1. Einleitung
Franziskus von Assisi ist wohl einer der bekanntesten und beliebtesten Heiligen, auch über die Grenzen der katholischen Glaubensgemeinschaft hinweg, weil er wohl am intensivsten die Nachfolge Christi gelebt und gepredigt hat. Ihren Höhepunkt fand diese Entwicklung, welche auch als imitatio christi bezeichnet wird, zwei Jahre vor seinem Tod, als er am 14. September 1224, während eines vierzigtätigen Fastens, auf dem Berg Alverna in Italien, die Wundmale Christi empfing. Diese Zeichen, die die Nagelwunden an Händen und Füßen und die Speerwunde, die ihm jener römische Soldat zufügte, der überprüfen sollte ob der Gekreuzigte noch lebte, darstellen, werden als Stigmata bezeichnet. Die religiöse Stigmatisierung zählt wohl zu den rätselhaftesten Erscheinungen der Frömmigkeit, wobei Franziskus der erste dokumentierte Fall einer solchen Erscheinung war. In den franziskanischen Quellen wird diese seither kontinuierlich thematisiert, dabei liegen die frühen Quellen als Grundlage der historischen Betrachtung des Franziskus immer wieder im Fokus der Betrachtung. Eben die Dokumentation der Stigmatisierung in den ersten
Franziskusviten sollen Thema dieser Hausarbeit sein.
2.Die Stigmatisierung des Franziskus in den frühen Viten 1
Die bekannten Franziskusviten werden in offizielle und inoffizielle unterschieden. Die offiziellen wurden im Auftrag des Papstes oder der franziskanischen Ordensleitung angefertigt, ihr Zweck war die Vermittlung eines verbindlichen Franziskusbildes für Orden und Kirche. Zu den offiziellen Legenden gehören u.a. die des Thomas von Celano und die des heiligen Bonaventura. Inoffizielle Viten sind vor allem im Kreis der engeren Gefährten des Franziskus entstanden. In ihnen werden häufig gegenläufige Darstellungen zu den offiziellen Legenden vertreten. Zu den inoffiziellen Viten zählen u.a. die Dreigefährtenlegende der Ordensbrüder Leo, Rufin und Angelus und die in dieser Arbeit nicht aufgeführte legenda perusina.
Die Zusammenhänge und Glaubwürdigkeit sowie die räumliche und zeitliche Abhängigkeit der dargestellten offiziellen und inoffiziellen Lebensbeschreibungen untereinander, sind Gegenstand der sogenannten „Franziskanischen Frage“ 2 . 3
1 Vita: Ein Leben, eine Lebensbeschreibung, die nach mittelalterlichem Sprachgebrauch auch Legende genannt
wird. Damit ist ein Text gemeint, der zum Vorlesen bestimmt ist, sei es beim Stundengebet oder beim Tisch. vgl.
Franziskanische Quellenschriften, vgl. FranzQuSchr V, S. 29.
1
2.1 Der Rundbrief des Bruder Elias von Cortone
Kurz nach dem Tod des Franziskus verfasste der amtierende Generalminister, Bruder Elias von Cortone, einen Brief an die Provinzialminister 4 . In diesem verständigt dieser seine Mitbrüder über den Tod, den letzten Segen und Vergebung, die Stigmata und die genaue Todesursache des Heiligen. Der heute bekannte Text beruht auf dem Exemplar, dass an den Provinzialminister Frankreichs, Gregor von Neapel (1223-1233), adressiert war. Der Rundbrief kann nicht, wie die folgenden Lebensbeschreibungen als Vita bzw. Legende angesehen werden, jedoch stellt er die erste kurz nach dem Tod des Heiligen erschienene Beschreibung der Stigmatisierung dar und sollte deshalb an dieser Stelle erwähnt sein. 5 Elias hat in seinem Rundbrief, nachdem er seine Trauer und die Umstände des Todes bekannt gab, die Stigmata wie folgt beschrieben: „Ich melde Euch noch eine große Freude und ein ganz neues Wunder. Niemals hat die Welt ein solches Zeichen gesehen; es sei denn allein in dem Sohne Gottes, welcher der Christ Gottes ist. Denn lange Zeit vor seinem Tode erschien unser Bruder, unser Vater gekreuzigt; er hatte an seinem Körper fünf Wunden, die in Wahrheit die Stigmen Christi sind, denn seine Hände und seine Füße trugen innen und außen wie Nägel, die eine Art Narben bildeten; in der Seite aber war er, wie von einer Lanze durchbohrt, und häufig trat etwas Blut heraus.“ 6
Die Schilderungen über das Aussehen der Wundmale im Rundbrief des Elias bilden die Grundlage aller späteren Beschreibungen der Stigmata, da diese in jeder Legende so oder mit ergänzenden Darstellungen enthalten sind.
2.2. Die vita prima des Thomas von Celano (I Cel)
Die vita prima ist die erste offizielle Lebensbeschreibung und somit auch die erste umfangreichere Darstellung der Stigmatisierung des Franziskus.
2 Generell geht es bei der Franziskanischen Frage um das Alter, die gegenseitige Abhängigkeit und die
historische Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit der verschiedenen Franziskuslegenden. vgl. Feld,
Franziskus von Assisi und seine Bewegung, 1994, S. 34.
3 vgl. ebd. , S. 30.
4 Generalminister war nach dem Tode des Franzikus das höchste Amt im franziskanischen Orden, unter ihm
standen die Provinzialminister, die die Verantwortung für bestimmte Gebiete trugen, in denen Minderbrüder
lebten und wirkten.
5 vgl. Feld, Franziskus von Assisi und seine Bewegung, 1994, S. 30.
6 Rundschreiben des Bruders Elias, Generalvikars des Ordens, über den Tod des heiligen Franziskus, in:
AnalFranc X, S. 523ff. ; ed. in: A. van Corstanje, Gottes Bund mit den Armen. Biblische Grundgedanken bei
Franziskus von Assisi (Bücher franziskanischer Geistigkeit 10), S. 100ff. , Werl 1964.
2
Sie wurde kurze Zeit nach der Kanonisation 7 des Heiligen 8 auf Anweisung Gregor IX. (19.3.1227-22.8.1241) von Thomas von Celano (ca. 1190-ca. 1260) angefertigt und bereits 1228/1229 fertiggestellt. Thomas selbst wurde von Franziskus persönlich in den Orden aufgenommen, als dieser 1214/1215 aus Spanien zurückkehrte. 9 Thomas von Celano beschreibt die Stigmatisierung des Franziskus wesentlich genauer als Bruder Elias 1226. Er legt Zeit, Ort und das Geschehen auf das Jahr 1224 in einer Einsiedelei auf dem Berg Alverna 10 fest. 11 Erstmals wird in der vita prima, der Empfang der Wundmale mit einer Erscheinung verbunden, die laut des Autors einem sechsflügrigen Seraphen 12 mit einem „Gottesgesicht“ ähnelte, wobei zwei Flügel den Körper des Seraphen bedeckten, zwei sich über dessen Körper erhoben und zwei wie zum Flug aufgespannt waren. 13 Die vita prima beschreibt wie sich der Heilige während und n ach der Vision mit dieser auseinandersetzte, weil er zwischen Freude über die Schönheit der Gestalt und dem offensichtlichen Schmerz des Gekreuzigten hin- und hergerissen war. Er lässt sich auf eine umständliche Deutung des sechsflügrigen Seraphen ein und bezeichnet die Erscheinung als „neuartig“. 14 Neuartig ist an dieser vor allem die Kombination aus nicht leidensfähigem Engelsgeist und leidensfähigen Menschengeist. 15 Es scheint fast so, als würde Celano in dieser Erscheinung eine Art Zukunftsvision des Franziskus deuten, weil er diesen in seinen Eigenschaften mit der Bedeutung des Seraphen vergleicht. Der Beschriebene selbst ist also in Celanos Augen, selbst dazu bestimmt ein solch „neuartiger“ Engelsgeist zu werden. 16 Die Beschreibung der Wundmale die Franziskus während seiner Vision empfängt, ähnelt der, die bereits Bruder Elias vorgab, jedoch erweitert er diese.
Er beschreibt die Wundmale als ebenbildlich derer des gekreuzigten Seraphen, sie wären an der Vorder- und Rückseite sowohl seiner Füße als auch seiner Hände zu sehen und aus seinem eigenen Fleisch gebildet.
7 Heiligsprechung.
8 Die Kanonisation des Franziskus fand am 16.7.1228 in Assisi statt.
9 vgl Feld, Franziskus von Assisi und seine Bewegung, 1994, S. 31.
10 Der Berg Alverna oder auch La Verna liegt im Zentralapenin an der Grenze von Toscana. Er ist 1283 m hoch
und gehört zur Provinz Arezzo. Dieser Berg wurde Franziskus am 8. Mai 1213 von Graf Orlando von Chiusi im
Casinotal geschenkt, vgl. FranzQuSchr V, S. 167.
11 vgl. ebd. , I Celano 94, S. 167.
12 Seraphim (= die Brennenden) bilden als himmlische Wesen den Hofstaat Gottes; sind Mischwesen und werden
mit Schlangengestalt, Gesicht, Händen und Flügeln beschrieben.
13 vgl. FranzQuSchr V, I Celano 94, S.167 und I Celano 114, S. 188-189.
14 vgl. ebd. , I Celano 114, S.188-189.
15 vgl. Feld, Franziskus von Assisi: der “zweite Christus”, 1991, S. 56ff.
16 vgl. FranzQuSchr V, I Celano 114 u. 115, S. 188-190.
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Arbeit zitieren:
Christian Heinze, 2003, Die Stigmatisierung des Franziskus in den frühen Franziskusviten, München, GRIN Verlag GmbH
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Schöne Umschreibung.
Die Einleitung ist sehr gut lesbar und leicht verständlich geschrieben. Für jeden Franziskusfreund zahlt sich der Download auf jeden Fall aus, zumal es ja kaum Literatur zu diesem Thema gibt.
Wer mehr über den bedeutendsten Heiligen wissen will, der kommt um diesen Text kaum herum. Ich gratuliere Herrn Heinze zu der gründlichen Recherche und wünsche ihm für den weiteren Lebnsweg alles Gute und Gottes Segen.
Br. Paolo / Tertiar
am Monday, June 02, 2008-