung erhält 2 . Desweiteren ergeben sich Reflexionsmöglichkeiten über „künstliche“ Formen der Intelligenz, die allerdings ebenso unter die Kategorie des Seins eingeordnet werden müßten, da ihr Existieren streng genommen auch
1 Im weiteren Verlauf der Arbeit werde ich für den Begriff Leib-Seele-Problem die
Abkürzung LSP verwenden
4
aus der Natur hervorgeht. An diesem Punkt wird die Theorie des Funktionalismus relevant, die z.B. beweisen will,
„daß das Verhalten einer informationsverarbeitenden Maschine in spezifischen Problemlösungsstrategien sich nicht von menschlichen Verhaltensweisen unterscheide,(...). Für den Funktionalismus wird denn auch zumindest eine schwache KI-These nahegelegt, die von einem analogen Verhältnis zwischen Funktionen von Computersoftware und Bewußtseinsprozessen ausgeht“ 3 ,
und in diesem Bereich geraten wir dann schon schnell in das Gebiet der Metaphysik. Betrachten wir allerdings nur den Menschen, befinden wir uns in der Erkenntnistheorie bzw. Existenzphilosophie. Um die Allgemeingültigkeit von Aussagen bzgl. der schrittweisen Lösung des LSPs zu wahren, müssen die Merkmale aller involvierten Disziplinen berücksichtigt werden, sonst kann es sehr leicht passieren, daß Prämissen aufgestellt werden, die bei genauerer Betrachtung nur auf den Menschen, nicht aber auf andere Existenzformen zutreffen. Gerade der Funktionalismus hat diesbezüglich - was später noch einmal genauer behandelt wird - zu einem weiteren Erkenntnisschritt beigetragen.
Generell kann man der Meinung sein, daß die Philosophie solange nicht als abgeschlossen gelten kann, bis das Sein an sich erfaßt worden ist. Nun gibt es u.a. einen Teil des Seins, der noch nicht „begriffen“ ist, nicht zuletzt, weil es, was sich noch herausstellen wird, an einer allgemein-anerkannten, eindeutigen Begrifflichkeit für seine Beschreibung mangelt, was u.a. auf die Beitrage der o.g. verschiedenen Wissenschaften und Disziplinen, die jeweils ihre eigenen Fachtermin i ausgebildet haben, zurückzuführen ist: es handelt sich dabei um das Bewußt-Sein, welches derzeit als zentrales Thema des LSPs gilt. Im Gegensatz zu fundierten traditionsreichen philosophischen Systemen, an deren Wurzeln nicht zu rütteln ist und die ledig lich im Lichte des wissenschaftlichen und
2 vgl. hierzu z.B.: Immanuel Birmelin: „Haben Tiere ein Bewußtsein?“; Goldmann Verlag;
München 1995
3 Annemarie Pieper (Hg.): „Philosophische Disziplinen - ein Handbuch“; Reclam Verlag;
Leipzig 1.Aufl.1998; S.264
5
sozialen Wandels einer ständigen Erneuerung oder Erweiterung anheim fallen, fehlt es der in dieser Arbeit beschriebenen Thematik an einer üblich vorzufindenden allgemein-anerkannten, überschaubaren Begrifflichkeit. So schreibt bereits Bieri :
„Wir haben es nicht mit einer einheitlichen Art von Analysen, einer einheitlichen Methode und konvergierenden Ergebnissen zu tun. (...)Sowohl in der Methode als auch in den Ergebnissen handelt es sich um ganz heterogene Analysen zu den Stichwörtern „Geist“, „Seele“, „Bewußtsein“ und zu den vielen damit verbundenen Phänomenen und Begriffen“ 4 . Sicher hat sich Platon schon zu seiner Zeit im Phaidon mit dem LSP auseinandergesetzt und natürlich hat auch der Begriff des Bewußtseins eine längere Geschichte vorzuweisen. Entsprechend heißt es im Wörterbuch der Kognitionswissenschaft:
„Der moderne Bewußtseins-Begriff (cogitatio) konstituiert sich bei Descartes, durch C. Wolff wird der Begriff Bewußtsein 1719 in die deutschsprachige Terminologie eingeführt“ 5 , aber was dieser Begriff beinhaltet und in welche verschiedenen Unterkategorien er aufzuteilen ist, bzw. welche Funktion er im Zusammenhang mit dem Körper des Menschen hat, darüber bestehen diverse Theorien und jede hat ihre Lücken. Ja e s ist gerade so, als ob man auf der Suche nach einer Lösung einen buchstäblich riesigen Blätterwald durchforstet, in dem an jedem Baum relevante Blätter der Erkenntnis hängen, deren Erforschung wichtig erscheint, doch die Ansammlung der einzelnen Exemplare eines jeden Baumes dienen am Ende nur der Zubereitung eines Begriffssalates, der deshalb nicht besonders mundet, da zu viele Geschmäcker bzw. Zutaten darin enthalten sind. Gerade im Falle der (Analytischen) Philosophie des Geistes zeigt sich das Problem sehr deutlich. Um nur zwei Beispiele zum Vergleich anzuführen, so ist an einer Stelle von sieben aktuellen Richtungen 6 , an einer anderen von neun- 7 die Rede.
4 Peter Bieri (Hg.): „Analytische Philosophie des Geistes“; Beltz Verlag; Weinheim
3.Aufl.1997; S.1
5 Gerhard Strube u.a. (Hg.): „Wörterbuch der Kognitionswissenschaft“; Klett-Cotta-Verlag;
Stuttgart 1996; S.68
6 vgl. Leonhard H. Ehrlich/ Richard Wisser (Eds.): „Karl Jaspers“; Verlag Königshausen &
Neumann; Würzburg 1998; S.125
6
Auf der anderen Seite scheint ein Erfassen dieses Problems als eine der wichtigsten Aufgaben der Zukunft der Wissenschaft. Schaut man sich ihre „großen Entdeckungen“ der letzten 500 Jahre an, dann zeigt sich eine Entwicklung, deren nächster Schritt notwendigerweise auf das Begreifen der „Struktur“ des Bewußtseins hinausläuft, denn rückblickend macht sic h eine kontinuierliche Bewegung sichtbar, die sozusagen vom Makrokosmos des Seins immer tiefer in den Mikrokosmos des Seins und damit des Menschen selbst vorzudringen scheint.
Um dies zu verdeutlichen, genügt ein kleiner Abstecher in die Geschichte der Wissenschaft. 1473 wurde Nikolaus Kopernikus geboren, der mit der Feststellung, daß nicht die Erde, sondern die Sonne der Mittelpunkt des Universums sei, nicht nur das physikalische (damals: geozentrische) Weltbild, sondern erstmals auch das Selbstverständnis des Menschen und dessen Weltbild auf den Kopf stellte. Noch tiefer das Ego des Menschen verletzend, erwies sich gut 400 Jahre später Darwins Erkenntnis, daß der Mensch nicht Gottes Geschöpf, sondern ein Produkt des durch Aussonderung der natürlichen Arten sich vollziehenden evolutiven Prozesses sei. Schließlich verwies Freud den Menschen dergestalt in Schranken, daß er behauptete, dieser sei nicht einmal „Herr im eigenen Hause“. An diesem Punkt angekommen kann die „4.wissenschaftliche Geistesrevolution“ i m Grunde genommen nur noch bedeuten, daß sich der Mensch nun entweder ganz verliert oder sein bisher sukzessiv verlorenes Selbstbild durch eine völlig im Ungewissen liegende Erkenntnis über sich selbst wieder zurückgewinnt. Wollen wir dem Ende optimistisch gegenübertreten. Wie gestaltet sich seine Lösung? Der Mensch unterliegt den physikalischen Gesetzen, die Kopernikus untersuchte, er ist ein biologisches Wesen, dessen Erforschung sich Darwin zu eigen machte und er besitzt eine Psyche, deren Analyse Freuds Leidenschaft war. Kann es noch etwas außer Physik, Biologie und Psychologie geben, dem der Mensch
7 vgl. Gerhard Strube u.a. (Hg.): „Wörterbuch der Kognitionswissenschaft“; a.a.O.; S.359
7
unterliegt, oder beliefe sich diese Vermutung nur auf metaphysische Spekulation? Brauchen wir am Ende vielleicht einfach nur einen neuen Wissenschaftszweig, den man , diese drei Gebiete vereinigend „Psychobiologische Neurophysiologie“, „Biophysiologische Neuropsychologie“ oder „Psychophysiologische Neurobiologie“ nennen könnte? Eines ist über alle Vermutungen erhaben; es existiert eine gewisse Tradition und entsprechend weiterführende Versuche diesem Rätsel Bewußtsein näher zu kommen, doch seiner Lösung steht ein Hindernis gegenüber: es ist der Mensch selber, denn es sind Bewußtseine, die das Bewußtsein erforschen und dies kommt dem vielleicht etwas hinkenden Vergleich nahe, als wolle ein Pluspol an einen Pluspol andocken.
„Das Problem des Bewußtseins ist darum auch ein Problem der Selbsterkenntnis“ 8 . Es ist ein „Reden um den heißen Brei“, „ein Kreisen um das Ei des Kolumbus“ bzw. „um des Pudels Kern“. Um einem Kern näher kommen zu können, muß man seine Bahn verlassen, den Fliehkräften entgegenwirken und damit ein Naturgesetz aushebeln. Ist das möglich? Gibt es ein Naturgesetz, daß wir noch nicht kennen und das den bisher begriffenen logischen Zusammenhängen über Natur widerspricht?
Ich möchte mich im folgenden, um nicht der Gefahr zu unterliegen, durch derartige Reflexionen zu weit auszuschweifen, vorwiegend den Schriften Peter Bieris zuwenden, wobei die Texte „Generelle Einführung“ und „Einleitung“ (in den Themenkomplex „Materialismus“) aus seinem veröffentlichten Sammelband „Analytische Philosophie des Geistes“ und die Themeneinheit „Schmerz. Eine Fallstudie“ & „Was macht Bewußtsein zu einem Rätsel?“ die Basis meiner Schilderungen ausmachen, während die Texte „Sein und Aussehen von Gegenständen“ und „Nominalismus und innere Erfahrung“ - die bei Bieri einen stark sprachanalytischen Hintergrund besitzen, wobei jedoch ersterer
8 Thomas Metzinger (Hrsg.): „Bewußtsein“; Schöningh Verlag; Paderborn 3.Aufl.1996; S.15
8
zusätzlich auf das Problem des „phänomenalen Bewußtseins“ eingehtvertiefend auf einzelne Aspekte des LSPs verweisen. Desweiteren scheint mir Bieris Ansatz zum einen nicht nur deshalb als erwähnenswert, weil er selbst einer der wenigen anerkannten deutschsprachigen Vertreter der (Analytischen) Philosophie des Geistes ist, sondern auch, weil er durch seine eklektische Vorgehensweise chronologisch in das gesamte Spektrum möglicher Sichtweisen einer Lösung des Rätsels Bewußtsein einführt und dabei einen eigenen Standpunkt entwickelt und verdeutlicht. Um seine Position besser verstehen zu können, hilft eine grobe Einteilung der vorhandenen Theorien. Zunächst muß man von zwei grundlegend verschiedenen „Lagern“ ausgehen, aus denen jeweils im weiteren Verlauf zwei Stränge hervorgegangen sind: zum einen das der (ontologischen) Dualisten, die einen faktischen, substantiellen Unterschied von Leib und Seele bzw. Geist deklarieren und zum anderen die Monisten, die von lediglich einer Substanz ausgehen, wenn sie das LSP behandeln. Bieri ist hier mit absoluter Klarheit letzterem Lager zuzuordnen. Den Ausgangspunkt der Diskussion lieferten jedoch die Dualisten, vornehmlich unter ihrem geistigen Ahnherren René Descartes, der in diesem Zusammenhang die Begriffe einer denkenden Substanz (res cogitans) und einer - davon unterschiedenen - körperlichen Substanz (res extensa) ins Spiel brachte. Bei Zoglauer werden explizit drei Dualismen genannt: der Interaktionismus, der „eine Wechselwirkung zwischen Körper und Geist“ verfechtet, der Epiphänomenalismus, der sich dadurch kennzeichnet, daß lediglich der Körper kausal auf den Geist einwirkt und schließlich der (psychophysische) Parallelismus, in dem sozusagen davon ausgegangen wird, daß Geist und Körper zwei unabhängig voneinander existierende, jeweils kausal geschlossene Systeme sind, die sich allerdings gleichzeitig und nicht wechselseitig, wie im Interaktionismus beeinflussen. 9
9 vgl. Thomas Zo glauer: „Geist und Gehirn“; UTB Verlag; Göttingen 1998; S.22ff
9
Der zweite Strang bzw. das zweite „Lager“ führt die Gegenwartsdiskussion im Bereich der Philosophie des Geistes an, wobei es dort zwei veraltete Sichtweisen gibt, die unter die Rubrik „nichtmaterielle Monismen“ einzuordnen sind. Zum einen der Phänomenalismus, der das monistische Element im Geist allein repräsentiert sieht und somit davon ausgeht, daß es keine Materie gibt und zum anderen einen neutralen Monismus, dessen Vertreter behaupten, daß zwar Geist und Körper existieren, daß jedoch beide nur Erscheinungsformen einer dritten, neutralen und somit wiederum monistischen Substanz sind. Am ehesten hält sich jedoch die dritte monistische Position, deren Theorien von der Existenz eines reinen Materialismus („materieller Monismus“) ausgehen und die deshalb zu beweisen versuchen, daß alles, was von Geist oder Seele befallen ist, in seinem Wesen physikalisch erklärbar sei, weshalb man statt von Materialismus im weiteren auch von Physikalismus 10 sprechen kann. Innerhalb dieser dritten monistischen Position, die ihre Erklärungen auf rein materielle Vorgänge zurückführt, bewegen sich im folgenden diverse Theorien, wobei sich spätestens an dieser Stelle „die Geister endgültig scheiden“. Man könnte fast sagen, daß in diesen Positionen der Seele der Materialismus „auf den Leib geschrieben“ wird.
10 „Der Physikalismus stellt eine etwas zeitgemäßere Version des Materialismus dar, indem er
die Klasse realer Gegenstände erweitert und neben der körperhaften Materie auch andere,
nicht- materie lle Entitäten zuläßt, wie z.B. Energie, Licht, elektromagnetische Felder und
andere Wechselwirkungen. (...) Kurz gesagt: Alles, was existiert, ist physikalischer Natur.“;
ebd.; S.25
10
I. Theorien zur „Lösung“ des Leib-Seele -Problems
a) Das traditionelle Leib-Seele-Problem
Bieri geht nun in seiner „Generelle(n) Einleitung“ in die Analytische Philosophie des Geistes erst einmal von der grundlegenden Unterscheidung von physischen und nicht-physischen Phänomenen aus, die er der allgemeinen Sprachkonvention entnimmt, denn er spricht davon, daß diese Unterscheidung dem common sense und von daher der Alltagspsychologie entstammt. Letztere stellt aus der Sicht der empirischen Wissenschaften kein tragendes Element für die Auseinandersetzung mit dem LSP dar, doch sie sei
„... durch empirische Befunde zumindest nicht ohne weiteres widerlegbar. Und darüber hinaus sei sie so eng mit unserem Selbstbild verwoben, daß es für uns geradezu unmöglich sei, sie aufzugeben“ 11 .
Somit entpuppt sich der Ausgangspunkt der Behandlung des LSPs zunächst einmal als ein intuitiver Dualismus: man kann auf der einen Seite von Körperfunktionen, wie z.B. Stoffwechselvorgänge und Herz-/ Lungentätigkeit sprechen und im Gegensatz dazu von „scheinbar“ nicht-physischen Vorgängen , wie Gedanken und Meinungen, Wünsche, Träume, Angst, Freude oder Schmerz 12 , um nur einige zu nennen. Geht man von der Richtigkeit dieser Unterscheidung aus, braucht man auch Merkmale, die sie manifestieren. Als erstes Merkmal wird die Unterschiedenheit von physischen und nichtphysischen Phänomenen als Gattungsunterschied deklariert. Alle nichtphysischen 13 Phänomene sind ganz einfach durch ihre Art grundlegend verschieden von körperlichen. Als zweites Merkmal zeigt sich zwischen beiden Arten ein Kontrast, der vergleichbar ist mit zwei korrelierenden Begriffen, wie hell/ dunkel oder schön/ häßlich. Mental und physisch bed ingen also
11 Ansgar Beckermann: „Analytische Einführung in die Philosophie des Gestes“; Walter de
Gruyter Studienbuch; Berlin/ New York 1999; S.249
12 wobei Schmerz gerade im Falle des LSPs ein „Paradebeispiel“ für die Beschreibung des
phänomenalen Bewußtseins darstellt
11
gegenseitig. Drittens unterliegen beide Begriffe auch einer Universalität. Damit ist gemeint, daß sich jedes Phänomen generell entweder als mental oder als physisch klassifizieren läßt. Schließlich - und das ist fast ebenso banal - besteht als viertes zwischen beiden das Merkmal der Exklusivität, was nichts anderes bedeutet, als daß ein Phänomen nicht beide Merkmale zugleich besitzen kannalso mental und physisch - bzw. sich auch nie jemals von einem Zustand in den anderen verwandeln könne 14 .
Bieri betrachtet nun im folgenden das LSP in zwei Ausrichtungen: einmal als traditionelles Problem der Dualisten und einmal als Problem der Neueren Forschung in der Richtung der Materialisten. Er versucht zu beiden Positionen eine Begründung für oder gegen deren Argumente zu finden. Dabei ist etwas herausgekommen, was z.T. in der Literatur als „Bieri-Trilemma“ erwähnt wird und was sich in einer formalen Struktur auch bei der Explikation anderer Probleme seiner weiteren Schriften immer wieder als eine Methode herausstellt, um ein Problem „aufzulösen“. Um dem traditionellen LSP auf die Spur zu kommen, stellt er folgende drei Sätze voran:
1. mentale Phänomene sind nicht-physische Phänomene
2. mentale Phänomene sind im Bereich physischer Phänomene kausal wirksam 3. der Bereich physischer Phänomene ist kausal geschlossen 15
Der erste Satz wird aus materialistischer Sicht geleugnet und stellt zugleich das Prinzip des ontologischen Dualismus dar. Der zweite Satz behauptet, daß seelisch-geistige Prozesse oder Zustände physisch-körperliche
Zustandsveränderungen verursachen. Diese Position, die in der
13 und da unter nicht-physische Phänomene sowohl Psyche, Seele, Geist, als auch Bewußtsein
fallen, hat man sich auf den zusammenfassenden Begriff „mentale Phänomene“ geeinigt
14 ein Problem stellt jedoch die differenzierte Einteilung mentaler Phänomene dar; dabei kann
man z.B. unterscheiden zwischen Körperempfinden, wie im Falle des Schmerzes,
emotionalen Zuständen, wie Freude und Ärger und kognitiven Phänomenen der Art von
Gedanken und Meinungen (s.dazu Kap.3)
15 Peter Bieri (Hg.): „Analytische Philosophie des Geistes“; a.a.O.; S.5
12
psychosomatischen Medizin vertreten wird, steht im krassen Gegensatz zum Epiphänomenalismus oder Parallelismus, also zweier dualistischer Theorien. Der dritte Satz wiederum stellt das Grundprinzip der modernen Wissenschaften dar, in denen alles durch Naturgesetze erklärbar erscheint. Es handelt sich dabei um das Postulat eines „methodologischen Physikalismus“. Die Diskrepanz, die sich hier auftut ist, daß die drei Sätze nicht miteinander kompatibel sind. Ein Satz muß aufgegeben werden, aber welcher? Die Beantwortung dieser Frage führt zum Materialismus und damit zu den monistischen Positionen. Die Begründung lautet: im psychophysischen Parallelismus wäre Satz zwei nur unter zufälligen Bedingungen und nicht generell gültig, da in ihm von einem psychischen und davon unterschieden physischen System ausgegangen wird, die beide voneinander kausal geschlossen sind. Im Epiphänomenalismus besteht die Kausalität nur einseitig vom physischen auf das psychische System und dies bedeutete, daß der Mensch tun und lassen könnte, was er wollte, es wäre sowieso nur die Reaktion auf einen körperlich verursachten Impuls. Daraus folgt:
„Unser Leben würde auch ohne mentale Zustände und ohne Bewußtsein genauso verlaufen, wie es faktisch verläuft“ 16 .
Trotzdem kann Satz zwei gehalten werden, wenn nämlich mentale Phänomene als in Wahrheit physische Phänomene verstanden werden. Daraufhin ist es eine Leichtigkeit auch Satz drei zu behalten, der die kausale Geschlossenheit aller physischen Prozesse betont und somit müßte Satz eins aufgegeben werden, der die generelle Teilung von Leib und Seele in zwei Substanzen vertritt. „Die einzig mögliche Auflösung unseres Problems scheint nun der Materialismus zu sein: der Gedanke, daß mentale Phänomene in Wirklichkeit eine Art von physischen Phänomenen sind“ 17 .
Diese Aussage wird an einer anderen Stelle in der Sekundärliteratur unterstützt, in der es heißt:
16 ebd.; S.8
17 ebd.; S.8
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M. A. Frank Findeiß, 2000, Peter Bieri: eine Synopse seiner Schriften zur Leib-Seele-Problematik, München, GRIN Verlag GmbH
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