Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3 NA
1. Tugend und Weiblichkeit
1.1 Der weibliche Tugendbegriff der Aufklärung 5
1.2 Varianten von Weiblichkeitsbildern 8
1.3 Die Frau im sozialen Raum 9
2. Patriarchalismus
2.1 Der VaterMMMMMMMTochterMMMMMMMKonflikt..........................................................................13
2.2 Tränen in der Literatur 17
Schluss 19 NA
Literaturverzeichnis 22 NA
Anmerkungsapparat 23 NA
2
Einleitung
In dem Hauptseminar Giftmord als literarisches Sujet wurde weibliche Gewalt in ihrer „Heimlichkeit und Heimtücke“ 1 durch die Lektüre mannigfacher Literatur, von der Antike bis heute, dargestellt. Da sich in den verschiedenen literarischen Epochen immer wieder das destruktive Bild von Weiblichkeit herausarbeiten ließ, wurde mein Interesse für die unterschiedlichen Weiblichkeitskonzeptionen, oft gekennzeichnet durch Naturverbundenheit, Triebhaftigkeit und Bösartigkeit, geweckt. Ich fasste den Entschluss, mich – im weitesten Sinne – auch in meiner Hausarbeit mit dem so genannten weiblichen Geschlechtscharakter zu befassen.
Da ich mich im Verlauf meines Studiums bisher noch nicht hinreichend mit der Epoche der Aufklärung beschäftigt habe, nutze ich die Gelegenheit, ein Lessingdrama zu wählen.
Geschlecht und Moral hängen unmittelbar miteinander zusammen. Sie lassen sich nicht ohne einander denken: Auf der einen Seite die dem Geschlechterbegriff zugeschriebenen Rollenbilder, resultierend aus psychischen und physiologischen Erwartungshalten und aus konventionellen – teils klischeehaften – Vorstellungen der entsprechenden Zeit, auf der anderen Seite die Moral, die sich insbesondere im 18. Jahrhundert als ein Konstrukt von Tugend und Laster in paradigmatischer Weise definieren lässt. Unter diesem Aspekt soll in dieser Arbeit primär die Konstruktion von Weiblichkeit in den Blickpunkt geraten. Konkret wird hier die literarische Figur der tugendhaften Tochter Sara und ihr Widerpart, die Buhlerin Marwood, 2 im Zentrum des Interesses stehen. Ist es wahr, dass durch die Tugendhaftigkeit der Frau, insbesondere der Tochter, im 18. Jahrhundert eine Familienideologie geschaffen wird, die als Grundlage für eine neue Gesellschaftsutopie dienen soll? Verkörpert Sara in Lessings bürgerlichem Trauerspiel die Ideale des Vaters? 3 Dieser Fragestellung möchte ich insofern nachgehen, als dass ich mich zuerst mit dem Tugendbegriff des 18. Jahrhunderts generell auseinandersetze und darauf folgend die zwei konträren Bilder von Weiblichkeit – Sara contra Marwood – untersuche, wobei zu klären sein wird, ob die beiden Frauenfiguren in ihrer Darstellung wirklich uneingeschränkt durch ein oppositionelles Verhältnis zueinander bestimmt werden. Danach soll die von Lessing konstruierte Familienkonzeption in Miß Sara Sampson in den Focus rücken. Die Familie wird vor allem anhand des Vater-Tochter-Konflikts
analysiert, was selbstverständlich unmittelbar mit dem im Text enthaltenen Patriarchalismus verknüpft ist. Patriarchalische Strukturen im Zusammenhang mit dem sozialen Raum werden dort, wo es notwendig ist, aufgezeigt, zusätzlich aber in einem gesonderten Kapitel einer eigenen Untersuchung unterzogen. Dabei stelle ich im Vorfeld folgende Hypothesen auf: (1) Das Verständnis von weiblicher Tugend im Verlauf des 18. Jahrhundert wird von einer zunächst allgemein soziokulturell verstandenen Kategorie zu einer eher moralischen Eigenschaft reduziert. (2) Die Annahme, die beiden Hauptprotagonistinnen seien im Wesentlichen durch ihre Bipolarität zueinander gekennzeichnet, lässt sich nur beim ersten flüchtigen Lesen des Primärtexts halten und bezieht sich lediglich auf äußere Charakteristika von Sara und Marwood. (3) Trotzdem das autokratische Wesensmerkmal des Vaters zugunsten einer Maximierung seiner Empfindsamkeit abgemildert wird, herrschen auch in diesem Drama im hohen Maße patriarchalische Strukturen innerhalb der Familie vor. All dies gilt es an Lessings Miß Sara Sampson zu verifizieren.
Als Sekundärliteratur dienen mir im Wesentlichen die Artikel von Inge Stephan, Karin A. Wurst und Günter Saße. Auch Wolfgang Wittkowski möchte ich nach Möglichkeit nicht unerwähnt lassen, der stets in eine erfrischende Antithese zu Inge Stephan zu verfallen neigt. Eine vollständige Liste der verwendeten Literatur finden Sie im Anhang. *
Auf einen Vergleich zu Senecas Medea, verfasst in der ersten Hälfte des 1. Jahr- hunderts n. Chr., die wiederum auf dem um 480 v. Chr. entstandenen Medea-Mythos von Euripides basiert, kann ich leider nicht eingehen, da dies den Rahmen dieser Hausaufgabe sprengen würde.
Auch auf die grundsätzliche Konzeption und Konstruktion des bürgerlichen Trauerspiels kann ich nur dort, wo es der Zusammenhang erlaubt, punktuell eingehen.
*
Zu meinem Bedauern waren folgende themenrelevante Aufsätze in den Berliner Bibliotheken nicht verfügbar: Sörensen, Bengt A.: Herrschaft und Zärtlichkeit. (Patriarchalismus im Drama des 18. Jh.). München 1984. Janz, Rolf-Peter: Femme fatale bei Lessing. Enth. in: Jahrbuch der Deutschen Schiller-Gesellschaft, 23.1979.
1. Tugend und Weiblichkeit
1.1 Der weibliche Tugendbegriff der Aufklärung
Tugend und Weiblichkeit hängen in der Literatur des 18. Jahrhunderts unmittelbar zusammen. Auch wenn Tugend zunächst nicht als ausschließlich weibliche Eigenschaft verstanden wurde, so kann eine Definitionsbildung oder Erörterung des Tugendbegriffs nicht ohne die Einbeziehung der literarischen Frauengestalten gelingen. „Tugend war eine Eigenschaft, die vor allem durch Vernunft definiert war und auf Wissen zielte und ohne ein Mindestmaß an Bildung nicht auskommen konnte.“ 4 Idealtypisch handelte es sich bei einem tugendhaften Menschen folglich generell um ein vernunftbegabtes, mündiges und sich selbst bestimmendes Wesen im Sinne aufklärerischer Maximen. Insbesondere die Frühaufklärer zielten auf eine Einbeziehung der Frau in ihre Bildungskampagne und wollten sich damit gegen – seit dem Mittelalter geprägte – Weiblichkeitsvorstellungen verwahren. Damit sprachen sie der Frau eine Tugendhaftigkeit zu, resultierend aus der ihr zugebilligten Bildungsfähigkeit. Rasch setzte sich aber auch unter den Aufklärern die Ansicht durch, vor allem die Haltung der Frau zur Sexualität verleihe ihr ihren moralischen Wert. Gemäß einer zunehmend vertretenen konträr gerichteten These, wird die Frau aber gerade ihrer Bildung wegen untugendhaft: Nur eine Art Unwissen kann sie vor einem lasterhaften Dasein bewahren, denn „sexuelle Unschuld … wird mit ‚Nicht- Wissen’ und Wissen und Erfahrung mit dem Verlust der sexuellen Unschuld“ verknüpft. 5 Auch Sara entgegnet der – bisher unerkannten – Marwood:
S a r a. […] Es ist ganz etwas anderes, aus Unwissenheit auf das Laster treffen, und ganz etwas anders, es kennen und demungeachtet mit ihm vertraulich werden. […] 6
Allein die Mutter in der Gesellschaft legitimiert demnach Wissen und Erfahrung, lässt nichtsdestotrotz aber auch sie an Tugendhaftigkeit einbüßen. Durch diese dekadente und unverhältnismäßige Reinheitsvorstellung entspricht gemäß dieser Tugendtheorie nur die unberührte, sexuell also noch nicht aktiv gewordene, junge Frau diesem Ideal. Es stellt sich im zu behandelnden Kontext die Frage, ob Lessings Sara diesem Ideal uneingeschränkt entspricht? – Die Antwort lautet wohl nein. Indem sie der väterlichen Sphäre entflohen ist, und bereits einige Zeit mit ihrem Liebhaber in einem
Landgasthaus verbringt, hat sie mit gesellschaftlichen Konventionen gebrochen und wird somit im eben erörterten Sinne untugendhaft. Dabei ist es nicht einmal vornehmlich relevant, ob sie bereits (vorehelich) sexuell aktiv geworden ist, denn das erfährt der Leser an keiner Stelle ausdrücklich. Die Tatsache, dass Sara und Mellefont in getrennten Zimmern schlafen, was durch die als zwischen ihnen fungierende Botin Betty deutlich wird, spricht gegen diese These:
M e l l e f o n t. Schon auf, Betty? Was macht Dein Fräulein? […]
B e t t y. … sie will selbst zu Ihnen kommen. 7
Vorehelicher Sex erscheint demnach, berücksichtigt man zeitgenössische Konventionen, als sehr unwahrscheinlich. Wenn es doch zuträfe, würde dies letztlich nur einen graduellen Unterschied auf einer angenommenen Tugendskala bedeuten und nichts daran ändern, dass Sara ohnehin schon lasterhaft geworden ist. Ihre Einbuße an Moralität würde dadurch zwar noch erhöht werden, es ändert aber nichts daran, dass sie sich auch ohne vorehelichen Sex von vornherein untugendhaft verhalten hat.
Eine interessante Gegenposition vertritt W. Wittkowski: In seiner ausführlichen Textanalyse kommt er zu dem Schluss, Sara habe ihre sexuelle Unschuld bereits eingebüßt. „Dem entspricht genau, dass Sara den (ja keineswegs unfreiwilligen) Verlust ihrer Unschuld gerade nicht beklagt. Vielmehr leidet sie unter ihrem Ungehorsam dem Vater gegenüber, den sie verließ …, und unter ihrem Ungehorsam gegen Gottvater, weil Mellefont sich nicht entschließen kann, ihr Zusammensein durch Heirat zu legalisieren.“ Und: „Nichts beschäftige Väter und Töchter mehr als die töchterliche Unschuld. So mache das Patriarchat die Tugend der Asexualität zum mörderischen, für die Töchter selbstmörderischen Fetisch.“ 8 Da es in diesem Kapitel noch vorrangig um den zeitgenössischen Tugendbegriff allgemein geht, soll an dieser Stelle ein Verweis auf Lessings Emilia Galotti erlaubt sein, da hier die diesbezügliche Brisanz noch deutlicher wird: In diesem Trauerspiel genügt es, nur durch den Gedanken des Verlangens seine Tugend einzubüßen, was der Ehre willen mit dem Tod geahndet wird. Der Vater kommt der Forderung der Tochter nach, sie zu töten. Und das nur, weil sie von einem anderen Mann, als dem, den sie heiraten soll, begehrt wird, und selbst ein latentes Verlangen in sich verspürt. Ihre Tugend gilt damit als verloren. 9
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Thomas Schumacher, 2003, »Miß Sara Sampson«. Moralvorstellungen und Geschlechterbilder in Lessings bürgerlichem Trauerspiel, Munich, GRIN Publishing GmbH
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