Hari Schmiderer - Waldheim- und Österreichkritik
Inhalt
Einleitung 3
„Nestbeschmutzer!“.................................................................................................................... 4
Waldheimkritiker. 10
Vergangenheitsbewältiger? 19
Res ümee 22
Bibliographie 23
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Hari Schmiderer - Waldheim- und Österreichkritik
Einleitung
Was Österreich von Waldheim blieb, ist eine Rauchschwade, die sich nur allmählich verzieht. Verbrannt wurde, um in der Metapher zu bleiben, das Geschichtsbild beinahe einer ganzen Generation: die Diskussion dieser Tat war kontrovers, zu oft zutiefst emotional und brachte eine (vielzitierte) Spaltung der österreichischen Bevölkerung. Ich gehe davon aus, dass Feuer etwas Reinigendes sein kann (und nicht immer nur böse und brutal) und Asche oft zu neuem und fruchtbarem Boden wird.
Im Ersten Kapitel wird in einem kurzen historischen Rückblick die Rolle der Literatur bei der Konstruktion des österreichischen Geschichtsbildes von der Nachkriegszeit bis in die Mitte der 80er Jahre skizziert, um den Anteil der Literatur an der Verbrennung des Geschichtsbildes der Zweiten Republik angemessen beurteilen zu können und um zum einen schriftstellerisches Selbstverständnis und zum anderen das öffentliche Bild von Literatur in Österreich für die weiteren Kapitel anzudeuten. In welcher Tradition steht etwa die Beschimpfung österreichischer Literaten als „Nestbeschmutzer“? Wie ist das stark von gegenseitigen Ressentiments charakterisierte Verhältnis von österreichkritischen Literaten und weiten Teilen der politischen sowie der medialen Öffentlichkeit im Kontext der Waldheim- Affäre (historisch) zu beurteilen? Es geht also im ersten Kapitel vor allem um das Verhältnis von Literatur und Politik (und in einem weiter gefassten Sinn Gesellschaft) als Voraussetzung für den Blick auf die literarisch-essayistische Waldheim- und Österreichkritik. Das Zweite Kapitel gibt einen kurzen Überblick über die Waldheim-Affäre und eine systematische Zusammenstellung der in den zu besprechenden Essays thematisierten Kritikpunkte an Waldheim, der Bundespräsidentenwahl und Österreich ganz allgemein. Eine solche Darstellung muss Lücken in Kauf nehmen; die wesentlichen Kategorien im Rahmen der Darstellung sind Sprache, Geschichtsbilder und Identität. Es geht dabei nicht so sehr darum, Elemente der literarisch-essayistischen Österreichkritik auf ihre historische Gültigkeit hin zu untersuchen (obwohl man daran kaum vorbei kann), sondern vielmehr um die inhaltlichen Voraussetzungen der Fragestellung, was diese Kritik für die Verga ngenheitsbewältigung leisten kann resp. geleistet hat. Im dritten Kapitel soll abschließend versucht werden, die literarisch-essayistische Waldheimkritik in den Kontext österreichischer Vergangenheitsbewältigung zu stellen. Es
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muss beurteilt werden, ob diese Kritik mehr als Provokation und versuchter Umsturz des Status quo sein und zur Bewältigung der Vergangenheit beitragen kann. Auch der Begriff der Vergangenheitsbewältigung selbst muss in diesem Zusammenhang thematisiert werden.
„Nestbeschmutzer!“
Bei Literatur und Politik handelt es sich um ein Begriffspaar mit - einer Münze ähnlichzwei unvereinbaren Seiten. Auf der einen Seite sind Literatur und Politik in symbiotischer Umarmung und friedvoller Eintracht zu sehen; auf der anderen jedoch in zähnefletschender Gegnerschaft (und oft mit wilden Drohgebärden und üblen Schimpftiraden aufeinander losstürmend.) Je nach Zeit und Umständen kehrt sich die eine oder die andere Seite stärker hervor und bestimmt dann das Bild, das wir vom Verhältnis von Literatur und Politik inne haben. Dies gilt auch (und vielleicht besonders) für Österreich. 1 Im konservativen Kunstempfinden der Nachkriegszeit war noch kein Platz für eine aufgeschlossen-kritische literarische Avantgarde. Während die Kulturpolitik die Alten umarmte, wurden die Jungen als „Nestbeschmutzer“ erkannt und diffamiert: Es galt das fragile Gebilde der neuen österreichischen Identität nicht ins Wanken oder gar zum Einsturz zu bringen. 2 So kam es, dass man später rehabilitierten und gefeierten Autoren 3 zu dieser Zeit ihr Literatentum gänzlich absprach und viele von ihnen (wie etwa die Mitglieder der sogenannten Wiener Gruppe) beschlossen, Österreich den Rücken zuzukehren, um in den kulturellen Zentren des Auslands (etwa in Berlin) die künstlerische Anerkennung zu suchen, die ihnen in ihrer Heimat verweigert wurde. Der österreichische Nachholbedarf in der intellektuellen Kunstdiskussion und in der Auseinandersetzung mit der künstlerischen Avantgarde nach der faschistischen Besetzung des Kunstdiskurses wurde in diesem geistigen Klima stark verzögert: ein Umstand, der nur zeitweise im eskalativen Aufeinanderprallen der
1 Im Verlauf der Darstellung müssen diese beiden Begriffe natürlich differenzierter ausgearbeitet werden: So ist
darauf hinzuweisen, dass die österreichische Literatur bei näherer Betrachtung genau wie jede andere
Nationalliteratur in unterschiedliche Schriftstellergruppen und -verbände, sowie in politische und weniger
politische Autoren zerfällt, die zu den hier besprochenen Themen keinesfalls immer mit gleicher Meinung
Stellung beziehen oder bezogen haben. Ebenso muss man sich darüber klar werden, was der Begriff Politik in
diesem Zusammenhang bezeichnen soll: es gilt zu klären, ob sich das Spannungsverhältnis zwischen Literatur
und Politik auf p olitische Parteien, Persönlichkeiten, Systeme, Institutionen oder wie auch immer (und
manchmal vielleicht auf alles zugleich) bezieht.
2 Vgl. Diethardt, Uli / Wischenbart, Rüdiger: Wer umarmt hier wen zu welchem Zweck? Die Schriftsteller, die
Öffentlichkeit und der Staat in Österreich - eine Innensicht, in: H. L. Arnold (Hg.): Bestandsaufnahme
Gegenwartsliteratur. Bundesrepublik Deutschland, Deutsche Demokratische Republik, Österreich, Schweiz
(Sonderband TEXT + KRITIK), München 1988, S. 287.
3 Gruppenbezeichnungen dieser Art werden in der vorliegenden Arbeit durchgehend geschlechtsneutral
verwendet; wo nicht, wird gesondert darauf hingewiesen.
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Gesinnungen an die Oberfläche dringen konnte. 4 Im offiziell anerkannten Literaturbetrieb, in dem man sich staatlicher Preise und Förderungen erfreue n konnte (während junge Dichter oft ein Schattendasein fristeten und kaum die Möglichkeit hatten, überhaupt etwas zu publizieren), war man bemüht, das Neue (und das meint hier meist auch das Subversive) zu bannen und Überschaubarkeit, Behaglichkeit und Stetigkeit zu normativen Literaturkriterien zu erheben. Es war die Zeit, den Mythos vom goldenen Österreich hochleben zu lassen. Zu Beginn der 70er Jahre wandelte sich dann das offizielle Verhältnis von Staat und Literatur mit dem Regierungsantritt Bruno Kreiskys. Die neuen kulturpolitischen Schlagworte waren Pluralismus und Liberalität und durch die staatliche Subventionierung von Literaturverbänden wie der Grazer Autorenversammlung (GAV), die als Gegengewicht zum auf Konvention und Repräsentanz bedachten österreichischen PEN-Club gegründet worden war, erhielten innovatorische (und dabei nicht selten gesellschafts- und eben gerade österreichkritische) Ansätze der Gegenwartsliteratur öffentliche Legitimität. Zudem öffnete sich das Verlagswesen sowohl in Österreich als auch in Deutschland immer mehr der österreichischen Gegenwartsliteratur und der Berufsstand Schriftsteller gewann an (vor allem auch wirtschaftlicher) Anerkennung. Kreiskys Programm und Intention war klar: es ging darum, „Autoren und Intellektuelle als hilfreiche Avantgarde zu gewinnen.“ 5 Zu diesem Zweck reichte er den Schriftstellern die Hand, nach der diese dankbar langten. Erst zu Beginn der 80er Jahre zog er sie wieder zurück, wurden die Subventionen gekürzt und durchzog erneut ein Aufschrei der Empörung gegen den Staat die literarische Szene. (Angemerkt sei noch, dass trotz der verstärkten Aufmerksamkeit für die literarische Avantgarde, Repräsentation und Image als Steckenpferde des Kulturbetriebs von der Staatsoper bis zum Festspielkalender selbstverständlich nicht angetastet wurden.)
In Gerhard Roths Worten war der jüdische Bundeskanzler Bruno Kreisky „die Person, in der man sich mit der Vergangenheit aussöhnen konnte, ohne sich mit ihr auseinandersetzen zu müssen.“ 6 In der Tat stimmt es, dass unter Kreisky noch die wenigsten (und auch dieser selbst nicht) wahrhaftes Interesse an einer kritischen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit Österreichs bekundeten und so das Bemühen, die Gegenwart zu bewahren und zu schonen, weiterhin den Mantel des Schweigens und Verdrängens über die österreichische
4 Ein solcher Moment war etwa die Surrealismusdebatte rund um die jungen Autoren der Zeitschrift „Neue
Wege“ (Altmann, Artmann, Okopenko...), als deren Konsequenz die Zeitschrift eingestellt werden musste. Vgl.
zur Rezeption der künstlerischen Avantgarde in Österreich: Schlebrügge, Johannes v.: Geschichtssprünge. Zur
Rezeption des französischen Surrealismus in der österreichischen Literatur, Kunst und Kulturpublizistik nach
1945, Frankfurt/Main 1985.
5 Dietharth - Wischenbart 1988, wie Anm. 2, S. 293.
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Vergangenheit breiten konnte. Das angeführte Zitat kann jedoch auch für die Literatur geltend gemacht werden: Wie nämlich den Literaten die Erlangung staatlicher Aufmerksamkeit und Anerkennung lange Zeit nur möglich gewesen war, indem sie sich dem institutionalisierten Kulturbetrieb und den damit verbundenen Staatsinteressen anpassten (und viele konnten oder wollten das nicht), so machte es ihnen die neue, lang ersehnte staatliche Literaturinitiative, die die Avantgarde subventionierte und die Geächteten rehabilitierte, fast unmöglich, ungehemmt und unvoreingenommen die Staatsinteressen Österreichs zu inspizieren. Man könnte folglich auch sagen: In der Person Bruno Kreiskys wurde die Literatur mit ihrer eigenen Vergangenheit ausgesöhnt.
Eine Bemerkung Michael Scharangs zur österreichischen Literatur der Nachkriegszeit vermisst die Ausgangslage für die Literatur der Zweiten Republik recht deutlich: „Die Literatur befand sich in einer trostlosen Lage. Sie sah sich einer gewaltigen Aufgabe verpflichtet, die jedoch gesellschaftlich tabu war. Kam zum Pflichtthema also noch ein Kampfthema. Um d amit fertig zu werden, hätte es eines langen Atems bedurft. Die Voraussetzung dafür ist freilich auch materieller Art.“ 7 Die materielle Frage, die eng mit dem Verhältnis zum Staat zusammenhängt, wurde bereits angesprochen. Die Frage nach der Rolle der Literatur bei der Aufarbeitung der österreichischen Vergangenheit (Scharang zufolge also ihrer Pflicht), die letztlich nicht weniger mit dem Verhältnis zum Staat zusammenhängt, soll zwar erst später angega ngen werden, doch soviel vorweg: Es ist unbestreitbar, dass es im Österreich der Zweiten Republik an Schriftstellern (von Bachmann bis Rühm) nicht fehlt, die sich der österreichischen Identität stets kritisch verpflichtet fühlten und gegen Tabus zu kämpfen gewillt waren. Ihren Kampf um die Pflicht zu gewinnen, waren sie wohl zu schwach und die Tabuzwänge der Gesellschaft lange Zeit zu stark; doch auch wenn ihre Stimmen von Politik und Gesellschaft kaum gehört wurden (und man sie zum Schweigen zu bringen versuchte, wenn doch), muss festgehalten werden, dass die österreichische Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts keinesfalls bloß ästhetisierend oder unpolitisch war. 8 Die Aufarbeitung der Vergangenheit wurde von manchen österreichischen Schriftstellerinnen in Angriff genommen, als dem Großteil der Bevölkerung noch nicht einmal bewusst war, dass es so etwas gibt und dass es notwendig ist. Es ist jedoch zu erwähnen, dass gerade in den 70er
6 Roth, Gerhard: „Was für den einen das Paradies ist, kann für den anderen die Hölle sein“ Drei österreichische
Karikaturen. Überlegungen beim Bleistiftspitzen (1987), in: G. Roth: Das doppelköpfige Österreich. Essays -
Polemiken - Interviews, Frankfurt/Main 1995, S. 34.
7 Scharang, Michael: Wiener Vorlesung zur Literatur, in: Wespennest 66 (1987), S. 54.
8 Diesem Vorwurf sieht sich die österreichische Literatur vor allem im Vergleich mit der bundesdeutschen (Böll,
Grass, Enzensberger...) immer wieder ausgesetzt. Vgl. hierzu: Schmidt-Dengler, Wendelin: Die österreichischen
Autoren und ihr gespanntes Verhältnis zur Geschichte, in: B. Zuser (Hg.): politicum (Josef Krainer-Haus-
Schriften). Literatur und Politik, 8 (1988) Sondernummer 38a, S. 77-80.
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Jahren viele österreichische Autoren in ihrem Schreiben um subjektive Themen des Ichs, der Erziehung und der Kindheit kreisten, die zwar nicht notwendig Gesellschaftskritik vermissen müssen, allerdings der Gefahr ausgesetzt sind, Engagement zu verlieren und zum Genre zu erstarren. Daher die Etikettierung: Neuer Subjektivismus. Erst für die Mitte der 80er Jahre gilt: „Aus der Innerlichkeit wurde der Schritt in die Öffentlichkeit getan.“ 9 Das jetzt nach außen gerichtete, öffentliche Engagement, das wie ein Ausbruch wirkte, stieß jedoch rasch auf Widerstand.
Die Gründe für das Ausbrechen grundsätzlicher Debatten der 80er Jahre, die sich teils zu heftigen Kollisionen steigerten, sind zahlreich. Schriftstellerinnen und Schriftsteller jedenfalls waren aufgewacht (oder aufgeweckt worden) und begannen kämpferisch ihre eigenen Pflichten einzumahnen. Das schon angemerkte ökonomische Brüchigwerden der partnerschaftlichen Beziehung zum Staat mag ein erster Indikator für die sich anbahnenden Auseinandersetzungen gewesen sein. Vieles trat nun aus dem Untergrund des Wegsehens und Vergessens an die Oberfläche, wie - hier lediglich stellvertretend - bei Michael Scharang in einem Essay aus dem Jahr 1985/86: „Die einzelnen Affären erschüttern den Staat keineswegs, im Gegenteil, sie sind es, die ihn gerade noch zusammenhalten. Die Skandale schützen den Staat, indem sie von dessen skandalösem Charakter ablenken.“ 10 In der Tat hatten zahlreiche Skandale (AKH-Skandal, Lucona, Noricum, Weinskandal...) die Republik erschüttert und aus der Heimat der Seligen eine Skandalrepublik gemacht. Man begann (und zwar nicht nur unter Literaten) an den ideologischen Grundfesten Österreichs zu zweifeln, das eigene Vertrauen in den immer wieder aufs Neue erschütterten Staat zu hinterfragen und dem Ärger über die verkrusteten (sozialpartnerschaftlichen) Strukturen Lauf zu lassen. Immer mehr Argumente, denen durch die Affären Reeder-Frischenschlager und Waldheim viel an Gewicht und Gehör zukam, wurden aus dem Untergrund der Verdrängnis ans Licht geführt, um nach langer Zeit die österreichische Identität radikal in Frage zu stellen. Das öffentliche schriftstellerische Engagement steigerte sich dabei in manchen Fällen zu gezielten Provokationen und im Zuge der Auseinandersetzungen zu neuen Skandalen (Jelinek, Bernhard...). Eine Bestandsaufnahme des Verhältnisses österreichischer Schriftsteller zur Öffentlichkeit aus dem Jahr 1988 fällt dementsprechend düster aus: „Was [den Literaten] seit
9 Zeyringer, Klaus: Innerlichkeit und Öffentlichkeit. Österreichische Literatur der achtziger Jahre, Tübingen
1992, S. 94. Auch Robert Schindel nennt in einem Interview mit Gerald Leitner die Affäre Waldheim als
„Hauptzäsur“ in der literarischen Beschäftigung mit der Vergangenheit: Schindel, Robert: Es war eine gute
Übergabe der Fackel. Ein Gespräch mit Gerald Leitner, in: G. Leitner (Hg.): „Was wird das Ausland dazu
sagen?“ Literatur und Republik in Österreich nach 1945, Wien 1995, S. 48.
10 Scharang, Michael: Diesen Staat kann kein Skandal erschüttern, denn er ist selbst ein Skandal (1986), in: M.
Scharang: Das Wunder Österreich oder Wie es in einem Land immer besser und dabei immer schlechter wird.
Essays, Polemiken, Glossen, Wien - Zürich 1989, S. 34.
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Hari Schmiderer, 2003, Der Mann ohne Vergangenheit: Aspekte der literarisch-essayistischen Österreichkritik im Zuge der Waldheim-Affäre, München, GRIN Verlag GmbH
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