Stra ßenkarrieren junger Menschen 3
Inhaltsverzeichnis
VORWORT........................................................................................................................... 5
1. EINLEITUNG. 6
2. PROBLEMDEFINITION UND PROBLEMUMFANG. 9
2.1 Begrifflichkeiten und Definitionen. 9
2.2 Umfang des Phänomens 12
2.3 Altersschwerpunkt. 14
3. LEBENSLAGEN JUNGER MENSCHEN AUF DER STRAßE. 15
3.1 Lebensbedingungen und symptomatische Anpassungsprozesse 15
3.1.1 Wohnungslosigkeit 16
3.1.2 Lebensumfeld Hauptbahnhof 17
3.1.3 Prostitution und sexuelle Ausbeutung. 19
3.1.4 Delinquenz und Gewalt. 21
3.1.5 Risikoverhalten. 23
3.2 Gruppenprozesse 24
3.3 Besondere Gruppierungen. 25
3.3.1 Jugendliche Extremgruppen. 26
3.3.2 Geschlechtsspezifische Unterschiede 27
3.3.3 Migranten. 28
3.4 Differenzierung der vielfältigen Szenen 28
3.4.1 Benachteiligte Stadtteile 29
3.4.2 Altbauviertel in den neuen Bundesländern. 30
3.5 Zusammenfassende Diskussion 31
4. URSACHEN UND PSYCHOSOZIALE BEDINGUNGSFAKTOREN 34
4.1 Jugend als biographisch bedeutsame Lebensphase 34
4.2 Ursachenfaktoren in gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. 37
4.2.1 Finanzielle Armut. 38
4.2.2 Wohnung, Wohnumfeld und die dazugehörigen Freizeitangebote. 39
4.2.3 Geschlechtsspezifische Ursachen. 41
4.2.4 Bikulturelle Sozialisation 43
4.2.5 Schule 45
4.2.6 Medien. 46
4.2.7 Gesellschaftliche Etikettierung 47
4.3 Bedingende Faktoren in Strukturen der Familie und familialen Lebensgemeinschaften. 48
4.3.1 Ambivalenter Erziehungsstil und Konflikte zwischen den Eltern. 48
4.3.2 Fehlendes Lebenskonzept der Eltern 49
4.3.3 Beziehungsarmut in der Familie 49
4.3.4 Pluralität familialer Lebensgemeinschaften 50
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4.3.5 Sexueller Mißbrauch. 53
4.3.6 Ausstoßungsprozesse aus Familien und familialen Lebensgemeinschaften. 54
4.3.7 Systemisches Erklärungsmodell. 56
4.4 Beitrag der Jugendhilfe zum Einstieg in Straßenkarrieren. 59
4.4.1 Rahmenbedingungen von Erziehungseinrichtungen 59
4.4.2 Verschiebetendenzen in der Jugendhilfe 61
4.5 Weitere Theorien der Verursachung und Verfestigung. 63
4.5.1 Attraktivität der Szene. 63
4.5.2 Erklärungsansätze anderer Professionen. 64
4.6 Zusammenfassende Diskussion 65
5. SOZIALARBEITERISCHE HANDLUNGSANSÄTZE. 67
5.1 Juristische Grundlagen für die Sozialarbeit in Straßenkarrieren. 67
5.2 Angebote der traditionellen öffentlichen Jugendhilfe 67
5.2.1 Kinder- und Jugendnotdienste 68
5.2.2 Allgemeine Soziale Dienste. 70
5.3 Lebensweltorientierte Sozialarbeit 72
5.3.1 Mobile Jugendarbeit 73
5.3.2 Streetwork 73
5.3.3 Szenenahe Anlaufstellen. 78
5.3.4 Weiterführende Wohnformen 80
5.4 Erlebnispädagogik 82
6. IMPULSE FÜR DIE PROFESSIONELLE SOZIALARBEIT 86
6.1 Ein Perspektivenwechsel für die Sozialarbeit 86
6.2 Berücksichtigung von Wünschen und Ressourcen des Klientels 86
6.3 Vier Säulen der Sozialarbeit in Straßenkarrieren 89
6.3.1 Präventive Strategien. 89
6.3.2 Aufsuchen der Lebenswelt 91
6.3.3 Überlebenshilfen. 91
6.3.4 Ausstiegshilfen 92
6.4 Professionelle Sozialarbeit im Spannungsverhältnis 94
6.5 Ausdifferenzierung niederschwelliger Hilfen. 96
6.6 Entwicklung und Umsetzung neuer Konzepte 97
7. PERSÖNLICHE SCHLUßBEMERKUNG 99
LITERATURVERZEICHNIS 101
ERKL ÄRUNGEN 106
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Vorwort
In dieser Arbeit geht es um Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die ihren Lebensmittelpunkt auf die Straße gelegt haben oder möglicherweise legen werden, die sich in subkulturellen Kontexten oder unter schwierigen Bedingungen durchschlagen müssen.
Zu dem Thema »Straßenkarrieren junger Menschen«, das mir vorher nur aus Medienberichten bekannt war, hat mich die Fahrt unseres Lernbereiches »Sozialarbeit mit Familien und Alleinstehenden« nach Berlin inspiriert. Die Besichtigung des Berliner Kindernotdienstes und die Ge-sprächsrunde mit dem Mitarbeiter Herrn Gernot Becker erwiesen sich als sehr aufschlußreich (sowohl fachlich, historisch, als auch persönlich) und haben bei mir das Interesse geweckt, mich näher mit dem Thema zu beschäftigen. Dieser Anstoß zeigt meiner Meinung nach schon, wie wichtig und lohnend solche Lernbereichsfahrten sein können.
Die Teilnahme an der Fachtagung »Geschlecht: unbekannt - Anfragen an eine geschlechtsbezogene Straßensozialarbeit« am 16.06.1997 ermöglichte es mir, aktuelle Forschungsergebnisse in diese Arbeit zu integrieren. Zudem brachte diese Veranstaltung die Gelegenheit mit sich, mit Praktikern über neue Tendenzen und Ideen in der Arbeit mit jungen Menschen in besonderen Problemlagen reden zu können.
Zu Beginn dieser Arbeit war ich sehr skeptisch, ob ich den jungen Menschen mit ihren vielfältigen Lebensformen wirklich gerecht werden könnte, denn in den Medien werden sie sehr einseitig dargestellt. Daher möchte ich mich nicht auf konkrete Einzelfälle beschränken, wie es häufig die Vorgehensweise der Medien ist, sondern einen Überblick schaffen. Ich werde versuchen, möglichst nicht zu etikettieren, sondern mich durch das Mittel der Differenzierung (differieren heißt »verschieden sein«) den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu nähern.
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1. Einleitung
Das soziale Phänomen, das heute unter dem Etikett »Straßenkinder« diskutiert wird, ist keinesfalls ein neues. So weist das INSTITUT FÜR SOZIALE ARBEIT (ISA) darauf hin, daß bereits zu Anfang dieses Jahrhunderts Publikationen über »Die Behandlung der jugendlichen Bettler und Landstreicher« (POLLIGKEIT, 1910) oder über »Jugendliche Wanderbettler, Landstreicher und Großstadtbummer« (MÜLLER, 1914) herausgegeben wurden. Es existieren ältere Veröffentlichungen über »Obdachlose jugendliche Wanderer in der Großstadt« (LESEMANN, 1930) oder über »Probleme der Hilfe für heimatlose weibliche Jugendliche« (MUES, 1957). Vor fast 20 Jahren erschien das Buch von CHRISTIANE F. (1978) über die »Kinder vom Bahnhof Zoo« und löste Interesse sowohl bei den Medien als auch in der Wissenschaft aus (vgl. ISA 1996, S.22).
Obwohl dieses Phänomen die soziale Arbeit schon seit ihren Anfängen begleitet, ist es trotzdem ein sehr aktuelles, was die neuerliche Präsenz in den Medien beweist. Während der Erstellung dieser Arbeit war dieses Thema häufig in Presse und Fernsehen vertreten. In diversen Fernseh-reportagen, einer Talkshow, in lokalen und überregionalen Zeitungsartikeln, sowie im Internet (in E-Mails und auf Homepages) wurde dieses soziale Phänomen »behandelt«. Eine Fernsehzeitschrift widmete den »Straßenkindern« gar eine mehrwöchige Serie (15.04.1997 Arabella Talkshow / 20.04.1997 Spiegel TV, Focus TV / 23.04.1997 Taff / 29.04.1997 Die Reporter / 07./08.05.1997 Frankfurter Rundschau / 15.05.1997 WN / Reportageserie in TV-Hören und Sehen / Internet: Karuna e.V.). Allein in Münster war es mir in der letzten Zeit möglich, eine Fotoausstellung (»Draußen ist es saukalt«), sowie ein Theaterstück über obdachlose Jugendliche (»Zuhause ist für mich...«) zu besuchen und dadurch einen Zugang auf einer anderen Ebene zu erhalten. Auch an der KFH ist dieses Thema bereits in Lernbereichen bearbeitet worden.
In der Fachöffentlichkeit hat es in den letzten fünfzehn Jahren mit der professions- und der problemorientierten Debatte zwei Arten der Näherung an das Thema gegeben. Zwar überschneiden sich die beiden Herangehensweisen, aber es besteht ein zentraler Unterschied in der Art des Angangs:
Die professionsorientierte Debatte richtet den Blick auf das Phänomen über das Handlungsfeld der sozialen Arbeit und versucht, daraus resultierende methodische und fachliche Standards für die aufsuchende Jugend- und Sozialarbeit zu entwickeln.
Der problemorientierte Diskussionsansatz richtet sich auf die Kinder und Jugendlichen selber. Er unterteilt sich in einen älteren Schub (während der 80’er Jahre) und in einen neueren (1993 bis heute). Das Ausreißen von Kindern und Jugendlichen aus ihren Sozialisationsorten stand in
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der älteren Debatte im Mittelpunkt des Interesses. In der neueren Diskussion verlangten zuerst die auffälligen »abweichenden« Verhaltensweisen nach Erklärungen, heute steht aber die Betrachtung der Lebenslagen der jungen Menschen im Blickpunkt (vgl. ISA 1996, S.23 f.). Es ist eine Abkehr von der relativ engen »Familienzentrierung« der älteren Diskussion zu erkennen.
Auch in dieser Arbeit soll es um eine Betrachtung der Lebenswelt der jungen Menschen gehen, die ihren Lebensmittelpunkt auf die Straße gelegt haben und um diejenigen, für die ein erhöhtes Risiko für eine solche Verlagerung besteht (Kap. 3). Der Blick soll nicht nur auf die »Straßenkinder im engeren Sinne« fallen, also die jungen Menschen in besonders auffälligen Szenen, sondern auch Kinder und Jugendliche miteinbeziehen, die vom Abgleiten in diese subkulturellen Milieus bedroht sind. Weiterhin folgt eine Differenzierung der Szenen, um zu verdeutlichen, daß das Phänomen nicht nur im Umfeld von Hauptbahnhöfen oder in Innenstädten anzutreffen ist.
Nach der Beschreibung dieses Phänomens sollen die Wege und Ursachen aufgezeigt werden, die zum Lebensort Straße hinführen können (Kap. 4). Von der alleinigen Familienzentrierung möchte ich dabei absehen und mit Hinweisen auf die gesellschaftliche Situation von jungen Menschen und dem Beitrag der Jugendhilfe zu der Problematik ein differenzierteres Bild zeic hnen. Dies soll das theoretische Fundament oder zumindest die Vermittlung von Kenntnissen der wichtigsten Zusammenhänge über »Kinder in besonderen Problemlagen« sein, auf dessen Grundlage sozialarbeiterisches Handeln erst wirksam erfolgen kann. Weiterhin werde ich die existierenden Vorgehensweisen der sozialen Arbeit mit jungen Menschen, die sich in verschiedenen Phasen von Straßenkarrieren befinden, aufzeigen und bewerten (Kap. 5). Dabei werde ich sowohl die Angebote der traditionellen Jugendhilfe, der lebensweltorientierten Sozialarbeit und der Erlebnispädagogik als verschiedene mögliche Handlungsansätze berücksichtigen.
Unter Hinzunahme der Motivationen und Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen erfolgen dann Schlußfolgerungen zu einem notwendigen Perspektivenwechsel der Jugendhilfe mit Kindern und Jugendlichen in besonderen Problemlagen (Kap. 6). Zudem wird sich die Frage stellen, welche Schwierigkeiten für die Profession Sozialarbeit in der Arbeit mit diesem spezifischem Klientel existieren.
Abgrenzen möchte ich diese Arbeit von den »Straßenkindern« in der sog. »Dritten Welt« oder in Osteuropa. Es handelt sich hier quantitativ und qualitativ um ein ganz anderes, viel schwerwiegenderes Phänomen (vgl. HELM /DEWES 1995; DEWES 1996). Da ich dieses nicht verharmlosen und abkürzen möchte, werde ich mich auf die jungen Menschen in Deutschland beschränken.
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Um die Arbeit nicht zu komplex werden zu lassen, möchte ich auch die Problematik von minderjährigen Flüchtlingen, Asylbewerbern und Aussiedlern in Deutschland ausblenden.
Anmerken möchte ich noch, daß ich mich entschlossen habe, zur besseren Lesbarkeit immer die männliche Form von Berufsbezeichnungen etc. zu verwenden (beispielsweise fasse ich unter dem Begriff »Ausreißer« also auch die »Ausreißerinnen«). Zur weiteren Vereinfachung und um die ständige Aufzählung beider Berufsgruppen zu vermeiden, möchte ich die »Sozialpädagogik« unter die Bezeic hnung »Sozialarbeit« fassen. Außerdem habe ich einige Querverweise (à) eingefügt, mit denen ich auf Parallelen und Vertiefungen in anderen Kapiteln hinweisen werde. Ich ziehe auch eine Publikation dieser Arbeit im Internet in Erwägung, dem diese Querverweise aus technischen Gründen entgegenkommen. Aus dem selben Grund habe ich auch das Einfügen von Fußnoten ausgelassen.
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2. Problemdefinition und Problemumfang
In diesem Kapitel sollen neben der Klärung einiger grundlegender Begrifflichkeiten, die Schwierigkeiten, die der Terminus »Straßenkinder« mit sich bringt, aufgezeigt und diskutiert werden. Es steht zur Debatte, ob oder mit welchen Einschränkungen dieser Begriff noch benutzt werden kann. Außerdem möchte ich zwei Streitpunkte der öffentlichen Diskussion, über den Umfang des Phänomens und einer möglichen Verschiebung des Altersschwerpunktes, klären.
2.1 Begrifflichkeiten und Definitionen
In dieser Arbeit ist von »Kindern«, »Jugendlichen«, »jungen Volljährigen« und »jungen Menschen« im Sinne der Begriffsbestimmungen des §7 KJHG die Rede. “Kind [ist], wer noch nicht 14 Jahre alt ist, [...] Jugendlicher, wer 14, aber noch nicht 18 Jahre alt ist, junger Volljähriger ist, wer 18, aber noch nicht 27 Jahre alt ist und junger Mensch, wer noch nicht 27 Jahre alt ist.” Wenn der Begriff »Kind« in dem Sinne verwendet wird, daß er das Verhältnis zu den Eltern bestimmt, ergibt sich dies aus dem Sinnzusammenhang. Eine umgangssprachliche Bezeichnung für Kinder zwischen ca. 10 bis 16 Jahren ist die Bezeichnung »Kids«. Das Interesse meiner Arbeit richtet sich vor allem auf Jugendliche und junge Volljährige, soweit sie sich auch ihrer Entwicklung entsprechend in einer jugendtypischen Phase befinden. Ist von dem Begriff »Straße« die Rede, verstehe ich dies weiter gefaßt. Er bezieht sich sowohl auf Straßen und öffentliche Plätze, als auch auf sonstige Örtlichkeiten, die sich in ähnlicher Weise durch ein geringes Maß an sozialer Kontrolle bzw. umgekehrt durch ein hohes Maß an Strukturlosigkeit auszeichnen (z.B. Abbruchhäuser).
»Straßenkinder« - eine Begriffdiskussion
Der durch die Medien geprägte plakative Begriff »Straßenkinder« assoziiert Einzelschicksale, Elend oder riskante Aktionen (wie z.B. S-Bahn-Surfen) und eignet sich daher für das Skandalisierungsbedürfnis der Massenmedien. Die zweite Ebene dieses Begriffes symbolisiert das Versagen der Gesellschaft, besonders der Sozialisationsinstanzen Familie, Schule und Jugendhilfe. Es wird indiziert, daß die Familie den Anforderungen der Erziehung nic ht mehr gewachsen ist, daß die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen rauher geworden sind und daß die Jugendhilfe an ihre Grenzen gekommen ist. Das Leben auf der Straße wird als Endstation angesehen, als letzte Stufe gesellschaftlicher Desintegration und als Ausdruck des vollständigen, unwiderruflichen Scheiterns. Dieser hohe Symbolgehalt des Begriffes erklärt auch die Brisanz und das große öffentliche Interesse an diesem Thema (vgl. Deutsches Jugendinstitut (DJI) 1995, S.8,9).
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Der hohe Symbolcharakter spie gelt sich bereits in der Formulierung wider: Im »Straßenkind« wird der Aspekt des Kindlichen und Hilflosen schon betont, während z.B. die - treffendere (à S.14) - Formulierung »Straßenjugendliche« oder die im Titel dieser Arbeit genannten »jungen Menschen« nicht mehr diese moralischen aufgeladenen Gedankenverbindungen von wehrlosen Opfern gesellschaftlicher Verhältnisse hervorruft (vgl. DJI 1995, S.9). Ein weiterer Aspekt ist, daß dieser Begriff bei mir persönlich spontane Assoziationen zu Dritte Welt-Ländern hervorruft (z.B. die »Straßenkinder von Bogota«) und ich damit Mitleid, Hunger und Spendenaufrufe verbinde. Diese dem Begriff implizite Analogiebildung zur Situation in Lateinamerika und ähnlichen Gebieten verwischt die qualitativen Unterschiede zwischen den hungernden, sozial ausgegrenzten, um ihre Existenz kämpfenden Kindern in den Metropolen der Dritten Welt und den Kindern aus den reichen Industrienationen Zentraleuropas (vgl. JORDAN/Hard 1994, S.6 f.; vgl. JORDAN 1995, S.2).
Einen anderen Anklang findet der Begriff »Straßenkinder« in den Einschätzungen, die den Aspekt der Freiheit (Aussteigen aus dem Sicherheitsdenken und der Leistungsgesellschaft), des Abenteuers und der Reizsuche verdeutlichen wollen. Diese tendieren zwar zu einer Entdramatisierung des Phänomens Straßenkinder, andererseits besteht die Gefahr, das Leben auf der Straße zu romantisieren (vgl. DJI 1995, S.9).
Das gravierendste Argument gegen einen unreflektierten Gebrauch des Begriffes ist, daß er eine vermeintliche Homogenität suggeriert, die nicht der Realität entspricht. Dies wird im weiteren Verlauf der Arbeit deutlich herausgestellt werden. Wenn dieser Begriff in dieser Arbeit weiterhin benutzt wird, dann nur als Arbeitsformel, als ein Weg der Problemfokussierung und nicht als Etikett für einen bestimmten Personentyp.
Der in dieser Arbeit benutzte Terminus der »Straßenkarriere « entstammt der DJI-STUDIE (vgl. DJI 1995, S.10 f.) und entspricht eher einem analytischem Herangehen an die Lebenswelten der Betroffenen. Der Begriff Straßenkarriere vermeidet die symbolischen Aufladungen, die mit dem Begriff »Straßenkinder« verknüpft sind und eröffnet einen Blick sowohl auf die Vergangenheit als auch auf die Zukunft der Zielgruppe.
Der Fokus des Begriffes Straßenkarrieren richtet sich:
• auf die vielschichtigen lebensgeschichtlichen und biographischen Voraussetzungen von Straßenkar-
rieren und ihren institutionellen Einbettungen
• auf die möglichen Optionen für die Zukunft und stellt diese ins Zentrum der Aufmerksamkeit • von dem vereinfachenden Bild des Straßenkindes als wehrlosem Opfer auf die biographischen Perspek-
tiven der Betroffenen
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Der Karrierebegriff des DJI ist konzeptionell an den Begriff »trajectory« des amerikanischen Soziologen ANSELM STRAUSS angelehnt. Karriere in diesem Sinne verweist nicht nur auf die individuellen lebensgeschichtlichen und biographischen Verläufe, sondern bezieht die damit verbundenen Interaktionen der beteiligten Akteure und Institutionen mit ein. Damit eröffnet sich gegenüber dem Begriff »Straßenkinder« eine Prozeß-Dimension (vgl. vertiefend STRAUSS 1993; SOEFFNER 1991).
»Klassische« Typisierung von Kindern und Jugendlichen auf der Straße Die allgemein üblichen Definitionen von Kindern und Jugendlichen auf der Straße haben vor allem JORDAN/TRAUERNICHT (1981) aufgestellt. Problematisch ist, daß diese Begriffe jedoch die fließenden Übergänge zwischen ihnen (als ein wichtiges Kennzeichen von Straßenkindern à S.31) nicht genau erfassen können.
Ausreißer haben in einer aktuellen Krisensituation ihre Sozialisationsinstanzen (Familie, Jugendwohngruppe etc.) verlassen. In der Regel laufen sie, im Zuge von Ablösungsprozessen oder unterschiedlichen Problemlagen, nur für kurze Zeit weg, um ein Signal zu setzen. Sie können nach einer Krisenintervention meist dorthin zurückkehren. Es besteht die Möglichkeit, daß sie zu Trebegängern werden, wenn keine (Re-)Integration in die Sozialisationsinstanz stattfindet und sie sich längere Zeit auf der Straße aufhalten.
Als Trebegänger (oder Treber, Trever) werden Jugendliche bezeichnet, die aus “massiven Konfliktlagen heraus aus dem ihr Leben bestimmenden Sozialisationsinstanzen ausbrechen und in der Regel ohne festen Wohnsitz und ohne regelmäßige Einkünfte eine häufig illegale Existenz in subkulturellen Lebenskontexten führen” (JORDAN/TRAUERNICHT 1981, S.18). Im Vergleich zu Ausreißern handelt es sich hier um noch gravierendere und belastendere Faktorenkonstellationen.
Der Begriff Treber hatte ursprünglich die Bedeutung des herumtreibenden »Heimzöglings« (vgl. JORDAN/MÜNDER 1987, S.14; Bodenmüller 1995, S.10) und beschreibt damit den Ort, woher ein Großteil der Trebegänger entstammen. Häufig handelt es sich um Jugendliche aus Heimen oder Jugendwohngruppen, deren Eltern oft nicht mehr zu Kontakten mit ihnen bereit sind. Die Szene mit ihren spezifischen Beziehungs- und Überlebensmechanismen ist eine der wenigen Handlungsmöglichkeiten, die ihnen noch bleiben.
Die Eltern der Aussteiger tolerieren die Abwesenheit ihrer Kinder und geben keine Vermißtenanzeigen auf. Primär laufen die Kinder zur Szene hin und nicht von Zuhause weg (vgl. Wollner 1992, S.18). Sie verlassen das Zuhause also mit dem Einverständnis ihrer Eltern.
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Im Jahr 1993 lagen der Ministerin für Frauen und Jugend noch keine Informationen zum Thema obdachlose Kinder und Jugendliche vor. Die damalige Ministerin Engelhard ging davon aus, daß jedes Kind in Deutschland eine Anschrift hat (vgl. SEIDEL 1996, S.50). Im krassen Gegensatz dazu veröffentlichte die Presse (SPIEGEL 15/93 und Agenturmeldungen) und Teile der Jugendhilfe - darunter das Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, der Autor und Jugendhilfeentwickler Walter Specht, der Präsident des Kinderschutzbundes Heinz Hilgers - Schätzungen von 40.000 bis 50.000 Straßenkindern. Auch für zahlreiche Behörden und Hilfsorganisationen wurden diese Zahlen zum Status quo.
Diese Zahlen berufen sich auf die Vermißtenstatistik, in der jährlich 40.000 Minderjährige aufgeführt werden. Ungefähr drei Viertel dieser vermißt gemeldeten Kinder blieben aber nur wenige Tage von zu Hause oder aus den Einrichtungen der Jugendhilfe fern. Die hartnäckige Beständigkeit dieser Schätzungen liegt daran, daß sich alle Beteiligten gegenseitig als kompetente Stellen aufeinander berufen haben und teilweise noch etwas »dazugegeben« haben (vgl. SEIDEL 1996, S.51).
Diese Schätzungen lassen sich nicht bestätigen, denn die Anzahl der vermißten Kinder und Jugendlichen entspricht natürlich nicht zwangsläufig der Zahl der sog. »Straßenkinder«. Aktuell waren im Augenblick meiner Datenabfrage (vom 02.05.97) beim Bundeskriminalamt 1.885 Minderjährige vermißt gemeldet (23.08.1996 = ca. 1.700). Unter diesen Minderjährigen sind ca. 800 schon seit mehr als 5 Monaten verschwunden.
* Vernachlässigbar geringe Additionsungenauigkeiten in der Statistik des BKA ergeben sich aus sich permanent
ändernden Vermißtenzahlen während der Datenabfrage Tabelle 1: Vermißte (ohne Kindesentzug), BKA Wiesbaden 02.05.1997
Diese Zahlen haben jedoch nur eine begrenzte Aussagekraft. Bei den Statistiken ist zu beachten, daß sich sowohl Kinder als auch Jugendliche zum Teil mehrfach entfernt haben. “Der überwiegende Teil der Jugendlichen kehrte innerhalb kurzer Zeit (im Regelfall innerhalb der ersten 24 Stunden) selbständig wieder zurück” (LKA Niedersachsen 1994, S.48). Außerdem ist unter Fachleuten strittig, ob wirklich alle Kinder und Jugendlichen, die aus Heimen und Familien ausbrechen, vermißt gemeldet werden. SEIDEL (1994, S.53) behauptet, daß wenn nicht die Eltern die Kinder vermißt melden, es dann die Schule tun würde. BODENMÜLLER
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(1995, S.15) argumentiert, daß längst nicht alle Kinder vermißt gemeldet werden, was auch die Polizei in der DJI-Studie (1995) bestätigt. Eine Dunkelziffer ist also schwer einzuschätzen. Tendenzen und Prognosen lassen sich aus diesen Daten nur schwer ableiten, da sie täglich aktualisiert werden. Die Vermißtenzahlen sind seit Jahren nahezu stabil, es gibt keinen signifikanten Aufwärtstrend, sondern allenfalls einen dezenten Anstieg.
Abbildung 1: Vermißte Minderjährige (BKA Wiesbaden)
Die Studie des Deutschen Jugendinstitutes (DJI) nennt bewußt keine Zahlen, da ihre Ergebnisse (unter anderem) auf Gesprächen mit starkem regionalen Bezug beruhen. Das Ministerium für Familie, Frauen, Senioren und Jugend hat die Werte auf Bundesebene hochrechnen lassen und kommt zu dem Schluß, daß eine “Größenordnung von etwa 5000 bis 7000 Jugendliche[n] so stark entwurzelt sind, daß sie auf der Straße leben” (Pressemitteilung Nr. 120 des BMFSFJ, 1995). Auch der SPIEGEL hat seine Angaben nach intensiveren Recherchen relativiert und schätzt, daß 2000 bis 3000 Kinder auf der Straße leben (vgl. SPIEGEL 44/1995, S.68). Der Journalist SEIDEL schätzt mit einer hoch angesetzten Dunkelziffer die Zahl der »Straßenkinder« auf zwischen 1500 und 2500 (vgl. SEIDEL 1996, S.53).
Bei sämtlichen Nennungen ist pauschal von »Straßenkindern« die Rede, ohne daß der Begriff eine genauere Differenzierung erfährt. Vorab möchte ich schon mal darauf hinweisen, daß die Definition des Straßenkindbegriffes keineswegs scharf abgegrenzt werden kann, sondern vielmehr eine unklare Begrifflichkeit (à S.31) ist, der die o.g. Schätzungen nicht gerecht werden können. Erwiesen ist aber, daß es eine nicht zu vernachlässigende Zahl von jungen Menschen gibt, die auf der Straße leben.
Institutionen, die mit hohen Zahlen um Fördermittel pokern und Mehrfachnennungen in Kauf nehmen, werden Probleme bekommen einen Effizienznachweis zu erbringen. Als logische
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Schlußfolgerung stehen dann Streichungen der Fördermittel an, deren Leidtragende die jungen Menschen auf der Straße sind. Vorstellbar ist, daß die Politik angesichts dieser »50.000« Kinder auf der Straße keine Individualhilfen fordern, sondern in einer »geschlossenen Unterbringung für alle« (oder auch verharmlosend »gesicherte Unterbringung«) eine Alternative zur offenen und reformorientierten Sozialarbeit sehen. JORDAN folgend gibt es bereits »restaurative Tendenzen« in politischen Diskussionen, die solche »Kasernierungen« fordern (vgl. JORDAN 1995, S.3).
2.3 Altersschwerpunkt
Aktuelle Medienbotschaften suggerieren neben einer quantitativen Zunahme insgesamt eine deutliche Zunahme von Kindern unter 14 Jahren in den Szenen. Anlaufstellen kommen mit Kindern dieser Altersgruppe selten in Kontakt, sie gelten als Ausnahme. Die Experten in der DJI-STUDIE können nicht bestätigen, “daß sie in ihrer Gesamtheit immer jünger würden. [...] Wenn Kinder mit zehn oder zwölf Jahren auf der Straße anzutreffen sind, fallen sie denjenigen, die sich mit ihnen befassen, stärker auf, halten sich nachdrücklicher in Erinnerung” (DJI 1995, S.19).
Der Altersschwerpunkt des Stammklientels liegt in einigen Städten bei 15- bis 16jährigen Jugendlichen. Eine Anlaufstelle für Mädchen und junge Frauen hatte 1993 verstärkt mit 13- bis 15jährigen zu tun (vgl. DJI 1995, S.33). Der Bochumer Straßensozialarbeiter WOLF bestätigt dies (in BoDo 1996, S.8): “Die meisten Kontakte haben wir zu Jugendlichen ab 15 Jahren. Jüngere Kinder sind die Ausnahme, zumal wir die in Zusammenarbeit mit anderen Stellen des Jugendamtes in der Regel in geeigneten Familien, Heimen oder sonstigen Maßnahmen unterbringen können.”. In City- und Bahnhofsszenen sind fast nie Kinder, sondern überwiegend Jugendliche und junge Erwachsene anzutreffen (vgl. ISA 1996, S.28). Es wird jedoch vermutet, daß die wesentlich jüngeren Kinder sich nicht direkt in der Szene aufhalten, sondern in Zuhälter- und Päderastenkreisen. An diese Kinder und Jugendliche ist für die Sozialarbeit ein Herankommen nur schwer möglich (vgl. DJI 1995, S.33). Eine große Problemgruppe sind vor allem die von der Öffentlichkeit und der Jugendhilfe wenig beachteten jungen Erwachsenen (vgl. DJI 1995, S.140).
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3. Lebenslagen junger Menschen auf der Straße
Die Sozialisationsumwelt Straße rein negativ zu bewerten, wäre m.E. ein Fehler, denn schließlich ist sie erst einmal ein ganz normaler Sozialisationsort. Die Straße ist für sehr viele Kinder und Jugendliche Treffpunkt für Unternehmungen mit ihren Freunden und Freundinnen. Ablösungsprozesse sind hier möglich und selbstbestimmtes Leben kann hier außerhalb der Familie erprobt werden. Der Lebensraum Straße ist aber reicher an Gefahren geworden: In diesem Erlebnisort gibt es Bedingungen, deren sozialisatorische Wirkungen auf Kinder und Jugendliche eindringen. Straßensozialisation kann dazu tendieren, “die Wirkungen der Sozialisation in Familie und Schule aufzuheben und im extremen Fall sogar umzukehren” (DJI, 1995 S.20).
Kinder und Jugendliche, die sich ihren Familien oder Heimen entzogen und ihren Lebensmittelpunkt auf die Straße verlagert haben, befinden sich in besonderen Krisensituationen und sind langfristig von sozialer Ausgrenzung bedroht. Dazu zählen z.B. Jungen und Mädchen, die der Prostitution nachgehen, Drogenkonsumenten, Ausreißer und Jugendliche, die schon längere Zeit obdachlos bzw. auf Trebe sind, sowie viele Jugendliche aus Migrantenfamilien (vgl. DJI 1995, S.30).
Es ist nicht möglich den Lebensraum Straße zu generalisieren und zu behaupten, daß das »statistische Straßenkind« immer unter bestimmten, immer gleichen Bedingungen lebe. Von Stadt zu Stadt gibt es andere Verhältnisse, eine andere Verteilung von Problemgruppen. Jeder Mensch hat eine eigene Biographie und damit auch ihm ganz eigene Verhaltensstrategien. Dieses Kapitel soll eine Art Szenebetrachtung sein. Ich möchte versuchen, mich trotz der Heterogenität der Problematik in die Welt dieser Kinder und Jugendlichen einzufühle n.
3.1 Lebensbedingungen und symptomatische Anpassungsprozesse
In den Szenen im Stadtzentrum und um den Bahnhof gibt es eine Vielzahl von Gruppen, die nicht einfach auseinanderzuhalten sind, sondern eng nebeneinander leben und sich untereinander vermischen. Die Szenen in der Innenstadt (Cityszenen) setzen sich von Stadt zu Stadt anders zusammen: Während in einer Stadt hauptsächlich die Jugendlichen aus Migrantenfamilien das Klientel für Streetwork bilden, sind andernorts häufig Punks - teilweise aus gutbürgerlichen Herkunftsfamilien - und Jugendliche mit langjährigen Jugendhilfehintergrund die Zielgruppe.
Die Minderjährigen und jungen Erwachsenen, die an zentralen Plätzen und Bahnhöfen zu finden sind, haben eine Multiproblematik gemeinsam: “In einer Person befinden sich mehrere Szenen” (DJI 1995, S.31). Prostituierte und Stricher sagen von sich, daß sie den Strich nicht ohne Drogen aushalten. Später gehen sie wegen der Drogen auf den Strich. Durch ihre Woh-
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nungslosigkeit sind sie beispielsweise gezwungen, sich für täglich 80,- DM ein Hotelzimmer zu mieten und müssen alleine deshalb anschaffen gehen. Es ist nicht möglich, einen dieser jungen Menschen einfach als Stricher oder Drogenabhängigen zu kategorisieren. Jeder Szeneangehörige hat Probleme, die wieder andere Probleme verursachen und sich gegenseitig bedingen (vgl. DJI 1995, S.31), und lebt damit in einem Zustand multikausaler Interdependenzen. Die Kinder und Jugendlichen in den Szenen stammen nicht nur aus der Großstadt selber, sondern kommen aus angrenzenden kleineren Städten oder aus dem ländlichen Raum in die Großstädte. Die Cityszenen der großen Städte bieten mehr Möglichkeiten der Anonymität, des Untertauchens und der Kontaktbildung zu anderen Jugendlichen. Zurück in ihre Heimatgemeinde möchten die Jugendlichen, die in Kontakt mit den sozialarbeiterischen Hilfen kommen, nicht mehr vermittelt werden, da sie in der Regel schon Erfahrungen mit den Heimatjugendämtern gesammelt haben. Sie bevorzugen es, in der Szene zu verbleiben (vgl. DJI 1995 S.44).
3.1.1 Wohnungslosigkeit
Nach § 11 BGB teilt ein minderjähriges Kind den Wohnsitz der Eltern. Dies ist Ausfluß der in §§ 1672 ff. BGB verankerten elterlichen Sorge für das Wohl des Kindes, die entweder bei den Eltern oder beim Jugendgericht liegt. Wird ein Kind faktisch wohnsitzlos, so behält es zwar weiter seinen rechtlichen Wohnsitz, trotzdem liegt ein Verstoß gegen die elterliche Sorge vor, da die Sorgeberechtigten nicht mehr in der Lage sind, ihr Aufenthaltsbestimmungsrecht (als Teil des Personensorgerechtes) wahrzunehmen. Wird daraufhin eine Vermißtenanzeige aufgegeben, so ist die Polizei verpflichtet, den rechtlich gewollten Zustand wiederherzustellen. Das Kind wird somit polizeilich gesucht. Außerdem kann die Polizei aufgrund allgemeiner Gesetze, wie z.B. des § 1 JSchÖG oder § 8 PolG, berechtigt sein, wohnsitzlose Kinder aufzugreifen. Dies hat zur Folge, daß es in die Illegalität abtauchen muß.
Bedingt durch die Wohnungslosigkeit und den daraus folgenden mangelhaften hygienischen Zuständen und der ungesicherten materiellen Situation kann es zu gesundheitlichen Belastungen kommen. Zu wenig Nahrungsmittel bzw. falsche Ernährung, die eventuelle Übernachtung im Freien oder an unhygienischen Orten, Drogenkonsum und mangelnde Körperhygiene führen zu verschiedensten Krankheiten: Hautinfektionen, Tuberkulose, Leberentzündung und Herzinnenhautentzündung. Geschlechtskrankheiten und die Immunschwächekrankheit AIDS können durch ungeschützte Prostitution hervorgerufen werden (vgl. PFENNIG 1996, S.15, vgl. DEGEN 1995, S.32).
Arztbesuche sind für minderjährige Wohnungslose i.d.R. nicht möglich, da sie durch ihren illegalen Status und durch den Abbruch der Beziehungen zu Eltern und Vormündern keinen Krankenversicherungsschutz nachweisen können. Da die Kinder polizeilich gesucht werden, können sie sich, im Gegensatz zu z.B. erwachsenen Obdachlosen oder Sozialhilfeempfängern, keinen Krankenschein beim Sozialamt besorgen.
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Der Mitarbeiter des Frankfurter Sleep-in differenziert die Wohnungslosigkeit der jungen Menschen: “Ich möchte in diesem Zusammenhang [...][nicht, Anm. A.G.] von der klassischen Obdachlosigkeit sprechen. Also diese klassische Obdachlosigkeit, die man bei Berbern kennt oder bei älteren Menschen. Die sind völlig rausgefallen und müssen ohne ein Dach über dem Kopf leben. Unsere Kinder und Jugendlichen leben nicht über einen so langen Zeitraum ohne Obdach. Es sind bei uns sehr wenige gewesen, die über mehr als zwei Monate wirklich draußen waren und über uns zum Jugendamt vermittelt werden mußten”. Die manifeste Wohnungslosigkeit, die mit dem Begriff »Straßenkinder« einhergeht, ist tatsächlich nur bedingt gegeben, da die Grenzen und Übergänge zwischen der vollständigen Ablösung aus vorgelagerten Sozialisationsinstanzen wie Familie oder Jugendhilfe und dem Abgleiten in die faktische Obdachlosigkeit keineswegs klar zu ziehen sind (vgl. ISA 1996, S.29f.). Meines Erachtens müssen unter dem Begriff der Wohnungslosigkeit aber auch die Kinder und Jugendlichen betrachtet werden, die nicht ohne Obdach sind, aber keinen regulären Aufenthalts-ort besitzen. Zwar haben viele dieser jungen Menschen rudimentäre Formen von »Unterstützungsnetzwerken«, diese sind aber faktisch mit - oftmals sexuellen -Abhängigkeitsverhältnissen verbunden. Kinder und Jugendliche, die für kurze Zeit bei der Verwandtschaft unterkommen, die in Hotels oder Übergangswohnheimen untergebracht sind, in baufälligen Häusern wohnen (vor allem in den neuen Bundesländern à S.30) oder bei Freunden oder Freiern unter prekären Bedingungen wohnen, gehören auch zu den eigentlichen »Obdachlosen« (vgl. PFENNIG 1996, S.14 f.). JORDAN spricht von »verdeckter Wohnungslosigkeit«, wo die gegebene Wohnsituation den Bedürfnissen und Entfaltungsmöglichkeiten den Kindern und Jugendlichen nicht gerecht wird (vgl. JORDAN 1995, S.2).
Junge Menschen, die einmal wohnungslos sind, haben geringe Chancen, auf dem Markt eine reguläre Wohnung zu finden, da sie bei der Suche keine eigene Adresse und keine Einkünfte angeben können. Dabei ist zu bedenken, daß sie ohne Wohnung auch keine reguläre Arbeitsstelle bekommen können.
3.1.2 Lebensumfeld Hauptbahnhof
Der Bahnhof ist eine Welt für sich und hat durch seine gute Infrastruktur viele Vorteile: Er ist Marktplatz (für Prostitution, Drogen etc.), bietet Rückzugs- und Abtauchmöglichkeiten, ist aber trotzdem offen. Es ist trocken und warm, es besteht die Möglichkeit etwas zu essen, es gibt Toiletten mit Waschmöglichkeiten, Anonymität und Abenteuer (action; z.B. das Spiel mit der Bahnpolizei). Bahnhöfe haben eine hohe Besucherfrequenz, sind stadtzugehörig und werden doch von Einheimischen (z.B. Verwandten und Bekannten) wenig frequentiert. “Für Kinder und Jugendliche ohne stabile familiäre Verankerung sind der Hauptbahnhof und andere
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öffentliche Plätze bzw. Verkehrsknotenpunkte nicht nur interessante Treffpunkte, sondern sie fungieren als Informationsbörsen, Märkte und Überlebensräume”
(DJI 1995, S.30). Der Bahnhof ist für jedes Mitglied der Gesellschaft offen und Treffpunkt von Zuhältern, Strichern, Prostituierten, Freiern, Schiebern und Obdachlosen. Für fortgelaufene Kinder und Jugendliche bietet er sofort einen vertrauenserweckenden Lebensmittelpunkt, denn hier halten sich Leute mit den gleichen Problemen auf. Der Bahnhof gewährt den Kindern scheinbar Rückhalt und affektive Zuwendung, denn die Menschen haben dort ähnliche Schicksale, teilen biographische Bezüge und können die Probleme nachvollziehen (vgl. PFENNIG 1996, S.18, vgl. DEGEN 1995, S.31).
Wirklichen Halt gewähren kann der Bahnhof jedoch nicht, denn er ist schließlich ein “Sammelbecken für Menschen mit umfangreichen Lebensproblematiken” (PFENNIG 1996, S.18). Dieses Bahnhofspublikum kann meines Erachtens nur einen vermeintlichen Halt bieten, denn ihnen fehlen dafür Voraussetzungen wie Zuverlässigkeit, genügend emotionale Stabilität und können die Fähigkeit, eine konstante Bezugspersonen darzustellen. Bezeichnend dafür ist, daß die einzige Verbindlichkeit die Unverbindlichkeit ist (Fachtagung »Geschlecht unbekannt« 1997). Diese Strukturen bieten nicht nur Hauptbahnhöfe. Größere Plätze, Parkanlagen, U-Bahn-Eingänge etc. bieten eine spezifische Mischung aus anonymer Öffentlichkeit mit vielen Kontaktchancen, Rückzugsmöglichkeiten und Nischen (vgl. DJI 1995, S.31).
Die privatisierte Deutsche Bahn investierte nach Pressemeldungen 70 Mio. Mark in Renovierungsarbeiten, mit dem Ziel, die Bahnhöfe heller und hygienischer zu gestalten. Ein beabsichtigter Effekt ist dadurch auch die typischen Nischen der Bahnhofssubkultur zu entfernen und z.B. Heroinabhängige von den Toiletten zu vertreiben. Außerdem haben viele Bahnhöfe in Großstädten bereits eigene Wachtruppen, die für einen Rückgang der Gewalt und Kriminalität in den Bahnhöfen und in den Zügen sorgen sollen. Georg Piepel vom Streetwork Münster bestätigte, daß nach der Privatisierung der Bahn härter gegen die wohnungslosen jungen Menschen vorgegangen wurde. Den Sozialarbeitern wird damit die Arbeit erschwert, denn sie müssen sich Zugänge zur umgezogenen Szene eventuell wieder aufbauen.
Qualitative Veränderungen gibt es in der Mobilität der Kinder und Jugendlic hen auf der Straße. Früher war es für die »Straßenkinder« unproblematisch, von Stadt zu Stadt zu fahren. Sie konnten sich über Wochen in anderen Szenen aufhalten, während viele heute aufgrund der verstärkten Drogenproblematik auf einen Ort angewiesen sind. Die Abhängigen von harten Drogen sind gar nicht in der Lage, bis in eine andere Stadt zu fahren und müßten dort zudem die neuen Beschaffungsstrukturen kennenlernen.
19 Straßenkarrieren junger Menschen
Die Stricher sind eigentlich auf andere Szenen angewiesen, da sie in einer Stadt schnell ein »altes Gesicht« bekommen, d.h. den Freiern bekannt sind. Doch viele Stricher sind auch abhängig und können daher nicht, wie es im Szenejargon heißt, »auf Tournee gehen«, sich auf dem Strich einer anderen Stadt als »Frischfleisch« verkaufen (vgl. DJI 1995, S.34; Schlich 1994, S.71 f.).
Es gibt also auch Kinder und Jugendliche, die in anderen Städten auftauchen und dort Hilfe in Anspruch nehmen. Somit kann es zu Doppelzählungen kommen, die die Statistiken bzgl. der Anzahl der »Straßenkinder« verfälschen.
3.1.3 Prostitution und sexuelle Ausbeutung
Der Einstieg in die Prostitution geschieht schrittweise, nicht zuletzt weil natürlich auch persönliche Hemmungen und Ekelgefühle überwunden werden müssen. Die Wege des Einstieges sind vielfältig, z.B. “über die geheuchelte Liebe eines Freundes, Freundschaften mit prostituierten Kids, Wohnrecht bei Freiern, Animierdienste in Bars usw.” (DEGEN 1995, S.38).Während es sich bei den Freiern fast ausschließlich um Männer handelt, sind die »Sich-Prostituierenden« beiden Geschlechts; dementsprechend sind die Kontakte hetero- oder homosexuell ausgelegt. Männliche Jugendliche prostituieren sich ungleich seltener als Mädchen und junge Frauen (vgl. ISA 1996, S.33).
Die folgenden Aussagen über die Unterschiede der Prostitution zwischen männlichen und weiblichen minderjährigen Prostituierten basieren auf JANS “vorliegenden [aber nicht näher bestimmten, Anm. A.G.] Berichten und Studien”, sind daher nicht wissenschaftlich abgesichert und eher tendenziell zu betrachten.
Mädchen seien eher in das System der Prostitution (z.B. über Zuhälter) eingebunden, haben nach JANS ein “professionelles” Verhältnis zur Prostitution und weitgehend gefühllose Kontakte zu ihren Freiern. Die Situation ist für sie durch den Schutzmechanismus “Ausschalten der Gefühle” leichter zu ertragen (JANS 1990, S.42f.). Auffällig ist aber, daß viele Mädchen vor der Prostitution einen “Ouzo” oder einen “Joint” (vgl. PFENNIG 1995, S.16) benötigen, um ihre Abscheu vor den Freiern zu überwinden, was m.E. gegen diese »Professionalitäts-These« spricht. Dieses Verhalten zeigt meiner Ansicht nach, daß ihnen die emotionale Abschottung nicht so leicht fällt wie JANS es darstellt.
Trotz ihrer heterosexuellen Orientierung hätten viele Jungen gleichgeschlechtliche Kontakte. Sie würden sich, JANS folgend, in den Kontakten nicht so stark abgrenzen wie die Mädchen und ihre eigene Gefühlswelt sowie auch ihre eigene sexuelle Befriedigung mit einbeziehen. Auch wenn bisexuelle Neigungen bestehen sollten, reichen diese Merkmale zur Kennzeichnung einer Persönlichkeit von Strichern nicht aus (vgl. DEGEN 1995, S.38). Es mag sein, daß Prostitution zuerst der Befriedigung der eigenen Sexualität dient, durch die Abhängigkeit von Freiern, deren Geld und Wohnung wird die Prostitution später zum reinen Zwang. Meiner Ansicht nach sollten die
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Persönlichkeiten von »Sich-Prostituierenden« beiden Geschlechts immer im individuellen biographischen Kontext betrachtet werden.
Vor allem männliche Jugendliche werden durch die Prostitution im doppelten Sinne deklassiert. Nicht nur die Gesellschaft tabuisiert und diskriminiert ihr Verhalten, untereinander finden die gleichen Mechanismen statt. LANGHANKY beobachtete, daß, auch wenn die Jungen sich selber prostituieren, sie andere Jungen wegen deren homosexuellen Verhaltensweisen ausgrenzen (Fachtagung »Geschlecht unbekannt« 1997).
Der Wille zur materiellen und emotionalen Teilhabe führt die jungen Menschen nach LANGHANKY in die sexuelle Ausbeutung. Denn auf dem gesellschaftlich vorgeschriebenen Weg ist die Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum den Erwachsenen vorbehalten. Die Kinder gelangen durch die Ausübung der Sexualität scheinbar in die Erwachsenenwelt und an eine Identität mit den Merkmalen “Bewegungssouveränität, sexuelle Kontakte, Partnerschaften und Elternschaft, Konsum und öffentliche[r] Prominenz” (LANGHANKY 1993a, S.273). In dieser Argumentationslinie ist allerdings nicht berücksichtigt, daß viele der Kinder und Jugendlichen massive Gewalterfahrungen und Mißbrauch hinter sich haben (vgl Schlich 1994, S.72). Besonders Mädchen haben bisher oft die Erfahrung gemacht, für Zuneigung mit ihrem Körper bezahlen zu müssen. Sie haben »gelernt«, Sexualität funktionell einzusetzen. Prostitution erscheint ihnen wie ein Zugewinn an Selbstbestimmung, da sie hier für den Mißbrauch ihres Körpers zumindest Geld einfordern können (vgl. DJI 1995, S.34). Sie sind nicht mehr die ohnmächtigen Opfer, sondern fühlen sich als die machtvoll Agierenden. Durch diese Rationalisierung versuchen die Jungen und Mädchen, die eigene Würde nach Innen und nach Außen zu wahren.
Einerseits kann Prostitution als Versuch gewertet werden, frühkindliche Mißbrauchserfahrungen zu verarbeiten, andererseits bedeutet es ein kurzfristiges Interesse an ihrer Person. Kurzzeitig werden Bedürfnisse nach Anlehnung, Zärtlichkeit und Schutz von den Freiern befriedigt (vgl. PFENNIG 1996, S.17). Dies scheint eigentlich ein Widerspruch zur o.g. emotionalen Abschottung zu sein, macht aber deutlich, wie ambivalent und verwirrend die Situation ist, in der sich die jungen Menschen befinden.
Freier werden vor allem von männlichen Jugendlichen häufig als Vaterersatz gesehen und verharmlosend als »der nette Onkel« bezeichnet. Von Fachleuten werden diese Männer als Sozialfreier betitelt, da sie von sich das Selbstbild eines Sozialpädagogen haben, mit dem Auftrag, den Jungen zu helfen (Fachtagung »Geschlecht unbekannt« 1997).
Außerdem ist zu bedenken, daß der Status der Illegalität die Kinder und Jugendlichen zu illegalen Beschäftigungen zwingt. Es geht ihnen also nicht primär um eine Verbesserung ihrer Verhältnis-
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se, sondern sie haben keine anderen Handlungsalternativen als den Verkauf ihres Körpers. Kinderprostitution ist daher als eine
Überlebensstrategie
zu interpretieren und sollte nicht als Promiskuität vereinfacht werden. Ein Beispiel hierfür ist die Unterbringungsprostitution aus pragmatischen Gründen. Im Austausch gegen Sex erhalten die Kinder vom Freier eine Übernachtung-, Dusch-, Waschmöglichkeit, Essen oder »Stoff«. Dieses wechselseitige Leistungsverhältnis mag für die Kinder und Jugendlichen kurzzeitig positiv sein, ist jedoch klar als Ausbeutung der Abhängigkeiten zu sehen.
Es existieren in einigen Fällen Hinweise darauf, daß jüngere Kinder zur Herstellung von Kinder-pornographie weitergereicht werden. Kinder und Jugendliche verhalten sich oft sehr parteilich und schützend gegenüber den Freiern und Päderasten, da sie dort emotionale und teilweise kontinuierliche Bindungen aufgebaut haben. Sowohl diese Beziehungen als auch das materielle Interesse der Kids an diesen Beziehungen machen sie der Sozialarbeit nahezu unerreichbar (vgl. DJI 1995, S.33).
Die Kinder und Jugendlichen auf der Straße können aus der gesellschaftlichen Doppelmoral Profit schlagen. Einerseits tabuisiert die Gesellschaft Drogenhandel, Prostitution und Pornographie, andererseits sind dies florierende Geschäfte und es ist durchaus möglich, wenn auch teilweise illegal, die Nachfrage danach zu decken. So verdienen die »Straßenkinder« einerseits an der Tabuisierung dieser Themen, jedoch müssen sie dafür in anderer Form bezahlen: “Die gesellschaftliche Tabuisierung von Prostitution verstärkt die Abneigung, die viele Jugendliche beiderlei Geschlechts, die damit ihre Existenz sichern, sich selbst gegenüber empfinden und häufig mit Drogenkonsum verdrängen” (DJI 1995, S.130). Auch fällt es ihnen schwer, über diese Themen zu reden, und es für sich selbst aufzuarbeiten, da sie dadurch eine Stigmatisierung (oder zumindest ein anderes Ansehen) auch von der Seite der Sozialarbeit befürchten.
3.1.4 Delinquenz und Gewalt
“Sie [...] handeln aber auch mit gestohlenen Waren und Drogen, oder sie leben sogar von Prostitution, Diebstählen und Raubüberfällen” (Schneider 1994, S.146; Hervorhebung A.G.) etikettiert SCHNEIDER die Delinquenz der »Straßenkinder«. Meiner Ansicht nach sollten die Jugendlichen nicht so einfach »abgestempelt« werden, sondern es muß differenziert werden warum sie delinquent handeln.
Aus der Illegalität des Lebens auf der Straße (à S.16) folgt, daß es für Kinder und Jugendliche keine Chance gibt, legal ihr Geld zu verdienen und damit straffrei zu bleiben. Minderjährige können beispielsweise keine Sozialhilfe erhalten, um damit ihren Lebensunterhalt legal zu finanzieren. Eine »weiße Weste« kann ein Minderjähriger in diesem Milieu nicht behalten, er muß “zwangsläufig straffällig werden, denn er braucht ja Kleidung, Nahrung und Obdach”
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(DJI 1995, S.85). Die Kriminalität der Kinder und Jugendlichen besteht hauptsächlich aus Bagatelldelikten und Gelegenheitsstraftaten. Das kriminelle Verhalten dient meist nur der Befriedigung der Grundbedürfnisse, wie Essen, Trinken, Rauchen und Hotelzimmer. Von der Polizei werden die Kinder und Jugendlichen aufgrund dieser Situation, schneller in den Kreis der Tatverdächtigen aufgenommen und eine erhöhte Aufmerksamkeit wird den potentiellen Tätern gewidmet (vgl. DJI 1995, S.82, 89).
Eine andere Motivation ist das Bedürfnis nach Action und Abwechslung. Der Drang nach Erlebnissen wird durch kriminelles Risikoverhalten befriedigt. Die Delikte können als Mutproben, Selbstdarstellungsmöglichkeiten oder Geschicklichkeitswettbewerbe gedeutet werden. Es ist möglich, daß kleinere Delikte zu starker Sachbeschädigung oder Körperverletzung ausgeweitet werden, um den Nervenkitzel zu erhalten (vgl. PFENNIG 1996, S.17). Das Niedersächsische Landeskriminalamt ist der Ansicht, daß sich die Straftaten in Relation zur Vermißtenstatistik noch in Grenzen halten: “Betrachtet man die hohe Zahl der als vermißt Gemeldeten, so fällt auf, daß nur wenige davon - soweit polizeilich bekannt geworden - während ihrer Abwesenheit Straftaten begangen haben” (LKA Niedersachsen 1994, S.48).
Die Kinder und Jugendlichen erleben Gewalt in der Bahnhofsszene als normales und erfolgversprechendes Mittel der Konfliktlösung. Bei vielen (vorwiegend männlichen) Jugendlichen auf der Straße ist eine verminderte Hemmung zur Gewaltanwendung festzustellen (vgl. DEGEN 1995, S.33; ISA 1996, S.39). Nach MÜLLER dient Gewalt “als subjektive Verarbeitungsweise von Ohnmachtserfahrungen”, der “Herstellung des Gefühls der vermeintlichen Wiedergewinnung von Kontrolle” über eigene Lebenswege und Lebensplanung (Müller 1992, S.200, zit. nach DEGEN 1995, S.33). Eine differenziertere Diskussion des Gewaltbegriffes wäre hier möglich, soll aber nicht zum Schwerpunkt werden.
Das Gewaltpotential der Kinder und Jugendlichen auf der Straße ist aber auch im Kontext der allgemeinen Zunahme jugendlicher und gesamtgesellschaftlicher Gewalt zu sehen. So stieg 1996 im Vergleich zum Vorjahr die Jugendkriminalität - damit auch der wohnungslosen jungen Menschen - um 12,3 %. Die Gewaltverbrechen (insgesamt) stiegen um 5,5 % und die Anzahl der Opfer dieser Gewaltverbrechen um 10% an (vgl. Kriminalstatistik 1997).
Ohne soziale Bindungen und festen Wohnsitz wird von den Gerichten bei kriminell gewordenen Jugendlichen Fluchtgefahr angenommen. Haftbefehle werden für »Straßenkinder« schneller ausgestellt als für Jugendliche mit festem Wohnsitz. Als Begründung wird angegeben, daß davon auszugehen ist, daß es den Kindern viel leichter fällt die Stadt zu verlassen. Den von vornherein Benachteiligten wird also unterstellt, daß sie keine Bindungen haben, daher flüchten werden und in Untersuchungshaft gehören.
Arbeit zitieren:
Andreas Gleis, 1997, Straßenkarrieren junger Menschen - unter Berücksichtigung psychosozialer Bedingungsfaktoren ein Handlungsfeld professioneller Sozialarbeit, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
Strassenkinder in Deutschland - Begriffe, Ursachen und Lösungen
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Zwischenprüfungsarbeit, 36 Seiten
Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung
Referat (Ausarbeitung), 20 Seiten
Sozialpädagogik / Sozialarbeit: Straßenkarrieren junger Menschen - unter Berücksichtigung psychosozialer Bedingungsfaktoren ein Handlungsfeld professioneller Sozialarbeit ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
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