Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
1 Formen und Funktionen der Figurencharakterisierung 4
2 Merkmale mittelenglischer Romanzen 7
3 Die Bedeutung Gawains für den arthurischen Stoffkreis 11
4 Gawain als Inbegriff der Höfischkeit in Sir Gawayn and þe Grene
Kny ʒt 17
4.1 Autor, Form und literaturgeschichtliche Einordnung 17
4.2 Handlungsstruktur 21
4.3 Die Charakterisierung Gawains 22
5 Gawain als Ausbund der Loyalität in The Weddynge of Syre Gawen
and Dame Ragnell 31
5.1 Autor, Form und literaturgeschichtliche Einordnung 31
5.2 Handlungsstruktur 35
5.3 Die Charakterisierung Gawains 36
6 Gawain als Manifestation der Unversöhnlichkeit in Sir Thomas
Malorys Le Morte Darthur 44
6.1 Autor, Form und literaturgeschichtliche Einordnung 44
6.2 Handlungsstruktur 49
6.3 Die Charakterisierung Gawains 53
iii
7 Systematischer Vergleich und Funktion der Darstellung Gawains 72
8 Schlussbetrachtungen 78
Literaturverzeichnis 82
Prim ärliteratur 82
Sekund ärliteratur 82
1
Einleitung
Betrachtet man den Korpus der mittelenglischen Romanzen um den legendären König Arthur und seine Ritter der Tafelrunde, so fällt auf, dass diese sich nicht etwa vornehmlich mit Arthur selbst beschäftigen, sondern vielmehr um individuelle Ritter der Tafelrunde kreisen. Mit ganz besonderer Aufmerksamkeit wird hierbei Sir Gawain bedacht, der, viel häufiger als Arthur selbst erwähnt, zu einem Nationalhelden der mittelenglischen Leser- und Hörerschaft avanciert ist. 1 Als solcher nahezu einmütig als Inbegriff der Höfischkeit, Ritterlichkeit und Güte gepriesen, 2 erfährt sein Ruhm später allerdings einen starken Einbruch durch Sir Thomas Malorys Le Morte Darthur, das Gawain eher als Ausbund der Impulsivität und Unversöhnlichkeit zeigt und seinen Ruf als Ritter der cortaysye völlig vernachlässigt. Die Frage nach den Gründen eines derartigen Wandels erscheint also ebenso naheliegend wie legitim.
Das erste Charakteristikum, das Gawain von den anderen Rittern unterscheidet, ist seine Beziehung zu Arthur. So stimmen fast alle Werke darin überein, dass Gawain der älteste Sohn von Arthurs Halbschwester Morgawse ist, ein Umstand, den schon Geoffrey of Monmouth in seiner 1136 entstandenen Historia Regum Britanniae beschreibt. 3 Da der Schwesternsohn in der keltischen Gesellschaft eine ganz besondere Beziehung zu seinem Onkel hegt, spielt Gawain schon dort eine herausragende Rolle und wird als Arthurs rechte Hand gezeichnet. 4 Darüber hinaus ist es bemerkenswert, dass Gawain in vielen Romanzen, in denen er Erwähnung findet, häufig eher als Typus denn als Individuum gehandelt wird. In der mittelenglischen Literatur wird mit ihm zum Beispiel nie der Name einer speziellen Dame assoziiert, 5 und er ist häufig die Konstante, gegen die andere Ritter bewertet werden, die perfekte
1 Vgl. Sandra Nash Ihle. “English Arthurian Literature (Medieval)”. In: New Arthurian Encyclopedia. Ed. by Norris J. Lacy. New York & London, 1991. 134.
2 Vgl. Z.B. die Werke Sir Gawayne and the Grene Knyght, Ywain and Gawain und The Weddynge of Syre Gawen and Dame Ragnell.
3 Vgl. Robert W. Ackermann. “Arthurian Literature.” In: Dictionary of the Middle Ages, Vol.
3. New York, 1989, 565.
4 Vgl. Richard Barber. “Gawain”. In: Ebd. Legends of King Arthur. Woodbridge, 2001. 155.
5 Auch der Autor von The Wedding lässt Ragnell am Ende des Gedichtes wohlweislich sterben.
Einleitung 2
Verkörperung guter Eigenschaften und mehr ein Symbol der Perfektion als eine wirkliche Person. 6 Durch die Verschiedenartigkeit seiner Porträtierung dient Gawain als der Fokus, von dem aus einige der kulturellen Veränderungen und Hintergedanken abgelesen werden können, die in jenen Legenden überliefert werden.
Die folgende Arbeit soll zunächst grundlegende Aspekte der Figurencharakterisierung klären und die Merkmale mittelenglischer Romanzen um König Arthur und seine Tafelrunde aufzeigen. In einem weiteren Schritt soll dann die herausragende Bedeutung Gawains für den arthurischen Stoffkreis herausgestellt, seine Entwicklung von einem durch und durch positiven Lokalhelden hin zum Antihelden aufgezeigt und ihre Ursprünge erkundet werden. Ich werde mich dabei auf die drei Romanzen Sir Gawayn and þe Grene Knyʒt [SGGK], The Weddynge of Syre Gawen and Dame Ragnell [The Wedding] und Le Morte Darthur von Sir Thomas Malory beziehen. Während SGGK, verfasst um 1375 und von vielen Kritikern als Meisterwerk der mittelenglischen Artusliteratur gepriesen, 7 den Beginn der englischen Gawain-Dichtung markiert, führt The Wedding, wahrscheinlich entstanden um 1450, zwar die Tradition eines vorbildlichen Gawain fort, ändert seine Persönlichkeit aber dahingehend, dass nicht Gawains Mut und Höfischkeit im Vordergrund stehen, sondern seine tiefe Loyalität zu Arthur und sein Respekt vor Frauen. Das gegen 1470 entstandene Prosawerk Le Morte Darthur hingegen bündelt vor allem französische Vorlagen, rückt Launcelot als Lieblingsfigur Malorys stark in den Vordergrund und charakterisiert Gawain als unerbittlichen Krieger. Es wird von vielen als die Krone der Artusliteratur, als die meisterhafte Kulmination der mittelalterlichen Legende und die großartigste einzelne Quelle der Inspiration für zukünftige Schreiber gesehen und hat bis heute nichts von seiner Bedeutung eingebüßt. 8 In einem weiteren Kapitel sollen zunächst die Werke selbst kurz vorgestellt und die verschiedenen Rollen, die Gawain in diesen Romanzen einnimmt, systematisch miteinander verglichen und auf ihre
6 Vgl. Barber. “Gawain.” 155.
7 Vgl. Larry D. Benson. Art and Tradition in Sir Gawain and the Green Knight. New Brunswick, 1965. viii.
8 Vgl. Norris J. Lacy / Geoffrey Ashe. The Arthurian Handbook. 2 nd Ed. New York & London, 1997, 131.
Einleitung 3
Funktion hin untersucht werden. Bei der Analyse der Charakterisierung Gawains werde ich vor allem Gawains Stellung innerhalb der Tafelrunde und seine Beziehung zu Frauen beleuchten und untersuchen, ob der jeweilige Autor eher einen höfischen Gawain zeichnet oder ihn als Krieger darstellt.
4
1 Formen und Funktionen der Figuren-
charakterisierung
Um im Folgenden den Charakter Gawains untersuchen zu können, ist es notwendig, kurz auf die Formen und Funktionen der Figurencharakterisierung im Allgemeinen einzugehen und zu klären, welche Möglichkeiten zur Darstellung seiner Charaktere einem Autoren überhaupt zur Verfügung stehen. Hier sei zunächst einmal angemerkt, dass die Kategorie der Figur natürlich nur schwer von der Handlung zu trennen ist, da Figuren oftmals keine andere Aufgabe haben, als bestimmte Funktionen für die Handlung zu erfüllen. Aus diesem Grund sind Figuren eines Erzähltextes in den meisten Fällen zunächst in ihrem größeren Systemzusammenhang, als Bestandteil einer Figurenkonstellation, und dann erst als isolierte Einzelwesen zu betrachten. Eine Figur wird also durch ihre strukturellen Relationen innerhalb der auftretenden Figuren, der Figurenkonstellationen und der Konfigurationen konstituiert. 9 Dabei werden zwei verschiedene Analyseebenen unterschieden: zum einen die Ebene der Figurenkonzeption und zum anderen die der Figurencharakterisierung.
Im Hinblick auf die Figurencharakterisierung hat der Erzähler die Wahl zwischen impliziten und expliziten Techniken, um seine Figuren einzuführen und darzustellen. Während im Falle der expliziten Figurencharakterisierung die jeweiligen positiven oder negativen Eigenschaften vom Erzähler direkt genannt werden, müssen die entsprechenden Attribute bei impliziten Techniken vom Rezipienten erst erschlossen werden. Pfister geht dabei auch noch von der Frage aus, ob die charakterisierende Information eine einzelne Figur zum Sender hat, also „figural“ ist, oder ob sie allein auf die Position des impliziten Autors als ihr Aussagesubjekt bezogen werden kann und damit „auktorial“ ist. 10 Aus diesem Grunde unterscheidet er im Allgemeinen zwischen vier Klassen von Techniken der Figurencharakterisierung, zwischen der explizitfiguralen, der implizit-figuralen, der explizit-auktorialen und der implizit-
9 Vgl.Manfred Pfister. Das Drama. Theorie und Analyse. 6. Aufl. Paderborn, 1988. 240.
10 Vgl. Ebd. 251.
1 Formen und Funktionen der Figurencharakterisierung 5
auktorialen Technik. Auf der explizit-figuralen Ebene unterscheidet man dann zwischen dem Eigenkommentar, in dem eine Figur ihr eigenes Selbstverständnis formuliert, und dem Fremdkommentar, in dem sie durch eine andere Figur charakterisiert wird. Eigen- und Fremdkommentar können hier allerdings nicht isoliert voneinander betrachtet werden, da eine Figur sich zum einen auf implizite Weise selbst durch die Art und Weise ihres expliziten Eigenkommentars charakterisiert und zum anderen dadurch, wie sie eine andere Figur explizit kommentiert. Der explizite Eigen- und Fremdkommentar wird also immer auch mehr oder weniger stark durch implizite Selbstcharakterisierung überlagert. Auf der implizit-figuralen Ebene hingegen stellt sich eine Figur einerseits durch die Art und Weise ihres Sprechens dar, andererseits aber auch durch ihr Aussehen und ihr Verhalten. 11 Als explizit-auktoriale Charakterisierungstechniken gelten dann explizite Beschreibungen durch den Autoren in einem Nebentext, in dem der Erzähler das Verhalten, die Eigenarten und die Einstellungen seiner Figuren kommentieren und bewerten kann. Solche Äußerungen können etwa darauf abzielen, beim Leser um Sympathie für eine Figur zu werben, aber sie können Figuren ebenso gut durch Ironie verspotten oder durch Kritik an ihrem Verhalten verurteilen. Von interpretatorischem Interesse sind hier vor allem wertende Erzählerkommentare, die sich auf den Charakter, die Eigenheiten und die Handlungen der Figuren beziehen. In dieser Hinsicht kann aber zum Beispiel auch ein Name selbst aussagekräftig sein, wie zum Beispiel der die Anarchie des Mitsommertages heraufbeschwörende Name „Sir Gromer Somer Joure“ in The Wedding. 12 Die implizit-auktoriale Charakterisierung schließlich gestaltet sich durch die Pointierung von Korrespondenz- oder Kontrastrelationen zu anderen Figuren. Das kann zum einen dadurch geschehen, dass zwei Figuren im Haupttext kontrastiert werden, oder aber, dass sie gleichzeitig oder nacheinander mit einer ähnlichen Situation konfrontiert werden, um sie durch ihre unterschiedlichen Reaktionen darauf voneinander abzuheben und zu individualisieren. Figuren können aber auch dadurch kontrastiv charakterisiert
11 Vgl. Ebd. 251-54.
12 Vgl. Ebd. 263 und Kapitel 5.1.
1 Formen und Funktionen der Figurencharakterisierung 6
werden, dass sie sich in unterschiedlicher Weise über eine bestimmte Figur oder zu einem bestimmten Thema äußern. 13 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass dem Erzähler ein großes Instrumentarium zur Verfügung steht, seine Figuren zu charakterisieren. Inwiefern dieses allerdings auch auf die hier besprochenen mittelenglischen Werke und Autoren zutrifft, soll in den Kapiteln vier bis sechs herausgestellt werden. Es kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, dass Figuren im Mittelalter viel plakativer und weniger subtil gezeichnet wurden, als das heute der Fall ist. 14 Dennoch kommt dem Erzähler auch dort eine große Bedeutung zu. Wir werden zum Beispiel sehen, dass er nicht bloß das Geschehen aus der Figurenebene wiedergibt, sondern auch als kommentierender Sprecher hervortritt und über den Erzählvorgang reflektiert. Durch solche Äußerungen gibt er sich persönliche Konturen, er wird als Vermittler erkennbar und als eine individualisierte Instanz greifbar. Besondere Bedeutung kommt dabei auch Leseranreden zu. Der Erzähler wendet sich an den fiktiven Leser, den er im weiteren Verlauf des Textes wiederholt anspricht. Diese Leseranreden rücken nicht nur den Erzählvorgang und die Kommunikation auf der übergeordneten Ebene gegenüber dem erzählten Geschehen in der Vordergrund, sondern sind darüber hinaus ein wichtiges Mittel der Rezeptions- und Sympathielenkung. Sie erzeugen aber auch ein vertrauensvolles Gesprächsverhältnis zwischen dem Erzähler und seinem Gegenüber auf der Empfängerseite und regen den realen Leser zur Anteilnahme und zur Auseinandersetzung mit dem Erzählten an. Bevor jedoch zur Analyse der Werke übergegangen werden kann, möchte ich darlegen, was unter romance in der mittelenglischen Literatur verstanden wurde und welche Rolle Gawain im Kreis der arthurischen Romanzen eingenommen hat.
13 Vgl. Pfister. Das Drama. 263f.
14 Aus diesem Grund gehe ich auch auf die feineren Formen der Unterscheidung von Figurenkonzeptionen, die bei Pfister erläutert werden, nicht weiter ein. Vgl. Pfister. Das Drama. 242-48.
7
2 Merkmale mittelenglischer Romanzen
Im angelsächsischen Sprachraum die Bezeichnung für den mittelenglischen Versroman schlechthin, verstand man unter romance ursprünglich die mittelalterliche Liebes-, Ritter- und Abenteuerdichtung, die zwar eine gewisse Ähnlichkeit mit Epen hat, aber statt großer kriegerischer Heldentaten die Welt der höfischen Liebe und des ritterlichen Abenteuers darstellt. Dabei kann man die englischen Romanzen, wie ihre französischen Vorlagen auch, grob in drei Kategorien bezüglich des darin behandelten historischen Stoffes einteilen. Zur ersten Kategorie gehören jene Romanzen, die sich, entstanden ab 1250 und stark von der französischen Literatur beeinflusst, hauptsächlich mit Arthur selbst, seiner Thronbesteigung, Vermählung mit Guinevere, dem Endkampf mit Mordred und seinem tragischen Tod beschäftigen. Anschließend wurden dann Romanzen populär, die die Legenden um Josef von Arimathäa und die frühe Gralgeschichte thematisieren, während schließlich eine dritte Gruppe von Romanzen, erschienen ab 1300, als sogenannte biographische Romanzen in dem Stil von Chrétien de Troyes individuelle Ritter der Tafelrunde, hauptsächlich aber Gawain, in den Mittelpunkt rückt. Auffällig ist, dass diese Art von Romanzen unabhängiger von ihren französischen Vorlagen ist als alle anderen englischen Erzählungen. 15
Die höfischen Ideale der Höflichkeit, Loyalität, Ehre, der feinsten Manieren und der Gnade einem Gegner gegenüber akzentuierend, kreist die Handlung der mittelenglischen Romanze im Allgemeinen also um einen Ritter, der, um die Gunst einer Dame zu erlangen, ein Abenteuer - aventure erfolgreich meistern muss. 16 Das zentrale Motiv für jenes ritterliche Handeln und Ausdruck der Beziehung zwischen Mann und Frau beziehungsweise Ritter und höfischer Dame war die Minne - courtly love -, die sich an bestimmte idealisierte Regeln hielt. Denn obwohl sich der Ritter im Dienste seiner Geliebten zu Heldentaten verpflichtet fühlte und der Dienst für die
15 Vgl. Robert W. Ackermann. “Arthurian Literature.” 574.
16 Vgl. A Glossary of Literary Terms. Ed. by M.H. Abrams. 7 th ed. by Holt, Rinehart and Winston. New York (et al.), 1999. 35.
2 Merkmale mittelenglischer Romanzen 8
Geliebte zur höchsten ethischen Norm wurde, blieb die umworbene Dame für den Helden meist unerreichbar.
Den Leser des einundzwanzigsten Jahrhunderts mag eine Romanze vielleicht an Phantasie, Liebe und Eskapismus erinnern, die Ursprünge der mittelalterlichen Romanze aber liegen vielmehr kulturell und historisch begründet, da neben der Identifikation bestimmter Themen und Motive immer auch Fragen nach ihrer Natur und Funktion aufzuwerfen sind. 17 So wurden vom vierzehnten Jahrhundert an, als in Frankreich das Interesse für Romanzen schon abebbte, französische Romanzen für ein englisches Publikum, für das das arthurische Material unausweichlich historisch und symbolträchtig war, wieder neu interpretiert. Dabei wurden die legendären Orte der französischen Romanzen, Camelot, Logres, Astolat, zu erkennbaren englischen Orten, Carlisle, Winchester, London, Guildford, und die einzelnen bevorzugten Ritter avancierten nun zu Lokalhelden: Perceval aus Wales, Gawain aus Galloway oder Orkney, Tristram aus Cornwall. 18 Hier dienten die im Französischen entwickelten klassischen Formen des höfischen Romans zwar als Vorbild und Anregung, doch musste selbst die wörtlichste Übersetzung einer französischen Romanze einem ganz anderen Zweck dienen als ihre Vorlage, da sie für ein ganz anderes Publikum bestimmt war und ihr Medium, die englische Sprache, eine ganz andere soziologische Stellung einnahm. 19 Das Auftauchen der englischen Artusliteratur kann demnach als Ausdruck der wachsenden Kraft der englischen Sprache als Literatursprache und als Hinweis auf ein immer größer werdendes Bewusstsein für die eigene nationale Identität angesehen werden, das am schärfsten in Relation zu Frankreich ausgeprägt war. Da die Zeit, in der die meisten englischen Romanzen entstanden, bereits den Niedergang des Rittertums als eines lebendigen und notwendigen Bestandteils der höfischen Gesellschaft sah, fehlte die lebendige Beziehung zur umgebenden Wirklichkeit. Dies macht die englischen Romanzen, soweit das
17 Vgl. Catherine Batt/Rosalind Field. “The Romance Tradition.” In: The Arthur of the English. The Arthurian Legend in Medieval English Life and Literature. Arthurian Literature in the Middle Ages II. Ed. by W.R.J. Barron. Cardiff, 2001. 59f.
18 Vgl. Ebd. 69f.
19 Vgl. Mehl. Die mittelenglischen Romanzen. 12.
2 Merkmale mittelenglischer Romanzen 9
Höfisch-Ritterliche in ihnen überhaupt eine Rolle spielt, häufig zu fast märchenhaften Erzählungen, zu Erzählungen aus einer vergangenen Zeit. 20 Obwohl lange Zeit davon ausgegangen wurde, dass die überlieferten Fassungen der mittelenglischen Romanzen von fahrenden minstrels verfasst wurden, die ihre Werke bei öffentlichen Festen und auf den Märkten einem hauptsächlich aus niederem Volk bestehenden Publikum vortrugen, ist man heute davon überzeugt, dass die Werke sich in erster Linie an einigermaßen gebildete Laien aus bürgerlichen und adeligen Haushalten wandten, und in einzelnen Schreibstuben entstanden, in denen der Schreiber entweder eine bereits vorhandene Fassung oder eine französische Vorlage des zu bearbeitenden Gedichtes vor sich liegen hatte. 21 Von den Verfassern jener Romanzen selbst lässt sich häufig nicht viel sagen, da die meisten von ihnen kaum ein ausgeprägtes künstlerisches Selbstbewusstsein besaßen und häufig völlig hinter ihren Werken zurücktraten. Aus diesem Grunde sind uns fast nur anonyme Zeugnisse überliefert. Chaucer und Gower sind hier natürlich Ausnahmen und gelten als die Ersten, die nicht nur als Künstlerpersönlichkeiten wirkten, sondern diese Persönlichkeit auch in ihren Werken zum Ausdruck brachten. 22
Wie bereits erwähnt, haben die meisten Romanzen die Geschichte eines Helden zum Gegenstand, dessen unerhörte Taten und vorbildliche Frömmigkeit besungen werden. Dabei scheint der Erzähler von seinen Zuhörern nicht fromme Betrachtung und Verehrung, sondern ehrfürchtiges Staunen und gespannte Anteilnahme erwartet zu haben. 23 Die reihende und in einzelnen Abschnitten fortschreitende Erzählweise ist charakteristisch für den „mündlichen“ Stil dieser Romanzen. Sie scheinen mit besonderer Rücksicht auf ein erwartungsvoll lauschendes und gelegentlich abschweifendes Publikum geschrieben worden zu sein. So wird in fast allen Werken einerseits betont, dass der beschriebene Held tüchtiger und vorbildlicher sei als alle bisher bekannten, andererseits versucht der Schreiber aber auch eine stärkere Verbundenheit zwischen dem Helden und dem Publikum herzustellen, indem
20 Vgl. Mehl. Die mittelenglischen Romanzen. 13.
21 Vgl. Ebd. 19, 22.
22 Vgl. Ebd. 20.
23 Vgl. Ebd. 35.
2 Merkmale mittelenglischer Romanzen 10
er seine eigene lebhafte Anteilnahme an dem Geschehen bekundet. Man findet also nicht nur Gebete für den Helden oder Verwünschungen seiner Feinde, sondern zuweilen wird der Held auch vom Erzähler ermahnt und an seine Pflicht erinnert, wie zum Beispiel in SGGK:
Neben dieser Art von Anteilnahme, die eine gewisse Gemeinschaft von Vortragendem, Helden und Publikum herstellt, hat der Dichter auch häufig ein Schlussgebet angehängt, in das regelmäßig er selbst, sein Held und seine Zuhörer eingeschlossen wurden. 25
Es ist also festzuhalten, dass der Begriff romance ganz allgemein in der Literatur zwar auf sämtliche Werke angewendet wird, die in Bezug auf Ort, Zeit, Handlung und Personen eine unrealistische, märchenhafte Welt darstellen - ungewöhnliche Personen erleben unglaubliche Abenteuer und werden von leidenschaftlicher Liebe erfasst -, dass er in der mittelenglischen Literatur aber viel spezifischer verwendet wird. 26 Hier nämlich versteht man unter romance jene Vers- und Prosaerzählungen, deren inhaltliche Grundlage vor allem Sagen um den legendären König Arthur bildeten. Im Korpus ebendieser mittelenglischen Romanzen wiederum füllt Gawain die Rolle des Helden häufiger als jeder andere arthurische Ritter. Meistens tut er dies mit Auszeichnung, ist fast immer erfolgreich im Kampf und nicht nur selbst ein maßvoller Mensch, sondern er hat auch mäßigenden Einfluss auf andere. 27 Dass Gawain im mittelenglischen Schrifttum eine besondere Rolle zukommt, ist unumstritten. Im folgenden Kapitel soll diese herausragende Bedeutung Gawains nun näher erläutert und begründet werden.
24 Alle folgenden Zitate aus: Sir Gawain and the Green Knight. Ed. by J.R.R. Tolkien and E.V. Gordon. 2 nd ed. by Norman Davis. Oxford, 1967.
25 Vgl. Mehl. Die mittelenglischen Romanzen. 36.
26 Vgl. Beck (et al.). Terminologie der Literaturwissenschaft. 198.
27 Vgl. Maldwyn Mills (et al.). “Chivalric Romance.” In: The Arthur of the English. The Arthurian Legend in Medieval English Life and Literature. Arthurian Literature in the Middle Ages II. Ed. by W.R.J. Barron. Cardiff, 1999. 114.
3 Die Bedeutung Gawains für den arthurischen
Stoffkreis
Die Worte der Bewunderung, die Lady Bercilak Gawain an jenem ersten Morgen, an dem sie ihn im Schlafzimmer aufsucht, ausspricht, sind vielleicht das entzückendste und unvergesslichste Zeugnis der Berühmtheit Gawains im arthurischen Schrifttum. Und obwohl sie ihm möglicherweise nur damit schmeicheln wollte, dass alle Welt ihn kenne und seine ritterliche Tugendhaftigkeit bewundere, scheint diese Äußerung zumindest für die mittelalterliche Leser- und Zuhörerschaft keine Übertreibung zu sein. Der Großteil des englischen Publikums nämlich sah in Gawain das Schmuckstück am Hofe von König Arthur. 28 Selbst Chaucer lässt seinen squire in „The Squire’s Tale“ bewundernde Worte für Gawain „with his olde curteisye,/ Tough he were comen ayeyn out of Fairye“ 29 finden und Gawain als Ausbund der Ritterlichkeit Tribut zollen. Gawain zu ähneln heißt ein wahrer Ritter zu sein, auch wenn diese Ritterlichkeit häufig mit Magie und Märchenhaftigkeit in Verbindung gebracht wird. 30
Dass sich Gawainromanzen im Spätmittelalter großer Beliebtheit erfreuten und Gawain in der nationalsprachigen Erzählliteratur Englands jener Zeit der weitaus beliebteste Romanheld gewesen ist, kann nicht zuletzt an den mannigfachen Anspielungen auf seine ritterliche Höfischkeit, 31 an der
28 Vgl. Thomas Hahn (Ed.). Sir Gawain: Eleven Romances and Tales. Michigan, 1995. 1.
29 Geoffrey Chaucer. “The Squire’s Tale.” The Riverside Chaucer. General ed.: Larry D. Benson. Based on The Works of Geoffrey Chaucer. Ed. by F.N. Robinson. New York, 1987. 170/95f.
30 Vgl. Hahn. Sir Gawain. 2.
31 Whiting listet gleich 178 Situationen, in denen Gawain, alle Romanzen zusammengenommen, höfisch und höflich handelt. Damit übertrifft er Arthur, Launcelot, Perceval und Tristram bei weitem, von denen nur Arthur mit 86 Nennungen annähernd an Gawain heranreicht. Vgl. Whiting. “Gawain: His Reputation, His Courtesy and His Appearance in Chaucer’s Squire’s Tale.” Mediaeval Studies, 9 (1947). 218-21.
3 Die Bedeutung Gawains für den arthurischen Stoffkreis 12
vielfältigen Anfertigung von Manuskripten und den vielen überlieferten Versionen und Nacherzählungen gesehen werden. 32 So taucht Gawain entweder peripher oder zentral in rund zwanzig Werken auf, die sich von der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts bis zum Ende des Mittelalters erstrecken. 33 In all diesen Gawainromanzen wird den Lesern ein Held präsentiert, der regelmäßig jene extravaganten Abenteuer meistert, die um ihn herum geschehen, und dabei nur mit sehr großer Zurückhaltung und Unwillen Gewalt anwendet oder seine Autorität ausspielt. 34 Wie es allerdings dazu kam, dass ausgerechnet Gawain, der in den französischen Vorlagen ja mit ganz anderen Charakteristika gezeichnet wird, im mittelenglischen Schrifttum zum Archetypen der Höfischkeit und Höflichkeit avanciert, ist nicht so leicht zu beantworten.
Schon in dem französischen Wurzeln entstammenden mittelenglischen alliterierenden Gedicht Morte Arthure, entstanden in der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts, wird Gawain zwar als grimmiger und impulsiver Krieger, so doch aber als der beste Kämpfer an Arthurs Hof gefeiert, der von seinem Halbbruder Mordred als „the graciouseste gome [...] man hardyeste of hande [...] the hendeste in hawle [...], the lordelieste of ledynge“ (Alliterative Morte Arthure, 3875-3880) gepriesen wird. SGGK führt diese Auszeichnung Gawains dann weiter aus und etabliert seinen Helden als Beispiel der Ritterlichkeit und Höfischkeit. Dabei scheint der Name „Gawain“ selbst schon Programm zu sein und ein sprichwörtliches Äquivalent für die cortaysye an sich. 35 Diese schwer zu definierende cortaysye ist dabei nicht bloß ein Muster äußerlichen Verhaltens, das auf bestimmte Handlungen beschränkt ist, sondern wird in seiner gesamten Haltung, seinem Auftreten und seiner geistigen Überzeugung reflektiert. 36
32 Zum Beispiel The Grene Knight, Syre Gawene and the Carle of Carlyle, The Marriage of Gawain, die allesamt Versionen von früheren Romanzen sind. Vgl. dazu auch: Hahn. Sir Gawain. 19.
33 Vgl. Heinz Bergner. „Gawain und seine literarischen Realisationen in der englischen Literatur des Spätmittelalters.“ In: Friedrich Wolfzettel (Hrsg.). Artusrittertum im späten Mittelalter. Ethos und Ideologie. Beiträge zur deutschen Philologie. Bd. 57. Gießen, 1984. 5.
34 Vgl. Hahn. Sir Gawain. 25.
35 Vgl. Ebd. 3.
36 Vgl. Robert Harrison Figgins. The Character of Sir Gawain in Middle English Romance. Diss. University of Washington, 1973. 63.
3 Die Bedeutung Gawains für den arthurischen Stoffkreis 13
Es wird mittlerweile einstimmig angenommen, dass der Charakter Gawains keltischen Ursprüngen entstammt. Während Madden und Hahn in Gawain einen legendären keltischen Helden sehen, der mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestattet ist, 37 geht Weston sogar so weit zu behaupten, dass der ursprüngliche Gawain wahrhaftig ein keltischer Sonnengott und mit der Anderwelt verbunden ist. 38 Darauf weise schon seine zu- und abnehmende Stärke bei Tagesanbruch beziehungsweise Sonnenuntergang hin, die auch bei Malory hervorgehoben wird:
But sir Gawayne, fro hit was nyne of the clok, wexed ever strenger and strenger, for by than hit cam to the howre of noone he had three tymes his myght encresed. […] So whan hit was past noone, and whan it drew toward evynsonge, sir Gawayns strength fyebled and woxe passyng faynte, that unnethe he myght dure no lenger. [I 161/5-12] 39
Darüber hinaus sei Gawain, einem Sonnengott gebührend, in den meisten Romanzen nicht nur in Besitz eines Schwertes, sondern auch eines Pferdes von besonderer Schönheit und besonderem Wert, Gringolet. Weston nimmt an, dass der Name „Gringolet“ keltischen Ursprungs ist, dessen Bedeutung zwar verloren gegangen ist, aber auf eine bestimmte Eigenschaft des Pferdes verweise. 40 Die Annahme, dass Gawain zu Beginn seiner Karriere so ausgestattet war, wie es einem Sonnenhelden zustehe, mit einem Pferd und einem Schwert mit besonderen Eigenschaften, scheint für Weston nicht abwegig zu sein. 41 Hahn allerdings sieht dies ganz anders. Gawains perfekte Höfischkeit diene schlicht als Prüfstein, der die wahre beziehungsweise falsche Ritterlichkeit jener Antagonisten offenbare, die diesen testen, und sei nicht als Hinweis auf seine Funktion als ein archetypischer Held oder eine
37 Vgl. Hahn. Sir Gawain. 3. und Sir Frederic Madden. Syr Gawayne: A Collection of Ancient Romance-Poems by Scottish and English Authors Relating to That Celebrated Knight of the Round Table. London, 1839. xi.
38 Vgl. Weston. The Legend of Sir Gawain. 52.
39 Alle folgenden Zitate aus: The Works of Sir Thomas Malory. Ed. by Eugène Vinaver. 3 vols. 3 rd ed. revised by P.J.C. Field. Oxford, 1990.
40 Vgl. Weston. The Legend of Sir Gawain. 13f.
41 In Conte del Graal erwähnt Chrétien Excalibur ohne weiteren Kommentar als Gawains Schwert, ganz so, als sei dies keine Neuigkeit. Vgl. dazu auch: Weston. The Legend of Sir Gawain. 15-17.
3 Die Bedeutung Gawains für den arthurischen Stoffkreis 14
Sonnengottheit zu sehen. 42 Seine zu- und abnehmende Stärke allerdings könne auf eine prähistorische Verbindung zu einem Sonnengott schließen lassen. Es kann jedoch nicht von der Hand gewiesen werden, dass Gawains Ruhm weit zurückreicht und schon vor dem Auftauchen der mittelalterlichen Romanzen bekannt gewesen ist. So wird generell angenommen, dass der Charakter Gawains sich von dem walisischen Neffen Arthurs, Gwalchmai ap Gwyar, herleitet. Gwalchmai, dessen Name eigentlich Maienfalke - Hawk of May - bedeutet, wird in keltischen Erzählungen als der beste Geher und Reiter an Arthurs Hof beschrieben, der über die magische Fähigkeit verfügt, alle Aufgaben zur Zufriedenheit seines Herrn zu erledigen. 43 Darüber hinaus gilt er als einer der drei goldzüngigen oder eloquenten Anführer, deren Überzeugungskünsten niemand widerstehen kann und die in ihrer Höflichkeit zu Fremden und Gästen als unübertroffen gelten. 44 Bei der Übernahme ins Altfranzösische und Mittelenglische seien dann die wunderbaren Fähigkeiten Gwalchmais und die der anderen Helden 45 entweder völlig unterdrückt oder der Sinngebung der Romanze im Hinblick auf ein höfisch-vollendetes Menschenbild dienstbar gemacht worden. Das reiterliche Vermögen Gwalchmais sei in diesem Zuge zur kriegerischen Perfektion umgemünzt worden, während seine magische Fähigkeit, alles zur Zufriedenheit seines Herrn zu besorgen, durch seine vollkommene Höfischkeit und sein Taktgefühl ersetzt wurde. 46 Die Bedeutung Gawains in den meisten mittelenglischen Romanzen allerdings übertrifft die des Gwalchmai der keltischen Erzählungen um ein Vielfaches. In den altfranzösischen Romanzen tritt er fast nur als Begleiter des Helden auf und wird als ein Ritter dargestellt, dessen einseitige Ereiferung für physische Eroberungen, sowohl im Kampf als auch in der Liebe, ihn zu einem weniger idealen Ritter machen. Als jedoch ritterlicher Mut, Ehre und auch die körperliche Liebe zu zentralen Motiven der mittelenglischen Romanzen
42 Vgl. Hahn. Sir Gawain. 3.
43 Vgl. Helmut Birkhan. Keltische Erzählungen vom Kaiser Arthur. Wien, 1985. 41.
44 Vgl. Madden. Syr Gawayne. xv.
45 In „Culhwch and Olwen“, zum Beispiel, werden viele der Begleiter Arthurs mit ungewöhnlichen Eigenschaften ausgestattet. So kann Kai neun Tage und Nächte ohne Atmen unter Wasser leben und ebenso lange ohne Schlaf sein. Er wird bei Regen nicht nass und in einem Wald passt sich seine Körpergröße der jeweiligen Höhe der Bäume an. Vgl. Birkhan. Keltische Erzählungen. 41.
46 Vgl. Ebd. 41f.
3 Die Bedeutung Gawains für den arthurischen Stoffkreis 15
werden, arriviert Gawain mehr und mehr zu einem bevorzugten britischen Helden, bis sich ein regelrechter Kult um ihn bildet, der ihn zur unübertroffenen Verkörperung jedweder ritterlicher Tugenden werden lässt. 47 In dem späteren Stadium der Artussaga allerdings erlebt Gawain dann einen bemerkenswerten und auffälligen Wechsel: er wird zum bloßen Wüstling, grausam und verräterisch und auch seine Tapferkeit ist nicht länger unangefochten. 48 In den früheren Romanzen praktisch unschlagbar, 49 gibt es bei Malory gleich eine Liste von sechs Rittern, die dem einst unbezwingbaren Ritter an Tapferkeit überlegen sind. 50 Warum Gawain einen solchen Einbruch seiner Beliebtheit erfahren hat, ist indes nicht ganz klar. Whiting führt drei mögliche und miteinander verwobene Gründe für diese Degradierung an. 51 So spricht er zum einen von der Tendenz, die einen jeden Helden eines sich fortentwickelnden Epos früher oder später zur Passivität oder Charaktertrübung verbannt, und die Gawain ebenso erfasst habe wie auch Arthur, Karl den Großen oder Robin Hood. Gawain, der als junger Ritter an Bedeutung gewonnen und als solcher einige aktive Funktionen seines Onkels übernommen habe, sei später von anderen jungen Rittern, allen voran Launcelot, überholt oder ersetzt worden. Als zweiten Grund nennt Whiting den Kult der courtly love, dem Gawain niemals in dem Sinne nachkommen konnte, wie Launcelot oder Tristram es taten. Für Gawain besteht eine Liebesaffäre darin, verbale oder physische „Höflichkeiten“ auszutauschen, er weigert sich aber vehement, diese auch auf verheiratete Frauen auszuweiten, wie SGGK sehr gut belegt. 52 Es ist also leicht verständlich, dass Gawain nicht an dem Liebesspiel partizipieren konnte, das genau diesem Kodex unterlag. Der letzte Grund ist schließlich in den stark moralisierenden Tendenzen der späteren Romanzen zu finden, mit deren Erbauung bestimmte Merkmale der ursprünglichen Gawainerzählung schwer zu vereinbaren waren. Dieses wird besonders in der Suche nach dem heiligen Gral deutlich, die eine Läuterung ebenso voraussetzte
47 Vgl. Hahn. Sir Gawain. 6.
48 Vgl. Weston. The Legend of Sir Gawain. 8f.
49 Seine Gegner - wie in Ywain and Gawain - erringen in früheren Romanzen höchstens einen Gleichstand.
50 Vgl. dazu auch Kapitel 6.3.
51 Vgl. B.J. Whiting. “Gawain.” 215.
52 Vgl. dazu auch Kapitel 4.3 und Kapitel 7.
Arbeit zitieren:
Yvonne Löcke, 2003, Sir Gawain in ausgewählten mittelenglischen Romanzen, München, GRIN Verlag GmbH
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