1 Einleitung
Die Pädagogik Janus z Korczaks zeichnen neben seiner Konsequenz der Liebe und des absoluten Wertes und Eigenrechts des Kindes vor allem seine wissenschaftlich akribische Genauigkeit der Beobachtung, sein feinfühliger Dialog mit den Kindern und seine kritische Selbsterziehung aus. Bekannt ist er heute den meisten als jüdischer Pädagoge und Schriftsteller, der seinen Idealen bis in den Tod treu blieb und zusammen mit seinen Waisenkindern in Treblinka den Tod fand. Angesichts dieses Lebens und seines gewaltvollen Endes geschieht es jedoch nur allzu leichtzumal wenn man dem Volk der Täter angehört -, Korczak die Identität des Märtyrers überzustülpen, ihn auf die Rolle des Opfers zu begrenzen und seine Pädagogik außer Acht zu lassen. Dies ist in weiten Zügen der Korczak-Rezeption geschehen. Es scheint daher geboten, von plakativen Vergleichen und attributiven Zuschreibungen Abstand zu nehmen und zu versuchen, das Grundmuster der Pädagogik Korczaks heraus zuschälen, das jedoch untrennbar mit seiner Biographie, seinen Wurze ln, Entwicklungen und Erfahrungen verknüpft ist: Korczak war Schriftsteller, Arzt und Pädagoge und jeder dieser Berufe hat die Art und Weise seiner pädagogischen Praxis nachhaltig bestimmt.
Aus diesem Grund sollen im Folgenden die wichtigsten Stationen seines Lebens aufgezeigt und in fünf verschiedenen Ansätzen die Pädagogik Korczaks dargestellt werden. In einem letzten, abschließenden Schritt möchte ich eine Einordnung Korczaks in den reformpädago gischen Kontext versuchen und aufzeigen, warum Korczak zwar als Reformpädagoge bezeichnet werden kann, aber doch über die Reformpädagogik hinausgeht. Ich werde mich dabei neben den wichtigsten pädagogischen Werken Korczaks selbst (Vom Recht des Kindes auf Achtung, Wie man ein Kind lieben soll, Verteidigt die Kinder) vor allem auf Michael Langhanky ( Die Pädagogik Janusz Korczaks. Dreisprung einer forschenden, diskursiven und kontemplativen Pädagogik), Wolfgang Pelzer ( Janusz Korczak) und Friedhelm Beiner ( Janusz Korczak -Pädagogik der Achtung) beziehen.
2 Zur Person Janusz Korczak - Arzt, Schriftsteller, Pädagoge
Janusz Korczak wurde als Henryk Goldszmit im Jahre 1878 oder 1879 in einer assimilierten jüdischen Familie der Warschauer Oberschicht geboren. Nach behüteter Kindheit, dem Tod des Vaters und der infolge dessen weniger behüteten Jugend, entschied Korczak sich 1898 für das Medizinstudium an der Warschauer Universität. Neben seinem Studium und seiner späteren Berufstätigkeit als Arzt war Korczak als engagierter Journalist tätig, der wegen seines schriftstellerischen Könnens schon früh auf sich aufmerksam machte und sich zunehmend
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Kindern als Thema seiner Feuilletons zuwandte. Dieser schriftstellerischen Arbeit ist schließlich auch die Umwandlung seines Namens von Hendryk Goldszmit in Janusz Korczak, den er als Künstlernamen benutzte, zu verdanken. Sein Interesse an den Kindern hat ihn dann, im Jahre 1901, auch dazu gebracht, nach Zürich zu reisen, um sich dort über die Pädagogik Pestalozzis zu informieren. Nach dieser Reise nutzte er als praktizierender Arzt zweimal seinen Urlaub (1903 und 1908), um als Erzieher in Ferienkolonien mitzuarbeiten, in denen er nach eigenen Aussagen erst „das ABC der pädagogischen Praxis“ kennen lernte, und von denen er sehr ernüchtert wieder nach Hause fuhr. Diese freizeitpädagogische Erfahrung mit den Kindern brachte ihn dazu, Distanz zu einer vorweg entwerfenden Pädagogik zu nehmen und durch genaue Wahrnehmung eine individuelle Pädagogik für die Kinder zu entwickeln. Nur wenig später, im Jahre 1911, wechselte Korczak dann in die benachbarte Profession und übernahm die Leitung des neu errichteten Waisenhauses für jüdische Kinder, das „Dom Sierot“ in Warschau, das er mehr als 30 Jahre lang gemeinsam mit Stefania Wilczinska führte. Bis zu seinem Tod war das „Dom Sierot“ Hintergrund seiner Reflexionen, seiner pädagogischen Schriften und literarischen Beiträge. Es ersetzte für Korczak das Labor und die Praxis des Arztes und bot ihm Möglichkeiten zur Beobachtung des Kindes. 1939 wurde Warschau von der deutschen Wehrmacht besetzt und kurze Zeit später der Befehl erlassen, ein abgeschlossenes, mit Mauern umgebenes Stadtviertel für die jüdische Bevölkerung zu errichten, das Warschauer Ghetto, das von vielen als Vorort zur Hölle bezeichnet wurde. Im November 1940 wurden die Tore des Ghettos endgültig geschlossen und auch die Bewohner des „Dom Sierot“ mussten ihr Haus außerhalb des Ghettos verlassen und den Umzug in das Ghetto vornehmen. Nachdem die Liquidation der jüdischen Bevölkerung durch die SS beschlossen wurde, verließen täglich Tausende von Menschen das Ghetto über den Rangierbahnhof, deren Leben dann in den Gaskammern von Treblinka endete. Auch die Kinder des „Dom Sierot“ wurden im Aug. 1942 gemeinsam mit Korczak, Wilczinska und den verbliebenen Mitarbeitern zum Umschlagplatz getrieben. Dort verlieren sich ihre Spuren.
3 Methodische Ansätze der Pädagogik Korczaks
Die Selbsterziehung des Erziehers steht am Anfang einer jeden Didaktik im Sinne Korczaks, die von der Einsicht in die Fehler, Unzulänglichkeiten und Wissenslücken des Erwachsenen ausgeht. Darüber hinaus war Korczak davon überzeugt, dass man aus Kindern keine anderen Kinder machen könne, man ihnen aber helfen könne, den Kampf mit ihren eigenen Fehlern und Untugenden, die im Umgang mit anderen stören, in einer Weise zu führen, die ihren Stolz nicht verletzt. So sagte er z.B. zu einem jähzornigen Kind, es solle hauen, wenn es hauen muss, und zu
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einem aufgebrachten, wenn es die Beherrschung verlieren müsse, dann solle es das tun, aber nur einmal am Tag. Er meinte, dass in diesem einen Satz seine ganze Erziehungs methode zusammengefasst sei. Korczak schreibt an vielen Stellen, dass das Kind als Individuum nicht erst werden muss, sondern schon ist, und vor allem sein Hauptwerk Wie man ein Kind lieben soll überzeugt davon, die Kindheit nicht als Entwicklungsspanne zu sehen, die darauf zielt, erst im Erwachsenenalter zu erblühen, sondern als eine Zeit im Leben, die ihren eigenen Wert in sich hat.
Nicht umsonst gilt Korczak als Anwalt für die Rechte der Kinder, der erstmalig in der Geschichte und vor den allgemeinen Erklärungen der Kinderrechte (1924) das Recht des Kindes auf Liebe und Achtung in drei Grundrechten gefordert hat. In seinem ersten, zunächst einmal recht befremdlich anmutenden Grundsatz verlangte Korczak „Das R echt des Kindes auf den eigenen Tod“, und meinte damit die Selbstbestimmung und Freiheit des Kindes, die über Dauerbewachung und Salonkind atmosphäre hinaus auch Verletzungsmöglichkeiten mit einbezieht. Er forderte für das Kind Möglichkeiten zur Selb stentdeckung und zur freien Willens bildung undaus übung, sowie die Möglichkeit eigene Erfahrungen zu sammeln, um aus diesen zu lernen. Als zweiten Grundpfeiler der Erziehung sah Korczak „Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag“ an, das das Ausleben der Gegenwart gegenüber einer übermächtigen Orientierung an der Zukunft betont und die Gleichberechtigung des Stadiums der Kind heit gegenüber dem Erwachsenen in Familie und Gesellschaft fordert. Damit billigte er den Kindern nicht nur spezifische Bedürfnisse im Hier und Jetzt, sondern auch altersadäquate Rechte und Pflichten zu. Als letztes forderte Korczak „Das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist“, also ein Recht auf seine Eigenheit, Unvergleichbarkeit, auf Fehler und Behinderungen. Damit verlangte er den Abbau eines überhöhten Kindheitsideals und die Berücksichtigung von Veranlagung und Erziehungsmilieu als Erziehungsdeterminanten.
Das Jetzt, der heutige Tag, ist für Korczak eindeutig die relevante Dimension der Pädagogik. Eine Pädagogik, die sich stets mit dem Verweis auf die Zukunft die Legitimation für ihre Handlungsvollzüge im Jetzt holt, wurde von Korczak auf den Moment verwiesen, der nicht mehr zurückkehrt. Doch Korczak war auch ein Realist, der sich immer um Verbesserungen innerhalb der Möglichkeiten der Kinder und der Situation bemühte. Dabei muss beachtet werden, dass die Kinder seines Waisenhauses nicht nur besonders ärmlichen Verhältnissen ent sprangen, sondern zudem auch jüdischer Herkunft waren und damit zumeist einer ganz besonderen Form der Warschauer Unterschicht angehörten, die wegen des aufkeimenden Antisemitismus viele psychische und soziale Probleme nach sich zog. Hinzu kommt, dass das „Dom Sierot“ sich nur durch Spenden finanzierte und dadurch selbst auf einer sehr schwachen finanziellen Basis gebaut
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Arbeit zitieren:
Yvonne Löcke, 2003, Methodische Ansätze der Pädagogik Janusz Korczaks, München, GRIN Verlag GmbH
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Die Rechte des Kindes im Spiegel des Kinderbuches, Katjus der Zauberer
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