Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort Seite 2
2. Einleitung Seite 4
3. Lesen als Prozess Seite 5
3.1 Was versteht man unter Lesen? Seite 5
3.2 Biologie des Lesens Seite 6
3.2.1 Die Beweglichkeit der Augen Seite 7
3.2.2 Das dynamische Sehen Seite 10
3.3 Der Erwerb der Lesefähigkeit Seite 11
4. Lesedefizite Seite 13
4.1 Schadensbegrenzung Seite 13
4.2 Unterschiedliche Positionen in der Frage nach Ursachen Seite 16
5. Erkenntnisgewinn aus dem Blicklabor? Seite 19
6. Lesestrategien - die Qual der Wahl Seite 22
6.1 Untersuchungsergebnisse Seite 23
6.2 Kritische Anmerkungen Seite 24
7. Was nun? Seite 25
7.1 Ein Lagebericht Seite 25
7.2 Eine alternative Sichtweise Seite 26
8. Schlussbemerkung Seite 29
9. Bibliographie Seite 30
Abb. 1: Legasthenie kann zu schweren Gesundheitsschäden führen
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1. Vorwort
Das ursprüngliche Konzept dieser Arbeit, Aspekte der visuellen Wahrnehmung während des Leseprozesses sowie mögliche Störungen im Falle einer diagnostizierten Legasthenie zu behandeln, wurde durch zwei beeinflussende Faktoren von mir verworfen. Zum einen stellt sich schnell ein Zustand der Ratlosigkeit ein, wenn man sich eingehender mit dem Phänomen der Legasthenie beschäftigt, zum anderen stolperte ich eher zufällig über Folien der Vorlesung „Simulation von Sprachproduktionsprozessen“ von Prof. Dr. Kochendörfer, die er im Sommersemester 2002 am Deutschen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i.Br. gehalten hat. Dort heißt es: „Worüber man nicht reden kann, muss man schweigen.“ 1 Diese programmatische Forderung lädt förmlich dazu ein, auf das Thema Legasthenie übertragen zu werden und bildet daher den Titel dieser Arbeit. Unter dieser Prämisse soll versucht werden, den methodischen Ansatz des Dekonstruktivismus aus der Literatur seinem Zweck zu entfremden und ihn auf die linguistische Ebene zu transferieren. Nach Schweikle (1990: 361) lässt sich diese Ausrichtung nicht so sehr an einer bestimmten Doktrin oder einer verbindlichen Programmatik, sondern eher am „Feindbild“ erkennen. Anstatt der allgemein anerkannten Annahme, Legasthenie ist eine Krankheit, zu folgen, stellt dieser Ansatz die traditionelle Forschung in Frage und zweifelt existierende Theorien an. Die Intention soll sein, bestehendes Wissen gegebenenfalls zu überdenken oder auf Widersprüche aufmerksam zu machen.
Radikalisieren lässt sich diese Ausgangsbasis mit Hilfe des amerikanischen Informatikers Terry Winograd, der sich in einem wissenschaftstheoretischen Diskurs von dem klassischen Umgang mit Theorien abwendet und in einer Diskussion um die Wahrscheinlichkeit einer real existierenden Universalgrammatik, wie sie der Generativismus propagiert, erklärt: As a parallel, it is clear that we can write systems of differential equations, using Newtonian physics, which describe the motions of the planets. These equations can be viewed as a kind of “grammar” which formally “generates” the orbits we observe. However it would be an obvious mistake to say that the planet possesses a grammar which corresponds to our equations, or that in refining our mathematical formalism we are somehow studying universal properties of planets. (Winograd, 1977: 159)
Um diese Parallele auf die hier gesetzte Thematik übertragen zu können, bedarf es einer kurzen Erläuterung. Es wird eine Theorie angenommen, die Vorraussagen über etwas trifft. Dann wird in der Realität nach belegbaren Tatsachen gesucht, die die Aussagen der Theorie widerspiegeln. Es stellt sich schließlich heraus, dass die Theorie in Bezug auf ihre Vorhersagen richtig und wahr ist. Das Problem, wofür uns Winograd sensibilisieren will, ist
1 Sitzung vom 16.07.2002, Folie 22
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folgendes: trotz der eben genannten Gegebenheiten ist es nicht klar, ob diese abstrakten Vorhersagen auch wirklich in den Objekten existieren oder ob sich dabei nur um Eigenschaften handelt, die den Objekten zugeschrieben werden. Überträgt man diesen Diskurs auf die Legasthenieforschung, so ergibt sich folgende Sachlage. Starke Auffälligkeiten lassen sich bei bestimmten Menschen beobachten, die durch unterschiedliche Theorien zu erklären versucht werden. Die Grundannahme, dass es sich um eine eindeutige Abweichung von der Norm, sogar um eine Krankheit handelt, vereint die verschiedenen Ansätze. Die Methodik ist am Beobachtbaren orientiert, die Theorien selbst beziehen sich auf biologische Aspekte. Rechtfertigt dieses Vorgehen die Aussage, dass Legasthenie eine Krankheit ist?
Ich beziehe in dieser Arbeit die Position, dass man sehr wohl eine kritische Distanz zu dem Phänomen wahren sollte. Weder gibt es wirklich zuverlässige Fakten, geschweige denn sichere Diagnosemethoden, noch existieren realistische Ansätze zur Ursache des Phänomens. Der sprichwörtliche Vergleich „Das ist so wie die Nadel im Heuhaufen suchen“ erscheint passend. Spekulativ lässt sich behaupten: es existiert gar kein Heuhaufen, vorausgesetzt man substituiert Heuhaufen für Legasthenie und Nadel für deren Ursache. Die Wellen dieses Phänomens in der Forschung haben sich quasi verselbständigt und es gibt bereits seit Jahren einen nicht zu unterschätzenden Markt dafür. Unter der Annahme, die einzig richtige Differentialgleichung, um mit Winograds Worten zu sprechen, gefunden zu haben, propagieren diverse Ansätze unterschiedlichster Art ihre eigene Wahrheit und Therapiemöglichkeit. Beeinflusst von der Berichterstattung durch die Medien sind die betroffenen Eltern legasthenischer Kinder, respektive legasthenische Erwachsene, verunsichert und verängstigt. Aus Angst lässt sich Profit schlagen.
It is wrong always, everywhere, and for anyone, to believe anything upon insufficient evidence.
2. Einleitung
Diese Arbeit behandelt das Phänomen der Legasthenie unter einer dekonstruktiven Sichtweise. Schulte-Körne (2001: 1) weist auf die generell unklaren Befunde zahlreicher Untersuchungen hin, die zwei Modelle für den grundsätzlichen Umgang mit diesem Phänomen möglich machen:
1. nosologisches Modell: Legasthenie als eine klar abgrenzbare diagnostische Entität im Sinne einer Erkrankung
2. dimensionales Modell: Legasthenie entspricht, abhängig vom gewählten Schnittpunkt, dem unteren Abschnitt der Normalverteilung
Die erste Option bedarf einer klaren Schnittpunktbestimmung in der Verteilung der Lesefähigkeit, der dann eine Lesestörung definiert. Untersuchungen müssen demzufolge als Gruppenvergleich angelegt werden. Tritt kein Schnittpunkt auf oder lassen sich Überlappungen der Gruppen feststellen, müssen die Testpersonen mit Extremgruppen verglichen werden. Die Verfahren für das dimensionale Modell basieren auf Korrelationen (Regressionsrechnungen oder lineare Strukturmodelle), dessen Stichprobenuntersuchungen eine unselektierte Auswahl der gesamten in der Normalbevölkerung vorkommenden Streuung der Lesefertigkeit repräsentiert.
Man muss sich also prinzipiell der Frage stellen, ob man bei Legasthenie das nosologische Modell akzeptieren kann oder nicht. Diese Arbeit will versuchen, anhand selektiver Untersuchungsergebnisse zu prüfen, ob man bei dem momentanen Stand der Forschung ausreichende Kenntnisse besitzt, um behaupten zu können, dass es sich hierbei um eine Entität im Sinne einer Erkrankung handelt. Zum einen soll darum gehen, den Leser mit den visuellen Aspekten des Leseprozesses vertraut zu machen und zu zeigen, wie störanfällig dieser ist. Die hohe Komplexität kann hier freilich nur angedeutet werden. Zum anderen möchte ich auf die vielen Forschungsansätze hinweisen und anhand einiger Beispiele zeigen, wie fragwürdig bzw. unklar die Ergebnisse sind.
Zunächst soll Kapitel 3 eine Zusammenfassung darüber geben, was man unter Lesen versteht. Dabei soll ein allgemein gehaltener Überblick präsentiert werden, womit der Mensch liest und wohin das Gelesene geleitet wird. Kapitel 4 ist um eine Annäherung an den Begriff der Legasthenie bemüht. Dafür ist zunächst ein historisches und aktuelles Verständnis vonnöten, ehe ein bewusst kurz gehaltener Überblick über moderne Ansätze zu den Ursachen präsentiert werden kann.
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In den Kapiteln 5 und 6 soll es um moderne Forschungsansätze im Bereich der visuellen Wahrnehmung gehen. Zunächst beschäftigt sich Kapitel 5 mit modernen Forschungen der sprachfreien visuellen Differenzierung von Prof. Dr. Burkhart Fischer (2003) im Blicklabor der Universität Freiburg. Das 6. Kapitel fasst Ergebnisse von Hendriks (1997) eigener Studie über Lesestrategien bei legasthenischen Kindern zusammen. Kapitel 7 präsentiert einen abschließenden Bericht von Prof. Dr. Hans Brügelmann von der Universität Siegen, der das Phänomen der Legasthenie vom dimensionalen Standpunkt analysiert. Im Anschluss daran möchte ich versuchen, eine alternative Sichtweise auf die Schwierigkeiten beim Schriftspracherwerb vorzuschlagen. Es kann nicht die Rede davon sein, Legasthenie in der vorliegenden Arbeit zu erklären oder als rein theoretisches Konstrukt ad absurdum zu führen. Ziel ist es, zu einem kritischen Umgang mit diesem Phänomen aufzufordern.
3. Lesen als Prozess
Dieses Kapitel beschreibt den Leseprozess allgemein, den Weg, den visuell wahrgenommene Zeichen zurücklegen, und wie das menschliche Auge dies bewerkstelligt.
3.1 Was versteht man unter Lesen?
Lesen ist eine phylogenetisch relativ junge Fähigkeit des Menschen. Der Begriff bezeichnet primär die visuelle Wahrnehmung grafischer Zeichen, obwohl er vereinzelt auch auf die Betrachtung von Bildern oder Filmen übertragen wird. Vernachlässigt man die Tatsache, dass das Abtasten der so genannten Blindenschrift durch einen sehbehinderten Menschen ebenso als Lesen akzeptiert wird, so wird die Bedeutung des visuellen Wahrnehmungssystems während des Leseprozesses offensichtlich.
Semiotisch betrachtet besitzen Zeichen keine eigene Bedeutung, vielmehr wird ihnen durch einen Benutzer eine bestimmte Bedeutung verliehen. Der Prozess des Lesens lässt sich daher als Dekodierung der vom Produzenten (i.e. dem Zeichner oder Schreiber) kodierten Zeichen auf der notwendigen Grundlage eines gemeinsamen, jedoch nicht identischen, Kodes beschreiben.
Wendet man sich einer besonderen Gruppe von Zeiche n, nämlich der auf dem lateinischen Alphabet gegründeten Buchstabenschrift zu, so wird die Komplexität des Umgangs mit eben dieser deutlich. Wenn man Umlaute nicht in die Rechnung mit einbezieht, so bleiben immer noch 26 Buchstaben (5 Zeichen für die Vokale und 21 für Konsonanten) übrig, die durch Kombination Sprache in Schrift kodieren. Buchstabengruppen bilden durch Konvention
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festgelegte Morpheme, welche eine Bedeutung (z.B. das freie Morphem [haus]) oder eine Funktion (z.B. Präteritum des Deutschen für unregelmäßige Verben [ -te]) zum Ausdruck bringen und sich dadurch von beliebigen Kombinationen (z.B. Pseudowörter) unterscheiden 2 .
3.2 Biologie des Lesens
Die lichtwahrnehmenden Nervenzellen (Bestandteile der Retina) werden in hell-dunkelwahrnehmende Stäbchen (ca. 120 Mio.) und farbwahrnehmende Zapfen (ca. 6 Mio.) unterteilt. Diese Photorezeptoren nehmen die Lichtreize wahr und wandeln sie in neuronale Reize um. In der Netzhautperipherie befinden sich vorwiegend die lichtempfindlichen Stäbchen, wohingegen die Zapfen im zentralen Punkt der Retina, der Fovea centralis, angeordnet sind. Anders als in der Peripherie sind die Sinneszellen dort auf besondere Weise mit den nachgeschalteten Neuronen verknüpft: eine Rezeptorzelle gibt ihre Erregung immer über eine bipolare Ganglienzelle an eine multipolare Ganglienzelle weiter. Das ermöglicht eine maximale Reizauflösung und macht somit diesen Retinaort zur Stelle des schärfsten Sehens (Trepel, 1999). Beim Lesen gelangen die visuellen
Impulse der linken und rechten Retina über die Sehnerven in den Corpus geniculatum laterale (CGL), der aus 2 magnozellulären und 4 parvozellulären Ganglienschichten schließlich weiter in den visuellen Kortex (bzw. zur primären und sekundären visuellen Sehrinde oder Area V1) wo sie als Schrift erkannt und interpretiert werden. Die Neurone der Abb. 2
Area V1 (in Ab. 2 dunkelblaue Region rechts) verarbeiten jeweils ausgewählte Form-, Farb-oder Bewegungskomponenten der visuellen Reizmuster. Fast jede a fferente visuelle Information erreicht die Hirnrinde über die Verbindung des CGL mit der Area V1, welche die neuronalen Signale auf die unterschiedlichen Hirnrindenareale verteilt (Prinzip der parallelen und rückgekoppelten Informationsverarbeitung). Der Gyrus angularis leitet die Impulse dann weiter in das Wernicke-Zentrum, in dem das Schriftbild mit einem sprachlichen Sinn
2 Eine Ausnahme bilden Abbreviationen, die nicht als Inhaltswörter gesehen werden, aber dennoch eine Bedeutung ausdrücken, z.B. ESA (European Space Agency) oder USA (United States of America). Darüber hinaus gibt es einzelne Zeichen als Symbole für ganze Wörter, z.B. $, §, %, &, €. [Anm. d. Verf.]
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verknüpft wird. Soll der Text laut vorgelesen werden, so wandert der Sprachimpuls in das motorische Sprachzentrum (Broca Region), dass die Sprachinitiation in entsprechende Regionen im motorischen Kortex weitergibt (Schmidt et. al., 2000: 295 ff.). Generell müssen zwei Prozessrichtungen unterschieden werden: zum einen datengeleitete bottom-up Prozesse, die sensorische Informationen, sozusagen Rohdaten, liefern, zum anderen hypothesengeleitete top-down Prozesse (gedächtniskontrollierte Verarbeitung eintreffender Reize). Ein visuell wahrgenommener und verarbeiteter Stimulus ist also Resultat der Arbeit des Gehirns, bzw. der zuständigen Nervennetze. Zu Recht behauptet Fischer (2003: 15): „Wir hören nicht mit den Ohren und sehen nicht mit den Augen, sondern mit dem Gehirn.“
3.2.1 Die Beweglichkeit der Augen
Mit dem Begriff Blicken bezeichnet man die präzisen Augenbewegungen beim natürlichen Sehprozess (nicht Lesen). Da visuelle Wahrnehmung nur in einem relativ eingeschränkten Bereich stattfindet, ist eine hohe Beweglichkeit der Augen eventuell sogar in Koordination mit Kopfbewegungen notwendig. Diese koordinierten Bewegungen müssen bei Gebur t erst gelernt werden und beinhalten eine Vielzahl an Steuerungssystemen wie beispielsweise die vestibuläre Kompensation (bei Eigenbewegungen Dinge scharf behalten), das Fixationssystem (Haltefunktion) und das Sakkadensystem (Dinge in die Fovea rücken). Lesen, also grafisch dargebotene Reize wahrnehmen und verarbeiten, benötigt die Fovea centralis (Sehgrube) des menschlichen Auges, also die zentralen 2° des Blickfeldes (1° umfasst ca. 3-4 Buchstaben) 3 . Nur dort ist detailliertes Scharfsehen möglich. Die anderen beiden Regionen, in die das Blickfeld weiter unterteilt wird, sind eher zur Orientierung nötig. Der parafoveale Bereich (5° Blickwinkel zu beiden Seiten) unterstützt dabei möglicherweise den Prozess, indem er graphemische oder phonologische Informationen über die Anfangsbuchstaben des folgenden Wortes dem Gehirn mitteilt (Rayner et. al., 1994: 61, preview effect). Der periphere Bereich erstreckt sich bis an den Rand des Blickfeldes (ca. 100°) und liefert mehr allgemeine Informationen wie die aktuelle Position im Text oder die physikalische Lage des Textes in Relation zum Lesenden.
Nimmt man Stimuli aus der Umwelt wahr, so geschieht dies ausschließlich während der Fixation, also in einem durchschnittlichen Zeitfenster zwischen 200-250 ms. Zwischen den Fixationen bewegen sich die Augen kontinuierlich in Sakkaden, die sich im Leseprozess an den Lücken zwischen den Wörtern für den nächsten Fixationspunkt orientieren. Doch dienen
3 Sämtliche Gradangaben im Text beziehen sich auf das horizontale Sehfeld, da dieses beim Lesen von primärem Interesse ist [Anm. des Verf.].
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die Lücken lediglich der Orientierung, tatsächlich endet die Sakkade auf der optimal viewing position (OVP), welche sich etwas weiter links vom Zentrum, d.h. der Mitte des Wortes bzw. des Wortstammes befindet. Nach Hendriks (1997: 3) könnten die Worte selbst als mögliche Trigger für Sakkaden funktionieren. Dieser abwechselnde Prozess zwischen Fixation und Sakkaden ist hochvariabel und ermöglicht dadurch eine Fixationsdauer von <100 ms bis >500 ms, sowie eine Sakkadenlänge, die 1-15 Lücken zwischen einzelnen Buchstaben umfassen kann. Die Häufigkeit eines gelesenen Wortes beeinflusst dabei deutlich die Fixationszeit, die bei seltenen Wörtern 30-90 ms länger ist und sich auch auf das darauf folgende Wort auswirken kann (Rayner et. al., 1994: 62, spillover effect). Abbildung 3 zeigt in diesem Zusammenhang eine Gegenüberstellung von Sakkaden beim Lesen eines inhaltlich einfachen Textes von Albert Schweitzer (links), sowie eines schwierigen Textes G. F. Hegels. Mit Zunahme des Anspruchs steigt die Anzahl regressiver Sakkaden und die Lesegeschwindigkeit nimmt ab.
Unklar bleibt, welche Verarbeitungsschritte bei der Fixation eines Wortes abgeschlossen werden und welche Prozesse ablaufen, wenn ein Wort nicht direkt fixiert wird.
Wodurch oder womit werden Sakkaden, die immerhin die schnellsten Bewegungen darstellen, zu denen der menschliche Körper in der Lage ist, gesteuert? Just und Carpenter stellen mit der immediacy hypothesis die Behauptung auf, dass die Fixationszeit eines Wortes dessen Verarbeitungszeit im Gehirn widerspiegelt (Rayner et. al., 1994: 61). Der hier bereits erwähnte parafoveale preview effect widerlegt diese Annahme. Hendriks (1997: 11) betont, dass es keine individuellen Fixationen auf einzelne Wörter im normalen Leseprozess gibt und
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Arbeit zitieren:
Christopher Golz, 2004, Legasthenie, München, GRIN Verlag GmbH
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