Senecas Spätwerk „Epistulae morales ad Lucilium“ (ca. 62-64 n. Chr.) vermittelt auf der Basis des Stoizismus in insgesamt 124 Briefen dem Adressaten wie auch dem anonymen Leser Ratschläge zur Vervollkommnung des sittlichen Lebens. Mittel für die Erlangung bzw. die Annäherung an das sog. beata vita, das glückliche Leben, ist hierbei die Philosophie, welche durch das Streben nach Weisheit, Harmonie wie Mäßigung dem Einzelnen als richtungsweisende Instanz dienen kann. Der 53. Brief im Mittelteil des Werkes bildet gemeinsam mit den Briefen 49 bis 57 einen Epistelzyklus. Äußerlich wird die Zusammengehörigkeit durch das Motiv der Süditalien-Reise, inhaltlich durch die Einbettung in den Themenkreis der kritischen Bewusstmachung markiert. 1 Leitgedanke ist erneut die Philosophie in ihrer Eigenschaft als Lebenshilfe, explizit als Heilmittel gegen Erkrankungen der Seele. Sie soll den Zugang zur bona mens, der „sittlich vollkommene(n) seelische(n) Verfassung“ 2 , ermöglichen, die dem Menschen nicht nur Aufwertung und Besserung beschert, sondern ihn den Wert seines Lebens aufgrund der Intensität nicht der Länge erkennen lässt.
Der Argumentationsgang Senecas innerhalb des Briefes folgt einer logischen Gliederung, die ausgerichtet auf den Leser, diesem das Nachvollziehen erleichtert, ihm Anreize gibt sowie die Möglichkeit zu weiterer Entwicklung offen lässt.
In Ganzen bietet es sich an, den Brief in zwei Teile (Abschnitt 1 - 6, Abschnitt 6 - 12) zu gliedern. Die erste Hälfte beschäftigt sich mit dem Konkreta, einem persönlichen Erlebnis des Autors. Trotz ungünstiger Bedingungen geht Seneca mit dem Aufbruch per Schiff über das offene Meer eine deutliche Risikosituation ein, potentielle Gefahren (“Himmel drückend von dunklen Wolken“ (...) „so ungewiss und bedrohlich die Wetterlage“ 3 ) sind ihm bewusst (53,1). Die eintretende Verschlechterung der Lage durch Wind und Wellengang sowie die Verweigerung der Kursänderung in Richtung Küste durch den Steuermann (53,2) veranlassen Seneca nach erheblichen Qualen (Seekrankheit) zum Sprung über Bord (53,3). Die Anstrengungen und „Irrfahrten“, die der Schwimmer bis ans Land hinter sich lassen muss, werden durch den Vergleich mit der Odysseus-Saga betont (53,4). Abschnitt 5 und 6 markieren bereits einen gewissen Wendepunkt, wenn Seneca nach seiner Regenerierung bzw. Erholung von den Strapazen (Ölung, Magenprobleme) zur Reflexion gelangt. Das rasche Verdrängen körperlicher Schwächen durch Vergessen bei einsetzender Besserung entspricht dem Verhalten jedes Menschen im Krankheitsfall. Trotz Schmerzen und Leiden wird bei Unklarheit die Konfrontation mit der Erkrankung vermieden (53,6), Gründe hierfür nennt Seneca allerdings nicht.
Der zweite Teil des Briefes beginnt im siebten Abschnitt mit einer Umkehrung des sechsten Punktes, indem die Problematik auf seelische Erkrankungen ausgeweitet wird (53,7), womit bereits auf die zentrale Thematik hingewiesen wird. Die Argumentationskette folgt einer Klimax, vom Bekannten, Alltäglichen (Krankheit) ausgehend, abstrahiert Seneca bis zur Aufstellung der finalen Sentenz kontinuierlich.
1 Vgl.: Maurach, S.169.
2 Seneca, epistula 53,9.
3 Seneca, epistula 53,1.
Je mehr sich folglich der Zustand einer Seelenkrankheit verschlechtert, desto weniger ist dies dem Betreffenden bewusst, er regiert nicht wie bei körperlichen Leiden mit Verdrängung, sondern spürt tatsächlich keinen Makel. Weiterhin setzt Seneca nun das Seelenleiden mit dem Begriff „Fehler“ in Verbindung. Die Beseitigung unserer Fehler bzw. das Eingestehen, die Akzeptanz benötigt als Voraussetzung die „seelische() Gesundheit“, 4 welcher allerdings nicht das Produkt eigenen Bestrebens und Wollens sein kann, sondern einzig durch die Philosophie als Mittel zur Kognition realisierbar ist (53,8). Anhand des erneuten Heranziehens des Beispiel eines Kranken bzw. seiner Mühen um Genesung, wird eine Übertragung des Problems aus der Welt des Alltäglichen in das sittlich Allgemeine angestrebt; die Befreiung von Sekundärem sowie die Konzentration auf das Wesentliche sind Voraussetzung der Genesung bei körperlichen wie auch seelischen Leiden (53,9). Die letzten drei Abschnitte (10 - 12) verlagern die Argumentation erneut auf eine weitere Ebene. Die Bedeutung der Philosophie per se rückt in den Vordergrund, ihre Funktion als Spenderin von Zeit, illustrativ erläutert durch das Beispiel der Schenkungen Alexander des Großen (53,10), nutzt Seneca, um explizit seinen Aufruf zu formulieren (53,11). Allein die Konzentration auf die Philosophie birgt die Möglichkeit, die Lebenszeit ergiebig zu nutzen, der Qualitätsfaktor wird dem der Quantität vorgezogen, Furchtlosigkeit und Erfüllung führen zu einer erhöhten Stellung. Jene positiven Aussichten krönen schließlich im letzten Abschnitt, welcher, fungierend als Zusammenfassung und Schlusswort, dem Philosoph eine menschlich-göttliche Zwischenstellung zugesteht und die Schicksalsmacht, als nie erfassbare Komponente, gegenüber der Philosophie entkräftet, auf eine allgemeinere Ebene transferiert werden.
Um den komplexen Gehalt des Briefes strukturiert und verständlich erfassen zu können, stellt sich die Frage nach dem Kernpunkt Senecas Erörterung, die Philosophie als Lebenshilfe und Richtschnur in jeglicher Hinsicht.
Zunächst wird mit dem Problem der Erkrankung der Seele die Voraussetzung für die Argumentationskette gesetzt; Abhilfe schafft die Philosophie. Doch was exakt unter den Begriff der „seelischen Erkrankung“ fällt, lässt Seneca offen. Ein Vergleich mit der Intensität von Schlaf und Träumen bietet zwar Anreize, aber verweilt dennoch im Vagen. Weder der leichte noch der ganz tiefe Schlaf sind ratsam, ersterer aufgrund der Täuschung, man schlafe tatsächlich, letzterer, da das Bewusstsein völlig verloren geht. Betrachtet man allerdings die weitere Erörterung, so wird deutlich, das der Schlaf-Traum-Topos sinnbildlich für das „Wachsein“, für Präsenz und Aktivität im eigentlichen Leben steht 5 . Klarheit, Erwachen des Bewusstseins sind vonnöten, um reflektieren zu können über das äußere Geschehen und eigenes Handeln. Als Beispiel hierfür nennt Seneca das Eingestehen von Fehlern. Dieses setzt voraus, dass der Betreffende jenen erkannt (cognitio), darüber nachgedacht (reflectio ) hat, um ihn schließlich auf gewisse Weise zu kategorisieren und ihn als
4 Seneca, epistula 53,8.
5 Der Schlaf- bzw. Traumtopos ist auch in späteren Epochen gebräuchlich. So wird etwa in der Aufklärung im
Rückblick auf die vorangegangene Zeit vom „Schlaf der Vernunft“ gesprochen. So liegt auch die Anspielung auf
die ratio als Ergänzung zur Bewusstseinsklärung bei Seneca durchaus im Bereich des Möglichen.
Arbeit zitieren:
Julia Ilgner, 2003, Die Aufgabe und Möglichkeit der Philosophie als Lebensform (Seneca, Epistulae morales, Epist. 53), München, GRIN Verlag GmbH
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