als Opfer? Klaus Mann wusste, dass es bereits genug Opfer gab und sicherlich, dass er mit seinem Tod nicht mehr hätte bewirken können. Resignation? Schwer vorstellbar bei dem Lebensmut, der Aktivität, dem Engagement, dem Willen und der Selbstständigkeit, die Klaus Mann in diesen Kriegszeiten bewies.
Hatte er sich nicht früh - freiwillig - abgenabelt und emanzipiert als er die Schule abbrach? Hatte er nicht seine Homosexualität ausleben können, mit seiner Schwester in Berlin („Eine Stadt von schamloser Verruchtheit“, so Klaus) in Bars ungeniert herumhängen können? Sorgte er nicht dort schon im Alter von 20 Jahren schriftstellerisch (erster deutschsprachiger Schwulen-Roman: Der fromme Tanz, 1925) und erfolgreich für Aufsehen? Ist Klaus Mann nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht als einer der e rsten Schriftsteller am 12.03.1933 aus der Heimat emigriert? Seine Ambitionen zu Lebzeiten Zeichen zu setzen erfüllte er wahrhaftig.
Genoss er nicht im Süden Frankreichs, auch als Sanary-sur-Mer ihm und seiner Familie Exilort und Bezugspunkt wurde, mit seiner Schwester Erika das Leben und die „Luft von Cannes im offenen Automobil“ in vollen Zügen?
Von der Berühmtheit seines Vaters Thomas Mann scheint Klaus Mann nicht so sehr erdrückt worden zu sein. Er zeigte schon früh seine Selbstständigkeit und seine Leidenschaften als er mit fünf Jahren zu schreiben begann, als er in der Schule mit seiner Schwester ein Theaterensemble gründete und schon Gedichte und Novellen schrieb. Wo ist da ein erdrückender Schatten des Vaters zu erkennen?
Klaus Mann lief und rannte trotz Kriegszeiten und den katastrophalen menschlichen Umständen auf einem selbst gezeichneten Weg, folgte einer sicheren Spur bis zu seinen Zielen und pflückte dabei seine Wünsche und Träumen am Wegesrand ab.
Steckte er sich nicht mutige, dennoch realistische, Ziele und schloss er sich nicht Gleichgesinnten an? Mit allen Mitteln, die seinen Leidenschaften entsprachen, versuchte er konsequent diese Ziele zu erreichen: Als Autor von Theaterkritiken, Kurzgeschichten, Publikationen in Zeitungen und Zeitschr iften, Romane über Exil-Schicksale ( Der Vulkan und Escape to Life, 1939), als Presseberichterstatter im Spanischen Bürgerkrieg und auch als Schauspieler und Autor einer Komödie, die uraufgeführt wurde. Die Dichterkinder, wie man die Manns-Kinder nannte, erreichten früh Ruhm. Und einzig sich selbst hat Klaus Mann dies zu verdanken. Nein, es gab keine väterliche Obsession.
Klaus Mann unternahm - im Alter von 20 Jahren - eine Weltreise, von Amerika bis nach Sibirien und schrieb einen humoristischen Bericht (Rundherum, 1927/28).
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Schon früh schrieb er Autobiographien ( Kind dieser Zeit und Treffpunkt im Unendlichen, 1932, sowie Der Wendepunkt, 1942). Er reiste weiterhin sehr viel, machte Vortragsreisen, nahm an Schriftstellerkongressen teil. Er lernte in Frankreich Jean Cocteau (1889-1963) und André Gide (1869-1951) kennen, die er beide bewunderte und Vorbilder wurden.
Klaus Mann wurde Herausgeber von Exilzeitschriften. Kaum im Exil, im September 1933, brachte er Die Sammlung unter dem Patronat von André Gide heraus. Er versuchte mit der Zeitschrift Decision - zwar kurzlebig, aber sehr erfolgreich - Beziehungen zwischen Europas und Amerikas Geisteswelt zu intensivieren. Ein demokratisches Europa zu schaffen war sein Ziel. War er nicht an seine Ziele angelangt, als er zur Integrationsfigur des deutschen Widerstandes im zweiten Weltkrieg avancierte? Oder erbrachte ihm dies nicht genug Anerkennung? Nach drei Jahren Staatenlosigkeit erhielt er die gewünschte amerikanische Staatsbürgerschaft. War er nicht von der amerikanischen Armee angenommen worden - nach seinem Drängen sogar bevor ihm diese Staatsbürgerschaft endgültig verliehen wurde -, obwohl es für Homosexuelle nicht üblich war? Als Amerikaner wurde er Kriegsberichterstatter im spanischen Bürgerkrieg, war als Soldat am Krieg mit Italien beteiligt. Er spürte den Drang immer wieder, sich mitzuteilen und jegliches zu berichten. Es folgten Flugblätter, Radiosendungen. Auch als Grabenlautsprecher, Korrespondent der Armeezeitung und schließlich als Reporter bewährte er sich. Ein Mangel an Kommunikation ist bei Klaus Mann nicht zu spüren.
Er war Pazifist, ein aktiver Antifaschist. Er wollte seine Idee, den sozialistischen Humanismus, worin alle Platz hätten, durchsetzen, konsequent und ohne Kompromisse. Er war ein Ästhet und suchte sich Vorbilder aus: „Ich liebte den Sokrates (...), weil er die Schönen liebte (...).“ Über Rainer Maria Rilke schrieb er: „Eine Seite meines eigenen Wesens antwortete auf diesen sublimen Ästhetizismus, teilte verspielte Prädilektion für seltene Worte und schöne Dinge: Fontänen, Orchideen, Gemmen, Spiegel, Edelsteine, Engel.“. Cocteau bewundert er wegen „ seinem Fanatismus nach der puren Form “, weil dieser seine Aktivität ganz nach seiner Stellung als Künstler richtete.
Dass Klaus Mann zu einem konsequenten Moralist wurde, und sich nicht mehr einzig in der Kunst einschließen wollte, hing mit der Beziehung zu André Gide zusammen, einem sehr guten Freund seines Vaters. Mit André Gide sah er die Möglichkeit, seiner Richtung einer erträumten Ordnung zu folgen. Mit ihm mobilisierte er die europäischen Intellektuellen. Waren André Gide und Klaus Mann eng verbunden?: „Mir geht es nicht besondert gut. (..) und immer gegen die Versuchung der Droge. Das sage ich Ihnen sehr im Vertrauen, und weil ich hoffe, Sie für meinen Freund halten zu dürfen. Bitte, sprechen Sie mit keinem Menschen darüber!“, schrieb Klaus Mann an André Gide. War es Verliebtheit, Sehnsucht nach einem Ersatzvater? oder
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Martine Schreiber-Bleurvacq, 2003, Klaus Mann, das enfant terrible des Olymps, Munich, GRIN Publishing GmbH
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