1. Einleitung
Wenn man sich die politische Kultur der Weimarer Republik näher ansieht, dann fällt auf, dass diese in einem besonderen Maße von Gewalt bestimmt war. Dies betrifft nicht nur die offenen Auseinandersetzungen politischer Kampfverbände auf den Straßen der Republik, Putschversuche und politische Morde, sondern auch den politischen Umgangston, den die verschiedenen Parteien untereinander pflegten. Es betrifft auch die Ausdrucksformen und insbesondere das öffentliche Auftreten der Parteien. Die dazugehörigen Aufmärsche, Feste und sonstige Veranstaltungen, die besonders die extremen politischen Parteien und ihre paramilitärischen Verbände entwickelten, wurden bald zu festen, alljährlich wiederkehrenden Veranstaltungen, sodass die großen Parteien und ihre Anhänger bald einen jeweils eigenen Festkalender besaßen. Die Nationalsozialisten fielen dabei mit ihren regelmäßig stattfindenden öffentlichen Auftritten besonders auf. Die wichtigsten Festveranstaltungen der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei 1 waren auch scho n vor der Machtergreifung am 30. 1. 1933 die sogenannten Reichsparteitage. Parteitage demokratischer Parteien dienen eigentlich der politischen Willensbildung, die Nationalsozialisten hingegen nutzen diese zur reinen Selbstinszenierung und Machtdemonstration. 2 Eben diese sollen in dieser Arbeit näher beleuchtet werden. Es ist bekannt, dass die Nationalsozialisten während ihrer Gewaltherrschaft auf Massenmedien, in einem starken Maße auch auf audiovisuelle Propaganda, also den Film, setzten. Der zweite Teil der Hausarbeit soll kurz auf die audiovisuelle Dokumentation der Reichsparteitage vor der Machtergreifung eingehen.
2. Die Reichsparteitage der NSDAP 1923 bis 1933
Bereits vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933 veranstaltete die NSDAP Parteitage. Der erste fand bereits im Januar 1923 noch vor dem verübergehenden Verbot der Partei in Folge des Hitler-Putsches statt. Weitere folgten 1926, 1927 und 1929.
1 i. F. NSDAP.
2 Vgl. Benz: Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München 1997, S. 686.
1
2.1. Reichsparteitag in München (27.-29.01.1923)
Bereits vor dem 1. Reichsparteitag der NSDAP kam es zu Konflikten zwischen der Münchner Polizeiführung und der Parteiführung der Nationalsozialisten. Hitler verhandelte dabei mehrfach mit dem Staatsministerium und dem Polizeipräsidenten persönlich, weil diese immer wieder die vorgeschlagenen Versammlungsorte ablehnten und schließlich eine Versammlung der NSDAP unter freiem Himmel ganz verboten. Nach eigener Aussage wollte Hitler die Verantwortung für den Parteitag übernehmen, könnte aber seinen Anhängern nicht verwehren, Demonstrationen abzuhalten. Er wollte sich dann aber selbst in die erste Reihe stellen, wenn auf die Versammelten geschossen würde. Diese Aussage und Putschgerüchte, die im Vorfeld des Parteitages kursierten, wurde zum Anlass genommen, um am 26.01.1923 den Ausnahmezustand über München zu verhängen.
Letztlich fanden die meisten der von den Nationalsozialisten geplanten Veranstaltungen trotzdem statt, obwohl nur ein Teil genehmigt war. Hitler nutzte das unkoordinierte Vorgehen der Polizei für seine Reden als Propaganda gegen die Staatsgewalt. Am 27.1.1923 trat er innerhalb weniger Stunden auf den verschiedenen Versammlungen auf, mit fast identischen, programmatischen Reden. Auf dem Münchner Marsfeld wurden neue Parteifahnen eingeweiht. 3 Der erste Parteitag der Nationalsozialisten hatte noch mehr die Funktion einer Mitgliedervollversammlung als die einer Präsentationsveranstaltung der Macht und Stärke der Partei. Außer in der nationalsozialistischen Presse fand er im allgemeinen wenig Beachtung.
2.2. Der Einheitsparteitag in Weimar (15.-17.08.1924)
Auch 1924 fand, trotz des NSDAP-Verbots, eine Tagungsveranstaltung mit
nationalsozialistischer Beteiligung statt, die aber nicht offiziell zu den Reichsparteitagen der NSDAP gezählt werden kann. Der sogenannte Einheitsparteitag, vom 15. bis 17. 08. 1924 in Weimar, endete mit der Verkündung des von Hitler nicht gebilligten Beschlusses einer Verschmelzung der NSDAP mit der DVFP 4 zur Nationalsozialistischen Einheitsbewegung Großdeutschlands unter der Leitung General Ludendorffs, Gregor Strassers und Albrecht von Graefes. 5
3 Vgl. Jäckel (Hrsg.): Hitler. Sämtliche Aufzeichnungen 1905 - 1924, Stuttgart 1980, S. 799ff.
4 Deutschvölkische Freiheitsbewegung.
5 Vgl. Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.): Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen. Bd. II/1, München 1992, S. 5
Anm. 2.
2
Wohl gerade weil dieser Zusammenschluss von Hitler, der sich zum Zeitpunkt des Parteitages in Haft befand, nicht gebilligt war, wurde der Einheitsparteitag nicht in die Zählung der offiziellen Parteitage aufgenommen.
2.3. Reichsparteitag in Weimar (3./4.07.1926)
Der erste Reichsparteitag nach der Neugründung der Partei 1925 fand erst im September 1926 statt. Dass dieser in Weimar und nicht in München stattfand, begründete Hitler in einem Artikel des Völkischen Beobachters 6 , einen Monat vor dem Parteitag damit, dass „die Knebelung der Rede- und Versammlungsfreiheit in Bayern... den Parteitag von vorn herein in eine Zwangsjacke bringen würde“ 7 . Gemeint war damit das in Bayern bestehende Redeverbot für Hitler 8 , das ein Auftreten auf einer solchen Großveranstaltung für ihn dort unmöglich machte.
Da die Reichsparteitage bisher immer im Rahmen der alljährlichen, gesetzlich vorgeschriebenen Generalmitgliederversammlung stattfanden, diese aber im Gründungsort der Partei stattzufinden hatten, wurde der Parteitag 1926 erstmals von der Generalmitgliederversammlung getrennt veranstaltet. Diese hatte von nun an rein formale Bedeutung. 9 Das Ziel der Parteitage, auch des Weimarer Parteitages, war „im Jahre einmal die gesamte Bewegung [zu] einigen...“ 10 und weiterhin „...gleich den früheren Mitgliederversammlungen und Parteitagen der Bewegung auch dieser Veranstaltung den Charakter einer großen Kundgebung der jugendlichen Kraft [der] Bewegung erhalten.“ 11 Im Rahmen der Planung wurden die Aufgaben der Generalmitgliederversammlung auf etwa zwei Dutzend Sonderkommissionen verteilt, die sich mit den parteirelevanten Fragen und Anträgen der Mitglieder befassen sollten. Hitler bestimmte die Vorsitzenden dieser Sonderkommissionen und gab spezielle Verhaltensregeln heraus, mit denen er eine möglichst schnelle und unkomplizierte Abhandlung von möglichen Diskussionspunkten erreichen wollte. Die Vorsitzenden sollten sich für die Dauer des Parteitages als „Führer“ ansehen, das letzte Wort behielt er sich jedoch als Vorsitzender der Partei vor.
6 Dt. Tageszeitung, 1920 bis zur Einstellung 1945 Zentralorgan der NSDAP.
7 Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.): Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen. Bd. II/1, München 1992, S.5 Dok. 3.
8 Das Redeverbot für Hitler hatte in Bayern vom 9.3.1925 bis zum 5.3.1927 Bestand.
9 Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.): Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen. Bd. II/1, München 1992, S.5 Dok. 3.
10 Ebd. S. 5.
11 Ebd. S. 6.
3
Die Anwendung und Übertragung des Führerprinzips auf andere Funktionäre während des Parteitags sollte das gewollte Bild der Einheit, Geschlossenheit und Führungsfähigkeit der Partei unterstreichen. 12
Die konkrete Erwartungshaltung an den Reichsparteitag 1926 drückte Hitler so aus:
• „Inangriffnahme oder Lösung einer Reihe von wichtigen Fragen, die die Bewegung betreffen, als Frucht der Arbeit der Sondertagungen.
• Ein einmütiges Bekenntnis zur n ationalsozialistischen Idee und der Partei als der Verkörperung dieser Idee.
• Sie(die Partei) erwartet ein Bild disziplinierter Kraft, das den einzelnen erhebt und stärkt zu seinem weiteren Kampf für unser Ideal.
• Sie will in dieser Tagung einen sichtbaren B eweis für die wiedererlangte innere Gesundung der Bewegung erhalten.
... Dies soll von uns als eine heilige Verpflichtung empfunden werden, Sorge zu tragen, dass aus dem nationalsozialistischen Parteitag ein machtvoller Antrieb für den Sieg der nationalsozialistischen Idee ersteht.“ 13
Die Anweisungen Hitlers zum Parteitag enthielten sogar Richtlinien für die Berichterstatter: „Was schlecht ist, darf keine Verwendung finden“. 14 Nachträglich sprach Hitler vom Reichsparteitag 1926 als reines Provisorium, weil die Bewegung nach der Neugründung noch nicht wieder gefestigt und einheitlich war, die S.A noch nicht zentralisiert und nicht vorherzusagen war, ob eine ausreichende Beteiligung stattfindet. 15 Letztendlich fand auch dieser Parteitag nicht die von den Nationalsozialisten ersehnte Aufmerksamkeit und erhoffte Wirkung.
2.4. Reichsparteitag in Nürnberg (19.-21.08.1927)
Der dritte, in Nürnberg geplante Reichsparteitag stellte praktisch den äußeren Markierungspunkt für den Abschluss der Neugründungsphase der Partei dar. Die Wahl Nürnbergs war keine zufällige Entscheidung. Nicht nur die Geschichte der Stadt, in der schon im Mittelalter bedeutende Reichstage stattfanden, auch die günstige geographische Lage im Zentrum des Reiches spielte eine Rolle.
12 Vgl. Ebd. S. 5 ff.
13 Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.): Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen. Bd. II/1, München 1992, S. 11,
Dok. 3.
14 Ebd. S. 10, Dok. 4.
15 Vgl. Institut für Zeitgeschichte (Hrsg.): Hitler. Reden, Schriften, Anordnungen. Bd. II/2, München 1992, S.
467, Dok. 161.
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Christian Heinze, 2004, Die Reichsparteitage der NSDAP vor der "Machtergreifung" und ihre audiovisuelle Dokumentation, München, GRIN Verlag GmbH
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