1. Einleitung
Die Spätantike zeitlich genau zu definieren gestaltet sich, wie bei den meisten Abschnitten der Weltgeschichte, äußerst schwierig und wird demzufolge in der Fachliteratur vielfach unterschiedlich gehandhabt. Es ersche int also notwendig den Zeitraum, der in der vorliegenden Arbeit behandelt werden soll, genauer abzugrenzen. Beginnend mit der Machtergreifung des Septimius Severus 1 und endend mit dem Aufstieg der Merowinger 2 im vormals weströmischen Reich, ist ein überschaubarer Zeitraum von ca. 350 Jahren 3 gegeben. Im folgenden soll aber nur ein kleiner Teil dieser Epoche behandelt werden, der allerdings einen der ereignisreichsten und wirkungsmächtigsten der Spätantike darstellt. Es ist die Zeit der Tetrachie 4 , die sich unter Diokletian 5 herausbildete und deren Ende Konstantin d. Große 6 als Alleinherrscher besiegelte. Thema dieser Arbeit soll nun vor allem der letzte Abschnitt auf Konstantins Weg zur Alleinherrschaft sein: der Konflikt mit Licinius in den Jahren 312-324 7 . Die Rolle der Religionspolitik Konstantins bei dieser Auseinandersetzung, sei allerdings nur am Rande erwähnt, da eine ausgiebige und differenzierte Betrachtung über den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen würde.
2. Soldatenkaiser 8 und die Tetrachie Diokletians
"...Im Laufe der drei ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung hatte sich das römische Kaisertum von den Bedingungen losgerissen, unter denen es entstanden war. ..., von der Herrschaft eines großen Geschlechts in ihm, wovon einst alles ausging, war schon lange nicht mehr die Rede. ...der Senat behauptete eine
1 193 - 211 römischer Kaiser.
2 Dominierendes Königsgeschlecht, deren bedeutendster Vertreter Chlodwig I. (481/82 - 511 König) die Reste der römischen Herrschaft in Gallien beseitigte, und dessen Nachkommen diese Herrschaft in Gallien bis 751 festigten und ausbauten.
3 Septimius Severus - Chlodwig I. (s. Anm. 1 und 2).
4 Griech. Tetrarchia = Viererherrschaft.
5 284-305 römischer Kaiser, wurde 284 vom Heer im Orient zum Augustus erhoben.
6 i.F. Konstantin.
7 Alle i. F. genannten Jahreszahlen beziehen sich auf n. Chr.
8 Auch hier unterscheiden sich Datierungsvorschläge, die hohe Zeit der Soldatenkaiser wird von 235 - 284 angegeben. Aber die von 190 - 234 regierende Dynastie der Severer (Commodus, Septimius Severus, Caracalla u.a.) wird vielerorts ebenso, als der Soldatenkaiserdynastie zugehörig, angesehen.
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gewisse Würde; aber in den Kämpfen der letzten Zeiten war ihm das Recht, die Kaiser einzusetzen oder auch nur zu bestätigen, entwunden worden. Das Kaisertum wie es jetzt dastand, beruhte nicht auf der Herrschaft einer Stadt, einer Körperschaft, eines Geschlechtes: sein Rechtsanspruch entsprang aus seinem Berufe, den Frieden im Reiche zu wahren und dessen Grenzen zu behaupten - das eine und das andere in Verbindung mit der bewaffneten Macht." 9 Die Soldatenkaiserzeit begann, wie es in der Folgezeit öfter der Fall sein sollte, mit einem Mord. Die Ereignisse nach der Ermordung des Kaisers Commodus 10 und der folgende Bürgerkrieg, aus dem Septimus Severus als Sieger hervorging, sind exemplarisch für die Zeit der Soldatenkaiser. Der langen Regierungszeit wegen, wird die nachfolgende „Severerdynastie“ oft nicht den Soldatenkaisern zugerechnet, aber ihr Regierungsstil war durchaus dem der folgenden Herrscher ähnlich; das Heer war die einzige und wichtigste Stütze der Macht. Die Soldatenkaiser drängten die Macht des Senats zurück und vernachlässigten die Verwaltung der zivilen Sektoren des Reiches. Was folgte, war ein rascher Herrschaftswechsel innerhalb des Römischen Reiches. Bezeichnend ist, dass es von 235 bis 284 etwa 70 Herrscher gab, die zwar teilweise nur regionale Bedeutung erlangten, aber insgesamt das Reich an den Rand des Ruins führten. 11 Zu den immensen Ausgaben für das Militär kamen noch vielfältigere Probleme. Das Reich musste sich häufig mit Bürgerkriegen auseinandersetzen und die vernachlässigte Grenzsicherung führte zu einer stärkeren Bedrohung von Außen. Die äußeren Regionen wurden im Nordosten von wiederholten Einfällen germanischer Stämme heimgesucht, die teilweise bis nach Italien vordrange n. Im Südosten waren es die Perser, die die Grenzen bedrohten. Die Grenzbedrohungen machten ein Handeln des jeweiligen Kaisers an der Peripherie notwendig, wodurch wiederum die Gefahr von Ursurpationen 12 in anderen Reichsteilen stieg. Das Ende dieser Entwicklung führte Diokletian, der sich nach seinem Machtantritt 284 mit diesen Problemen konfrontiert sah, herbei. Er handelte weitsichtig. Zunächst ernannte er Maximian zum Caesaren und als dieser später militärisch
9 Schulze, Männer und Zeiten der Weltgeschichte, Köln 1917, S. 63f.
10 Einer der Söhne Marc Aurels, römischer Kaiser bis 192 n. Chr.
11 vgl. Demandt, Die Spätantike Römische Geschichte von Diokletian bis Justinian 284 - 565 n. Chr. München. 1989. S. 37.
12 Lateinisch ursurpatio, vom Verb ursupare/ usum rapere = etwas (die Macht) an sich reißen.
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erfolgreich einen Feldzug gegen die Bagauden 13 in Gallien führte, erhob er ihn zum Augustus, um die Gefahr einer Ursurpation zu beseitigen. Maximian wurde der westliche Reichsteil zugesprochen, Diokletian selbst behielt sich den Osten vor. Des weiteren wurde 293 für jedes Herrschaftsgebiet ein weiterer Caesar ernannt. Für den Osten unter Diokletian war dies Galerius und für den Westen Constantius. Zwischen den Herrschern wurden fiktive Familienverhältnisse konstruiert, wobei Diokletian der Höchste in diesem System blieb. Durch dieses neue Regierungsprinzip wurden die Konflikte im Reich zunächst entschärft, die Gefahr einer Ursupation wurde gebannt, die Verteidigung der Grenzen gestaltete sich einfacher, das Verlangen des Heeres nach einem dynastischen Gefüge und der Nähe zum Kaiser wurde erfüllt und eine Erbfolge geschaffen. Das tetrachische System blieb jedoch nur eine Episode. Nachdem im Jahr 305 noch planmäßig Diokletian und Maximian abdankten und unter Constantius und Galerius als neue Augusti, Severus und Maximinus Daja als Caesaren die zweite Tetrachie geschaffen wurde, starb kurze Zeit später, 306, Constantius. Das Heer des Constantius rief daraufhin Konstantin, dessen Sohn, zum Augustus aus. Dieser wurde von Galerius jedoch nicht als Augustus, aber als Caesar anerkannt und Severus zum Augustus erhoben. Das tetrachische System schien dadurch zunächst wiederhergestellt, jedoch machte das Beispiel Konstantins Schule. Maxentius, der Sohn Maximians ursupierte in Rom. 307 versuchte Severus den ungewünschten Ursupator zu beseitigen, jedoch erfolglos; er starb noch im selben Jahr. Nachdem auch Altkaiser Maximian den Augustustitel wieder angenommen hatte, kam es im Herbst 308 zu einem Treffen in Carnuntum 14 , an dem auch Diokletian beteiligt war. Die Kaiserversammlung beschloss, Maximian abzusetzen und neben Galerius Licinius, der zuvor kein Caesar gewesen war, zum Augustus zu erheben. Konstantin und Maximinus Daja blieben zunächst Caesaren. Als im Jahr 311 Galerius, als letzter Vertreter der ersten Tetrachie, das zeitliche segnet, ist das System bereits dem Untergang geweiht.
13 `Die Streitbaren`, diesen Beinamen legte sich 283/ 284 die gallische Landbevölkerung zu, als sie sich gegen Kaiser Carinus (283-285) erhob.
14 Heute Petronell in Niederösterreich.
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3. Der Tod des Galerius 15
Nach dem Tod des Galerius teilten Licinius und Maximinus Daja zunächst dessen ehemaliges Reichsgebiet unter sich auf, beide sahen sich als legitime Erben des rangältesten Augustus. Maximinus Daja marschierte schnell nach Nordwesten, in Richtung Nikomedien 16 , um Kleinasien für sich zu beanspruchen. Licinius zog ihm entgegen. Am Bosporus kamen ihre Heere zum stehen; dieser bildete nunmehr die Grenze ihrer Territorien. Man einigte sich auch darauf, dass Maximinus Daja als der rangälteste Augustus anzusehen sei, dieser Vereinbarung schloss sich Konstantin an. 17 Wie es zu einer Einigung kam ist unklar, eine militärische Auseinandersetzung ist jedoch unbekannt, sie wäre wohl auch von Eusebius 18 und Laktanz 19 aufgeführt worden, da Maximinus von ihnen als Feind der Christen beschrieben wird, Licinius hingegen zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Unter den vier verbleibenden Herrschern bildeten sich zwei Koalitionen heraus. Licinius suchte die Nähe zu Konstantin, welcher schließlich seine Schwester Konstantia, mit diesem verlobte. Maximinus Daja bot Maxentius Freundschaft an. Dass nicht versucht wurde ein neues tetrachisches System zu etablieren ist bezeichnend, da man daran deutlich sieht, dass die Sicherung und Ausweitung des eigenen Einflussbereiches an Bedeutung gewann. Die Aufteilung der Macht war nur vorstellbar, wenn eine klare Hierarchie vorhanden gewesen wäre, jedoch hätte sich ein jeder der verbleibenden Augusti als Spitze dieser sehen wollen, was eine Übereinkunft zukünftig und dauerhaft kaum möglich machte.
15 Galerius starb kurz nachdem er am 30.4. 311 ein Toleranzedikt veröffentlichte.
16 Stadt in Bithynien.
17 vgl. Lact. m. p. 36, 1-2, 11.
18 Griech. Kirchenvater aus Caesarea Maritima; lebte etwa 260 bis 340, ab 315 Bischof von Caesarea, Berater Konstantins. Hauptwerk ist die Kirchengeschichte in zehn Büchern, von den Anfängen bis zum Sieg Konstantins über Licinius.
19 Lat. Kirchenvater, zunächst an diokletianischen Hof berufen, ab 317 von Konstantin als Lehrer seines Sohnes Crispus eingesetzt. Wichtigstes Werk `de mortibus persecutorum` , in der er lebendig den Untergang und den Tod der „Christenverfolger“ Diokletian, Maximian, Galerius, Maximinus Daja und Maxentius, samt deren Angehörigen beschreibt. `De mortibus persecutorum` schließt mit der Beschreibung der Mailänder Vereinbarungen.
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Arbeit zitieren:
Christian Heinze, 2003, Konstantins Konflikt mit Licinius, München, GRIN Verlag GmbH
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