II
Inhaltsverzeichnis und Gliederung
1. Einleitung
S.1-3
1.1. Gegenstand der Untersuchung
S.1
1.2. Arbeitshypothese und Fragestellungen
S.1-2
1.3. Abgrenzung des Themas
S.2-3
2. Analyse
S.4-26
2.1. Definitorische Grundlagen
S.4-7
2.1.1. Der allgemeine Fundamentalismusbegriff
S.4-5
2.1.2. Der historische Fundamentalismusbegriff
S.5-7
2.2. Protestantismus und Evangelikalismus in den USA
S.7-13
2.2.1. Die historische Entwicklung des Evangelikalismus
S.8
2.2.2. Charakteristika des Evangelikalismus
S.9
2.2.3. Liberaler und modernistischer Protestantismus
S.10
2.2.4. Die Beziehung zwischen Evangelikalismus, Liberalismus und Fundamentalismus
S.11-13
2.3. Die fundamentalistische Bewegung in den USA
S.13-25
2.3.1. Die geistigen Grundlagen der fundamentalistischen Bewegung
S.13-18
2.3.2. Die historische Entwicklung des Fundamentalismus
S.18-25
2.4. Fundamentalismus als soziale Protestbewegung
S.25-26
3. Schlussbetrachtung
S.27-28
4. Bibliographie
1
1.Einleitung
1.1. Gegenstand der Untersuchung
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen des christlichen beziehungsweise protestantischen Fundamentalismus in den Vereinigten Staaten von Amerika. Der Untersuchungszeitraum bezieht sich vornehmlich auf die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, allerdings zwingt die Komplexität der Thematik auch zur Betrachtung von deutlich länger zurückliegenden Ereignissen und Entwicklungen.
Aufgrund des inflationären G ebrauchs des Begriffes Fundamentalismus beginnt diese Untersuchung mit einem definitorischen Teil, der die verschiedenen Bedeutungen, Betrachtungsweisen und Forschungsansätze des
Fundamentalismusphänomens vorstellt. In diesem Kontext wird der evangelikale Rahmen des christlichen Fundamentalismus und dessen Beziehung zum eigentlichen Kernthema der Untersuchung erläutert werden. Auf weitere für das Verständnis des protestantischen Fundamentalismus bedeutsame Begriffe (beispielsweise Prä- und Postmillennialismus sowie Dispensationalismus) wird ebenfalls eingegangen werden.
Anschließend nimmt diese Arbeit eine Festlegung auf die „historische“ Form des protestantischen Fundamentalismus vor. Im weiteren Verlauf der Untersuchung wird vornämlich auf Entwicklungslinien und Konfliktfelder des amerikanischen Fundamentalismus im besagten Zeitraum eingegangen werden. Diese Konfliktfelder beinhalten unter anderem den Konflikt zwischen konservativen Evangelikalen und liberalen Modernisten sowie die Auseinandersetzung um die Evolutionstheorie, die schließlich im „Scopes-Trial“ kulminiert. Abschließend wird der amerikanische Fundamentalismus in seiner Funktion als soziale Protestbewegung untersucht werden.
1.2. Arbeitshypothese und Fragestellungen
Die grundlegende Hypothese dieser Arbeit ist, dass es sich bei dem christlichen Fundamentalismus in den USA hauptsächlich um eine gegen die Moderne gerichtete Geistesströmung handelte. Diese Deutung betrifft allerdings nur den
2
Fundamentalismus in seiner Funktion als soziale Protestbewegung, die gegen die als Bedrohung empfundene Moderne gerichtet war. Des Weiteren geht diese Arbeit von der Annahme aus, dass der Fundamentalismus weder ein Phänomen der „Ungebildeten“ oder der „Anti-Intellektualität“, noch eines des „Landes“ oder des „S üdens“ war. Vielmehr ist der Fundamentalismus als eine rationale Theologie anzusehen, die nicht zuletzt in den großen nördlichen Glaubensgemeinschaften und Universitäten des Norden (Princeton) vermittelt wurde. Die scheinbare Simplizität des Fundamentalismus -verbunden mit der Emotionalität des Evangelikalismus - erklärt allerdings dessen Attraktivität für weite Teile der Bevölkerung. Somit wurde der Fundamentalismus vor allem bei weniger gebildeten Bevölkerungsgruppen und im ländlichen Süden der USA zum Massenphänomen. Dieser Umstand dürfte nicht zuletzt für die negative Wahrnehmung des Fundamentalismus in der damaligen „modernen“ Gesellschaft der Vereinigten Staaten verantwortlich sein. Die als Bedrohung empfundenen gesellschaftlichen Auswirkungen der Moderne veranlassten ein bestimmtes soziales Milieu (die „alten“ weißen Mittelschichten), sich die über einen langen Zeitraum gewachsene theologische Position des Fundamentalismus anzueignen. Somit sollten ein bestimmter Lebensstil und elementare Wertvorstellungen gegen die „Welt des Unglaubens“ verteidigt werden.
Die Untersuchung wird weitergehend aufzeigen, dass der christliche Fundamentalismus in den USA seine Hochphase nach dem Ende des 1. Weltkrieges hatte, die sich in etwa bis Mitte der 1920er Jahre erstreckte. Diese Hochphase umfasste unter anderem das Eintreten für die Prohibition und die Anti-Evolutionsgesetzgebung. In der Folgezeit nahm die Bedeutung des Fundamentalismus als öffentliches Phänomen ab, allerdings wurden in dieser Phase bedeutende organisatorische Maßnahmen ergriffen, die das Überleben der fundamentalistischen Denkschule sicherten.
1.3. Abgrenzung des Themas
Diese Arbeit wird den Fundamentalismus hauptsächlich als eine eigenständige theologische Position betrachten. Deswegen ist es unerlässlich, grundlegende Entwicklungslinien und Ursprünge dieses Phänomens aufzuzeigen. Allerdings
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kann diese im Rahmen eines Seminars der Wirtschafts- und Sozialgeschichte verfasste Arbeit nicht den Anspruch erheben, eine exakte
religionswissenschaftliche A nalyse des protestantischen Fundamentalismus zu leisten. Den relativ großen Raum, den die Betrachtung der theologischen Hintergründe einnehmen wird, erklärt sich aus der Notwendigkeit, den Fundamentalismus zunächst überhaupt als ein eigenständiges theologisches System definieren zu können.
Im Vergleich hierzu nimmt die Betrachtung der sozialen Krisensituation, dem Konflikt mit der Moderne im Lichte des 1. Weltkriegs, einen eher kleinen Raum ein. Dies geschieht nicht aus der Intention heraus, die Bedeutung d es Fundamentalismus als soziale Bewegung zu schmälern, sondern erklärt sich mit dem Zwang, den inhaltlichen Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen. Die diversen sozialen Implikationen der amerikanischen Modernisierungsprozesse zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Gegensatz von Stadt und Land, aufkommende Massenkultur, Prohibition etc.) werden gewissermaßen als allgemeiner Rahmen verstanden, in dem sich der Fundamentalismus von einer primär theologischen Position hin zum gesellschaftlichen Massenphänomen entwickelt.
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2. Analyse
2.1. Definitorische Grundlagen
2.1.1. Der allgemeine Fundamentalismusbegriff
Fundamentalismus ist heute ein im alltäglichen Sprachgebrauch fest verwurzelter Begriff, dessen Verwendung allerdings von einer gewissen Beliebigkeit gekennzeichnet ist. Dies erscheint nicht sonderlich erstaunlich, da selbst in der wissenschaftlichen Diskussion keine einheitliche Definition vorhanden ist. 1 Bezogen auf den Fundamentalismus als modernes internationales Phänomen - als solches wohl seit der islamischen Revolution im Iran 1979 und dem in etwa zeitgleichen Wiedererstarken der christlichen Rechten in den USA vorhanden - ist das Fundamentalism Project 2 der American Academy of Arts and Sciences als Standardwerk der Fundamentalismusforschung anzusehen. Die zentrale Aussage dieses interdisziplinären und auf Fallstudien beruhenden Projekts besteht in der Anerkennung der Verschiedenartigkeit und der Vielfalt der diversen fundamentalistischen Strömungen, die in nahezu allen Teilen der Welt und in fast allen Religionen anzutreffen sind. Folgerichtig wird von Fundamentalismus im Plural, also von Fundamentalismen gesprochen. Weitere Erkenntnisse des Projektes zeigen, dass zwischen den diversen religiösen Bewegungen aller Glaubensrichtungen - denen im Allgemeinen das Etikett „fundamentalistisch angehängt wird - „Familienähnlichkeiten“ (family resemblances) bestehen und darauf basierend eine allgemeine Charakterisierung in fundamentalist, fundamentalist-like und non-fundamentalist vorgenommen werden kann. 3 Entscheidend für diese Einteilung ist der Grad der Erfüllung von neun Charakteristika:
1 Vgl. zu den diversen Gebrauchsformen des Begriffes Fundamentalismus (Protestantismus in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Kritischer Rationalismus in den 1960er Jahren, Khomeinis Islamische Revolution und schließlich moderne Zivilisationskritik): MEYER, Thomas, „Fundamentalismus. Die andere Dialektik der Aufklärung“, in: MEYER, Thomas (Hg.), Fundamentalismus in der modernen Welt, Frankfurt a. M. 1989, S. 13-15.
2 Aus diesem von Martin Marty und Scott Appleby geleiteten Projekt gingen folgende bei Chicago University Press erschienenen fünf Bände hervor: MARTY, Martin E. und APPLEBY, Scott (Hg.), Fundamentalisms Observed (Bd. 1) Chicago 1991; Fundamentalisms and Society (Bd. 2) Chicago 1993; Fundamentalisms and the State (Bd. 3) Chicago 1993; Accounting for Fundamentalisms (Bd. 4) Chicago 1994; und Fundamentalisms Comprehended (Bd. 5) Chicago 1995.
3 Vgl. HARRIS, Harriet A., Fundamentalism and Evangelicals, Oxford 1998, S.326-327.
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„Five of these are ideological: reactivity to the marginalization of religion, selectivity, moral dualism, absolutism and inerrancy, millennialism and messianism. Four are organizational: elect membership, sharp boundaries, charismatic and authoritarian leadership, and behavioural requirements.” 4 Wie im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch zu zeigen sein wird, erfüllte und erfüllt der protestantische Fundamentalismus in d en USA die ideologischen Vorraussetzungen nahezu vollständig und die organisatorischen zumindest teilweise. Dementsprechend ist die Bezeichnung „fundamentalistisch“ für die zu untersuchenden religiösen Bewegungen zutreffend.
2.1.2. Der historische Fundamentalismusbegriff
So stimmig diese allgemeine Definition auch ausfällt, ist ihre Nützlichkeit bezogen auf das historische Fundamentalismusphänomen in den Vereinigten Staaten doch relativ stark eingeschränkt. Dies hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass das Fundamentalism Project den Fundamentalismus primär als aktuelle weltpolitische Erscheinung behandelt. Der Terminus Fundamentalismus hat seine historischen Ursprünge jedoch in exakt jenem zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorherrschenden christlich-protestantischen Umfeld der USA, das diese Arbeit untersuchen wird.
Drei der anerkanntesten Forscher im Bereich des christlichen Fundamentalismus und Evangelikalismus, George Marsden, Mark Noll und Joel Carpenter, reservieren den Terminus Fundamentalismus allein für die historische Bewegung des Fundamentalismus und deren Nachfolger, die den Begriff für sich nach wie vor akzeptieren. Allgemein verstehen diese Wissenschaftler, die übrigens alle drei selbst Evangelikale sind, den Fundamentalismus als eine Bewegung, die aus dem Evangelikalismus heraus entstand, sich dann separierte und anschließend wieder auf diesen zurückwirkte. 5
Der Begriff Fundamentalismus geht auf eine zwölfbändige Schriftenreihe mit dem Titel The Fundamentals (Die Grundprinzipien) zurück, die zwischen 1909 und 1915 von zwei theologischen Laien, den kalifornischen Ölmagnaten Milton and Lyman Stewart, herausgegeben wurde. Die Schriften wurden in
4 HARRIS, H., Fundamentalism and Evangelicals, S.327.
5 Vgl. Ebd. S.1-2.
6
hunderttausendfacher Auflage kostenlos an alle potentiell religiös Interessierten
verteilt. 6
Inhaltlich verteidigten diese Schriften, die sich unter anderem gegen den
Evolutionsgedanken und die „höhere“ Bibelkritik richteten, primär:
„[ Die Unfehlbarkeit der Bibel, Unabdingbarkeit persönlicher Bekehrung und den
Glauben an die Sündhaftigkeit der Welt im Zustand d er nahen Wiederkunft
Christi. “ 7 Des Weiteren betonten The Fundamentals „ die Jungfrauengeburt
Erl ösung nur für die Auserwählten und die wirkliche leibliche Auferstehung
Jesu “ 8
Es gilt jedoch zu beachten, dass weder eine Gleichsetzung dieser Schriftenreihe
mit den fundamentalistischen Bewegungen in den USA vorgenommen werden
darf , noch dass deren Auswirkungen auf diese Bewegungen überbewertet werden
d ürfen. Der Stil der Schriften war im allgemeinen eher gemäßigt, ihre Absichten
waren friedlicher Natur und somit standen sie in Kontrast zu der Aggressivität und
Militanz gegenüber Modernismus und Liberalismus, die für den
Fundamentalismus in den 1920er Jahren charakteristisch sein sollten. 9
George Marsden sieht den Baptisten Curtis Lee Laws als wahren Schöpfer des
Begriffs Fundamentalismus an, da dieser Fundamentalisten erstmals als solche
Menschen definiert hatte, die zu heftigen Auseinandersetzungen („battle-royal“)
f ür die Gültigkeit der Fundamente (und somit gegen modernistische Ansichten)
bereit waren. 10
Zu einem späteren Zeitpunkt wird eine Zusammenfassung der wichtigsten
Geistesstr ömungen des protestantischen Fundamentalismus vorgenommen
werden , um diesen nach der bereits erfolgten begrifflichen Definition auch
inhaltlich vorzustellen. Zu Beginn ist es jedoch unerlässlich, das protestantische
6 Vgl. HARRIS, H., Fundamentalism and Evangelicals, S.26 und SANDEEN, Ernest R., „Toward
a Historical Interpretation of the Origins of Fundamentalism“, in: MARTY, Martin E. (Hg.),
Modern American Protestantism And Its World. Historical Articles on Protestantism in American
Religious Life. Vol.10. Fundamentalism and Evangelicalism, München/London/New York/Paris
1993, S.30-33.
7 BIRNBAUM, Norman, „Der protestantische Fundamentalismus in den USA“, in: MEYER, T.
(Hg.), Fundamentalismus in der modernen Welt, S.121.
8 WILSON, Brian, Christentum, Freiburg i.Brsg. 2000, S.111.
9 Vgl. HARRIS, H., Fundamentalism and Evangelicals, S.26-28. Harris zählt „The Fundamentals
also zu frühfundamentalistischen Entwicklungen. Gleiches gelte auch für die sogenannten „ five
points of fundamentalism“ der Presbyterian General Assembly von 1910 bzw. der Niagara
Conference von 1895, die oftmals als Quintessenz des protestantischen Fundamentalismus
angef ührt werden. Siehe hierzu S.25-26.
10 Siehe MARSDEN, George M., Fundamentalism and American Culture. The Shaping of
Twentieth -Century Evangelicalism: 1870-1925, New York/Oxford 1980, S 159
Arbeit zitieren:
Jan Michael Kotowski, 2003, Protestantischer Fundamentalismus in den USA - Theologische Position und soziale Protestbewegung - Eine Untersuchung der Ausformungen des Phänomens in der Zwischenkriegszeit, München, GRIN Verlag GmbH
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