genüber, ohne auch nur ein Wort miteinander gewechselt zu haben. Gerade aus dem Befund politischer Symbole und der vermeintlichen Äußerlichkeiten wie einer „polit isch motivierten“ Kleidung lassen sich Werte und Verhaltenserwartungen ebenso gut ableiten, wie aus politischen Äußerungen oder Kommentaren. Sie zählen wie die politischen Artikel in den Zeitungen zum Bereich der sich entfaltenden bürgerlichen „Öffentlichkeit“ und beinhalten wie diese einen kommunikativen Akt zwischen dem Träger eines Symbols und dem, der dies in seiner politischen Bedeutung erkannte. Lynn Hunt bezeichnet in ihrer Arbeit diese symbolischen Bekenntnisse zu den entstehenden politischen Parteien als eine Form politischer Kultur, die den kollektiven Absichten und Aktivitäten Ausdruck und Form verlieh und damit letztlich „die Logik revolutionären Handelns“ lieferte. 2
Schwerpunkt dieser Studie ist nicht die Symbolik der Revolution in Frankreich, sondern deren Auswirkungen auf die Nachbarstaaten im Deutschen Reich. Primär soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit sich auch in Deutschland die politischen Veränderungen in der Kleidung und in den am Körper getragenen Abzeichen oder Accessoires widerspiegelten. Dabei konzentriere ich mich auf die kleine gesellschaftliche Gruppe der Studenten, die nach neueren Forschungsergebnissen in besonderem Maß durch die Französische Revolution beeinflußt wurde. 3 Forschungsleitend ist die Frage, ob die Studenten Symbole der Französischen Revolution übernahmen und inwieweit damit ausdrücklich eine Parteinahme verbunden war. Ferner soll in Erfahrung gebracht werden, ob dies parallel zur Entwicklung in Frankreich verlief und welche politischen Symbole und symbolischen Kleidungsstücke die Studenten letztlich übernahmen. Zuvor aber ist es hilfreich, die politische Symbolik und den Wandel der Kleidung in Frankreich im Verlauf der Revolution näher zu betrachten.
1. Politische Mode und Symbolik in Frankreich 1789-1799
1.1 Revolution in der Mode - die Phase bis zum Sturz der Jakobiner (1789-1794)
Die Französische Revolution leitete auch in der Männermode entscheidende Veränderungen ein. Die Mode bestimmte nun nicht mehr der Adel, sondern das etablierte Bürgertum, das sich wiederum durch die Kleidung deutlich gegenüber unteren Schichten abgrenzte. 4 Mit der Entmachtung der Aristokratie verzichteten die Männer auf prunkvolle, farbenprächtige Seidengewänder mit aufwendigen Stickereien und auf gepuderte Perücken. Die Haare wurden nicht mehr zum Zopf gebunden, sondern offen getragen und nicht mehr gepudert. Die jungen Franzosen trugen das Haar rundgeschnitten oder wild nach hinten gekämmt und bis über den
Rockkragen herabhängend. 5 Das lange Beinkleid löste die Kniehose mit Seidenstrümpfen ab. Diese Röhrenhose war ursprünglich die Arbeitskleidung Marseiller Hafenarbeiter.
Mit zunehmender Radikalisierung der Revolution hüteten sich die Oberschichten und der Adel davor, ihre Schicht- und Standeszugehörigkeit durch die Kleidung oder Frisur zu zeigen. Der Pariser Korrespondent des Weimarer „Journal des Luxus und der Moden“ berichtete am 15. August 1792 seinen Lesern: „Jeder rechtliche Mann, sei er Aristokrat oder Demokrat, geht jetzt schlecht gekleidet aus, um nicht Gefahr zu laufen; denn reinlich gekleidet und fr isiert zu sein, und seidene Strümpfe zu tragen, ist schon hinreichend von den Sans Culottes auf der Straße als Aristokrat angeschrien, und vom Pöbel gemißhandelt zu werden.“ 6 Ein Träger revolutionärer Kleidung führte oft auch einen waffenartigen Stock mit sich. Unter dem Datum des 14. Oktober 1790 berichtete der Korrespondent im „Journal des Luxus und der Moden“, die jungen Leute trügen dicke Stöcke, die eine Form von Säbeln hatten. 7 Am 15. Dezember 1790 beschreibt er die Stöcke in folgenden Varianten: „Ein dicker schwarzer Knotenstock oder einer in Form eines Säbels, beide mit verborgnen Klingen“. 8 Mit der Zeit werden dann statt Stöcken auch martialische Keulen mitgeführt: Die „wahre[n] Herkules-Keulen von Stöcken“, auch „Massues“ (Keulen) genannt, sind „kurze dicke knotige Knüppel von spanischer Weinrebe, die oben in der Hand am dünnsten sind, und unten sehr dick wie Keulen zugehen.“ 9
Im Jahr 1792 dominierten die „Sansculotten“ das Stadtbild. Sie trugen die langen weiten Pantalons der Seeleute und Arbeiter, eine kurze Jacke (die Carmagnole), die rote Mütze (bonnet rouge) und waren mit einer Pike oder einer anderen Waffe ausgestattet. Die Vertreter der Pariser Unterschichten nannten sich selbst „Sansculotten“, um mit dieser verächtlichen Bezeichnung der Kniehose als Culotte (der Bekleidung des Cul) ihren Spott auszudrücken und ihre Ablehnung von Glanz und Mode der oberen Stände zu verdeutlichen. Bekanntestes Abzeichen der Revolution war die rote „Freiheitsmütze“. 10 Wie andere in der damaligen Bildsymbolik auftauchende Insignien (Piken, Liktorenbündel, Keulen) war die phrygische Mütze ein aus der Antike entlehntes Freiheitssymbol. Im antiken Rom wurde freigelassenen Sklaven eine solche Mütze überreicht.
Die Freiheitsmütze war im Unterschied zur Trikolore kein nationales Symbol, sondern verfocht den weltbürgerlichen Gedanken der Menschheitsbefreiung. So hieß es unter diesem Anspruch auch in einer Strophe des französischen Liedes „Les voyages du bonnet rouge“ („Die Reisen der roten Kappe“) von 1792:
„Enfin de Paris au Japon, De l’Africain jusqu’au Lapon, Legalité se fonde. Tyrans, le sort en est jeté. Le bonnet de la liberté Fera le tour du monde.“ 11
[Und von Paris bis Japans Strand,
Vom Kaffern bis zum Lappenland Wird bald die Freihe it siegen. Tyrannen! hört, welch Los euch fällt, Die Freiheits-Kappe wird die Welt Auf schneller Reis‘ umfliegen.] 12
Alternative revolutionäre Bekenntnisform zur roten Mütze war der Dreispitz- Hut mit der trikolorefarbenen Kokarde. Die Kokarde war ein Schle ifchen, mit dem die Hutkrempe hoch-gebunden wurde, und das vor der Revolution meist schwarz oder weiß war. Politisch bedeutsam wurde dann die blau- weiß- rote Kokarde nach dem Bastillesturm als Symbol nationaler und republikanischer Gesinnung. Die Farben der Trikolore tauchten aber auch in einer anderen Variation auf: Die sogenannte „phrygische“ Tracht zeichnete sich seit 1792 durch weiße Beinkleider, blauen Schultermantel und die rote Mütze aus. 13
Bis zur Revolution war das weiße Lilienbanner der Bourbonen die Flagge Frankreichs. Die neue Farbkombination Blau-Weiß- Rot entstand im Revolutionsjahr 1789 durch Vereinigung der Pariser Stadtfarben Blau- Rot mit dem königlichen Weiß. Ludwig XVI. steckte sich am 17. Juli 1789 im Pariser Rathaus eine blau-rote Kokarde auf seine weiße. Bereits am 4. Oktober 1789 erließ der Pariser Stadtrat ein Dekret, wonach die Bürger nur noch die blau- weißrote Kokarde tragen durften, wobei in den ersten Jahren keine exakte Übereinstimmung in der Reihenfolge der Farben bestand. Am 5. Juli 1792 wurden alle Bürger in Frankreich per Gesetz dazu angehalten, die Nationalkokarde zu tragen. Schließlich drohte am 17. September 1792 gar die Todesstrafe, falls andersfarbige Kokarden - wie die weiße der Royalisten - verkauft oder getragen wurden. Das war ein deutlicher Hinweis, wie sehr man das Tragen der einen oder anderen Farbe als politische Gesinnung wertete.
Nicht alle politisch aktiven Franzosen kleideten sich auf diese Weise. Besonders die Polit iker hielten sich mit Symbolen auffallend zurück, wie auf zeitgenössischen Bildern zu erken- nen ist. Die bekanntesten Jakobiner wie Robespierre, Danton oder Marat trugen schlichte,
unelegante Kleidung. Mit roter Mütze sah man sie nie. Dadurch unterschieden sie sich in elitärer Weise von den Volksmassen und den Sansculotten mit ihrer eindeutigen drastischen Symbolik.
1.2 Jeunesse dorée - Direktoriumszeit (1794-1799)
Nach dem Sturz der Jakobiner organisierten sich Ende 1794 in Paris die Jugendbanden der sogenannten Jeunesse dorée, die stellvertretend für konservative Bürgerliche, Monarchisten und Konstitutionalisten Jagd auf Jakobiner und Sansculotten machten. Die „jungen Leute“ waren an ihren Zöpfen und viereckigen Kragen zu erkennen. 14 Von ihren Gegnern wurden sie „muscadins“ (moschusduftende Stutzer) genannt. Die Jeunesse dorée war die Negation der Sansculotten. Jeder, der es noch wagte, eine rote Mütze zu tragen, wurde von ihnen verfolgt. In ihrer Studie kommt Harris daher zum Schluß, daß mit Umkehr der politischen Verhältnisse auch die Freiheitsmütze als Symbol an Bedeutung verliert: „The symbolic im-portance of sans-culotte dress must, in any case, have declined rapidly with the disappearance of that group as a significant force in French politics, and there are noticeably fewer references to the bonnet rouge in the documents after April 1794.“ 15 Bewaffnet mit Knüppeln und in einer Stärke von 2000- 3000 Personen (in Paris), übte die „Goldene Jugend“ im Winter 1794/95 hindurch, vom Frimaire bis zum Ventôse des Jahres III, eine „verschleierte Form des Weißen Terrors“ 16 unter Jakobinern und Sansculotten aus.
Der politische Kurswechsel hatte Folgen für die politischen Elemente in der Mode. Unter dem Direktorium war die republikanische Nüchternheit nicht mehr dominierend. Die Bourgeoisie wand sich verächtlich ab von der schlichten Sansculottenkleidung (Hose, Bluse, glatte Haare und rote Mütze), die Jungen versuchten sich in extravaganter Kleidung als „Merveilleuses“ und „Incroyables“ (Stutzer und Modenarren) zu überbieten. 17 Die Anhänger der Sansculotten und Jakobiner waren vor allem an den langen, glatten Haaren zu erkennen, mit denen sie sich etwa von den „Royalisten“ abhoben, die ihre Haare wie vor der Revolut ion wieder gepudert trugen. 18 Insgesamt war in der Zeit des Direktoriums analog zur polit ischen Interessenlage die politische Zuordnung durch die Kleidung wesentlich subtiler als in den ersten Revolutionsjahren. Allein unter den Republikanern waren fünf verschiedene Klassen zu unterscheiden. Nur zwei seien hier näher beschrieben. Nach der französischen illustrierten Broschüre mit dem Titel „Caricatures politiques“ von 1798 kennzeichneten den „Exclusif“einen militanten Führer der Sansculotten - langes Haar, ein zweispitziger Hut und ein keu- lenartiger Stock. Der sogenannte „Independent“, der Typus des unabhängigen Republikaners,
trug hingegen zu seinem runden Hut das Haar kürzer. Die Qualität seiner Kleidung war insgesamt besser als die des „Exclusif“. 19
2. Politische Symbolik und Mode deutscher Studenten 1789-1800
2.1 Mode vor 1789
In Deutschland hatte die Aufklärung in der Mode bereits die höfische Farbenpracht verdrängt und einer mehr der nüchternen und verstandesgemäßen Zeit angepaßten schlichteren Kle idung Platz geschaffen. Die Verehrung besonders der Jugend für Go ethes Sturm- und Drang-Roman „Die Leiden des jungen Werther“ (1774) schlug sich auch in der Kleidung nieder. Man ging in „Wertherkleidung“, das bedeutete, die Männer trugen wie der Roman- Held, der englisch gekleidet war, einen blauen Frack, gelbe Hosen, Stiefel und einen schlichten Filzhut. 20 Besonders die jungen Männer waren als Freigeister und „Kraftgenies“ tonangebend in der Ablehnung der überkommenen Mode. Um ihre „Urwüchsigkeit“ zu demonstrieren, schnitten sie die alten Zöpfe ab, trugen das Haar lang und ungepudert, die Kleidung schlicht bis verwahrlost. Die Jugend legte den Zopf als Relikt des Alten bereits vor der Französischen Revolution ab. Mit Ausbruch der Revolution war es aber immer noch ein symbolischer Akt, der zur Demonstration einer fortschrittlichen Haltung dienen konnte. So schnitt sich zum Beispiel der Student der Stuttgarter Hohen Carlsschule, Joseph Anton Koch, beim Überschreiten der Rheinbrücke nach Straßburg symbolisch den Haarzopf ab und schickte ihn per Post an die Akademie zurück. 21 Mit diesem symbolischen Akt trennte sich Koch nicht nur von seinem Zopf, sondern auch von einem System, das er aus politischen Gründen ablehnte. Das Zopfabschneiden blieb noch zu Zeiten der Burschenschaften eine Möglichkeit, die Ablehnung des Ancien régime zu demonstrieren. Das bekannteste Beispiel ist vom Wartburgfest 1817 überliefert, als die Studenten den „Pracht-, Prahl- und Patenzopf“ als Symbol des Absolutismus symbolisch verbrannten. 22
Eine ebenfalls schon in der Aufklärungszeit aufgekommene Mode war es, Waffe oder Stock mit sich zu führen: „Zum vollen Anzug des Mannes gehört der Degen und zum Negligé der Stock.“ 23 Demnach war es bereits vor der Revolution nichts Ungewöhnliches, einen Stock mit sich zu führen. Offenbar sah die Obrigkeit kein Problem darin, daß die Studenten die auch als Waffen zu gebrauchenden Stöcke mit sich führten. Wie an anderer Stelle gezeigt werden wird, sollte sich diese liberale Haltung durch den Ausbruch der Revolution und die Politisierung der Studenten ändern.
2.2 Studenten am Ende des 18. Jahrhunderts
Das durchschnittliche Alter der Studenten bei Studienbeginn lag zwischen 16 und 22 Jahren. Der sozialen Herkunft nach zerfiel die Studentenschaft im 18. Jahrhundert vor allem in eine kleine adlige und eine große bürgerliche Gruppe. Der Zugang zur Universität verengte sich sozial, auch wenn noch ein verhältnismäßig großer Teil aus dem Kleinbürgertum kam. An katholischen Universitäten stammten etwa 40 Prozent der Studenten aus dem Kleinbürgertum gegenüber einem Drittel an protestantischen Universitäten. Der Anteil der aus ärmeren Schichten stammenden Studenten, der sogenannten „pauperes“, war gering und gegen Ende des Jahrhunderts eher rückläufig. 24
Die Universitäten im Deutschen Reich unterschieden sich hinsichtlich der Bedeutung, Größe, Qualität der Lehre und Konfession. Die protestantischen Universitäten galten als aufgeklärter und fortschrittlicher, aber auch an mehreren katholischen Universitäten hatte die Aufklärung Einzug gehalten. 25 Als exklusivste und modernste Universität galt Göttingen. Die Studienkosten waren hier sehr hoch. Laut einem Studienführer von 1791 mußte selbst ein sehr anspruchsloser Student in Göttingen noch 200 Gulden jährlich aufbringen, wohingegen er in Mainz und an mehreren anderen Universitäten mit 80 - 150 Gulden auskommen konnte. 26 Die Möglichkeit der freien Zeiteinteilung, die universitäre Wissensvermittlung, die Bildung und die Zugriffsmöglichkeit auf Literatur unterschied die Studenten von vielen ihrer Altersgenossen und privilegierte sie auch hinsichtlich ihrer politischen Informationsmöglichkeiten. Es kann deshalb davon ausgegangen werden, daß die Studenten wie alle Gebildeten die Ereignisse in Frankreich mit Interesse verfolgten und über politische Veränderungen nicht nur informiert waren, sondern in studentischen Zirkeln heftig diskutierten. Inwieweit die Nähe oder Ferne der Studenten zur Revolution sich auch auf deren Kleiderstil oder das Tragen politischer Symbole auswirkte, soll im folgenden an den Beispielen ausgewählter Universitäten geklärt werden.
Wie gelangten die Studenten an Informationen über die französische Kleidermode? Aus Frankreich kamen nicht nur schriftliche Propagandastücke, Zeitungsmeldungen oder Reiseberichte nach Deutschland, sondern auch illustrierte Propagandablätter. Für Frankreich beziffert man die Zahl der illustrierten Propagandablätter auf mehr als 10 000. Dagegen nimmt sich zwar die Zahl von einigen hundert Blättern aus deutscher Produktion bescheiden aus, belegt aber doch das Anliegen deutscher Publizisten, mit Bildillustrationen Einfluß auf die politische Meinung in Deutschland zu nehmen. 27 Unabhängig davon, ob die jeweilige Illust- ration tendenziell für oder gegen die Revolution war, gaben sie dem Betrachter die Möglich-
Arbeit zitieren:
2001, 'Sansculotten auf deutschem Grund und Boden'. Politische Symbolik deutscher Studenten zur Zeit der Französischen Revolution (1789-1800), München, GRIN Verlag GmbH
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