Inhalt
1. Spekulationsblasen - Spielt die Börse verrückt? 3
1.1 Die moderne Kapitalmarkttheorie 3
1.2 Heuristiken als Grundlage der Behavioral Finance. 4
2. Anomalien der Informationswahrnehmung 6
2.1 Die Verfügbarkeitsheuristik. 6
2.2 Selektive Wahrnehmung. 8
2.3 Der Kontrasteffekt 10
2.4 Der Primat- und der Primingeffekt. 11
3. Anomalien der Informationsverarbeitung 15
3.1 Anchoring. 15
3.2 Mental Accounting 16
4. Fazit 18
Literaturverzeichnis 20
2
1. Spekulationsblasen - Spielt die Börse verrückt?
Spielt die Börse verrückt? Diese Frage wurde häufig in den Zeiten des New Economy Booms 2000/2001 gestellt. Noch häufiger tauchte die Frage auf, als alle Träume platzten und die Kurse ins Bodenlose fielen. Wie konnte so etwas geschehen? 1 Ist das Verhalten der Marktteilnehmer rational erklärbar? Wie passt das alles mit der modernen Kapitalmarkttheorie zusammen, in der vom rational handelnden homo oeconomicus ausgegangen wird? 2
1.1 Die moderne Kapitalmarkttheorie
Seit mehr als 20 Jahren werden sowohl finanzwissenschaftliche Akademiker als auch Portfolio Manager nach der modernen Kapitalmarkttheorie ausgebildet. Die moderne Kapitalmarkttheorie geht von effizienten Märkten aus. Ein effizienter Markt liegt dann vor, wenn eine Vielzahl von unabhängig rational handelnden Marktteilnehmern mit unendlich schneller Reaktion eine vollkommene Konkurrenz herbeiführen. Durch die Schnelligkeit der Informationsverarbeitung werden alle Informationen unmittelbar in die Marktpreise eingerechnet. 3
Dies hätte zur Folge, dass eine Chart- oder Fundamentalanalyse vollkommen sinnlos wäre, weil alle Informationen bereits eingepreist wären. In diesem Fall würde es keinen Sinn machen Zeit für die Aktienauswahl zu verwenden.
Sicher fällt auf, dass es sich hierbei um idealisierte Vorstellungen handelt. Kein Marktteilnehmer, selbst ein professioneller Anleger mit Zugang zu Bloomberg oder Reuters, kann für sich in Anspruch nehmen, zu jeder Zeit vollständig informiert zu sein und ausschließlich unter rationalen Gesichtspunkten zu entscheiden. Die moderne Kapitalmarkttheorie besagt zwar, dass es bei einzelnen Marktteilnehmern zu Fehlern kommen kann. Diese Fehler werden jedoch, so die Theorie, bei einer großen Anzahl von Marktteilnehmern ausgeglichen (Gesetz der großen Zahlen). 4
1 vgl. http://www.nzz.ch/2003/02/04/hy/page-article8NJQ9.html
2 vgl. Pinner (Börse, 1997) S.14.
3 vgl. Rapp (Finance, 2000) S.88
4 vgl. Rapp (Finance, 2000) S.92
3
Die moderne Kapitalmarkttheorie baut außerdem vollständig auf der von Gauß entwickelten Normalverteilungshypothese auf. Die Normalverteilung geht davon aus, dass die positiven und negativen Abweichungen um den Mittelwert gleich verteilt sind und dadurch mithilfe der der Standardabweichung leicht zu berechnen sind.
Nahezu alle Berechnungen zur Optimierung des Wertportfolios gehen von der Normalverteilung aus, dabei haben sogar die Entwickler der modernen Kapitalmarkttheorie die Anwendbarkeit der Normalverteilung auf Portefeuilles stark angezweifelt. Eugene F. Fama, der Anhänger der Markteffizienzhypothese, kommt zu dem Schluss, dass Aktienrenditen nicht der Normalverteilung entsprechen, sondern asymmetrisch verteilt sind. Sogar Markowitz, der Entwickler der Portfoliotheorie, geht von einer möglichen Nichtanwendbarkeit der Normalverteilungshypothese bei Aktien aus. 1
1.2 Heuristiken als Grundlage der Behavioral Finance
Wie bereits dargestellt wurde geht die moderne Kapitalmarkttheorie von idealisierten Annahmen aus. Der Mensch ist eben nicht nur ein logisch denkendes Wesen, sondern lässt sich nur allzu leicht von Emotionen beeinflussen. Im Gegensatz zur modernen Kapitalmarkttheorie sind in der Realität nicht alle Informationen kostenlos und ohne Zeitverzögerung zu bekommen. Außerdem ist der Mensch nicht in der Lage, alle ihm zur Verfügung stehenden Informationen auszuwerten und sie gegeneinander abzuwägen.
Die individuellen Fehler gleichen sich auf Marktebene bei einer großen Anzahl von Marktteilnehmern nicht aus, wie im Fall der Spekulationsblase am neuen Markt zu sehen war. Es ist hingegen anzunehmen, dass sich das irrationale Verhalten auf andere Marktteilnehmer überträgt und somit in aggregierter Form im Markt auftaucht. 2
Aus der psychologischen Forschung ist bekannt, dass Menschen in komplexen Entscheidungssituationen Verhaltensanomalien unterliegen und dadurch deutlich von der rationalen Handlungsweise eines homo oeconomicus abweichen. Diese Anomalien treten nicht etwa zufällig und unabhängig, sondern systematisch und gehäuft auf. Hervorgerufen werden diese Anomalien durch so genannte Heuristiken, die der Mensch bewusst oder unbewusst anwendet.
1 vgl. Rapp (Finance, 2000) S.91
2 vgl. Rapp (Finance, 2000) S.92
4
Heuristiken sind Methoden, die die Komplexität reduzieren, „indem gegebene, aber gering gewichtete Informationen unberücksichtigt bleiben, um sich auf die wesentlich erscheinenden Aspekte beschränken zu können.“ 1 Heuristiken können auch als Faustregeln bezeichnet werden, die angewendet werden, wenn nicht die nötige Zeit vorhanden oder das Thema zu komplex ist, um jeden Aspekt zu berücksichtigen. Häufig liefern Heuristiken annähernd richtige Ergebnisse. Es kann jedoch auch vorkommen, dass Heuristiken aufgrund der zu starken Reduzierung der Komplexität und der damit verbundenen Vernachlässigung von Informationen zu falschen Ergebnissen führen.
Abbildung 1: Gegenüberstellung „moderne Kapitalmarkttheorie“ und „Behavioral
Finance)
Quelle: Psychologie für Börsenprofis von Schellenberger (2000), S.92
1 Microsoft Encarta Professional 2003
5
2. Anomalien der Informationswahrnehmung
Im vorherigen Kapitel wurde beschrieben, dass Menschen bewusst oder unbewusst Heuristiken anwenden, um schnell zu Entscheidungen zu kommen. Es wird zwischen verschiedenen Heuristiken unterschieden. In diesem Kapitel werden Heuristiken dargestellt, die die Informationswahrnehmung beeinflussen.
2.1 Die Verfügbarkeitsheuristik
Im vorherigen Kapitel wurde bereits erwähnt, dass kein Marktteilnehmer vollständig informiert ist. Die vorhandenen Informationen sind darüber hinaus nicht allen Marktteilnehmern gleich gut zugänglich. Ein Mitglied des Vorstands ist weitaus besser über den Zustand seines Unternehmens informiert, als jemand, der keinen direkten Einblick in das Unternehmen hat. 1 Ein Haushalt ohne Internetzugang hat keine Möglichkeit sich aktuelle Informationen über den Markt abzurufen, im Gegensatz zu professionellen Fondsmanagern, die sich direkt über Reuters oder Bloomberg informieren. Außerdem haben Fondsmanager im Gegensatz zu privaten Investoren die nötige Zeit, um Informationen gegeneinander abzuwägen.
Somit kann gesagt werden, dass der Privatanleger weder den Zugang zu allen Informationen, noch die Zeit hat die vorhandenen Informationen gegeneinander abzuwägen. In diesem Fall spricht man von der realen Verfügbarkeit.
Darüber hinaus ist jedoch zu beachten, dass nicht alle Informationen, die in unserem Gedächtnis gespeichert sind, gleich gut verfügbar sind. Kahnemann und Tversky haben festgestellt, dass die Ereignisse, die im Gedächtnis leichter verfügbar und abrufbar sind, als kognitive Verfügbarkeit wahrscheinlicher beurteilt werden. Diese
(=Verfügbarkeitsheuristik) führt dazu, dass Wahrscheinlichkeiten vollkommen falsch eingeschätzt werden. Informationen, die aktuell sind werden ebenso überbewertet wie Informationen, die lebendig und konkret dargestellt sind. 2
1 vgl. Goldberg und Nitzsch (Finance, 2000), S.56
2 vgl. Pinner (Börse, 1997) S.137
6
Arbeit zitieren:
Andreas Kasper, 2003, Heuristiken zur Komplexitätsreduzierung, München, GRIN Verlag GmbH
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