I
A. EINLEITUNG 1
B. THEORETISCHER TEIL: STANDORTFAKTOREN UND IHRE BEDEUTUNG 3
B.I.1.1. Regionale Lohnunterschiede B.I.1.2. Vorhandene Arbeitskräfte B.I.2. Verkehr und Transport 6 B.I.3. Boden und Gebäude 7
B.I.4. Allgemeine Infrastruktur 8
B.I.5. Absatz und Beschaffung
B.I.5.1. Absatzmarkt B.I.5.2. Beschaffungsmarkt
B.I.6. Sonstige Faktoren 10
B.I.7. Öffentliche Förderung 10 B.I.8. Agglomeration 12
B.II. Standortfaktorenpräferenzen 12
B.III. „Harte“ und „weiche“ Standortfaktoren 13 B.IV. Zusammenfassung 14
B.V. Gründe für Auslandsinvestitionen 15
C. PRAKTISCHER TEIL: STANDORTANALYSE OFFENBURG 16
C.I. Einführung 16
C.II.1.1. Lohnniveau C.II.1.2. Vorhandenes Arbeitskräftepotential C.II.2. Verkehr und Transport 30 C.II.3. Boden und Gebäude 33
C.II.4. Allgemeine Infrastruktur 36
C.II.5. Absatz und Beschaffung
C.II.5.1. Absatzmarkt C.II.5.2. Beschaffungsmarkt
C.II.6. Sonstige Faktoren 40
II
C.II.7. Öffentliche Förderung 41 C.II.8. Agglomeration 42
D. PRAKTISCHER TEIL: STANDORTANALYSE ST. PETERSBURG 42
D.I. Einführung 42
D.II.1.1. Lohnniveau D.II.1.2. Vorhandenes Arbeitskräftepotential D.II.2. Verkehr und Transport 48 D.II.3. Boden und Gebäude 51
D.II.4. Allgemeine Infrastruktur 51
D.II.5. Absatz und Beschaffung
D.II.5.1. Absatzmarkt D.II.5.2. Beschaffungsmarkt D.II.6. Sonstige Faktoren 56
D.II.7. Öffentliche Förderung 57 D.II.8. Agglomeration 60
E. ZUSAMMENFASSENDER SYSTEMATISCHER VERGLEICH DER ERREICHUNG DER STANDORTFAKTORBEREICHE IN OFFENBURG UND ST. PETERSBURG 61
F. ZUSAMMENFASSUNG 66
G. ANLAGEN 68
H. LITERATUR 73
H.I. Zeitungsartikel und Graphiken 73
H.II. Unveröffentlichte behördeninterne Materialien 75
H.III. Öffentlich zugängliche Literatur 75
H.IV. Fremdsprachige Literatur 80
Tabelle Seite
1 Rangfolge der Standortfaktoren nach dem Anteil der „Wichtig“-Nennungen 4
2 Die Reihenfolge der Standortfaktorbereiche nach ihrer Bedeutung 5
3 Arbeitskosten je Arbeitnehmer pro Jahr nach ausgewählten Wirtschaftsbereichen 1996 18 (Früheres Bundesgebiet):
4 Durchschnittliche Arbeitskosten je Arbeitnehmer pro Monat nach ausgewählten 19
Wirtschaftsbereichen 1996 (Früheres Bundesgebiet):
5 Sozialversicherungspflichtig Beschäftigte nach Personengruppen im Vergleich 20
zum Vorquartal und Vorjahr (Ortenau) 6 Beschäftigte nach Wirtschaftsabteilungen in der Ortenau 21
7 Das verarbeitende Gewerbe in der Ortenau nach Wirtschaftsgruppen 22
8 Wirtschaftsgruppen der Abteilung nicht anderweitig genannter Dienstleistungen 23 in der Ortenau
9 Sozialversicherungspflichtig beschäftigte Arbeitnehmer in Offenburg seit 1975 nach 24 Wirtschaftsabteilungen
10 Studentenzahlen an der Fachhochschule Offenburg im Sommersemester 1999 29
11 Gewerbegebiete in Offenburg 34
12 Wohnungsbestand in Offenburg 36
13 Preisspiegel für Immobilien in Baden-Württemberg 36
14 Die ladeneinzelhandelsrelevante Kaufkraft in der Region Südlicher Oberrhein im 39 Jahre 1998
15 Durschnittslohn eines Arbeitnehmers in St. Petersburg im Dezember 1999 44
16 Anzahl der Beschäftigten nach Wirtschaftszweigen in St. Petersburg (in %) 46
17 Absolventen der staatlichen Hochschulen in St. Petersburg (in Tausend) 47
18 Bewertungsschema für den Vergleich der Erreichung der Standortfaktorbereiche 61
in Offenburg und St. Petersburg
Anlage Seite
1 Die Lage der Städte Offenburg und St. Petersburg in Europa 68
2 Verkehrslage und -anbindung der Stadt Offenburg 69
3 Verkehrslage und -anbindung der Stadt St. Petersburg 70
4 Anzahl der Beschäftigten nach Wirtschaftszweigen (in Prozent) 71
5 Die Erreichung der Standortfaktorbereiche in Offenburg und St. Petersburg 72
1
A. Einleitung
Mit dem Ende des „Wirtschaftswunders“ ging Mitte der 60er Jahre die Zahl der Betriebsneugründungen, -verlagerungen und -erweiterungen stark zurück. Die Kommunen engagierten sich deshalb verstärkt in der kommunalen Wirtschaftsförderung, um die wenigen ansiedlungswilligen Unternehmen an sich zu binden. Es galt und gilt, die Einkommen und den Grad der Beschäftigung in der jeweiligen Gemeinde zu erhöhen. Dies ist der Grund, weshalb es für die Gemeinden zunehmend wichtig geworden ist, die für die Betriebe wichtigen Standortfaktoren zu kennen, um durch deren Verbesserung mit anderen Gemeinden um die Ansiedlung der Unternehmen konkurrieren zu können 1 . Ziel dieser Arbeit ist es, für die Städte Offenburg in Baden und St. Petersburg in Rußland eine Standortfaktorenanalyse durchzuführen und Stärken und Schwächen beider Städte zu vergleichen. Fragen, wie die jeweiligen Standortfaktoren verbessert werden können, bleiben unberücksichtigt und wären in einem weiteren Schritt aus der Analyse heraus zu erarbeiten.
Im theoretischen Teil wird der Frage nachgegangen, welche Standortfaktoren aus Sicht privater Unternehmen für deren Ansiedlung als wichtig empfunden werden. In dem Kapitel „Standortfaktoren und ihre Bedeutung“ werden die verschiedenen Standortfaktoren ihrer Bedeutung nach vorgestellt. Im Kapitel
„Standortfaktorenpräferenzen“ soll kurz dargestellt werden, was zu verschiedenen Einschätzungen der Standortfaktoren führen kann. Im dritten und letzten Kapitel wird auf die zunehmend an Bedeutung gewonnene Unterscheidung in „harte“ und „weiche“ Standortfaktoren eingegangen.
Der theoretische Teil endet mit der Darstellung der hauptsächlichen Gründe für Auslandsinvestitionen.
Im praktischen Teil werden Offenburg und St. Petersburg einer
1 Grätz, Christian (1983) Kommunale Wirtschaftsförderung - Kritische Bestandsaufnahme ihrer Funktionen und Organisation, in: Klemmer, Paul (Hrsg.): Beiträge zur Struktur- und Konjunkturforschung, Band XXII, Bochum: Studienverlag Dr. N. Brockmeyer, S. 1; Lüder, Klaus & Küpper, Willi (1983) Unternehmerische Standortplanung und regionale Wirtschaftsförderung, Eine empirische Analyse des Standortverhaltens industrieller Großunternehmen, in: Schriftenreihe des Seminars für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre der Universität Hamburg, Band 24, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 1.
2
Standortfaktorenanalyse auf Grundlage der theoretischen Erkenntnisse unterzogen, um sie danach in ihrer Attraktivität für eine Betriebsansiedlung zu vergleichen.
Aufgrund des knappen Umfangs dieser Arbeit werde ich auf die Beurteilung der weichen Standortfaktoren im praktischen Teil nicht explizit eingehen. Ebenso werden Unterschiede, die sich aus der Zugehörigkeit zu verschiedenen Staaten ergeben, nicht gesondert, sondern bei den jeweiligen Standortfaktoren knapp behandelt und diesen untergeordnet. Problemkomplexe wie Korruption, Wirtschaftskriminalität bis hin zu Auftragsmorden und die Verflechtung von Politik und Wirtschaft werden dadurch nicht entsprechend gewürdigt, bleiben aber auch nicht völlig ausgeklammert. Eine sachgerechte Darstellung dieser Themenkreise bedarf einer gesonderten, umfangreicheren Analyse, die im Rahmen dieser Arbeit nicht zu bewerkstelligen ist.
Als Informationsquellen dienten mir neben allgemein zugänglicher Fachliteratur Informationen, die mir von den Praktikastellen zur Verfügung gestellt wurden, Informationen aus dem Internet und der Presse sowie Gespräche mit verschiedenen Verantwortlichen aus der Praxis.
Mein Entschluß, in St. Petersburg ein Praktikum zu absolvieren und das Erfahrene zum Gegenstand meiner Diplomarbeit zu machen, hängt mit meiner engen persönlichen Bindung zu dieser überwältigenden Stadt zusammen. Bereits zwischen 1993 und 1995 war ich öfters zu Studienaufenthalten in St. Petersburg, wo ich meine Frau kennengelernt habe.
Mein Dank gilt zuvorderst Herrn Brehm vom Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg, Herrn Dr. Maslennikov vom Wirtschaftskomitee St. Petersburg, sowie Herrn Dr. Joerger von der FH-Kehl, die mir durch ihren Einsatz und ihre Unterstützung das Auslandspraktikum ermöglichten. Daneben möchte ich vor allem den lieben Kolleginnen und Kollegen des Wirtschaftskomitees in St. Petersburg sowie des Amtes für Wirtschaftsförderung der Stadt Offenburg danken, die mich gleichermaßen freundlich in ihrer Mitte aufgenommen und so wesentlichen zum Gelingen der Arbeit beigetragen haben.
3
B. Theoretischer Teil: Standortfaktoren und ihre Bedeutung
Standortfaktoren werden zu ihrer Darstellung in Standortfaktorenbereiche zusammengefaßt. Dabei wählen verschiedene Autoren verschiedene Einteilungen 2 . Die am häufigsten vorkommende Einteilung scheint mir die von mir in Tabelle 2 dargestellte zu sein 3 . Zur Beurteilung der Wichtigkeit der einzelnen Standortfaktorbereiche berufe ich mich auf die Ergebnisse einer Mitte der 70er Jahre bei 125 Betrieben in Köln durchgeführten Untersuchung 4 . Tabelle 1 zeigt den prozentualen Anteil der „Wichtig“-Nennungen von 44 einzelnen Standortfaktoren durch die 125 Betriebe. In einem zweiten Schritt wurden diese 44 Standortfaktoren in acht Standortfaktorbereiche zusammengefaßt, die in einem direkten Vergleich nochmals entsprechend ihrer Prioritätsstufe von den Unternehmen zu beurteilen waren. Dabei zeigte sich die in Tabelle 2 dargestellte Rangfolge, die von dem Ergebnis in Tabelle 1 abweicht. Nach dem Ergebnis in Tabelle 1 stünde zum Beispiel der Standortfaktorbereich „Boden und Gebäude“ an erster Stelle. Im direkten Vergleich mit den anderen Standortfaktorbereichen wurde jedoch dessen Bedeutung relativiert 5 .
Die in Tabelle 2 dargestellte Prioritätsverteilung wird von anderen, in den 70er Jahren durchgeführten Untersuchungen bestätigt 6 . Neuere, ebenso ausführliche Untersuchungen zur nationalen Standortforschung gibt es nicht, weshalb Autoren
2 Vergleiche: Grätz (1983) S. 42-46; Kaiser,Karl-Heinz & Hoerner, Ludwig (1980) Zum Standort der Industriebetriebe, in: Szyperski, Norbert/ Kaiser, Karl-Heinz & Metz, Wolfgang (Hrsg.): Wirtschaft und kommunale Wirtschaftspolitik in der Stadtregion, Empirische Materialien für die Kommunal- und Unternehmungsplanung, Stuttgart: C.E. Poeschel Verlag, S. 120-125; Lüder & Küpper (1983) S. 13-20 und S. 24-26; Lugan, Andrea (1997) Marketing der kommunalen Wirtschaftsförderung, Mit einem Geleitwort von Prof. Dr. Wolfgang Hilke, Wiesbaden: Dt. Univ.-Verl.; Wiesbaden: Gabler (Gabler Edition Wissenschaft), Zugl.: Freiburg, Univ., Diss., 1996, S. 70f und S. 74; Stauder, Jochen (Hrsg.) (1991) Grundlagen der kommunalen Wirtschaftsförderung, Lehrbuchreihe, Praxis der Regionalwirtschaft, Marburg: Metropolis-Verlag, S. B.21f; Wöhe, Günter (1996) Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, 19., überarb. und erw. Aufl, unter Mitarbeit von Ulrich Döring, München: Verlag Franz Vahlen (Vahlens Handbücher der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften), S.449-455.
3 Vor allem bei Grätz (1983); Kaiser & Hoerner (1980) und Lüder & Küpper (1983).
4 Kaiser & Hoerner (1980) S. 115f.
5 Ebenda.
6 Vergleiche die Übersichten bei: Lüder & Küpper (1983) S. 14; Runer, Håkon (1999) Die Bestimmung der Standortanforderungen bei Standortentscheidungen: Eine empirische, quantitative und kognitive Analyse, in: Europäische Hochschulschriften, Reihe 5, Volks- und Betriebswirtschaft, Band 2423, Frankfurt am Main u.a.: Lang, Zugl.: Freiburg (Breisgau), Univ., Diss., 1997, S. 40.
5
neuerer Abhandlungen auf die älteren Untersuchungen zurückgreifen, um sie punktuell zu bestätigen oder zu konkretisieren 7 . An der in Tabelle 2 dargestellten Rangfolge hat sich nichts wesentliches geändert 8 .
Tabelle 2: Die Reihenfolge der Standortfaktorbereiche nach ihrer Bedeutung
Quelle: Kaiser, Karl-Heinz & Hoerner, Ludwig (1980) Zum Standort der Industriebetriebe, in: Szyperski, Norbert/ Kaiser,
Karl-Heinz & Metz, Wolfgang (Hrsg.): Wirtschaft und kommunale Wirtschaftspolitik in der Stadtregion, Empirische
Materialien für die Kommunal- und Unternehmungsplanung, Stuttgart: C.E. Poeschel Verlag, S. 119.
B.I.1. Arbeitsmarkt
An erster Stelle steht die Faktorengruppe „Arbeitsmarkt“ 9 . Sie läßt sich in die Gruppen „Regionale Lohnunterschiede“ und „Vorhandene Arbeitskräfte“ einteilen.
B.I.1.1. Regionale Lohnunterschiede
Diese ergeben sich aufgrund von Tarifverträgen, die eine Lohnabstufung nach Ortsklassen vornehmen. Danach sollen in großen Gemeinden mit vermeintlich höheren Lebenskosten Arbeitnehmer einen höheren Lohn erhalten, als in kleinen. Diese Unterschiede wurden aber durch Aufhebung beziehungsweise Vereinheitlichung der Ortsklassen in den Tarifverträgen weitgehend beseitigt. Zu Zeiten der Hochkonjunktur kam es vor allem in größeren Städten zu Arbeitskräftemangel. Durch die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt wurden auch
7 Runer (1999) S. 39f; Virgens, Martina (1992) Marketing in der kommunalen Wirtschaftsförderung unter besonderer Berücksichtigung der Subventionsvergabe, in: Europäische Hochschulschriften, Reihe 5, Volks- und Betriebswirtschaft, Band 1332, Frankfurt am Main u.a.: Lang, Zugl.: Göttingen, Univ., Diss., 1992, S. 82-90.
8 Lugan (1997) S. 79; Virgens (1992) S. 82-90.
9 Lüder & Küpper (1983) S. 14f; Lugan (1997) Abb. 15, S. 79.
6
hierdurch höhere Löhne in den Zentren bezahlt.
Hatten die Betriebe sich früher vornehmlich nach den niedrigsten Löhnen gerichtet, wird den regionalen Lohnunterschieden heute keine all zu große Bedeutung beigemessen 10 . Die Lohnunterschiede wurden nur von 41,6 % der Befragten als wichtig empfunden und stehen an 30. Stelle (Siehe Tabelle 1).
B.I.1.2. Vorhandene Arbeitskräfte
Der Faktor „Allgemeines Angebot an Arbeitskräften“ wurde von 75,2 % für wichtig befunden, er rangiert an 6. Stelle. Vor allem in Hochkonjunkturphasen wird die Beschaffung benötigter Arbeitskräfte zu einem Problem. In Zeiten der Massenarbeitslosigkeit hingegen scheint dieses Problem vernachlässigbar. An-und ungelernte Arbeitsreserven sind dann überall zu finden, in den Ballungszentren sowie in der Peripherie. Aber bei dem Angebot höherqualifizierter Arbeitskräfte kann es auch zu Zeiten hoher Arbeitslosigkeit zu Engpässen kommen. Dies erklärt, warum 66,4 % der Befragten das „Angebot an Fachkräften“ für wichtig hielten und somit dieser Faktor an 13. Stelle weit vor den Faktoren „Arbeitskraftreserven“ (Rang 29) und „Angebot an weiblichen Arbeitskräften“ (Rang 32) stehen (Siehe Tabelle 1). Die meisten Standortvorteile bieten Ballungsräume, wo die Beschaffungswahrscheinlichkeit von Fachkräften ungleich größer ist, als in ländlichen Gebieten. Hier gibt es ein breit gestreutes Potential qualifizierter Arbeitskräfte. Zudem sind die Weiterbildungsmöglichkeiten für Arbeitskräfte besser 11 .
B.I.2. Verkehr und Transport
Die Standortfaktorengruppe „Verkehr und Transport“ steht an zweiter Stelle. Ihre Bedeutung wird hauptsächlich von dem Faktor „Anschluß an das überregionale
10 Wöhe (1996) S. 450f; Vergleiche auch Kaiser & Hoerner (1980) S. 120; Lüder & Küpper (1983) S. 15 und Tabelle 2, S. 14.
11 (Dt) „Öffentlicher Nahverkehr wichtiger Standortfaktor“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.04.2000, S. 19; Kaiser & Hoerner (1980) S. 120; Lüder & Küpper (1983) S. 15-17; Lugan (1997) S. 79; Stauder (1991) S. B.21; Wöhe (1996) S. 450.
7
Verkehrsnetz“ bestimmt (Rang 10), womit in erster Linie die Straßenverbindung gemeint ist 12 . Der Anschluß ans Bahnnetz oder an Wasserstraßen ist dahingegen von nachrangiger Bedeutung (Rang 41) 13 . Für manche Firmen sind Hafenstädte von besonderer Wichtigkeit. Zu nennen wären die Ölgesellschaften, der Baumwollhandel, Kaffee- und Tabakwarenversandgeschäfte u.a. 14 . Nach einer Schätzung für das Jahr 2000 wurden 70 % des innerdeutschen Güterverkehrs von LKW’s bestritten, gefolgt von 14 % Eisenbahn, 12,6 % Binnenschiffen, 3 % Pipeline und 0,1 % Flugzeug 15 . Dies entspräche dem Trend in der Europäischen Union 16 .
B.I.3. Boden und Gebäude
Ebenfalls von besonderer Bedeutung für die Standortauswahl eines Unternehmens ist die Faktorengruppe Boden und Gebäude. Sie wird bestimmt von den Faktoren „Bodenpreise oder -nutzungskosten“(Rang 4), „Räumliche Ausdehnungsmöglichkeiten“(Rang 5) sowie von den „Baupreisen“(Rang 9) 17 . Die qualitative Eignung dieser Grundstücke tritt demgegenüber zurück (Rang 27) 18 . Da die Großstädte durch geringe Grundstücksreserven gekennzeichnet sind, liegt der Standortvorteil eindeutig bei den nicht-großstädtischen Gemeinden 19 . Der Faktor „Vorhandene Gebäude und Anlagen“ ist für Unternehmen von Bedeutung, die umgehend mit der Produktion beginnen wollen, reicht aber nicht an die Wichtigkeit der Ausdehnungsmöglichkeiten heran 20 .
12 (Dt) „Öffentlicher Nahverkehr wichtiger Standortfaktor“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.04.2000, S. 19; Grätz (1983) S. 44; Kaiser & Hoerner (1980) S. 120f; Lüder & Küpper (1983) S. 25; Lugan (1997) S. 79.
13 Kaiser & Hoerner (1980) S. 121; Lüder & Küpper (1983) S. 25.
14 Wöhe (1996) S. 454.
15 Graphik: Deutschland in Bewegung, Verkehrsleistung im Jahr 2000, in: Badische Zeitung, 03.06.2000, S. 9.
16 Graphik: Die Verkehrslawine, Güterverkehr in der EU in Milliarden Tonnenkilometer, in: Das Parlament, 26. Januar 2001, S. 5.
17 Grätz (1983) S. 44; Kaiser & Hoerner (1980) S. 121; Lüder & Küpper (1983) S. 24f und Tab. 2, S. 14; Lugan (1997) Abb. 15, S. 79; Stauder (1991) Tab. 1 u. 2, S. E/VIII.5f.
18 Lüder & Küpper (1983) S. 25.
19 Ebenda.
20 Ebenda; Stauder (1991) Tab. 2, S. E/VIII.6.
8
B.I.4. Allgemeine Infrastruktur
In dieser Gruppe dominieren Faktoren, die vor allem für die Mitarbeiter der Betriebe von Interesse sind. Es handelt sich um die Faktoren „Wohnungsangebot“ (Rang 12), „Medizinische Versorgung“ (Rang 14), „Bildungsmöglichkeiten“ (Rang 20), „Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten“ (Rang 23) und „Vermittlung von Wohnungen für Mitarbeiter“ (Rang 26). Diese Faktoren spielen vor allem bei größeren Betrieben mit größerer Belegschaft, wozu auch die Führungskräfte und das Top-Management zählen, eine bedeutendere Rolle 21 .
B.I.5. Absatz und Beschaffung
Dieser Standortfaktorbereich steht an fünfter Stelle und ist somit noch von mittlerer Priorität (Siehe Tabelle 2). Er wird bestimmt von den Faktoren auf Rang 15, 18, 21, 22 und 42 22 . In einigen Untersuchungen wird diese Gruppe in den Absatz- und den Beschaffungsmarkt aufgeteilt, dem ich mich anschließen möchte 23 .
B.I.5.1. Absatzmarkt
Absatzmarktfaktoren sind vor allem für den Groß- und Einzelhandel wichtig. Sie spielen aber auch für andere Unternehmen, die in engem Kontakt zu ihren Absatzgebieten stehen müssen, eine Rolle. Zu nennen wären
Nahrungsmittelbetriebe, Brauereien, das Baugewerbe sowie Teile der Dienstleister und freien Berufe 24 . Der Absatzmarkt wird bestimmt durch:
- die regionale Kaufkraft, das durch das Einkommensniveau der Bevölkerung widergespiegelt wird,
- die Nachfrage nach den jeweiligen Produkten und Leistungen,
21 Grätz (1983) S. 45; Kaiser & Hoerner (1980) S. 121f.
22 Grätz (1983) S. 45.
23 Lüder & Küpper (1983) S. 17 und Tabelle 2, S. 14.
24 Ebenda, S. 17f; Kaiser & Hoerner (1980) S. 122; Stauder (1991) S. B.22f; Wöhe (1996) S. 455.
9
- das Wachstumspotential des regionalen Marktes,
- ansässige Großabnehmer sowie
- die Nähe und Größe von Konkurrenten 25 .
Der Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur und der damit verbundenen Abnahme der Transportkosten und der Zunahme der Transportgeschwindigkeit ging jedoch ein Bedeutungsverlust des Absatzmarktes einher. Für viele Güter gilt, daß der relativ kleinräumige deutsche Markt von fast allen Orten des Landes gleich gut zu versorgen ist 26 .
B.I.5.2. Beschaffungsmarkt
Dem Bedeutungsverlust des Absatzmarktes entspricht der Bedeutungsverlust des Beschaffungsmarktes aufgrund einer besseren Infrastruktur 27 . Der Beschaffungsmarkt wird bestimmt durch:
die Materialbeschaffungskosten, die den Transportkosten entsprechen. Mit der Abnahme der Transportkosten nahm somit auch die Bedeutung des Beschaffungsmarktes ab 28 . Für materialintensive Industriebetriebe wie z.B. die Eisen- und Stahlindustrie sind jedoch die Transportkosten nach wie vor von besonderer Bedeutung 29 .
die lokale Verfügbarkeit unternehmensbezogener Dienstleistungen. Je nach Größe des Unternehmens kann deren Bedeutung jedoch abnehmen, da gerade größere Betriebe sich günstiger mit eigenen Spezialisten eindecken können 30 .
Der Tabelle 1 ist zu entnehmen, daß die Bedeutung des Absatzmarktes (Rang 15 und 18) ein wenig höher eingestuft wird als die des Beschaffungsmarktes (Rang 21 und 22). Die „Unmittelbare Nähe zu Rohstoffvorkommen“ spielte in der Untersuchung fast gar keine Rolle 31 .
25 Stauder (1991) S. B.21.
26 Ebenda, S. E/VIII.5f; Kaiser& Hoerner (1980) S. 122f; Lüder & Küpper (1983) S. 18.
27 Stauder (1991) S. E/VIII.5f.
28 Wöhe (1996) S. 449.
29 Ebenda.
30 Lüder & Küpper (1983) S. 22f; Lugan (1997) S. 71; Stauder (1991) S. B.21.
31 Kaiser & Hoerner (1980) S. 122f.
10
B.I.6. Sonstige Faktoren
Zu den „Sonstigen Faktoren“ gehören die Positionen 17, 19 und 25. Obwohl sie mit Platz 6 als recht unbedeutend bewertet wurden, können sie für bestimmte Betriebe von äußerster Wichtigkeit sein. Dies betrifft den Faktor „Regionale Wirtschaftsentwicklung“ (Rang 25), dem Betriebe (weniger Kleinbetriebe), die für den regionalen beziehungsweise örtlichen Markt produzieren, erhöhte Aufmerksamkeit schenken, sowie den Faktor „Umweltschutzauflagen undgesetze“ 32 .
Letzterer gewann mit zunehmender Beachtung durch den Gesetzgeber auch als Standortfaktor an Bedeutung. Immerhin wurde er von 62,4 % der Befragten als wichtig befunden und nimmt Rang 17 in der Tabelle 1 ein. Gerade für die Chemie- und Kunststoffindustrie muß diesem Bereich ein noch wichtigerer Stellenwert zugeordnet werden, da sie wegen ihrer Umweltbelastung maßgeblich von den Auflagen und Verboten betroffen ist 33 . Durch Verbote können bestimmte Gebiete für Betriebe überhaupt nicht mehr zur Verfügung stehen oder behördliche Auflagen zusätzliche Kosten verursachen. Ebenso können die Standortvorteile in dichtbesiedelten Gebieten, was die Beschaffung von Arbeitskräfte oder die günstigeren Transportkosten betrifft, durch die höheren Kosten für Umweltschutzmaßnahmen überkompensiert werden und dazu führen, daß der Betrieb in weniger dicht besiedelte Gebiete ausweicht 34 . Auch wurde in den letzten Jahren in zunehmendem Maße der öffentlichen Meinung (Bürgerinitiativen) Rechnung getragen. Dies betraf vor allem Betriebe, die mit besonderen Risiken für die Umwelt verbunden sein können, wie zum Beispiel Atomkraftwerke 35 .
B.I.7. Öffentliche Förderung
Dieser Gruppe wurden die Faktoren „Gemeindliche Grundstückserschließung“
32 Grätz (1983) S. 45; Kaiser & Hoerner (1980) S. 123..
33 Ebenda.
34 Wöhe (1996) S. 455
35 Ebenda.
11
(Rang 1), „Steuerliche Vergünstigungen der Gemeinde“ (Rang 3), „Ausweisung von Industrie- und Gewerbegelände“ (Rang 7), „Hilfe bei der Grundstücksbeschaffung“ (Rang 8), „Kontaktbereitschaft der Gemeinde“ (Rang 11), „Finanzielle Hilfe der Gemeinde“ (Rang 16) und der unwichtigere Rang 43 zugeordnet 36 . Obwohl die Befragten die einzelnen Faktoren recht hoch einstuften, wurde die gesamte Faktorengruppe als eher unwichtig bewertet. Zum einen kann dies darauf beruhen, daß die Faktoren auf Rang 1 und 7 zwar als notwendig erachtet werden, sie müssen selbstverständlich vorhanden sein, aber sie werden keinesfalls als hinreichende Bedingung für eine Ansiedlung angesehen. Zudem wurden die Faktoren „Steuerliche Vergünstigung“ und „Finanzielle Hilfen“ zwar gern als wichtig eingestuft, beim direkten Vergleich mit den anderen Faktorengruppen jedoch als unwichtiger erachtet 37 . An dieser Stelle möchte ich auch auf Unterschiede bei der Abgabenerhebung eingehen. In der Bundesrepublik Deutschland entstehen diese
Abgabenunterschiede zum einen dadurch, daß die Gemeinden das Recht haben, für die Gewerbesteuer sowie für die Grundsteuer eigene Hebesätze festzulegen 38 . Ein weiterer Grund liegt in der dezentralen Finanzverwaltung. Die Finanzverwaltungen der Länder wenden die ihnen vom Steuergesetzgeber eingeräumten Ermessensspielräume unterschiedlich an und machen Unterschiede bei der Anerkennung von Abschreibungssätzen, bei der Abgrenzung zwischen Betriebsausgaben und Privatentnahmen, bei den Anforderungen an die Ordnungsmäßigkeit der Buchführung sowie bei der Gewährung von Steuererlaß und Steuerstundung 39 . Hinzu können direkt gewollte Steuervergünstigungen durch die Steuerpolitik treten. Ein Beispiel dafür war die Förderung der ehemaligen Zonenrandgebiete und Berlin (West). Hier wurden Vergünstigungen bei der Einkommen-, Körperschaft- und Umsatzsteuer gewährt 40 .
36 Grätz (1983) S. 45, Kaiser & Hoerner (1980) S. 124.
37 Grätz (1983) S. 45f; vergl. auch Kaiser & Hoerner (1980) S. 117 und S. 124 sowie Lüder & Küpper (1983) S. 26, S. 32 und Tabelle 2, S. 14.
38 Kaiser & Hoerner (1980) S. 124f; Stauder (1991) S. B. 22; Wöhe (1996) S. 452f.
39 Wöhe (1996) S. 453f.
40 Ebenda, S. 454.
12
B.I.8. Agglomeration
Unter Agglomeration versteht man die Anhäufung von mehreren Unternehmen an einem Ort. In der Tabelle 2 steht diese Gruppe an letzter Stelle und wird als „Industrielle Ballung“ bezeichnet, andere bezeichnen sie auch als „Fühlungsvorteil“ 41 . Diese Vorteile können aus der Nähe zu Betriebsstätten des eigenen Unternehmens und gleicher oder anderer Branchen, sowie aus dem Vorhandensein von Hilfsbetrieben und öffentlicher sowie privater Dienstleistungsunternehmen entstehen. Es erleichtert den Firmen die Vergabe von speziellen Aufgaben an Dienstleister, die sich auf diese Arbeiten spezialisiert haben. Je größer ein Unternehmen jedoch ist, desto weniger macht es davon Gebrauch, da es für ihn oft günstiger ist, eigene Spezialisten zu beschäftigen 42 . Bei einer Agglomeration von Handelsbetrieben in Einkaufszentren oder der Innenstadt ergeben sich für die Firmen Vorteile in Form von größeren Absatzpotentialen wegen der größeren Kundenattraktivität des Zentrums. Diese Vorteile werden aber erkauft durch eine größere Konkurrenz und hohen Miet- und Grundstückskosten 43 .
B.II. Standortfaktorenpräferenzen
Welche Faktoren für welchen Betrieb von Bedeutung sind, läßt sich nur aus dem jeweiligen Betrachtungszusammenhang bestimmen 44 . Die Unterschiede bei der Beurteilung der Standortfaktoren können sich aus verschiedenen Gründen ergeben.
Als erstes sei der Anlaß zur Standortsuche genannt. Zu Betriebsverlagerungen kommt es meistens wegen fehlender räumlicher Expansionsmöglichkeiten, weswegen für diese Betriebe der Faktor „Ausreichendes Geländeangebot“ von größter Bedeutung ist 45 . Für Betriebsneugründungen sind neben einem geeigneten
41 Kaiser & Hoerner (1980) S. 125; Lüder & Küpper (1983) S. 18, Anm. 1.
42 Lüder & Küpper (1983) S. 18f und S. 22f.
43 Olsson, Michael & Piekenbrock, Dirk (1993) Kompakt-Lexikon Umwelt- und Wirtschaftspolitik, Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, S. 13.
44 Lugan (1997) S. 70.
45 Grätz (1983) S. 47.
13
Betriebsgelände das Vorhandensein von erforderlichen Arbeitskräften von vorrangiger Bedeutung 46 .
Unterschiede bei der Beurteilung der Standortfaktoren ergeben sich auch aus der Branchenzugehörigkeit. So sind Betriebe der Eisen- und Stahlindustrie vornehmlich materialorientiert (rohstofforientiert), Betriebe der arbeitsintensiven Textil- und Lederindustrie arbeitsorientiert und Unternehmen des Groß- und Einzelhandels absatzorientiert 47 .
Auch die Größe der Betriebe spielt eine Rolle. Je größer ein Betrieb, desto weniger fallen in aller Regel persönliche Präferenzen wie etwa der Verbleib am Wohnort des Unternehmers ins Gewicht. Mit der Größe des Betriebs gewinnen im Allgemeinen die Faktorengruppen „Arbeitsmarkt“, „Verkehr und Transport“ und „Allgemeine Infrastruktur“ an Bedeutung, die Faktorengruppe „Industrielle Ballung“ hingegen verliert an Bedeutung 48 .
B.III. „Harte“ und „weiche“ Standortfaktoren
Bei den Standortfaktoren gewinnt in jüngster Zeit zunehmend die Einteilung in „harte“ (klassische) und „weiche“ Faktoren an Bedeutung 49 . Die „harten“ Faktoren sind von unmittelbarer Relevanz für die Unternehmen, lassen sich gut quantifizieren und werden maßgeblich durch Fakten bewertet. Die „weichen“ Standortfaktoren haben dagegen für die Unternehmen keine direkte Relevanz, sind schlecht quantifizierbar und werden durch subjektive Einschätzungen bewertet. Man bezeichnete sie früher als „Außerökonomische Faktoren“ oder „Persönliche Präferenzen“ 50 .
Eine Einteilung der Faktoren in „harte“ und „weiche“ ist nur schwer möglich und muß für jeden Betrieb neu vorgenommen werden. So stellt ein Theater in einer
46 Ebenda, S. 49.
47 Ebenda, S. 50f; Stauder (1991) S. B.22f; Wöhe (1996) S. 449-455.
48 Grätz (1983) S. 52f; Kaiser & Hoerner (1980) S. 120-123; Lüder & Küpper (1983) S. 21-23.
49 Grabow, Busso (1994) „Weiche“ Standortfaktoren, in: Dieckmann, Jochen & König, Eva Maria (Hrsg.): Kommunale Wirtschaftsförderung, Handbuch für Standortsicherung und -entwicklung in Stadt, Gemeinde und Kreis, Köln: Deutscher Gemeindeverlag, Köln: Verlag W. Kohlhammer, S. 147; Lugan (1997) S. 70; Schubert, Rekka (1998) Kommunale Wirtschaftsförderung, Die kommunale Verantwortung für das wirtschaftliche Wohl - eine theoretische Untersuchung mit Bezügen zur Praxis, Dissertation Universität Tübingen, Tübingen: Köhler-Druck, S. 41.
50 Grabow (1994) S. 147; Lugan (1997) S. 70; Schubert (1998) S. 41.
Arbeit zitieren:
Andreas Franco, 2001, Determinanten der Standortwahl privater Unternehmen - Vergleich der Städte Offenburg und St. Petersburg (RF), München, GRIN Verlag GmbH
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