Ödön von Horváths Volksstücke zeigen eine Welt, in der man Nächstenliebe, Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit vergeblich sucht. Die Gesellschaft besteht aus Einzelnen, die einander erbarmungslos im Stich lassen. Die wirtschaftliche Not demoralisiert die Menschen. Ihr Egoismus führt zwangsläufig zu ihrer Vereinsamung.
Sicherheit und Halt sind nur im Geld zu finden - der Gott dieser schlechten und kalten Zeit.
In der Wirtschaftskrise sind es die Frauen, die, meist arbeitslos, unter den Umständen am meisten zu leiden haben. Sie sind Opfer dieser finanzielle Not und werden von patriarchalische Zwängen unterdrückt.
Horváth zeigt Frauen auf, die entweder versuchen sich in das Räderwerk der männlichen Macht einzuordnen oder die bei einer Auflehnung zerbrochen werden. Dieses zieht nach sich, dass diese Hausarbeit nicht nur die wichtigsten Frauenfiguren, sondern auch die Männer, die sie in die jeweilige Situation drängen, betrachten muss.
Aufgrund des Umfangs dieser Arbeit musste eine Auswahl von Horváths Stücken getroffen werden. Sie erfolgte danach, welches Werk der Autor selber als Volksstück bezeichnet hat. Diese Abgrenzung schließt nicht aus, dass auch andere Stücke volksstückhafte Züge ebenso aufweisen wie markante Frauen- und Fräuleinfiguren. Bei den Volksstücken handelt es sich um:
- Die Bergbahn. Volksstück in drei Akten (ehemals Revolte auf Côte 3018) von 1929, Uraufführung im selben Jahr in Berlin
- Italienische Nacht. Volksstück [in sieben Bildern] entstand 1930, Uraufführung in Berlin im darauffolgenden Jahr
- Geschichten aus dem Wiener Wald wurde 1931 fertiggestellt und in Berlin uraufgeführt
- Kasimir und Karoline. Volksstück: Uraufführung fand 1932 in Leipzig statt - Glaube Liebe Hoffnung. Volksstück in sieben Bildern wurde 1932 fertig gestellt, die geplante Uraufführung 1933 von den Nationalsozialisten verhindert. Sie fand dann unter dem Titel „Liebe, Pflicht und Hoffnung“ 1936 in Wien statt
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Die Bergbahn
In seinem ersten Volksstück Revolte auf Côte 3018, das Horváth in Die Bergbahn umarbeitete, geht es um den Kampf zwischen Arbeitskraft und Kapital. In ihm findet sich nur eine Frauenrolle, die Veronika. Da sie an keiner ausschlaggebenden Handlung teilnimmt und im Hintergrund bleibt, als das Stück am Ende des zweiten Aktes erst richtig beginnt, spielt sie keine bedeutend Rolle in der Darstellung der Frau in Horváths Volksstücken.
Bei ihr sind dennoch Grundzüge erkennbar, die auch die späteren Frauengestallten prägen: Sie führt für die Männer den Haushalt und wird von ihnen zum Sexualobjekt degradiert. Die sie umgebende Männerwelt begegnet ihr teilweise mit obszöner Zweideutigkeit. Schulz: „Ich dachte nur nach: wann ich das letztemal Fleisch-“ (GW 1 S. 63 bzw. GW S. 23) Trotz knapper achtzig Äußerungen im Stück 2 ist Veronika die nach außen hin nebensächlichste Gestalt des Dramas. Obwohl sie Ursache einer Prügelei ist, hat sie keine Möglichkeit „handelnd in das Geschehen einzugreifen und damit auch ihr eigenes Schicksal zu beeinflussen“ (Carhoun S. 25).
1 Abkürzungserklärung im Werkausgabenverzeichnis am Ende der Hausarbeit
2 Zum Vergleich: In der Italienische[n] Nacht äußern sich Anna und Leni etwa achtzigmal , Adele gute
fünfzigmal.
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Italienische Nacht
Die Arbeit an dem Stück Italienische Nacht - Volksstück [in sieben Bildern] schloss Horváth 1930 ab. In diesem Jahr errangen die Nationalsozialisten bei der Reichstagswahl 107 Sitze, zwei Jahre zuvor, 1928, waren es nur zwölf gewesen. D ieses ist wahrscheinlich eines der ausschlaggebenden Ereignisse gewesen, die Horváth dazu brachten in seinem Volksstück den Mittelstand im politischen Kontext darzustellen und das Politisieren der Männer ohne Rücksichtnahme auf den Menschen anzuprangern.
In dem Volksstück werden die Frauen aus dem politischen Leben generell herausgehalten. Sie fungieren nur als „Rahmen“ für die politisierenden Männer in dem sie die Funktion der unterstützenden Ehefrau bzw. Freundin und Informationslieferantin ausüben. Im Gegensatz zu Horváths auf die Italienische Nacht folgenden Volksstücke, spielen die Frauen-Figuren in diesem Stück nicht die zentrale Rolle. Jedoch zeigt sich gerade in einer Situation, in der die Aufmerksamkeit der Männer von der Politik gefesselt ist, explizit ihre abschätzende Haltung gegenüber den Frauen.
In der Betrachtung der Personenkonstellationen des Stückes bilden sich drei Hauptpaare heraus, an denen die Beziehung zwischen Mann und Frau in diesem Stück charakterisiert werden kann:
Leni und Karl; der Stadtrat Alfons und seine Frau Adele; Anna und Martin/ der Faschist. Leni und Karl
Das Pärchen Leni und Karl findet erst im Verlauf des Stückes zusammen. Leni erscheint als selbstbewusste Frau, die als politischuninteressiert aus dem Personenkreis d es Stückes zunächst herausfällt. Ihr politisches Desinteresse gründet auf der Meinung, dass, egal wer regiert, keine Änderung ihrer Situation eintritt: Leni: „Ist mir auch gleich. Besser wird’s nicht.“ (IN S. 82/ GW S. 120) Und somit ist ihre einzige Zielsetzung: „Ich schau, dass ich durchkomm“ (IN S. 82/ GW S. 120).
Karl hingegen gibt sich als politisch sehr interessiert aus, zahlreiche Liebschaften halten ihn allerdings von einer ernsthaften Beschäftigung mit der Politik ab. Bei ihm wird der Widerspruch z wischen Gesagtem und den Taten deutlich herausgestellt. Betont Karl im fünften Bild, dass „man [...] als Mann vieles zurückziehen [kann], aber sein Ehrenwort
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niemals“ (IN S. 91/ GW S. 128), so bricht er besagtes Wort schon sechs Zeilen später und tanzt mit Leni, obwohl er im dritten Bild Anna versprach: „ich werd kein einziges Mal tanzen. Ehrenwort! Keinen Schritt! Auch mit ihr nicht! Es hat doch keinen Sinn, als Vieh durch das Leben zu laufen und immer nur an die Befriedigung seiner niederen Instinkte zu denken“ (IN S. 80/ GW S. 117f).
An diesem Beispiel für Karls Verhalten wird nicht nur sein Egoismus verdeutlicht, sondern auch die Wertlosigkeit seiner benutzten Sprüche und Parolen.
Während das übrige männliche Personal meist inhaltslose Platzhalter verwendet, koppelt Karl diese oft mit falschen Versprechungen und Lügen. Dieses Verhalten wird ihm von seiner, in dieser Hinsicht sonst sehr blinden, männlichen Umgebung übel genommen. Zweiter Kamerad: „Ein Schuft, ein ganz charakterloser.“ (IN S. 92/ GW S. 128) Von Martin wird er als „halber Mensch“ (IN S. 98/ GW S. 134) charakterisiert. Wenn Karl zum Ende des sechsten Bildes diese Bezeichnung für sich übernimmt, geschieht dieses nicht aus Selbsterkenntnis heraus. Vielmehr versinkt er - erneut unglaubwürdige Phrasen anhäufend - in Anwesenheit Lenis in Selbstmitleid. Dieser Ausbruch vermeintlicher Gefühle bewirkt bei Leni den Wunsch, Karl aus seiner misslichen Lage zu „erlösen“ (IN S. 110/ GW S. 144) und von ihrem Geld mit ihm zusammen eine Kolonialwarenhandlung zu gründen. Nachdem Karl sich vergewissert hat, das Leni das Geld auch bar zur Verfügung steht, nimmt er diese „Erlösung“, an: Karl: „Ich hab ja schon immer von der Erlösung durch das Weib geträumt, aber ich habs halt nicht glauben können [...]“ (IN S. 111/ GW S. 145)
Die Bezeichnung „ das Weib“ demaskiert, dass es Karl nur um wirtschaftliche Sicherheit geht. Leni als Person ist ihm nicht wichtig.
Leni ist eine der wenigen jungen Frauen in Horváths Volksstücken, die materiell über den Mann gestellt ist. In der Regel ist es das arme Fräulein, das eine materielle Absicherung nur durch die Heirat und Unterordnung unter einen bessergestellten Mann erreichen kann. Obwohl in diesem Fall Leni über mehr Geld verfügt als Karl, schafft sie es nicht aus ihrer Abhängigkeit vom Mann auszubrechen und ihre I nteressen durchzusetzen. Ihr Traum von einer gesicherten Zukunft mit Karl wird zerstört, als jener der Gefahr, durch die Annahme des Geldes zu einer Heirat verpflichtet zu sein, erneut mit falschen Ausflüchten entgeht. Karl: „[...] Denkst du jetzt an eine Ehegemeinschaft? Nein, dazu bist du mir zu schad!“ (IN S. 111/ GW S. 144)
Diese Szene zeigt, dass Karl stets auf seine Vorteile bedacht ist und die Frau für seine Zwecke ausnutzt. Auf der anderen Seite ist Leni bereit sich in die Rolle der Ausgenutzten und
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Untergeordneten zu fügen, auch wenn es zu Beginn des Stückes noch den Anschein macht, als würde sie Karl durchschauen:
Leni: „Ich glaub gar, Sie sind ein schlechter Mensch.“ (IN S. 72/ GW S. 111) Am Ende des dritten Bildes kommt es zu dem ersten Kuss zwischen Leni und Karl. Das vorangegangene Zusammenfinden des Paares verläuft widersprüchlich. Beim eigentlichen „Werben des Mannes um die Gunst der Frau“ verhält sich Karl gegenüber Leni sehr überheblich und kontraproduktiv. Anstatt ihr mit Komplimenten zu s chmeicheln, äußert er sich sehr grob, empört sich über ihr politisches Unwissen und wertet sie ab. Leni: „Ich wollte Sie doch nicht beleidigen - “ Karl: „Das können Sie auch nicht.“ (IN S. 71/ GW S. 111) 1
Leni fällt dieses unangebrachte Verhalten auf. Nachdem es zwischen Karl und Leni aufgrund ihres „unfassbar“ (IN S. 83/ GW S. 120) geringen Wissens über Politik und politischem Desinteresse fast zum Streit kommt, beschwert sie sich: „Das hab ich mir auch anders gedacht, diesen Abend. [...] Einmal geht man a us - und dann wird man so überfallen.“ (IN S. 83/ GW S. 120). Vier Zeilen später folgt dieser gescheiterten Kommunikation der Kuss.
Ein Grund, warum Leni sich trotz seines unpassenden Verhaltens auf Karl einlässt, könnte darin liegen, dass sie erkannt hat, dass sich alle der sie umgebenden Männer so verhalten. Die Frauen sind somit an Beleidigungen und Abwertung gewöhnt. Leni: „Ihr Männer habt alle eine ähnliche Weltanschauung.“ (IN S. 82/ GW S. 119) Auf die Dialogunfähigkeit der Figuren ist es zurückzuführen, dass ein nachvollziehbarer Übergang zwischen dem Streitgespräch und der Kussszene nicht zu erkennen ist. Nachdem sie in einem Gespräch nicht zueinander finden konnten, betrügen sie sich gegenseitig mit ihrer „Liebe“, die nicht auf einer seelisch oder geistigen Übereinstimmung der Partner, sondern „bloß auf sexueller Anziehung, deren Gegenstand austauschbar ist, beruht“ (Carhoun S. 108).
Der Stadtrat und Adele
Die Demütigung der Frau wird bei dem Paar Alfons und Adele dem Publikum der Italienische[n] Nacht überdeutlich vor Augen geführt.
1 Auch wenn dieser Ausspruch im Folgenden relativiert wird durch Karls Aussage „Ich verstehe darunter, dass
Sie mich nicht beleidigen können, weil Sie mir sympathisch sind“ (IN S. 72) versucht Horváth, meiner Meinung
nach, an dieser Stelle sehr deutlich Karls frauenverachtende Grundhaltung darzustellen.
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Adele ist die einzige bedeutende Rolle in Horváths Volksstücken, welche die unterdrückte Ehefrau verkörpert. Diese Frauengestalt findet sich in den Volksstücken sonst nur in Nebenrollen.
Alfons, in dem Stück charakteristischer Weise nur als „Stadtrat“ aufgeführt, stellt auf der italienischen Nacht seine Frau zunächst nur als seine „bessere Hälfte“ (IN S. 93/ GW S. 129) vor. Ihr Name und sie als eigenständige Person haben weder für den Stadtrat noch für die Männer, denen sie vorgestellt wird, eine Bedeutung.
Horváth hebt diesen Umstand hervor, indem er Adele in der ersten sie betreffenden Regieanweisung auch nur als „die bessere Hälfte“ (IN S. 93/ GW S. 129) aufführt. Der Stadtrat bezieht in politischen Angelegenheiten eine eher liberale Position. Im Gegensatz hierzu steht sein Benehmen gegenüber seiner Frau. Er blamiert sie in der Öffentlichkeit und wertet sie wie selbstverständlich ab. Betz: Ich habe dich mal mit ihr gehen sehen. Stadtrat: Mich? Mit ihr? Wir gehen doch nie zusammen aus. Betz: Doch. Und zwar dürfte das so vor Weihnachten gewesen sein -
Stadtrat: Richtig! Das war an ihrem Geburtstag! Der einzige Tag im Jahr, an dem sie mitgehen darf, ins Kino [...] (IN S. 93f/ GW S. 129)
Erst nach dieser Ausführung nennt der Stadtrat den Vornamen seiner „besseren Hälfte“, allerdings nicht ohne darauf hin zu betonen:
„Das heute ist nämlich eine Ausnahme [das sie ihn begleiten darf], eine große Ausnahme -Adele liebt die Öffentlichkeit nicht, sie ist lieber daheim. Er grinst. Ein Hausmütterchen.“ (IN S. 94/ GW S. 129f)
Adele, die Objekt der Unterhaltung ist, wird nicht in sie mit einbezogen. Gegen die falsche Behauptung, sie würde nicht gerne mit ihrem Mann in die Öffentlichkeit gehen, wehrt sie sich nicht. Ihrem Mann völlig untergeordnet hat sie die traditionelle Rolle der Ehefrau übernommen. Die Bedeutung der Ehe und Familie für die Mittelstandsgesellschaft wird von Kranz unter Benutzung von Sprichwörtern und Sprüchen betont:
„Trautes Heim, Glück allein. Häuslicher Herd ist Goldes wert. Die Grundlage des Staates ist die Familie.“ (IN S. 94/ GW S. 130)
Dass diese Form von Familie auf Kosten der Frauen und ihre bedingungslose Unterordnung aufgebaut ist, wird von der Männerwelt als natürlich hingenommen. Die Unterordnung Adeles führt so weit, dass ihr Mann sie vollständig bevormundet und als seine Frau zum Tanzen aufgefordert wird, bestimmt:
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Arbeit zitieren:
Nele Schwarz, 2001, Liebe wird zum Geschäft. Die Frauengestalten in Horváths Volksstücken, München, GRIN Verlag GmbH
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